Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 277 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 277 DIE NEUE WELT Seite T Professor der hebräischen Universität in Jerusalem ist. Die größte Sorge der Kolonie gilt der Wohnungsnot. Trotz der starken Bautätigkeit ist Kein kein Zimmer frei. Die Arbeiter der Kolonie beschlossen daher, ein eigenes Arbeiter-Viertel au erbauen. Festliche Eröffnung der Warm-Wasserquellen in Tiberias In Anwesenheit des Gouverneurs des Norddistrikts, Keitroach, des Bürgermeisters von Tiberias und des Vertreters der Excgulivc, Herrn Farbstein, wurde am 8. Dezember die Heilbäder von Tiberias feierlich eröffnet. Wie schon berichtet, sind die Bäder auf das Modernste ausgestattet und werden /.weifellos den Zustrom von Heilungsuchenden ungemein verstärken. Gründung einer Gesellschaft zur Fabrikation von Zucker in Palästina Eine Gruppe jüdischer Kapitalisten in Palästina beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Plane der Errichtung einer Zuckerfabrik in Palästina. Der Schöpfer der Gesellschaft ist der bekannte Zuckerimporteur Marah, der bis nun den gesamten Bedarf an Zucker für Palästina und Transjordaninen importierte. Das Ziel der Gesellschaft ist, Palästina und die Nachbarländer (Syrien, Zypern, Rhodos usw.) mit palästinischecn Zucker zu versorgen. Schon in den nächsten Wochen wird mit der Pflanzung von Zuckerrüben und Zuckerrohr begonnen. Der Bedarf Palästinas an Zucker beträgt 12.000 tons pro Jahr, der Transjordaniens 1000 tons, Syriens 30.000 tons, Zypern 3000 tons und Rodos 1000 tons. Die Gründer hoffen, daß die Verwirklichung des Planes eine weitere Belebung der Agrikultur Palästinas mit sich bringen wird. Feierliche Vereinigung des „Brith Trumpeldor" und der „Nationalen Jugendorganisation" in Palästina Am 10. Dezember fand in Tcl-Awiw in Anwesenheit des Vize-Präsidenten der Wcltunion der Zionisten- Revisionisten, Herrn Meir Großmann, die feierliche Vereinigung des „Brith-Trumpeldor" mit der „Nationalen Jugendorganisation" statt. Die nationale Jugendorganisation, genannt „N oar-Leum i", umfaßt jenen großen und sehr aktiven Teil der jüdischen Jugend des Landes, der bis nun unter der geistigen Führung des Herrn Univ.-Prof. Dr. Josef Klausner stand. Die Vereinigung dieser beiden großen Gruppen bedeutet eine große Stärkung des zionistisch-revisionistischen Gedankens im Lande. Zur Frage der jüdischen Arbeit im Hafen von Haifa Der Hafen von Haifa geht seiner Vollendung entgegen. Der Anteil der Juden an den Arbeiten im Hafen ist sehr gering. Weder bei den Schiffverladungsarbciten. noch in - den-Lager- und Transp'ortunternehmun'gcn ist a> den Juden gelungen,. festen Fuß zu fassen. Schon heute werden mehr als 300 Arbeiter bei der Verladung der Schiffe beschäftigt, unter ihnen aber fast gar keine Juden. Die Lösung dieser Frage erfordert zielbewußte Arbeit. Die Araber und der legislative Council. — Forderungen nach Verbot jüdischen Bodenkaufes und jüdischer Einwanderung Das Organ des Jerusalemer Mufti „AI Jame a el Arabia" erklärt, die Haltung der Araber zur Frage des Parlaments (Legislative Council) sei die gleiche wie im Jahre 1922, als die Araber, die vom damaligen High Commissioner Sir Herbert Samuel ausgeschriebenen Wahlen zum Legislative Council sabotierten. Die Araber werden auch jetzt die Teilnahme an der Bildung eines Legislative Council definitiv zurückweisen, auch wenn gewisse, arabische Führer, die mit der Regierung in Verbindung stehen, den Council akzeptieren sollten. Die Mehrheit der Araber wird niemals für einen Council zu haben sein, der von der Regierung und den Juden gemeinsam kontrolliert werden würde. . Die arabische Presse berichtet, daß eine Bewegung für Non-Cooperation entstehen wird, falls nicht bald ein Gesetz erlassen wird, das den Juden verbietet, Boden von