Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 277 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711898--3487-2716871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 277 DIE NEUE WELT Seite 5 1 Juden im Zusammenhang mit der Suche nach ausländischer Valuta vorwirft, fort. Bialik übergab der Jüdischen Telegraphenagentur eine Anzahl Dokumente, betreffend solche Judenverfolgungen, wobei er erklärte, daß er sich für deren absolute Zuverlässigkeit verbürgt. In einem aus Kiew an Bialik gerichteten Appell wird mitgeteilt, daß in dem Städtchen Korosten in der Nähe von Kiew 3 0 Juden verhaftet und drei Tage lang bei strengem Frost unter freiem Himmel bewacht gehalten wurden, wobei ihnen nicht gestattet wurde, Nahrung zu sich zu nehmen, dies alles, um sie zur Herausgabe eventuell in ihrem Besitz befindlicher ausländischer Valuta zu zwingen. Vier Fünftel der auf solche Weise Gepeinigten sind so schwer erkrankt, daß Lebensgefahr für sie besteht. In dem Städtchen Chabne starb der Jude Wolf Lutzky an den Folgen der gegen ihn zur Erpressung von Valuta angewandten Torturen. Auch aus Moskau erreichte Bialik ein Appell, die Judenheit zu Protesten in großem Maßstabe gegen die Valutatortur in Rußland zu veranlassen. Der Hangerstreik des Dr. Arthur Kraus beendet In der „Neuen Welt" wurde über den Hungerstreik des Dr. Arthur Kraus in New York berichtet. Ueber Antrag des Dr. Kraus, welcher aus Polen stammt und In der polnischen Legion diente, hatten mehrere jüdische und nichtjüdische Korporationen beschlossen, zum Proteste gegen die Verfolgung und Mißhandlung der jüdischen Hochschüler in Polen vor dem polnischen Generalkonsulate in New York zu demonstrieren. Zufolge Druckes von verschiedenen Seiten wurde aber dieser Beschluß zurückgenommen. Ueber die Feigheit war Dr. Kraus so empört, daß er einen Hungerstreik begann, und erklärte, solange nicht Nahrung zu sich zu nehmen, als nicht der durch ihn veranlaßte Beschluß ausgeführt würde. Nach achttägigem Hungerstreik hat Doktor Kraus gesiegt. Aus New York wird gemeldet: Dr. Arthur Kraus, Lehrer der Philosophie am City College in New York, brach nach achttägigem Fasten den Hungerstreik ab, in den er als Protest gegen das Unterbleiben des von ihm angeregten Demonstrationszuges der Studenten zum polnischen Konsulat eingetreten war. Dr. Kraus hat am Donnerstag, den 22. Dezember, den Demonstrationszug der Studenten gegen die antisemitischen Auschreitungen an den polnischen Universitäten zum Gebäude des polnischen Konsulats geführt. Unter der Leitung von Dr. Kraus hat sich eine jüdische Verteidigungsexekutive gebildet, der Vertreter der folgenden Studentenorganisationen angehören: „Menorah", „Avukah", „Social Problems Club", „League for Industrial Democracy", „Inter-Club Comcil", „Newman Club" und „Y. M. C. A." verfehlte Emwanderung§- poli'fi'k in Palästina Von Ernst Da Der bekannte Publizist Ernst Davis, der sich eingehend mit der Bevölkerungsbewegung in Palästina beschäftigt hat, übersendet der „Neuen Welt" das Resultat seiner Studien. Im nachstehenden ersten Teil legt Davis, das statistische, den Berichten der britischen Palästinaregierung und der Jewish Agency entnommene Material vor, um im zweiten Teil die grundlegenden innenzionistischen Irrtümer der Jewish Agency in bezug auf ihre Einwanderungspolitik zu beleuchten. Nach der Volkszählung vom 18. November 1931 beträgt die Bevölkerung Palästinas (worunter hier nur das Westjordanland verstanden wird) 