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Die neue Welt · 1932-12-30 · Heft 277 (30.12.1932) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 277 (30.12.1932)
Date
1932-12-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 27? sich darauf zahlreiche Unterschriften unbekannter Persönlichkeiten, welche zum Teil keine Juden, sondern Spaniolcn sind. (Ein merkwürdiges Paradoxon!) Eine Ausnahme bildet der Oberrabbincr der Pariser sephardischen Gemeinde, Owadija (Anm. der Red.: Bis vor vier Jahren Rabbiner der Wiener Spaniolengemcindc.) und der ägyptische Baron da F i c c i a t o, der einige Verdienste um das ägyptische Judentum besitzt. Die anderen Unterfertigten sind weit vom allgemein-jüdischen Leben entfernt und lassen eher einem Niehtjuden etwas zukommen als dem niedrigen „aschkenasischen" Juden. Die letzten Worte sage ich nicht ins Leere. Sollte sich etwa ein russischer, polnischer oder irgendein nicht spaniolisch sprechender Jude in die Balkanländer begeben, nach Saloniki oder Belgrad oder Smyrna, wird er allsogleich die kühl-ablehnende Haltung der spaniolischen Juden gegen sich verspüren, wenn er nicht gerade eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit ist. ' Gewiß gibt es auch hier Ausnahmen; aber die un- \ gebildete Masse blickt auf dich, den aschkenasischen Juden, von oben herab... Die Pariser Spaniolen haben laut dem Befreiungsmanifest beschlossen, eine „s e p h a r d i s c h e Weltorganisation" zu schaffen, eine . Föderation der spaniolisch redenden Juden. Zu welchem Zweck? Wohl dazu, um die Ehre des spaniolischen Stammes zu verteidigen; um den ehemaligen Glanz des sephardischen Judentums aufzufrischen; um die spaniolische religiösgesellschaftliche Tradition zu bewahren; schließlich um alle Spaniolen unter der P'ahne eines vereinigten, festgefügten Spaniolentums zu vereinigen. Die erste Frage, die uns hier in den Sinn kommt, ist: Bedarf es wirklich einer solchen Vereinigung der Spaniolen? Jch kann diesbezüglich auf Grund meiner jahrelangen engen Berührung mit den Sephardim eine kompetente Antwort geben; die Antwort: Nein! Die Sephardim, welche angeben, daß sie ungefähr zwei Millionen Seelen umfassen, das heißt, vielleicht e i n Neuntel des jüdischen Volkes, sind heute von ihren europäischen und amerikanischen Brüdern weit getrennt. Sie haben, so wie w i r es verstehen, keine Sprache, keine Literatur, keine Organisation, es fehlt ihnen der bekannte jüdische Impuls und die Initiative. Es fehlt ihnen die Energie der anderen jüdischen Brüder. Die europäischen und auch die amerikanischen Juden wissen, was die letzten fünfzehn Jahre in der jüdischen Geschichte gewesen sind. Sie heißen kurz: Pogrome und Emigrationsperioden. Wo waren die sephardischen Juden in den letzten fünfzig Jahren? Sehr weit, sehr fern; still und zufrieden, nichts wissend von Pogromen oder Emigration. Erst seit einigen Jahren hat man das gespürt. Sie haben die fünfzig Jahre der jüdischen Leidensgeschichte übersprungen. Darum fehlt ihnen alles: Kultur, Leidenschaft, Durchschlagskraft, Ueberwindungsstärke... zumal es ihre eigene Schuld und nicht die der „Asckenasim" ist, daß sie an nichts teilgenommen haben, was hebräische Kultur oder jüdische Mentalität und Schaffenswillen bedeutet. Wenn die Vereinigung das Ziel hätte, die Aschkenasim oder, einfach gesagt, ihre jüdischen Brüder zu erreichen, könnte man solch eine Organisation gewiß begrüßen. Leider ist es aber nicht so. Wenn es auch die Unterfertiger des Manifests, die sich?elbst dazu ausersehen haben, nicht sagen, so kennt man doch