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Die neue Welt · 1933-01-20 · Heft 280 (20.1.1933) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 280 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 280 -iC m DIE NEUE WELT Settel \ Die rote Inquisition Worüber die rfreunde der Sowjetunion0 schweigen, nicht reden In allen großen Städten Europas bestehen „Gesellschaften für die Förderung freundschaftlicher Beziehungen zu Sowjetrußland". In der Leitung dieser Gesellschaften prangen Namen aus der Literatur und Wissenschaft. So in Berlin Professor Albert Bin stein. Wenn in Rumänien, Polen, Jugoslawien oder anderswo kommunistische Agitatoren eingesperrt, miß* handelt, hart verurteilt werden; oder wenn Sowjetrußland von einer kriegerischen Verwicklung bedroht wird, treten diese Gesellschaften in Aktion. tDann werden, Protest- Telegramme und Aufrufe voll flammender Anklage in alle Welt gesendet, mit einigen Dutzend Unterschriften literarischer und gesellschaftlicher Tagesgrößen. (Die Bemerkung, daß unter hundert Unterschriften neunzig jüdische sind, ist eigentlich schon Uberflüssig.) Natürlich verwahren sich die Herren gegen die Zumutung, daß sie selbst Bolschewiken seien. Sic schicken sogar jeder ihrer Auslassungen die Erklärung voraus, daß sie keine sind: Nur ihre Friedensliebe und Menschlichkeit, nur ihr Bedürfnis, der Welt den Frieden zu bewahren und die menschliche Kreatur vor Qualen zu schützen, veranlaßt sie, die Stimme für Sowjetrußland zu erheben. Die Herren haben merkwürdig gebaute Augen und Ohren. Sie sehen den kriegslüsternen Militarismus der Gegner Moskaus und verurteilen ihn. Sie sind ja Pazifisten. Aber die rote russische Armee sehen sie nicht. Sie hören den Hilferuf verfolgter Kommunisten, aber das Schreien hunderttausender Märtyrer in Bußland hören sie nicht. Sie, die Männer mit den zarten Herzen, gehen kalt und schweigsam an der Tatsache vorüber, daß in Bußland eine Inquisition eingerichtet wurde, die an Grausamkeit und Perfidle der kirchlichen von vordem nicht nachsteht. So darf beispielsweise das von ihnen so sorgsam gehütete Moskau jüdische Menschen schinden, um ihnen und ihren Verwandten im Ausland Geld abzupressen, ohne daß einer dieser jüdischen „Freunde" dazu zu bewegen ist, seine Stimme gegen diese Schande zu erheben. * Wieder ertönt eine erschütternde Anklage. Sie wird von einer Seite erhoben, die über den Verdacht „weißrussischer" Tendenz erhaben ist. Die Auslandsdelegation der Partei der Zionisten- Sozialisten Bußlands veröffentlicht eine Mitteilung über Erneuerung der sogenannten Valuta-Inquisition in den Städten und Dörfern der Sowjetunion. Es wird u. a, der Bericht eines russischen Juden veröffentlicht, der von der Delegation als eine in jeder Beziehung zuverlässige Persönlichkeit bezeichnet wird. Diese Persönlichkeit gibt die folgende Schilderung eines selbsterlebten viermonatigen Martyriums: „Eines Nachts wurde ich durch Pochen an meine Tür geweckt. Da ich mir nie etwas Ungesetzliches habe zuschulden kommen lassen, fühlte ich mich völlig sicher und nahm an daß das Klopfen von einem Nachbarn herrühre. Als ich öffnete, sah ich mich Polizisten gegenüber, die mir befahlen, ihnen zu folgen. Ich wurde zur Polizeiwache gebracht, wo sich bereits mehrere unter ähnlichen Umständen Verhaftete befanden. Wir wurden ins Gefängnis gebracht, mehr als 5 0 von uns wurden in eine einzige Zelle hineingepfercht. Ein Beamter der G.P.U. (Politische Polizei) „verwarnte" mich und sagte mir, die G. P. U.: wisse alles Uber mich, insbesondere, daß ich ausländische Noten gekauft habe. Ich solle sofort das Geld aushändigen, sonst würde ich das Gefängnis nicht lebend verlassen. Sollte ich die ausländischen Noten wieder verkauft haben, so solle ich den Käufer nennen, um mich und meine Familie zu retten. Wer von