den Arabern zu kaufen, und wenn nicht sofort eine Stoppung der jüdischen Einwanderung nach Palästina erfolgt. Die Zeitungen kündigen das baldige Zusammentreten einer Konferenz von Vortretern aller arabischen Parteien an. Diese Konferenz, die in Jerusalem abgehalten werden wird, wird eine Abordnung an den High Commissioner entsenden, die ihm die Forderungen über Verbot des jüdischen Bodenkaufes und jüdischer Einwanderung unterbreiten wird. Boykott des jüdischen Sports in Palästina Die „Palästinensische Sportvereinigung", welche die arabischen Sportklubs in Haifa, Jaffa und Jerusalem vereinigt, beschloß, die jüdischen Sportorganisationen zu boykotieren und mit ihnen keine Spiele auszutragen. Aaroii/ wohin? Erzählung von Oskar Rosenfcld Ein Vat er wünsch! Möchte meinen lOjähr. Sohn und meine 13jähr. Tochter (cinzeln\ beide Realgymnasium, in einer Rabbiner- oder gutjüd'schen Cjymiiasiallehrerfamilieinder Piovinz unterbringen. Unter „vorbildliche Familienharmonie" an die Verw. des Blattes. Früh am Morgen, da alles noch schlief, schlich sich Aaron aus dem Haus. Niemand hörte das Geräusch, das die ausgetretenen Schuhe auf der Lehmdiele machten: Vielleicht Aarons junger Bruder Chaim, dem die Lodzer Hooligans erst vor kurzem beide Augen ausgetreten hatten. Denn der hellhörige Chaim rührte sich ein wenig, horchte auf, aber Vater, Mutter und Geschwister schliefen fest in der engen Stube, die in einen lichtlosen, feuchten Hof hinausging, auf dem eine Menge geflickter, verstaubter Mehlsäcke herumlag. Aaron tappte sich über diese Mehlsäcke zur Hoftür, öffnete kurz und schon stand er draußen. Auf dem Weg zum Bahnhof begegnete er etlichen Milchwagenkutschern, die ihm keine Beachtung schenkten; er mied Häuser und Gassen, bevorzugte die Gartenplanken, scheuchte ein paar Hunde auf, die im Morgengrauen zu bellen vergaßen, und ah der Mond zerronnen war, stand er hinter der Gitterhalle, wo es schon Menschen, Rufe und Pfiffe gab. Das Gebet ward ohne Störung gesagt, der Tefillinbeutel sorgsam aufbewahrt. Und eine Stunde später, mitten im Kommen und Gehin der Menschen, im Lärmen der Passagiere, im Knattern der Räder, während es ringsum pfauchte und dampfte, erstieg Aaron einen der letzten Wagen, fand den Weg in ein Abteil, das noch leer war, und kaum hatte er unter einer Bank ein Versteck ausfindig gemacht, verließ der Zug die Stadt südwärts. Aaron wußte nicht, wie lange er fuhr. Ihm war kein Maß rrerreben für Minuten und Stunden und es ftab "uch kein rechtes Sinnen im Stampfen des Zuges, im Klappern der F~nst-r. im Kloofcn d.*r Achten. Stationen machten aufhorchen, es galt, das Versteck zu bewahren und spähende Augen zu vermeiden. Von den Fahrgästen sah er die Beine bis knapp zu den Knien, hörte er alltägliche Worte, Verstauen der Körbe und Koffer, wimmernde Kinder in der Nacht. Der Kopf wurde träge, der Nacken steif auf dem harten Boden, die Glieder wollten sich dem schmalen Raum nicht fügen, und die Hand, zum Kissen «eballt. schmerzte. "iswUcn sah er sich mit einem Spaten bewehrt, am Meerufer, durch alte Gassen wandern, an einer moosbewachsenen Mauer, die er von Büchern und Bildern her kannte, bisweilen rührte ihn kalter Luftzug a">. cW vo-n plötzlich geöffneten Zugfenster kam. In der Gegend unter der Herzgrube verspürte er Hunger. Das war alles. Schwer war der erste Morgen. Lange wollte es ihm nicht fliicken. die Tefillin -"13 d^m kleinen Beutel herauszuziehen und anzulegen. Die Hände waren schlaff geworden. Der schmale Raum unter der Bank ließ ein freieres Bewegen nicht zu. Uebrigens galt es, jedes Geräusch zu vermeiden und sich unter der Bank klein zu machen. Die Stunden vergingen teuflisch langsam. Die Schaffner wechselten. Aaron merkte das an den Stimmen oder an den Stiefeln der Männer, die fast jeds Viertelstunde das Abteil betraten. Er