ihr Ziel, das Endziel ihrer persönlichen Aspirationen: sie wollen die jüdische, aschkenasische Welt zwingen, ihnen einen großen Anteil an allen Arbeiten gesellschaftlichen, zionistischen und kulturhistorischen Charakters zuzuwenden, und sie wollen all diese Stellen für ihre zukünftigen Führer. Nun entsteht die Frage: Wer soll zuerst herantreten? Müssen die sogenannten aschkenasischen Juden zu den Spaniolen oder Sephardim zum großen Weltjudentum kommen? In den Mantel ihrer Vergangenheit ■und des spanischen Kulturstolzes gekleidet, mit einem Lied von Jehuda Halevy auf den Lippen, sind die sephardischen Führer der Ansicht, daß die Aschkenasim zu ihnen zu kommen und ihnen die gebührende Ehrerbietung entgegenzubringen haben. Ch. N. Bialik soll einmal in Palästina zu sephardischen Juden im Lauf einer Debatte gesagt haben: „Einmal seid ihr vielleicht, ihr Sephardim, die reiche Braut gewesen. Aber heute sind wir, die aschkenasischen Juden, der reiche Bräutigam. Welche Mitgift könnt ihr geben? Wir wollen selbstredend nichts anderes als eine kulturelle, geistige Mitgift . . ." Dem ist nichts hinzuzufügen. Vielleicht lohnt es sich, noch zu sagen, daß die Sephardim bisher noch wenig Opfer gebracht haben: weder für Palästina noch für die Weltjudenheit. Und ohne Opfer kann man doch keine Belohnung verlangen. Was die Kultur betrifft: Die sephardischen Juden haben nicht mehr als sieben bis acht Zeitungen in sehr kleinem Format, worin ihr ganzer Besitz an Geist und Wissen niedergelegt ist, davon sechs in Saloniki. Die größte Zeitung der sephardischen Juden findet sich in New York. Sie trägt den sonderbaren Namen „La Vara" (Der Stock). Und was für ein Blatt ist das? Ein humoristischsatirisches. Fast pornographischen Charakters, mit ein paar Erzählungen und Versen und einigen Nachrichten über Weltereignisse. Das ist die größte Zeitung. Gegen die separatistische Bewegung sind auch einige, hunderttausend sephardische Juden selbst. Die Eine umfassende inrormatlonsschrifr über die grosse Bewegung im Zionismus Verfasst von Robert Stricher Herausgegeben von der Union der Zlonbttrn- Revisionisten Oesterreichs / Preis 20 g / Erhältlich t> Verlag „Neue Well", Wien II, Untere Hugartenstr. 35 griechischen Sephardim, die 70.000 Salonikier Juden, greifen heftig die neuen „Führer" an, hauptsächlich deshalb, weil das Manifest nichts über den zionistischen Aufbau Palästinas enthält. Im übrigen muß erwähnt werden, daß die griechischen Sephardim einen weiten jüdischen Blick haben. In den letzten Tagen ender Stadtratswahlen von Tcl-Awiw sandten sie einen warmen Aufruf an ihre 2000 Brüder in der ersten jüdischen Stadt mit der Aufforderung, die besondere sephardische Wahllisten zu boykottieren, da die Sephardim in Palästina keine besonderen Interessen hätten. Dieser Akt ist die beste Antwort auf das Manifest, das die Pariser spaniolischen „Kriecher auf der krmmen Leiter" erlassen haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß wir außer Sephardim und Aschkenasim noch andere Juden haben: jemenitische, bucharische, grusinische und arabische Juden. Wollen die spaniolischen Juden das erbärmliche Beispiel von Separatismus geben? Nach der Ablehnung, die das Pariser Manifest erhalten hat, ist zu schließen, daß alle Teile des jüdischen Volkes weit entfernt sind von separatistischen Neigungen und an die Einigkeit und Festigkeit des alt-neuen Palästina glauben. Sokolovv-Straße in der Kolonie Herzliah Nahum Sokolow, Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, besuchte die jüdischen Kolonien und wurdein Petach