den Gefangenen der G. P. U. das Versprechen gibt, seinen ganzen Besitz der G. P. U. zu übergeben, wird vor den Staatsanwalt gebracht. Alle anderen bleiben im Gefängnis. Die Zelle, in der wir zusammengepfercht saßen, hatte weder Tische noch Stühle. Die Gefangenen hockten auf dem Boden, immer einer zwischen den Beinen seines Hintermannes eingeklemmt. Wurde ein neuer Häftling in den Baum gebracht, wo kein Platz mehr war, so wurde er von den Auf Sichtsbeamten und seinen Gehilfen wie ein Ball hin und her geschleudert, bis er bewußtlos, oft mit Knochenbrüchen, liegen blieb. In der Zelle gab es weder eine Beleuchtung snoch eine Heizanlage. Oft ertönte mitten in der Nacht die. Stimme eines Beamten, der dauernd die Worte wiederholte: „Wenn ihr euch weigert, der G. P. U. euer Gold auszuliefern, werdet ihr diesen Ort nicht lebend verlassen!" Nicht selten trat der Staatsanwalt selbst in die Zölle und" richtete an die Gefangenen die gleichen Worte. Diese Häftlinge waren nicht etwa nur frühere Kaufleüte, sondern auch Mediziner, Ingenieure, Angestellte öffentlicher Institutionen usw., einige waren Arbeiter. Sämtliche Verhöre wurden nachts geführt, die Gefangenen Wurden so lange einem Kreuzverhör unterzogen, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Verharrte ein Gefangener in Schwelgen, so befahl der Staatsanwalt, dafi Ihm 50 Haare ausgerissen werden, zuweilen wurden zwei Gefangene Gesicht zu Gesicht ABelnandergebunden, wo dann ihnen befohlen wurde, auf einander zu spucke n. ImSommer wurden die Häftlinge, Jeder In zwei schwere Mäntel gesteckt, dazu tn zwei dicke Pferdedecken eingewickelt und gezwungen, In dieser Vermummung mit einem Besen In der Hand, oft 86 Stunden hintereinander, stramm fcu stehen. Im Winter wurde diese Prozedur wiederholt, aber dann mußten die Gefangenen in dünnen Unterkleidern in einem ungeheizten Kaum, dessen Fenster zerbrochen waren und kalte Luft einließen, stramm stehen. Zuweilen wurden 100 Gefangene in einen Raum gesteckt, der kaum 40 Personen fassen kann, so daß man Kopf an Kopf zusammengedrängt stand. Im Sommer herrschte eine unerträgliche Hitze, die Häftlinge schrien fortwährend nach Luft, mehrere von ihnen wurden ohnmächtig. Infolge dieser Behandlung sind viele der Häftlinge irrsinnig geworden. Am 29. Tage meiner Haft wurde ich z u m e r s t e nm a 1 aus der Zelle gebracht. Ich und die mit mir Ins Freie traten, wurden von dem ungewohnten Licht so geblendet, daß wir hinfielen. Man ließ uns mehrere Stunden liegen, dann brachte man uns in die Zelle zurück. Kurz darauf erschien der Staatsanwalt und wiederholte seine Forderung, ihm die in unserem Besitz befindlichen ausländischen Noten auszuhändigen. Nach sechsmonatiger Haft wurde ioh freigelassen, da sich die G. P. U. davon überzeugt hatte, daß ich wirklich keine Valuta besitze. Bevor ich aber endgültig aus der Haft entlassen wurde, wurde ich gezwungen,, zu meinen früheren Zellengenossen zu treten und ihnen zu sagen, daß ich der Aufforderung der G. P. U. entsprochen und ihr all mein Geld Ubergeben habe, und daß ich meinen Zellengenossen rate, das gleiche zu tun, damit auch sie ihre Freiheit erlangen. All dies geschah in einer der größten Städte Bußlands, gleichsam unter den Augen der Zentralbehörden. In den kleineren Städten und Dörfern liegen die Dinge in dieser Beziehung noch viel schlimmer." * Soweit der Bericht des Auslandskomitees der Zionisten-Sozialisten Bußlands. Das aus Chaim Nachman Bialik, I. L. Goldberg und Ben Zion Katz zusammengesetzte Komitee zur Aufklärung der Oeffentlichkelt über die Valuta-Inquisition in Rußland veröffentlicht neue Dokumente Uber die Leiden der der Valuta-Inquisition Unterworfenen in einer der größten Städte der Ukraine. U. a. wird ein mit einem aus Rußland in Palästina eingetroffenen Juden aufgenommenes Protokoll