1,035.821 Seelen. Davon sind 759.712 Mohammedaner, 174.610 Juden, 91.398 Christen, 9148 Drusen, 350 Bahais, 182 Samaritaner und 421 Dissidenten. Nach der Zählung vom 23. Oktober 1922 war die Einwohnerzahl 757.182, nämlich 590.890 Mohammedaner, 83,794 Juden, 73.024 Christen und 9474 andere. In den neun Jahren zwischen den beiden einzigen Volkszählungen, die bisher stattfanden, ist der Anteil der Juden an der Bevölkerung also von 11,1 Prozent auf 16,9 Prozent gestiegen. Dies ist das Ergebnis, das die zionististische Politik der Nachkriegszeit dem Volke zeigen kann. Möglich, daß es hier und da naive Gemüter gibt, die es gar nicht so schlecht finden. Es ist vorstellbar, daß ein tüchtiger linker Parteisekretär seinen Gläubigen zum Beispiel etwa folgende Rechnung vormacht: „In den letzten neun Jahren ist der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung uns 5,8 Prozent gestiegen. Wenn es so weitergeht, er also aufsfa in der Zukunft alle neun Jahre um 5,8 Prozent steigt, dann muß er in sechsmal neun Jahren um 34,8 wachsen. Da er jetzt schon 16,9 Prozent beträgt, worden wir also in 54 Jahren die Majorität, nämlich 51,7 Prozent erreicht haben. In Wahrheit lehrt die letzte Volkszählung, daß wir niemals die Mehrheit erreichen werden, wenn es so weitergeht. In der Zeit von Oktober 1922 bis November 1931 ist die Gesamtbevölkerung um 229.270 Seelen gewachsen. Davon kommen nur 90.816 auf die Juden, dagegen 138.454 auf die Nichtjuden. Die Vermehrung der Juden blieb also um rund ein Drittel hinter der der Nichtjuden zurück. Wenn vis/ Jerusalem trotzdem in diesen neun Jahren der jüdische Anteil an der Zahl der Landeseinwohner gestiegen ist, so nur deshalb, weil der Anteil der Juden an der Bevölkerung im Jahre 1922 noch viel geringer war als an der Bevölkerungszunahme zwischen 1922 und 1931: Im Oktober 1922 war das Verhältnis von Juden zu Nichtjuden ungefähr wie 1:8, während sich der jüdische Anteil an den 29.270 Seelen, um die die Bevölkerung sich von damals bis November 1931 vermehrt hat, zu dem nichtjüdischen ungefähr wie 1:1,5 verhält. Bei diesem Zahlenverhältnis bilden der jüdische und der nichtjüdische Bevölkerungszuwachs nicht zwei Kurven, die sich einmal treffen, sondern zwei Linien, die aufeinander zulaufen, ohne sich doch je zu schneiden. Aber in Wirklichkeit ist selbst die Steigerung des jüdischen Bevölkerungsanteils um 5,8 Prozent von 1923 bis 1931 nicht eine Folge der zionistischen Politik, sondern ihr zum Trotz vor sich gegangen. Von den 9 0.816 Seelen, um die sich die Juden in diesem Zeitraum vermehrt haben, kommen nämlich rund 5 3.0 0 0, das sind fast zwei Dritt el, auf die Mittelstandseinwanderung der beiden Jahre 1924 und 192 5, die von der herrschenden Klasse des Zionismus beschimpft und bespien wurde. Die folgende Tabeü' zeigt das klar und deutlich: Jüdische Bevölkerung Palästinas Jahr Seelenzahl Zunahme gegen das Vorjahr 1932 (laut Volkszählung) 83.790 — 1923 ........ 89.505 5.715 1924 ........ 94.669 5.164 1925 ........ 120.559 25.890 1926 ........ 147.398 26.839 1927 ........ 147.687 289 1928........ 149.554 1.867 1929 ........ 154.330 4.776 1930 ........ 162.467 8.137 1931 ........ 174.610 12.143 Die Ziffern der Spalte „Seelenzahl" sind bis zum Jahre 1929 einschließlich dem Statistischen Handbuch für Palästina, herausgegeben vom Keren Hajessod, Jerusalem 1930, entnommen. Für das Jahr 1930, für das sie in dem Handbuch nicht mehr enthalten sind, wurden sie aus dem & »DAHEIM« SEHMERING Wolftbergkogel, Tel. 82, Auskunft Wien Tel. R-13-0-21 Neue Leitung: Dir. ERWIN GUNST Erstkl. Küche Täglich 5 Uhr The Dansant Abendkonzert ■Hl PENSION S 10.