Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 281 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711903--3536-2716923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kr. 281 Seit« $ aalen Arbeitsamt einberufenen Konferenz zur Behandlung der Frage der Vierzigstunden-Arbeitswoche dahin zu wirken, daß für den Fall, daß die 40 Arbeitsstunden der Woche nicht auf fünf, sondern auf sechs Tage verteilt werden sollten, dem zu erwartenden diesbezüglichen internationalen Abkommen eine Klausel angefügt werde, wonach es den jüdischen Arbeitern freigestelltwerdensoll, an Sabbattagen der Arbeitfernzubleiben und die an diesem Tage versäumten Arbeitsstunden in den anderen fünf Arbeitstagen der Woche nachzuholen. Die Antwort des Arbeitsministeriums lautete dahin, daß der Vertreter der englischen Regierung auf der Konferenz die jüdische An« icht vertreten wird. Kampagne der französischen antisemitischen Presse gegen Leon Meyer Die in Paris erscheinende jiddische Tageszeitung „Tog" befaßt sich mit der Kampagne antisemitischer Zeitungen vom Schlage „Action Francaise" gegen den französischen Marineminister L e o n Meyer, dem diese Zeitungen die Schuld an der Brandkatastrophe des Riesen-Luxusdampfers „Atlant i q u e" zuschreiben und dabei auf sein Judentum anspielen. Diese Blätter, schreibt „Tog", haben zwar schon führenden Politikern der Linken, wie etwa dem Führer der französischen S ozialisten Leon Blum, ihre jüdische Abstammung vorgeworfen, nie aber wagten sie sich an hohe Regierungsbeamte heran, um ihnen wegen ihrer jüdischen Abstammung die Eignung zur Bekleidung ihrer Aemter abzusprechen. Im Falle Leon Meyer ist es das erste Mal, daß antisemitische Zeitungen einem Minister eine schwere Schuld aufbürden wollen, nur weil er Jude ist; dies obwohl die „Atlantique"-Katastrophe wenige Tage nach der Berufung Meyers auf den Posten des Marineministers erfolgt ist und der neue Minister noch gar keine Zeit gehabt hat, solche Reformen im Seeverkehr einzuführen, die Katastrophen verhüten können. Die antisemitischen Zeitungen schreiben, es sei eine Gefahr für das Land, daß ein Jude eine so hohe Position einnimmt; sie fordern ferner, daß zwei Mitglieder der Kommission zur Untersuchung der Ursachen der „Atlantique"-Katastrophe aus der Kommission zurückgezogen werden, weil sie Juden sind.* Leon Meyer, fährt der „Tog" fort, hat zwar wenig mit Juden zu tun, aber den Antisemiten genügt es, daß er als Jude geboren ist, um ihn in Legenden zu verstricken. Sie erzählen, es hätten sich „verdächtige Personen" auf der „Atiantique" während der Katastrophe aufgehalten, wofür der jüdische Marineminister und seine Glaubensgenossen verantwortlich wären. Banditenterror gegen die jüdische Gemeinde Gharbin Charbin, 15. Jänner (J. T. A.). Wie sich jetzt erweist, handelte es sich bei dem Bombenwurf gegen, das Haus des Präsidenten der jüdischen Gemeinde von Charbin, Ravikovitsch, der die Front des Hauses zerstörte, um einen Streich russischer Banditen, die die Gemeinde zwingen wollen, ein hohes Lösegeld für die Freilassung des Gemeindemitgliedes Scher il, der am letzten Jom Kippur beim Ver» lassen der Synagoge entführt worden war, zu zahlen. Die Banditen,- die früher 100.000 Dollar Lösegeld forderten, erklären jetzt, sich mit 20.000 Dollar begnügen zu wollen. Der Führer der Charbiner Zionisten Dr. Kaufmann, Redakteur der Wochenschrift „Jewrejskaja Schisn", er-? hielt Briefe der Banditen, die ihm mit dem Tode drohen, falls das Lösegeld für Scheril nicht erlegt wird. Der Vorsitzende einer jüdischen Kollektivkolonie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt Aus Moskau wird berichtet: Der Vorsitzende der jüdischen . Kollektivkolonie „Roter Stern" im Rayon Ka 1j n in d o r f, A. Heissinski, wurde unter der Beschuldigung des Amtsmißbrauchs, durch den die Ablieferung des Getreides durch die Kolonie nicht ausgeführt wurde, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. - Die jiddische kommunistische Presse klagt, daß die: jüdischen Kolonien in der Ukraine mit Ausnahme derjenigen im Rayon Neu-Zlatopol mit der Ablieferung1 der Getreidequoten an den Staat im Rückstände'; sind, und stellt fest, daß die jüdischen Kolonien in der -ICrim ihre Getreidequoten bis zu 100o/0 und niehr abgeliefert und damit das Recht erlangt haben, ihre rest-. liehen Produkte, auf freiem Markt zu verkaufen. ' Eihe Reihe anderer Beamter jüdischer Kollektivkolonien wurde aus der Kommunistischen Parteiausgeschlossen und dem Gericht zur Aburteilung Übergeben, weil die ihnen unterstellten Kolonien mit der Ablieferung der Getreidequoten im Rückstände geblieben . sind.: * Die jiddisch-kommunistische Presse behauptet, daß sämtliche jüdischen Kolonien bei guter Führung in der Lage gewesen wären, ihre Quoten zu erfüllen, Beginn der Paßaktion in der Sowjetunion — Zehn« taugenden Juden droht Ausweisung aus Moskau,; Leningrad und Charkow Aus Moskau wird berichtet: Am 20. Jänner begawj dje Ausgabe von Pässen für die Einwohnerschaft der drei größten Städte der Sowjetunion: Mogkau, Leningrad und Charkow. In einer Zone von 100 Kilometern um Moskau und Leningrad und 50 Kilometern um Charkow muß jede über 16 Jahre alte Person bis spätestens 16. April d. J. im Besitz eines Passes sein. Außer den Büros der großen Fabriken wurden in Moskau 400 spezielle Büros zur Prüfung der Dokumente der um Pässe Ansuchenden eingerichtet. Zum Erhalt eines Passes ist unter anderem die Vorlage eines Zeugnisses des Unternehmens, in dem der Paßanwärter beschäftigt ist, notwendig; „unerwünschte Elemente" werden keine Pässe erhalten und gezwungen werden, binnen zehn Tagen ihren Aufenthalt auf Orte außerhalb der genannten Zonen zu verlegen. Man nimmt allgemein an, daß mehrere hunderttausende Einwohner Moskaus, Leningrads und Charkows als „gewesene Kulaken", „verdächtige Elemente", „H ä n d 1 e r" und „Lischenzes" diese Städte werden verlassen müssen, auch wenn sie bei ihren Kindern leben, die in die Arbeitsfront bereits eingereiht sind. Man befürchtet, daß jüdische Einwohner, als frühere Händler und Lischenzes, zu Zehntausenden die genannten drei Städte werden verlassen müssen. In den Kreisen dieser Großstadteinwohner herrschen Sorge und Verzweiflung. 400 jüdische Handwerkerfamilien in Danzig in ihrer Existenz bedroht. Mehr als 400 im Territorium des Freistaates Danzig ansässige Handwerkerfamilien aus Polen mit über 2000 Seelen, in der Mehrzahl Juden, sind dadurch in eine verzweifelte Lage geraten, daß das Danziger Polizeipräsidium eine Bestimmung getroffen hat, daß nur solche Handwerker ein Recht haben, ihr Gewerbe auszuüben, die bis zum Jahre 1926 ihre Handwerkerpatente bekommen haben. Das Polizeipräsidium beruft sich darauf, daß 1926 das Patentgesetz in Polen in Geltung gekommen ist, und zieht nicht in Betracht, daß die betroffenen Handwerker erst nach dem Jahre 1926 sich in Danzig angesiedelt haben. Auf eine Eingabe der in ihrer Existenz bedrohten 400 Handwerker befaßt sich das Danziger Verwaltungsgericht gegenwärtig mit dem Fall. Vom jüdischen Weltkongreß Vorbereitungsarbeit in Deutschland Dr. Nahum Goldmann, Leiter des von der Genfer jüdischen Weltkonferenz in Berlin geschaffenen Büros zur Vorbereitung des für das Jahr 1934 