Tikwah, Raanana, Herzliah und in anderen judäischen Kolonien und Scharon-Siedlungen mit großer Begeisterung empfangen. Die Kolonie Herzliah benannte eine Straße nach Sokolow. Eine Aguda-Tageszeitung in Jerusalem Die Palästina-Regierung hat der Agudas Jisroel die Erlaubnis erteilt, eine Tageszeitung in hebräischer Sprache in Jerusalem herauszugeben. Die neue hebräische Tageszeitung, die den Titel „Jisroel" führen wird, wird voraussichtlich Anfang 1933 zu erscheinen beginnen. Zwei Juden im neuen französischen Kabinett Dem von Paul-Boncour gebildeten neuen französischen Kabinett Kabinett gehören zwei Juden als Minister an: Der Deputierte und Bürgermeister von Le Havre Leon Meyer, der das Portefeuille der Handelsmarine übernahm, und Senator Alexandre Israel, der zum Unterstaatssekretär im Innenministerium ernannt worden ist. Die beiden jüdischen Minister gehören der radikal-sozialistischen Partei an. Das Judentum in der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Unter diesem Titel hielt in der Hauptversammlung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" in Berlin Herr Dozent Dr. A. Lewkowitz (Breslau) einen Vortrag. Ausgehend von dem Gedanken, daß die neue Zeit mit dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche beginne, zeigte der Redner als grundlegendes Problem die Frage, was nun unter den neuen Verhältnissen aus dem Jude sein des,jüdischen Staatsbürgers und der Organisation des Judentums werden sollte. Während Mendelssohns „Jerusalem" das Judentum a u sschließlich als einen religiösen Organismus erklärte, und die Anerkennung des jüdischen Gesetzes auch ohne staatliche Organisation forderte, widersprach Kant dieser Auffassung und erklärte, daß das Judentum keine Religion, keine Kirohe, sondern nur ein Staat und politisches Gesetz sei. Man hat bisher meist versucht, diese Stellungnahme des Königsberger Philosophen auf den Einfluß Spinozas Festsaal 220 Sitzplätze Vortragssaal zirka 150 Sitzplätze für Veranstaltungen, Versammlungen, Vorträge, Konzerte, Konferenzen usw. gegen mäßiges Entgelt zu vergeben Auskünfte: Verbandsheim II.» Unttr« AugarUnttr, 3* zurückzuführen, der Redner aber sieht darin eine b ewußte religionspolitische Interpretation des Judentums, die den aufgeklärten Juden das Schreckbild eines nur gesetzlichen Organismus malen wollte, um sie dadurch für das mit der Vernunftsreligion gleichgesetzte Christentum zu gewinnen. Um die Jahrhundertwende haben dann Moritz Lazarus und Hermann Cohen den Nachweis geführt, daß das Judentum in seinem religionssittlichen Gehalt wesentlich mit der Kantischen Philosophie übereinstimmt, ja sogar auf denselben Grundsätzen wie dieser basiere. Sie haben dadurch das Judentum rationalisiert und etbisiert — fast bis zur Aufgabe alles Religiösen und Irrationalen, sie haben in diesem Rationalismus Idee und Gestalt des Judentums getrennt. Von Herder; aus, der Verständnis für Idee und Gestalt des Judentums zeigt, geht dann die Linie der Romantik, die in der biblischen Poesie eine echte nationale!; L i t e r a t u r von religiöser Urkraft und universaler Bedeutung kennt. Von Herder geht die Wiederbelebung des Verständnisses für die Geschichte und universale. Bedeutung des Judentums aus, die später von den Begründer der Wissenschaft des Judentums erfaßt: und auch auf das nachbiblisch c Judentum übertragen worden ist. Nebenher erwähnt der Redner, daß auch Herder die Frage stellt: „W a r u m wollen die Juden keine Heimat?" und daß in demselben Jahre 1783 ein unbekannter Jude im Deutschen Museum an den Präsidenten der Vereinigten