veröffentlicht, in dem das Verfahren der G. P. U. gegen Personen, die des Valuta-Besitzes verdächtig sind, in der gleichen Weise geschildert wird wie das in der Erklärung der Zionisten- Sozialisten erwähnte., Dieser Jude, der die Zeit vom 20. August bis 7. Oktober 1932 in der „Valuta-Haft" zugebracht hat, versichert, daß unter den wegen angeblichen Valuten-Besitzes Verhaften e t w ä 9 0 Prozent Juden sind. Von Esriel CarBebadi Aus „Sowjet-Judäa". Die „Neue Welt" hat von dem jüdischkommunistischen Mordattentat auf den Redakteur Esriel^C a r 1 e b a c Ii in Hamburg berichtet. Vom ' Krankenlager aus hat der Schwerverwtindcte den Auftrag gegeben, die Artikelserie „Sowjet-Judäa", um derentwillen der Mordanschlag erfolgte, unbeirrt in seinem Blatte fortzusetzen. Nachstehend eine Probe aus dem zuletzt erschienenen Artikel. Wenn ich geschildert habe, wie in einer einzelnen jüdischen Kolonie die Siedler nicht füreinander bürgen und nicht füreinander sorgen wollen, so ist damit etwas von lokaler und temporärer Bedeutung ausgesagt. Wenn ich aber daran gehe, die Geschichte der Jewzekzia (der jüdischen Sektion der kommunistischen Partei) wiederzugeben und zu schildern, wie sie Sonderbelange der Juden zuerst anerkannt und schließlich ganz geleugnet hat, so ist damit ein Bericht von Bedeutung für die Stellung der gesamten Judenheit innerhalb einer kommunistischen Welt geliefert. Man hat uns in der Geschichte schon mit tausend Argumenten angeklagt und mit tausend verteidigt. Man hat uns ein Mittlervolk genannt oder Schacherer, Kulturträger oder weichliche Pazifisten, religiöse Gemeinschaft mit hohen Idealen oder durch Zeremonien zusammengehaltenen Geheimbund. Aber man hat uns noch niemals •— Menschen genannt, einfach Menschen, bestehend aus zwei Händen und einem Magen. Dies aber geschieht in Rußland. Es ist wahrscheinlich, vom Gesichtswinkel der jüdichen Geschichte her gesehen, das wichtigste^ Ereignis seit Jahrhunderten. Es ist sicherlich eine der wesentlichsten Aueinandersetzungen, die wir, nach jener mit dem Christentum und jener mit dem Mohammedanismus, zu bestehen haben. Zunächst sei die Rede von der Situation, in die das Judentum dort in Rußland geraten ist. Jene eigentümliche Situation, in der Judentum nicht mehr als ein Ding für sich sui generis betrachtet wird, jener Zustand, in dem der Antisemitismus aufhört und die ~~ Synagogen. Dann erst haben wir zu sehen, wie dieser, in der neuen Generation heranwachsende junge Jude., der keine spezifischen Merkmalt jüdischen Schicksals mehr trägt, den neuen Glauben annimmt, den Glauben an Christus Lenin, an die Kirche Arbeiter-Klubhaus an das Evangelium Marse und an den Judas — Trotxki. '; 1 ■ ■ mm »DAHEIM« SEMMERINO Wolfsbergkogel, Tel. 82, Auskunft Wien Tel. R-13-0-21 Neue Leitung: Dir. IRWIN GUNST Erstkl. Küche Täglich 5 Uhr The Dansant Abendkonzert PENSIÖN S 10.— aufwärts W/M Später können wir dann versuchen, darzustellen, welche Zukunftsaussichten das durch diesen Schmelzofen getriebene Judentum noch hat, ob es als Judentum weiter bestehen oder als ein Mischling existieren oder ganz und gar vergehen wird. * . Da es keine Ukrainer mehr gibt, die ihren Besitz schützen mußten, und keine Russen, die sich für bestimmte Wirtschaftsfunktionen Diener halten brauchen, gibt es auch keine* Eingrenzung der Juden mehr. Und da jeder Versuch, die Juden einzugrenzen, Herstellung des alten und Zerstörung des neuen Zustands wäre, Hochverrat, Vernichtung der Revolution — so steht auf Antisemitismus — — Todesstrafe. Das geschieht zum ersten Male in der Geschichte. Zum ersten Male hat ein Staat nicht ein platonisches oder opportunistisches, sondern ein vitales, ein Lebensinteresse daran, die Juden nicht einzugrenzen, durch nichts eingegrenzt zu wissen. Zum ersten Male ist aktiver Judenhaß nicht „unvornehm" oder dumm oder „Privatsache", sondern — Verbrechen. Noch einmal: Es steht auf ihn, wie Stalin sagt, die Todesstrafe. Ich bin in Gebieten gereist, die früher Juden nicht betreten durften, wie ja die meisten Gebiete des russischen Reiches. Ich habe dort Juden im tiefsten Elend und schrecklichen Hunger getroffen. Aber wenn ich fragte, wie es ihnen geht, dann sagten sie zunächst: „Gut. Glänzend. Was für eine Frage! Ich, ich ein Jude aus Minsk, stehe hier in Yalta, wo früher der Zar im Sommer gewohnt hat. Ich stehe hier mit meinem Bart neben dir auf der Straße und rede mit dir jiddisch, und da drüben steht ein Polizist und sieht uns und — er nimmt mich nicht fest, er arretiert mich nicht." Das soll natürlich nicht heißen, daß es keine Antisemiten mehr gibt. Für den Juden braucht es solchen Zustand nicht, damit er sich in einer Märchenwelt fühlt Für ihn ist es schon märchenhaft genug, wenn es in Rußland einfach schlicht verboten ist, ihn totzuschlagen. Ich ging in Kiew eine bergige Gasse hinauf, neben mir zwei alte gebückte Juden. Sie keuchten so schwer, machten so leidvolle Gesichter dazu, daß sie wirkten wie eines der vielen Genrebilder „Heimatlos", „Vertrieben" oder „Auf der Flucht". Ihre Stöcke tickten dazu schamhaft aufs Pflaster. Wir gingen und sprachen, in jenem seltsamen Singsang, der zu solchen Gesichtern gehört, verhalten, mit vielem Aechzen, andeutungsreichem Schweigen, da kam,'- die Gasse hinunter, ein junger Mensch, ein Ukrainer,' Bauerntyp. Er ließ die Hände schlenkern, wie man es tut, wenn das Körpergewicht einen den Berg hinunterzieht, und als er dicht bei uns war, fand er, die Hände seien so schön im Schwung, daß es schade wäre, meinen Nachbarn nicht mit ihnen ins Gesicht zu schlagen. Dazu sagte er, nachdrücklich und hohnvoll: Z s c h i d. Zschid ist ein von der Regierung verbotene* Schimpfwort und bedeutet etwa soviel wie Saujud. In den russischen Hotels sitzen jetzt, vom „Intourist" hingebracht, zu 80 Prozent Amerikaner, die hier ihre Verwandten besuchen. Es sind fast alles Juden, aber sie reden unterem^ ander englisch oder, wenn sie es noch können, russisch, sie haben ihre Vornamen von Isaac in I. gekürzt und von Moses in Max. Wenn der Portier sie fragt, wohin sie gehen wollen, wie sie sich gerade anschicken,' einen Verwandten zu besuchen, wenn im Fremdenauto der Führer auf die ehemalige Synagoge zeigt, wenn die Hotelr kapeile eine Melodie aus dem alten Ghetto paraphrasiert, wenn ein Mann im langen Bart am Gartenrestaurant vorbeigeht — immer werden sie rot und gucken weg. Wenn die einzige Engländerin in der Gruppe sich' für die sonderbare Zeitung mit eckigen, hebräischen Lettern interessiert, — sie, die Juden, schielen nach gegenüber und kauen verlegen betont Gummi. Denn sie wissen von New York, von Paris, von Berlin her, von allen Hotels, allen Zimmermädchen,« allen Schiffsstewards, allen Portiers, allen Warenhausdolmetschern, daß, wenn man merkt, sie seien Juden, sie nur schief angeguckt,'mißtrauisch gemustert und von oben herab behandelt würden. Sie wissen aus Erfahrung, daß, sobald man in ihnen den Juden sieht, alle devote Hochachtung vor dem gutzahlenden Ausländer verpufft ist. Aengstlich wahren sie schuldbewußt Gleichgültigkeit. Manchmal habe ich diesee Selfmademen-Leute mit dem Dollar, Fürsten der Erde, darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich hier in Rußland nicht zu schämen brauchen. Sie könnten dem Portier ruhig sagen, daß sie Juden sind. Sie könnten es auch dem Fremdenführer wissen lassen. Es würde gar nichts an der Art ihrer Behandlung ändern. Aber diese Behauptung schien den reichen Amerikanern so unglaublich, das Experiment, das Judentum su gestehen, so gewagt, daß meines Wissens keiner von , ihnen es probiert hat.

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