genoß die Gerüche von Leder, Obst, Wolle und den Dunst der faden Morgennebel, denen die offenen Fenster Raum gaben. Städte um Städte folgten. Vor zwölf Stunden noch J-ntte er im Elternhaus ircsrhWc-T». Das Kommen und Gehen der Fahrgäste unterhielt ihn eine Zeitlang, dann wurde er müde, konnte aber nicht schlafen. Denn die aufgeregten Männer und Frauen tratschten, lärmten und sprachen allerhand albernes Zeug, stampften gegen den Boden, und dem kauernd hingestreckten Knaben .blieb nichts anderes übrig, als sich ihre Gesichter vorzustellen, die ihr Plappern nur einstellten, wenn ein Tunnel den Zug in seiner Finsternis verschlang. ,,Wie lange geht's nach Krakau?" fragte ein zahnloser Mund. . „Wer weiß das?" antwortete ein schläfriger Mann gähnend und verdrossen. „Wir fahren noch den ganzen Tag." „Hol" mich der Teufel!" sagte ein junger, ungeduldiger Passagier, al3 sie gerade über eine Brücke fuhren. Dort steckt etwas unter der Bank!" „Du siehst Gespenster", erwiderte seine Nachbarin und stieß mit dem Fuß vor sich hin. „Laßt, laßt", rief ein alter, bärtiger Mann dazwischen. „Er schläft... Weckt, ihn nicht! Hat die ganze Nacht, hat er . . ." „Wer schläft? was schläft? heraus, mit ihm!" Der Alte rief zitternd: „Wollt ihr den armen Jungen unglücklich machen, wollt ihr? Ich bitt* euch —" Der Schaffner, der eben eintrat, blickte die Gesellschaft zuerst bös an. dann saefte er leutselig: „Nur Ruhe, meine Herrschaftenf Werd's schon machen." Aber im Augenblick, da er unter die Dank zu blicken r.ich anschickte, führ der Zug sägend in eine Station ein, eine Fensterscheibe ging in Trümmer und alle vergaßen, das Gespräch fortzusetzen. Aaron hatte wie von ungefähr gemerkt, daß die letzten Worte ihm galten. Er versuchte sich noch enger an die Wand zu pressen, indem er gleichzeitig das Gesicht mit den Händen bedeckte, um eich unkenntlich zu machen. Der Tag war vergangen, das Magenknurren hub wieder an. Es wurde hsll im Abteil. Kellner eilten mit Speisen an den offenen Fenstern vorbei und boten sie schreiend den Passagieren an. Eisweilen funkte cj grün und rot von den Laternen, an denen man vorüberfuhr. Und endlich e'n Bremsen, dos dem Jammer ein Ende machte. Es surrte, pfauchte, krachte, splitterte, Wien war da... Aaron sprang auf, schüttelte sich, sprang das Trittbrett hinunter, rannte den Querbahnsteig entlang, während die anderen Fahrgäste dem Ausgang zustrebten. „Hallo, junger Mann! Wohin? Wohin laufen Sie denn?" Es war ein Schicnenw' .'iter, der die V/orte rief. Aaron kehrte den V/eg zurück und versuchte, hinter den noch immer hinausströmenden Fahrgästen Deckung zu finden. Es mißling. Er wurde angehalten, mußte gestehen, daß er eich von Warsdinu bn Wien... durchgeschwindelt hatte. Und nicht lange danach stand er vor dem Richter. / . Im überhitzten Zimmer starrte kaum ein Dutzend Augen auf den jungen Angeklagten, der mit nicht viel Teilnahme der Prozedur folgte. Man sah einen schmächtigen, unterernährten, schwarzhaarigen Jungen in leichtem Ueberrock, die Augen blickten gleichmütig vor sich hin. Das Gesicht war schmal, die Hände lagen flach an den Hosennähten, die Schuhschnüre baumelten lose geknöpft auf dem Fußboden. Der Richter las m~ „'an die Personalien Aarons herunter und sagte plötzlich. „Wc'ßt du denn nicht, daß das Schwarzfahren verboten ist?" ■ Aaron zuckte mit dsn Achseln. „So was darf man doch nicht tun. Das ist doch in Polen auch so." Aaron nickte mit schmerzlichem Lächeln. „Ich hab' nicht anders können." „Und die ganze Zeit bist du unter der Bank gelegen?" „Ja", erwiderte Aaron ruhig, „die ganze Zeit gelegen unter der Bank." „Und niemand hat dich bemerkt?" fragte der Richter erheitert. Aaron besann sich einen Augenblick. Dann blickte er zu Boden Und'sagte leise: „Die Reisenden hnben mich bemerkt unter der Bank. Viele haben nichts