— aufwärts WUM Bericht der englischen Regierung über die Verwaltung Palästinas an den Völkerbund ausgezogen und für 1931 wurde das endgültige Ergebnis der Volkszählung von 1931 eingesetzt. Diese Ziffern lehren aber weiter, daß bei Fortsetzung der bisherigen Entwicklung für die Zukunft auch nicht einmal mehr mit einer Steigerung des jüdischen Bevölkerungsanteils um denselben Prozentsatz wie in den letzten neun Jahren zu rechnen ist. Denn sie zeigen, daß in den fünf Jahren von 1927 bis einschließlich 1931 die jüdische Einwanderung bedeutend unter den Jahrsdurchschnitt gesunken ist, den sie in den vorangegangenen fünf Jahren schon erreicht hatte. Das würde sich selbst ergeben, wenn man die Zunahme von 1930 bis 1931 wirklich mit 12.148 Seelen einsetzen würde, wie in der Tabelle. Aber in Wirklichkeit ist diese Ziffer fiktiv. Denn sie enthält die illegal hereingekommenen Einwanderer, die schon in den vorangegangenen Jahren im Lande waren und sich auf Grund des Generalpardons bei der Volkszählung mitregistrieren ließen. Ihre Zahl beträgt laut Angaben der Jewish Agency 5000. Zieht man sie von den 12.143 ab, dann bleibt eine tatsächliche Vermehrung um 7143 Seelen übrig. Und auch diese Ziffer ist noch zu groß, denn der Stichtag für die Berechnung der Bevölkerung war 1930 wie in allen vorangegangenen Jahren, mit Ausnahme von 1922, der 1. Juli, die Volkszählung von 1931 fand aber am 18. November statt. Die 7143 stellen also nicht die Zunahme der jüdischen Bevölkerung während eines Jahres, sondern während eines und eines Dritteljahres dar. Aber selbst wenn wir das nicht in Betracht ziehen, bleibt das Ergebnis, daß sich die jüdische Bevölkerung von 19 22 bis 192 6 im Jahresdurchschnitt um 15.9 0 2 Seelen vermehrt hat, von 1926 bis 1931 dagegen nur. um 5 44 2 Seelen. Und das, obwohl der arabische Geburtenüberschuß inzwischen rapid gewachsen ist, schneller als der jüdische, der von 1926 bis 19S1 auch größer war als bis 1926, woraus folgt, daß der jährliche Einwänder u n g s Überschuß in dieser Periode im Vergleich mit der Zeit von 1922 bis 1926 noch stärker gesunken ist als die jährliche G e s a m t Vermehrung der jüdischen Bevölkerung durch Einwanderung und Geburtenüberschuß: Geburtenüberschuß Jahr Juden Nichtjuden 1923 ..... 1966 14.408 1924 ..... 2427 17.283 1925 ..... 2183 15.868 1926 ..... 3517 22.131 1927 ..... 3195 17:387 1928 ..... 3478 19,818 1929 . . . , . 3400 16.662 1930 ..... 3876 21.199 1931.....S88S ' 21027 Vor 1923 gab es keine Ziffern für alle Bevölkerungsgruppen. Von 1923 bis 1926 betrug die Differenz zwischen dem jüdischen und dem nichtjüdischen Geburtenüberschuß im Jahresdurchschnitt 14.897 Seelen, von 1927 bis 1981 schon 15.453 Seelen, wobei man in Rechnung zu stellen hat, daß die Ziffer für den ersten Zeitabschnitt durch die besonders große Differenz zwischen dem Geburtenüberschuß beider Gruppen im Jahre 1936 besonders in die Höhe getrieben wurde. Wäre das nicht der Fall, so wäre der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Jahresdifferenz bis 1926 und der Zeit danach erheblich größer. In jedem Fall ergibt sich aus diesem Vergleich, daß zur bloßen Kompensation des Unterschieds zwischen dem arabischen und dem jüdischen Geburtenüberschuß heute Jüdischer Bilderbogen aus Brasilien (Originalbericht der „Neuen