Stauten schrieb und ihn bat, in dem damals noch menschenleeren Lande den Juden ein Territo-, r i u m zu überlassen. Der Redner geht rasch zur Gegen- wart über und zeigt,, daß heute im wesentlichen drei Mächte des Naturalismus eine tragische Krise des Judentums bilden: Der Marxismus, der Darwinismus und die Lehre Nietzsches. Er sieht durch diese Kräfte den festen Glauben an den absolut religions-'. sittlichen Sinn der Welt erschüttert und die Möglichkeit zu einer Rettung nicht in einer plötzlichen Erleuchtung, sondern nur in dem Ernst und der Tiefe der persönlichen Entscheidung und direkten Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit und den Fragen der Geschichte. B3*ifffTi»umpeIdor (Vom Büro des Shilton in Paris) Polen: Ende Dezember richten die meisten Mifkadot Gelilijot (Kreisleitungen) Polens zentrale Instruktorenkurse, hauptsächlich für wehrsportliche Hachschara, ein. An jedem dieser Kurse werden Vertreter aller Ortsgruppen des Kreises teilnehmen. ~~ Die Netzivut Warschau berichtet, daß sie von allen Teilen des Landes mit Gesuchen um Zuteilung von Einwanderungszertifikaten nach Palästina bestürmt wird. Die vom Warschauer Palästina-Amt zu erwartende Zahl von Zertifikaten für die polnischen Betarim wird kaum für einen Bruchteil der nach Palästina strebenden Betarim genügen. — Der polnische Betar verfügt zur Zeit über Hachschara-Gruppen in 30 Punkten des Landes. — Der Gesundheitszustand des von linken „Chaluzim" schwer verwundeten Betari Koczer, der in einem Warschauer Krankenhaus liegt, hat sich verbessert. Pinnland: In Helsingfors wurde ein Ken-Betar gegründet. Der Ken steht unter Leitung des Herrn Ben« Tu Wim, eines ehemaligen Studenten der Jerusalemer Universität. Herr Ben-Tuwim leitet die Kulturarbeit des Ken, während dessen wehrsportliche Hachschara von einem finnischen Offizier geleitet wird. (Finnland ist die 27. Landesorganisation des Betar.) Rumänien: Der Galil Bessarabien umfaßt 21 Ortsgruppen. Der neue vom Shilton ernannte Mefakked Gelili, Herr Artur Oleinik (Balti), der an Stelle des neah Palästina ausgewanderten Mefakked Brun (Kischenew) ernannt wurde, besuchte bereits mehrere Ortsgruppen und trat energisch an die Erfüllung seiner Pflichten heran. — Ab Februar 1933 wird Ketzin-ha- Shilton Propes mehrere Monate in Rumänien als „Kommissär des Shilton" fungieren. Seine Hauptaufgabe wird die Zusammenfassung der einzelnen Gelilim und ihre Unterstellung unter eine zu bildende Zentrale Netzivut sein. Belgien: K.-ha-Sh. H a 1 p e r n besuchte am 18. Dezember den Ken-Betar in Brüssel. — Gemäß dem Vorschlag des K.-ha-Sh. Halpern und des ehemaligen Natziv Spitz ernannte der Shilton mit Zustimmung des Rosh-Betar den in Antwerpen wohnenden Kapitän der jüdischen Legion J. Jaffe zum Natziv für die Länder Belgien und Holland. Brasilien: Der Shilton erhielt nach längerer Unterbrechung, die durch die Unregelmäßigkeit im Postverkehr während der brasilianischen Wirren verursacht wurde, einen ausführlichen Bericht von der Netzivut in Sao Paulo. Die Abschließung der Stadt Sao Paulo durch die revolutionären Truppen schuf einen Zustand in der Bevölkerung, der eine regelmäßige Führung der betarischen Tätigkeit unmöglich gemacht hatte. Nach der Wiederherstellung der Ordnung und der Befreiung der Stadt trat die Netzivut wieder in ihre regelmäßige Arbeit heran. Legitimationsaktion: Der Shilton versandte 10.778 Legitimationen. Anfang Jänner'1933 wird der erste genaue statistische Bericht auf Grund der Legitimation*» alttion erscheinen,

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