Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 277 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 277 Verteidiger Dr. Natan Korkes ■führt seine Kanzlei Wien, I., Seilergasse Nr. 16 Telephonnummern R-2Q-4*93 unc| R.27-3-34 »che Arbeiter beschäftigen, befindet sich ein in der Kolonie Rechoboth begüterter Professor der hebräischen Universität in Jerusalem. Das ist kein paradoxer Zufall. Von eben dieser Universität geht die vom Universitäts-Rektor Magnes eingeleitete, sogenannte Brlth-Schalom-Bewegung aus, jene Bewegung, die nichts anderes istals von Europa nach Palästina übertragene Assimilation. Brith Schalom bekämpft den Herzischen Judenstaats-Zionisna u s, die Balfour-Deklaration, fordert „Anpassung" an die Araber und Engländer, erklärt das Streben nach einer jüdischen Majorität für „provozierend" und verbrecherisch, will eine anpassungsfähige jüdische Minorität in. einem großarabischen Reiche, setzt als Ziel des Zionismus ein „geistiges" Zentrum. Wie die jüdische Assimilation in Europa. Und wird — wie die Assimilation in Europa — letzten Endes j u d e n f e i n d 1 i c h. Zieht die . fremde Arbeit der jüdischen vor. Es ist die große Schuld des offiziellen Zionismus, daß er diese Bewegung geduldet hat, so weit geduldet hat, daß Brith-Schalom-Lcutc die Universität und wichtige zionistische Posten besetzen. Es ist die große Schuld der linken Arbeiterschaft Palästinas, daß sie sich oft — zuletzt auf dem Baseler Kongresse —■ schützend vor Brith Schalom gestellt hat. Da3 Streben Verspätete Erkenntnis Die Vorfahren des am 18. Dezember verstorbenen sozialdemokratischen Führers und Theoretikers Eduard Bernstein waren Rabbiner und Gelehrte in Polen. Er selbst wuchs ohne jüdische Bildung auf. Seine Berührung mit dem Judentum vollzog er als Jüngling jeden Sonntag, wo er den Gottesdienst der R c f o r m g e m c 1 n d e besuchte. Der jüdische Nährboden war also sehr dürr. Am Ende der Siebzigerjahre setzte die Austrittspropaganda der Sozialdemokratie, der er angehörte, ein. Eduard Bernstein erlag ihr neben vielen anderen „jüdischen Genossen"; er verließ, Wie er selbst bekannte,- die jüdische Gemeinschaft und betrieb selbst. Austrittspropaganda, weil protestantische Geistliche, darunter der berüchtigte Prediger Stöcker, eine — antisemitische Hetze entfesselten. Die Reaktion auf die antisemitische Hetze war also nach dem sozialdemokratischen Rezept der Austritt — aus dem Judentum ... Nichts natürlicher, als daß der Jude Bernstein später in einewsehiefe seelische Haltung geriet,- indem er auf der einen Seite „mit Feuer und Flamme" für die internationale' Sozialdemokratie kämpfte, auf der' anderen Seite sich als Jude, als deutscher Jude zu fühlen verpflichtete. Diese Zwiespältigkeit brachte es mit sich, daß er, der Deutsche, der Sozialdemokrat, der Judenstämmling, die nationaljüdische, zioni st i s c h e Ideologie ablehnte, gleichzeitig aber dem „Komitee für das arbeitende Palästina" angehörte. Seine Fühlungnahme mit der Poale-Zion bezeugt, daß er diese Partei nicht als zionistisch, sondern als jüdisch-sozialistisch ansah. So erscheint Eduard Bernstein, der Theoretiker der II. Internationale, als der typische Vertreter jener dem Judentum entlaufenen Allerweltsbürger, die für die „Leiden der arbeitenden Massen" ein Herz, für die Bedürfnisse der arbeitenden jüdischen Masgen eine Geste haben. Wird dieso Feststellung nicht durch die Tatsache erschüttert, daß Eduard Bernsteinanläßlich seines 75. Geburtstages seinen Austritt aus dem Judentum als „F o h 11 r i 11" erklärte? Läßt diese Erklärung nicht etwa den Gedanken zu, daß der alte Mann am Ende seiner Tage in seiner Seele doch einen Funken .jüdischen Gemeinschaftsgefühls entdeckte und seine jahrzehntelang bekundete negative Haltung bereute und wiedergutmachen wollte? . > Mit voller Gewißheit läßt sich das nicht entscheiden. Die Wcgo der Assimilation sind sonderbar. Verschüttete, zurückgedämmto Empfindungen können plötzlich aufbrechen und Klarstellung verlangen. Dio Verpflichtung zur angeborenen Gemeinschaft Ist im Fall Eduard Bernstein reichlich: spät gekommen. Während seiner Tätigkeit für die Internationale Ist das jüdlscho Volk seinen vorgezeichneten Weg gegangen. Die Internationale hat diesen Weg nicht gerade mit einem Uebermaß von Sympathie begleitet, zumindest weder die deutscho noch dio österreichische. Eduard Bernstein mußte ein Greis werden, um zu erkennen, daß die Stimme des Blutes nicht zum Schwelgen