Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 278 (6.1.1933)
- Date
- 1933-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fili Seile 2 DIE NEUE WELT Nr. 278 SIEGM. KORNMEHL QROSmilSCHHAUIREI Zentrale: IX., Berggasse 19. Tel. A-l?-?r99 u. A*lfr9»34 Lieferant für Heilanstalten 1 Abteilungen für ->tya»jPleisch \\ unter.Aolsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien Autoaustellung kostenlos : IX.. Bftrfjgais« IS / XVIII., Wlhrlngcrtlr. 91 \ M>MMMM«MMMM»MM»M»MMMlMMMIM»MtM hat. Die Presse weist darauf hin, daß die Polizei noch nioht einmal Im Besitze einer Spur der der Mörder von Nahalal. ist, ebenso wie es ihr nicht gelungen Ist, die Attentate in Jad-Jur nnd in Kfar Chassidim irgendwie aufzuklären und die Täter der Bestrafung zuzuführen. Das eine» was die Polizei ermitteln könnte, ist, daß die In Nahalal auf das Haus Jacobys geschleuderte Bombe In P a 1 ä s 11 n ä h e rgosteilt worden war, was auf das Bestehen einer politischen ¥ er ror-Organisation schließen läßt. Jaeoby in der Kolonie Nahalal eine Bombe geworfen, durch die große Zerstörungen angerichtet wurden. Jaeoby erlitt am Kopf und an den Händen schwere Verletzungen, auch sein neunjähriger Sohn wurde schwer verletzt. Beide wurden in bedenklichem Zustand in das Hospital nach Haifa überführt. Ein weitere Meldung: Das Bombenattentat auf das Haus des jüdischen Kolonisten Josef Jaeoby in Nahalal im Emek hat tragischere Folgen gehabt, als anfangs vermutet wurde: Josef Jaeoby und sein neunjähriger Sohn, die durch das Attentat schwere Verletzungen erlitten, sind beide im Hospital zu Haifa, in das sie gebracht worden waren, an den Folgen dieser Verletzungen g e- torben. Zuerst starb der Knabe Jaeoby. Am gleichen Tage wurde dem Vater Jaeoby der verletzte Arm amputiert und die Aerzte nahmen an, daß er sich bereits außer Lebensgefahr befinde. Aber schon am nächsten Morgen erlag auch Josef Jaeoby seinen Verletzungen. Der gesamte JischUw ist durch diese Vorfälle in Erregung und Trauer versetzt worden. Das Begräbnis des Knaben Jaeoby, das am 26. Dezember, während sein Vater noch lebte, in Nahalal stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen jüdischen Kundgebung gegehMordterror und fürFrieden. Den ganzen Tag über ruhte die Arbeit in Nahalal, die gesamte Bevölkerung der Kolonie schritt hinter dem kleinen Sarge her. Am 27. Dezember verbreitete sich in ganz Palästina die Nachricht, daß auch Josef Jaeoby im Hail'aer Hospital gestorben war und daß am gleichen Tage die Bestattung in Nahalal: stattfinde. Vertreter der Jewish Agency, des Waad Leumi und vieler anderer zentraler jüdischer Körperschaften begaben sich zur, Trauerfeier -für Jaeoby nach ,Nahalal. Die gesamte Bevölkerung von . Nahalal und der benachbarten Kolonien, nahm an der Bestattung teil. Alle Redner betonten, daß die Juden im Hinblick auf den mangelnden Schutz seitens der Landesbehörden die Forderung nach Installierung eines jüdischen Selbstschutzes erheben müssen sowie danach, daß die Einwanderung, von Juden nach Palästina erhöht werde, damit das jüdische Element im Lande in sich gestärkt dastehen könne. Der Ton der Trauerreden am Grabe war auf den Satz gestimmt: „An die Stelle einer getöteten jüdischen Familie in Palästina werden tausend jüdische Familien aus der Galuth treten." Die Trauerfeier für Jaeoby, der vor elf Jahren aus Amerika — er hatte in Kalifornien studiert — nach Palästina kam, um die jüdische Heimstätte aufbauen zu helfen, gestaltete sich zu einem stärksten Ausdruck jüdischen Protests gegen den