einzuberufenden Jüdischen Weltkongresses, und Direktor Georg Kareski, Mitglied der von der Genfer Konferenz gewählten Exekutive, haben einen kleinen Kreis jüdischer Persönlichkeiten Berlins in die Räume der Synagoge Fasanenstraße zu einer internen Besprechung geladen, die den Fragen des Jüdischen Weltkongresses und der Gründung eines Deutschen Landeskomitees zur Vorbereitung des Weltkongresses dienen sollte. Von den erschienenen Persönlichkeiten von denen keine eine bestimmte Institution oder Gruppe vertrat, sind zu nennen: die Rabbiner Dr. Frei-' mann und Dr. Emil Levy, R.-A. Dr. Alfred Klee, R.-A. Dr. Kollenscher, Prof. Heinrich Löwe, Dr. A. Sandler, Dr. Friedrich Ollendorf, Dozent Dr. Torzyner, die Repräsentanten Moses Waldmann und Moses Goldmann, Doktor Julius Brutzkus, Dr. Leszynski, S. Cohen, Dr. Elbogen, Dr. Altschul, Dr. Taubes, Frau Else Nathan und mehrere andere Vertreter der jüdischen Intelligenz. Nach einführenden Worten von Direktor Georg Kareski gab Dr. Nahum Goldmann Aufschluß über den Stand der Kongreßbewegung in allen Ländern. Der Kongreß, der ungefähr alle fünf Jahre zusammentreten soll, wird die große jüdische Tribüne sein, die legitimiert ist im Namen des Judentums zu sprechen. Neben dem Zionistenkongreß, der die jüdische Palästina-Idee vor dem Judentum und der Welt vertritt, soll der Jüdische Weltkongreß die Galuth-Politik deß Judentums vertreten. Dr. Goldmann streifte beiläufig Ziele und Arbeitsgebiet des Kongresses, machte seine Zuhörer mit den Problemen bekannt, die in jedem einzelnen Lande bestehen, und charakterisierte die Kreise und Schichten des Judentums, die in den Kongreß gehen wollen, und jene, die ihm heute noch fern bleiben. Am einschneidendsten ist die ideologische Differenzierung in Deutschland, wo man vorläufig nicht damit rechnen kann, die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung für den Kongreß zu gewinnen. In vielen anderen Ländern liegt das Problem einfacher. Dr. Goldmann gaD <Jer Hoffnung Ausdruck, daß man mit der Kraft der Masse allmählich auch den Widerstand der heutigen Kongreßgegner besiegen werde. Am 19. und 20. Februar d. J. tritt die von der Genfer Weltkonferenz gewählte Exekutive in Berlin zusammen, im Sommer d. J. wird eine Konferenz aller Landeskomitees stattfinden. Zu erwarten sei, daß eine Million Juden als Wähler zum Kongreß registriert werden würden. (Der Zionistenkongreß bringt in der Regel 250.000 bis 400.000 Wähler an die Urne.) Nach einer regen Aussprache wurden Georg Kareski und Nahum Goldmann beauftragt, die Vorbereitungen zur Gründung eines Deutschen Landeskomitees für den Kongreß zu treffen. In Polen Dr. Nahum Goldmann aus Berlin, der Leiter des von, der Genfer jüdischen Weltkonferenz eingesetzten Büros zur Vorbereitung des Jüdischen Weltkongresses, weilte dieser Tage in Warschau. Dr. Goldmann hatte Besprechungen mit zionistischen Führern aller Richtungen, insbesondere mit den Mitgliedern des Vereinigten Zionistischen Komitees, das die Zionistische Organisation Kongreßpolens, West- und Ostgaliziens repräsentiert. Es wurde beschlossen, die Frage der Schaffung einer polnischen Landesorganisation zur Vorbereitung des Jüdischen Weltkongresses* in der im Februar d. J. stattfindenden Session des Zionistischen Parteirates zur Behandlung zu stellen, Eine scharfe Polemik Kampf zwischen allgemeinen Zionisten in Palästina (Bericht der „Neuen Welt".) Unter den allgemeinen Zionisten Palästinas ist ein Pressekampf ausgebrochen, der in vieler Hinsicht lehrreich ist. Schon vor vielen Jahren wurde in Palästina ein „Klub der allgemeinen Zionisten" gegründet. Er ist bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgetreten, oft nur mit kleinem Erfolge.. In der letzten Zeit entwickelt der Klub eine regere Tätigkeit, er gibt sogar eine eigene Wochenschrift „Haklali Hazioni" heraus. An der Spitze des Klubs steht jetzt Herr Jehoschua Supraßky. Der Klub und seine Tätigkeit finden kein Wohlgefallen in den Augen jenes Teiles der allgemeinen Zionisten, der sich um die Tageszeitung „Haarez" schart. „Haarez" ist ein den „Linken" und dem früheren Präsidenten Professor Weizmann sehr ergebenes Organ und leistet diesen Kreisen sehr wertvolle Dienste, so zum Beispiel in ihrem Kampf gegen den Revisionismus. Nun ist es zwischen diesen beiden Gruppen zum offenen Kampfe gekommen. In einer der letzten Nummern des „Haarez" veröffentlichte ein Herr B a 1 d e r einen Artikel, in welchem er die Gruppe Supraßky angreift, und zwar wegen ihrer Stellung zur Frage der Mittelstandskolonisation, die er arbeiterfeindlich nennt. Darauf erwiderte Herr Supraßky in einem längeren Artikel in „Haklali Hazioni", dem wir folgende aufschlußreiche Stellen entnehmen: „Man wirft mir vor, daß ich mich anläßlich der Verteilung der letzten 4200 Einwanderungszertifikate energisch für die Erteilung von 1000 Zertifikaten an Handwerker mit mindestens 150 Pfund Eigenkapital eingesetzt habe. Dies bedeutet 24 Prozent aller Zertifikate für Juden, die Familien haben und Erfahrung in irgend einem Fache besitzen. Dies bedeutet 24 Prozent für die Millionen von Juden, die keine Chaluz-Ausbildung haben. Das nennt Herr Balder: Kampf gegen die Arbeiterschaft. Gehören denn diese Juden nicht zur Kategorie jüdischer Arbeiter? Ist ihre Vorbildung weniger wert als die der Arbeiter-Chaluzim? Es ist richtig, daß diese arbeitenden Juden ihre Erziehung nicht in den klassenkämpferischen Schulen des „Haschomer Hazair" und der „Poale Zion" genossen haben, das ist ja die Erziehung, auf die der „allgemeine Zionist", Herr Balder, anscheinend so stolz ist!" „Aber mir sind solche Juden lieber als jene, die ihre ganz verfehlte Erziehung zum Klassenhaß in den linken Organisationen bekommen haben. Wir wissen, daß ein wesentlicher Teil ihrer Erziehung darin besteht, daß sie schon auf dem Wege nach Erez Israel mit ihrem Kampfe gegen uns, gegen^ die „Bürgerlichen", gegen Kaufleute und Handwerker, beginnen. Dazu sei noch folgendes bemerkt: Hätte ich nicht für die Erteilung von Einreisebewilligungen für Mittelständler gekämpft, wäre derselbe Herr Balder nie mit einem Zertifikat der Zionistischen Organisation nach Palästina gekommen!" „Wissen denn die Herren nicht, mit welchen Mitteln die Chaluzorganisationen in Polen" und Rumänien darum kämpfen, jeden Andersgesinnten von der Einwanderung auszuschließen? Ich werde diesem System niemals zustimmen. Die Allgemeinen Zionisten werden vielleicht zu spät erfahren, in welchen ' Kreisen sie ihre wirklichen Freunde zu suchen haben. Denn heute sind sie nur Handlanger der klassenkämpferischen Histadruth. Wir aber dürfen und wollen keine willenlosen Agenten der Linken sein." Die jüdische Wanderung von Polen nach Palästina Wie das Warschauer Palästina-Amt mitteilt, sind im Verlaufe des Jahres 1932 3 7 21 Juden aus Polen nach Palästina eingewandert. Im Jahre 1931 betrug die Zahl dieser Wanderer 1039. Die Zahl der polnischen Palästina-Wanderer hat sich also im Verlauf eines Jahres verdreifacht. Wochen-Kalender Jänn.- Febr. 1933 Baw-natt rinn Tebeth 5693 27 Freitag 29-t» Sabbateingang 4.45 28 Samstag Sabbatausgang 5 35 was anawi niacn .«nn wmi rav kiki ■ 29 Sonntag 2-3 30 Montag 3-a : 31 Dienstag 4-i 1 Mittwoch 5-n 2 Donnerstag 8-i ... :;