gemacht. Mich nicht verraten." Der Richter sah zuerst Aaron ins Gesicht, tat einen Blick in den Akt und erhob sich. Die Zuhörer rückten von ihren Plätzen. Es entstand eine kurze Pause. Der Richter. räusperte sich und sagte langsam in belehrendem Ton: i „Du wirst jetzt nach Polen zurückschubiert. Verstehst du? Zurückschubiert. Diesmal wirst du nicht mehr' unter einer Bank liegen müssen. Du wirst schon beim Fenster hinausschauen dürfen d statt der Beine der Passagiere, die cchtfne Lan^lia». betrachten dürfen. Und dann wirst du wieder ins Elternhaus. Zu deinem Vater. Er ist doch Kaufmann, oder nicht? Na, ja. Es wird sich schon etwas für dich finden. Na, ja. Wenn man fährt, muß man bezahlen. Und wenn man kein Geld hat, muß man zu Hause bleiben. Auch in Polen ist das so. Verstanden ... Wohin wolltest du eigentlich?" Aaron hob plötzlich seinen Kopf und sa^te mit leuchtenden Augen: ' - ' „Nach Palästina!" „Vierundzwanzig Stunden Arrest." Die Amtspersonen verließen das Zimmer. Aaron wurde auf die Polizeidirektidn gebracht. Auf dem Weg dahin fragte ihn der Polizist: „Wirklich? Nach Palästina?" „Ja", sagte Aaron fest. „Hab* diesmal Unglück gehabt. Nächstens ... wird es ... vielleicht... gehen... besser. Wenn Gott hilft.. A" Die separatistische Bewegung unter den sephardisdieii Juden Das Pariser Manifest — Spaniolisdie Kultur Weltjudenheit Von Schlome Eine grofle und sehr ernste Bewegung, die unglückselige Folgen mit sich bringen kann, macht sich jetzt in einem Teil des jüdischen Volkskörpers geltend. Es ist dies eine unter den spaniolischen Juden, den sogenannten Sephardim, bestehende Bewegung, deren Tragweite man als äußerst schwerwiegend bezeichnen kann, der Separatismus, der sie von den anderen jüdischen Volksteilen trennen soll. Zweifellos würde der Schlag, wenn die separatistische Bewegung tiefe Wurzel fassen sollte, schwer sein; noch schwerer deswegen, weil die separatistischen Vorbereitungen fern von den Augen der übrigen Juden getroffen werden. Sicherlich sind die sephardischen Juden in unseren Kreisen letztens mehr bekannt' geworden, hauptsächlich dadurch, daß sie jetzt nach Palästina kommen und sich dort ansiedeln; des weiteren dadurch, duß auch über sie die Krisis gekommen ist und sie zwingt, ihre hundertjährigen Wohnsitze zu verlassen und in die — Gallith zu wandern, nach Frankreich, Italien, Belgien, Amerika und Palästina. Abgesehen von diesen beiden Gründen, sind die spaniolischen Juden, wo immer sie saßen, eine quantite" negligeable gewesen, eine verhältnismäßig kleine Gruppe, — Opposition gegen die illegalen »Fuhrer« für Palästina J i z c h a k i die sich Übrigens von der großen Weltjudenheit abgesondert hat, die die Spaniölen „Aschkenasim" (Deutsche) nennen: eine psychologische Einstellung, die sie von Generation-zu Generation vererbt haben. Es verblieb in ihnen'-auch das Gefühl, daß die Aschkenasim: den Sephardim gegenüber keinen Dank wissen für die großen Kulturschätze, die ihre Männer — .Jeluida Halevy, Ibn Gabirol und andere — dem jüdischen Volk gebracht hatten; ferner, daß'die Aschkenasim sie nicht mögen, weder in den Galiithländern noch in Palästina. Die spaniolischen Juden haben sich gleich nach dem Austreibungsgesetz der .Königin lsabella auf dem Boden der alten' Türkei niedergelassen und dort ein stilles und zufriedenes Leben vierhundert Jahre hindurch geführt. Aber sie haben — und das ist wichtig, festzustellen — dort bereits (in Griechenland, Serbien, Bulgarien) viele jüdische Aschkenasim und auch andere ßnc Israel angetroffen, und es ist die Frage, .ob die heutigen S e p h a r d. im tu t s ä c h 1 i c h die echten Nachkom m e n jener vertriebenen Jndeii sind ... Vor einigen. Monaten hat eine Gruppe sephardischer Juden in Paris ein „Befroiungsmanifes t" an die spaniolischen Juden der Welt erlassen. Es finden