ungenügenden Schutz jüdischen Lebens im Lande. Die gesamte hebräische Presse fordert in Leitartikeln die Reorganisation der Polizei im Haifa- Distrikt, die sich in vielfacher Beziehung als unzureichend für die Sicherung der Ordnung in Nordpalästina erwiesen //juaen kommen nicht in frage" Eine Menge Zuschriften jüdischer Stellenbewerber liegen uns vor, die besagen, daß sie von jüdischen Geschäftsinhabern mit dem Satz abgefertigt wurden: „Juden kommen für uns nicht in Frage!" Wäre dies nicht grauenhaft wahr, müßte man es als grotesk bezeichnen — zumal in einer Zeit, da der schärfste Boykott jüdische Existenzen bedroht. Der von antisemitischer Seite propagierten Parole „Kauft nicht bei Juden" schließt sich In holder Harmonie die von jüdischer Seite gemurmelte Abweisung „Juden kommen für uns nicht I n F r a g e" an. Eine tiefernste, zu trauriger Betrachtung verpflichtende Zeiterscheinung! Ist es etwa das Mißtrauen der jüdischen Unternehmer gegen die Leistungskraft oder Branchetüchtigkeit der jüdischen Bewerber? Oder vielleicht die Besorgnis, der nichtjüdische Kunde könnte an der — Physiognomie des Angestellten Anstoß nehmen und darum Käufe unterlassen? Oder gar der Versuch, einen nichtjüdischen Kunden über die jüdische Zugehörigkeit des Geschäftsmannes zu täuschen? Ein sonderbares Verhalten! Jeder im Wirtschaftsleben stehende Mensch weiß, daß die nationalsozialistischen Verbände über die in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfte genau informiert sind, ja, daß sie sogar „schwarze Listen" angefertigt haben. Ein Vorsteckenspielen in dieser Art ist also erfolglos. Haben doch sogar die ausgetretenen Wiener Gerngroß, die Inhaber der größten Wiener Warenhaus-Aktiengesellschaft, mit ihrem Sprüchlein: „Eine Aktiengesellschaft kann nicht jüdisch sein", nicht reüssiert und sich von hakenkreuzlerischen Provokateuren Tränengasbomben in ihre Geschäftsräume legen lassen müssen! Also, die Ausrede, des „Nichtjüdischseins" zieht nicht. Die Boykottpropaganda macht nicht Halt vor den Herrschaften, die sich hinter ' der Anonymität einer Firma verdecken und für das Betonen, fdaß,; sie. ja eine Unzahl nicht jüdischer Attgej^te^lten beschäftigen, als Kompensation — Duldung verlangen. :> Es gibt Juden unter ihnen — besonders in' Deutschland —, die Ehrenstetten ty jüdischen Körperschaften" bekleiden i es gibt Juden unter ihnen, die den Mut haben, in ihren Kreisen von der Wichtigkeit jüdischer Solidarität zu sprechen und eben diese Solidarität bei der erstbesten Gelegenheit über Bord zu werfen. Und eben diese Juden sind es, die, wenn sie von der antisemitischen Welle in ihren Interessen' bedroht sind, bei den jüdischnationalen, zionistischen Instanzen unter dem Titel der Solidarität Schutz verlangen. In solchen Fällen kommt das Judentum für sie in Frage. Am gewöhnlichen „Wochentag" existiert es nicht für sie; wenn sie bedroht sind, suchen sie es gerne auf. Dieser . Mangel an jüdischem Empfinden, diese Vcrständnislosigkeit gegenüber den Notwendigkeiten des Augenblicks birgt schwere Gefahren in sich. Es ist notwendig, daß man allen denen, die mit der bequemen „jüdischen" Ausrede „Juden kommen nicht in Frage" operieren, die antisemitische Losung „Kauft nicht bei Juden" unter die Nase reibe. Gustav Wilder Wien IV/ Rafnerg« 31, Tel« U-42«4f84 empfiehlt: JAFFArORANGEN pro Kiste (80 bis 150 Stück) S 82/—" JAFFA.GRAPEFRUIT pro Kiste (80 bis 96 Stück) S 34«~ Auf Wunsch auch halbe Kisten Professor §♦ Brodeiyky in Wien In dieser Woche hielt sich das Mitglied der Exe* kutive der