Welt") (Originalbericht der „Neuen Welt".) Ein kleiner Rundgang durch die zahlreichen jüdischen Zirkel von Sao Paolo mit der Kamera des Beobachters ließ ein paar charakteristische Bildchen heimbringen, die hier zu sehen sind. Nossa Sellhorn! Viel Jugend im jüdischen Sportklub „Makkabi". An die zwanzig lebhafte Menschen machen einen Lärm, der auf die Anwesenheit Hunderte schließen lassen könnte. Man spielt „Ping-Pong"; schlägt die Bälle, erhitzt sich, diskutiert und dazwischen kann man unzählige Male das Wort „Nossa Senhora" (Mutter Gottes!) hören — eine Redensart der brasilianischen Frauen... Titus-Boge» . Wer kennt nicht den römischen Triumphbogen, der zur Erinnerung an die Unterjochung des jüdischen Volkes errichtet wurde, das Denkmal mit den antiken Reliefs, die die hebräischen Kriegsgefangenen und Geißeln zeigen? Der Funktionär eines jüdischen Vereins in Sao Paolo, ein Trödler, kauft wahllos alles zusammen, das ihm preiswert erscheint. Für manche Dinge hat er persönliche Sympathie und vermendet sie als Schmuck in seiner Wohnung. Kürzlich kam ich in seine Wohnung. An der Wand hing eine Reproduktion des Titus-Bogens, umschlungen von der italienischen Trikolore. Der arme Trödler! Er weiß nicht, was er sich an die Wand gehängt hat. „Jüdische Chuzpe" Chuzpe ist, wie mir scheint, eine an keine Nation geknüpfte Eigenschaft, aber für Assimilanten eine ausgemachte Sache, daß es nur eine „jüdische Chuzpe" gibt. Eine jüdische Frau wird im Spital Santa Catharina (Katholisches Schwesterheim) behandelt, wo ein einziger jüdischer Frauenarzt tätig ist. Ein deutscher Assimilant. Im Verlauf einer nichtigen, grundlos entstandenen Kontroverse brüllt der Arzt die Patienten vor den Krankenschwestern und den anderen Anwesenden an. Seine Pointe ist: „Das ist eine j'ü d i s c h e Chuzpe ..." Die katholischen Krankenschwestern sind starr. Was soll das bedeuten? Und sie scheinen zu fühlen, auf welcher Seite die „Chuzpe" ist. Die „nichtnationale" Kadi man Bisher mußte man wohl mit Recht annehmen, daß ein jüdischer Verein, der den hebräischen Namen „Kadimah" trägt, nationalen Charakter hat. Die hiesige Kadimah ist eine Jugendvereinigung, der auch Assimilanten angehören. Sie wurde von Zionisten gegründet und leistete anfangs auch Arbeit für den Nationalfonds. Jüngst gab auf einer Konferenz, welche die Vereinigung von vier jüdischen Organisationen beschließen sollte, die von Zionisten gegründete Kadimah die Erklärung ab, daß sie — nicht national sei. Ihr Heim hat die Kadimah im Sportverein „Makkabi" ... Palastrevolution im Linat Hazedek Das Linat Hazedek, das jüdische Ambulatorium, verfügt naturgemäß auch über eine jüdische, vorzüglich ausgebildete Krankenschwester. Unter den Aerzten, die von hier aus ihre Karriere machen wollen, finden sich auch einige deutsche, ungarische und andere Assimilanten. Intriguen setzten ein. Man versuchte aus nichtigen Gründen, Mißstimmung gegen die jüdische Krankenschwester zu erzeugen, und schließlich erklärten die assimilatorischen Aerzte ganz unverblümt, sie würden nur dann weiterarbeiten, wenn eine — nichtjüdische Schwester eingestellt würde. Die Absicht dieser noblen Herren war, den Verein und sein Ambulatorium zu ent» judaisieren ... So lautete der Ausspruch eines ärztlichen „Prominenten". Sprachenkämpfe im „Circulo Israelita" In den Statuten dieses Vereines heißt es, daß die Mitgliederzahl mit 200 begrenzt ist. Die Herrschaften wollten unter sich sein. Es kam zwischen den Mi*»