Zionistischen Weltorganisation Professor S. Brodetzky (London) einige Tage in Wien auf. Er hielt mit den Vertretern der verschiedenen Gruppen Besprechungen ab. Am 1. Jänner sprach er in einer öffentlichen Versammlung über „Zionistische Problerne. Prof. Brodetzky sprach sich in durchaus optimistischer Weise über die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas aus. Auf politischem Gebiete ist unausgesetzte Arbeit notwendig. Diese politische Arbeit wird noch lange im Vordergrund der zionistischen Tätigkeit stehen müssen. Die jüdische Einwanderung kann, in Ansehung des natürlichen Anwachsens des arabischen Elements, nicht groß genug sein. Wir haben ein Rec.ht auf Palästina. Wir, wollen dort keine Minderheit bleiben. Im Zusammenhange mit dieser Frage besprach der Redner auch das Problem des Parlaments in Palästina, dessen Errichtung abgelehnt werden muß. Keinerlei „Garantien" können den Plan annehmbar machen. Den Zustand der zionistischen Organisation bezeichnete Prof. Brodetzky als schlecht. In den Ländern Ost- und Mitteleuropas, die er jetzt bereiste, ist allerorten eine starke zionistische Stimmung festzustellen, dagegen kein Sinn und kein Verständnis für die zionistische Organisation. Eigentlich müßte die Organisation neu geschaffen werden. Ein trauriges Zeichen ist das Abströmen der Jugend vom Zionismus. Ein Teil geht an die neutrale Assimilation verloren, der andere wendet sich einer noch gefährlicheren Assimilation ' zu.; (Prof. Brodetzky meinte damit unzweifelhaft den Zulauf der Jugend ,zum K om muni smus,. ohne allerdings das Wort auszusprechen.) . Am folgenden Tage sprach der Gast zur zionistischen Jugend über verschiedene Probleme. Prof. Brodetzky widmete der Frage des Marxismus besondere Aufmerksamkeit. Er kam, gemäß seiner persönlichen Einstellung, zu dem Schlüsse, daß im Marxismus nichts vorhanden sei, was ein Zionist nicht akzeptieren könnte. Ohne allerdings das Wesen des Marxismus zu erklären! Prof. Brodetzky blieb den Nachweis schuldig, daß eine nationale Bewegung — und das .ist doch auch seiner Auffassung nach Zionismus — mit dem historischen Materialismus des Marxismus vereinbar ist. Er unterließ es, eine Erklärung dafür zu geben, daß z. B. der Bolschewismus, der doch gewiß folgerichtigster Marxismus ist, im unversöhnlichen Gegen* satze zum Zionismus steht und dessen Vernichtung an* strebt. Es ist die erste Pflicht jedes Redners, der zur Jugend spricht, sich zu vergewissern, daß" die Jugend absolut versteht, was man ihr sagt. Dieser Pflicht Der ewige raencieie Vom 15« Todestag des judischen /Großvaters' Von L. Kusmann (New York). Mendele Mocher Sforim (Sch. J. Abramowitsch) gilt als der Begründer der jidischen und Wegbereiter der hebräischen Literatur. Seine Schriften haben ein halbes Jahrhundert jüdischer Literatur befruchtet. Mendeles-Lebenskraft und Lebensausdruck war zu bewundern. -Er war als Siebzigjähriger an Geist und Haltung jünger'als seine literarischen Erikel. Er machte als Achtzigjähriger Pläne für die Ewigkeit. Er fürchtete sich nicht vor dem Tod. Er sah ihn einfach nicht. Ich hatte mehrere Male Gelegenheit, in seiner Umgebung zu sein, als er schon in den „geschenkten Jahren" war. Nicht ein einziges Mal verlor er ein Wort über den Tod, das Leben stand unendlich vor ihm. Das Meer hat ein Ufer, das Leben nicht. Und er, Mendele, ist das Leben selbst. Er lacht über Leo Tolstoi, der versucht hat, einige Tage vor seinem Sterben dem Tod zu entlaufen. „Ein Jude flüchtet nicht vor dem Tod", hat Mendele hiezu bemerkt. Der Jude — das ist er, Mendele. Er flüchtet nicht vor dem Tod, weil er ihn nicht kommen sieht. Ein Jude ist nicht ein Einzelner, ein ins Leben hineingewor» fener Funke, der im Wind erlischt. Er ist die Flamme selbst, der Vulkan, der niemals aufhören wird, seine Feuergarben auszuschütten, die das Leben entzünden, den Weg zu Gott weisen, zu höheren Taten rufen und mahnen, die aber auch vernichtend wirken können, wenn sie in ihrem natürlichen Lebensgang gestört werden. Mendele war ein Vulkan von Leben. Er hat alles ringsherum entzündet und sein eigenes Feuer verminderte sich niemals. Er hat in sich die Mission des ganzen Volkes gefühlt. Die Mission des ewigen Lebens. Und wenn ewig, dann hat auch der Golus seinen Sinn — nur daher sein kühles Verhältnis zum Zionismus. * Aufklärung! Wie fest hat er daran geglaubt!Er war der typische Sohn der Aufklärung, der„Haskala" und seiner Zeit. Die Menschen sind nicht schlecht, sondern verdunkelt. Wenn man sie belehrt und erzieht, werden sie kultiviert werden. Die Kunst ist hiebei nicht die Hauptsache. Man muß Juden, Russen, alle Welt zur Wirklichkeit des täglichen Lebens erziehen. Annäherung, Brüderlichkeit gehören ebenfalls zum not* wendigen Inventar. Da der Boden unsicher ist, muß man ihn fest machen. Aufklärung ist das Rezept. Zionsliebe — eine schöne, phantastische Sache. Gegen sie: kämpfen darf man selbstverständlich nicht. Einige Menschen seiner nächsten Umgebung widmen sich ihrer, Mendeles Lippen umspielt ein Lächeln, aber er sagt kein Wort. Ein Mann vom Schlage Mendeles kennt die Grenze. ♦ Der große Künstler, der er war, hat die Aufklärung in seine Kunst so tief eingeschlossen, daß sich seine Kunst, wäre sie kleiner gewesen, unter der Schneide der Haskala verblutet hätte. , Zum Glück für die. jüdische Litwatur war Mendele ein gottbegnadeter Künstler und sein Edelmetall blitzte hervor unter dem Rost der Auf« klärung. Zum Glück? Ich weiß es nicht. Ich persönlich bin geneigt, zu glauben, daß Mendeles Einfluß auf die jüdische Literatur fast ein fataler war, wenn er selbst vielleicht nicht daran schuld ist; Seine Nachfolger entnahmen ihm mehr seine urikünstlerische Methode, seine aufklärerischen Theoreme, als das echt' Künstlerische in ihm. So hätte vielleicht Schal om Alejchem, der eine künstlerisch stärkere Natur War als der „Großvater", bedeutender gewirkt, wenn er Mendeles Einfluß von sich geworfen hätte. Alle späteren Schöpf er in der jüdischen Literatur, die ganzen und halben Klassiker, zeigen gewisse Spuren von Mendeles Eigenart in verkleinerter Form. Darum ist unsere' Literatur heute noch haskälisch versteinert und zum Teil unecht, gekünstelt, der Geschmack primitiv, die Wirkung nichtig. Es war vor dreißig oder vierzig Jahren. Ich verkehrte ständig in Rawitzkys Buchhandlung in Odessa. Dort gab es denstillen und bescheidenen A- D r i a n o w und noch ein paar Schriftsteller, bezw. Literaturbeflissene. Als man auf Mendele Mocher Sforim zu : sprechen kam, sagte Drianow: „Mendele wird man, wenn überhaupt, noch höchstens fünfzehn Jahre lesen." Ich erinnere mich nicht daran,, ob jemand ihm widersprach. Ich erinnere mich nur, daß eine .lange Pause eintrat. Ich selbst schwieg. Ich war zu jung, zu gläubig, um den Wert eines älteren Schriftstellers zu bestreiten. Die „fünfzehn Jahre" klangen mir ein bißchen zu wenig, aber nicht allzuweit von meiner innerlichen Meinung entfernt. Mendens Werke wurden damals, schon, weniger gelesen als . meine .eigenen, obwohl ich mich selbBt, tadelte. Ich sehnte mich, nach einer neuen, künst-