gebracht werden kann. Im übrigen weiß die Geschichte von einem analogen Fall zu erzählen. Er betrifft den deutschen Sozialdemokraten Paul Singer, der bei Beginn seiner politischen Karrieredio jüdische Gemeinschaft verließ und scldießlich doch — so las man es in seinem Testament — auf dem jüdischen Friedhofe begraben werden wollte. Die Asslmij latlon reichte hier also nur bis zum Grab. Dem Tod ins j Ango sehend, erinnerte sich Paul Singer an den Schoß, au» dem er hervorging. Verspätete Erkenntnis, mit der selbst die gerechtesten Menschen nicht viel anzufangen wissen! nach Verdrängung der jüdischen Arbeit entspringt nicht zuletzt dem Geiste des Brith Schalom. * Ein anderes Motiv für die Verdrängung der jüdischen Arbeit liegt In dem Umstände, daß die Ideologie des Klassenkampfes und Klassenegoismus von Europa nach Palästina tibertragen wurde. Wohl ist die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Arbeiter in Palästina von nationalem Geiste und Streben beseelt, aber ihre Organisation ist allzu klassenkämpferisch, allzu klassenegoistisch eingestellt. Man spricht fortwährend vom arabischen „Klassenbrader", vom gemeinsamen Feind, vom jüdischen „Kapitalismus". Das schwächt die nationale Solidarität, ohne welche der Aufbau des jüdischen Nationalheimes, des Judenstaates mißlingen muß. Das stärkt den „Klassenegoismus" auf der anderen Seite, die Habgier gewisser Unternehmer, ermutigt sie zu nationaler Gewissenlosigkeit. Sie spielen dann ruhig den arabischen Arbeiter gegen die jüdischen aus, well er um ein paar Piaster billiger und fügsamer ist. Wie in Ness Ziona. * Der Kampf um jüdische Arbeit hat dio poalezionistischen und revisionistischen Arbeiter und die nationalfühlcnden Elemente des Bürgertums vereinigt. Es ist notwendig, daß die Einigung auf diesem so wichtigen nationalen Gebieto eine dauernde bleibe. Hier wird gegen einen Grundpfeiler des Judenstaates gestürmt. Er kann nur gehalten werden,, wenn sich dio nationale Solidarität stärker erweist als der assimilatorische Geist von Brith Schalom und der Geist des Klassenegoismus. Wie sidi die Makkabäer verändert haben Die Geschichte hat den Makkabäern ihren Platz im jüdischen Heldenbuch zugeteilt. Das Wort Helden kann wohl nichts anderes bedeuten als die Vollbringer heroischer Taten. So deutlich ist dieser Sinn in das Bewußtsein der Juden gedrungen, daß selbst die Hüter der Lehre sich diese Deutung zu eigen gemacht haben, und heute gibt es wohl keinen geschichtlich orientierten oder religiös durchpulsten Menschen unter, uns,, dem der Aufstand Juda Makkabis und seiner Brüder gegen das römische Joch als etwas anderes erscheinen könnte, denn ein Volksbefreiungskampf reinsten Stils, denn ein Kampf um die Wiederherstellung äußerer politischer und innerer religiös-kultureller Freiheit. Oberrabbiner Prof. Ghajes hat in seiner plastisch-eindringlichen Art das Wirken M o s i s wie das Auftreten der M,akk a b ä e r als p o 1 it i sch e>.E r s e heinun gen: dargestellt. Aber es gibt Immer rioclf' Versuche, die nationale Haltung der Makkabäer als' irrelevant hinzustellen, das Chanukafest als bloße Erinnerung an Lichter zu propagieren. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Organisation des deutschen Assimilantentums, benützt die Makkabäcrtage dazu, den nationalen Kern des Makkabaeraufstandes zu leugnen und mit den Allerweltsphrasen ,vom Glauben an den Sieg des Guten die feige Seele zu maskieren. „Wir kämpfen", sagt einer ihrer Fürsprecher, „für die Erhaltung des Judentums, weil wir glauben, daß es der Menschheit noch viel zu geben hat, sind aber stets bereit, mit der deutschen und mit der menschlichen Gesellschaft-für Fortschritt und Sittlichkeit.... einzutreten. Das ist eine jüdische.:. Aufgabe." Und das Heldentum der ' Makkabäer 'stellt derselbe Israelit als ein stilles Heldentum dar. „vVas die Juden in ihrer langen Leidensgeschichte erhalten hat, das war... frei von aller Politik." Also leiden, dulden, sich bücken, mitten im groben Materialismus das Ideal hochhalten, all das hat das Judentum erhalten. .Moses? Ein braver Seelsorger.. Die .Makkabäer? Stille, schlichte Urmenschen. Machen wir's den Makkabäern nach, die .still und geduldig den Tempel gereinigt haben, ohne Waffen und ohne Politik^ -" O. Juda Makkabi, wie hast du dich verändert! Du und Deine tapferen Mannen haben durch ihre — „Menschlichkeit" die Juden aus dem römischen Joch gerettet. Lebten sie heute, so wären sie. Mitglieder desdeutschen Zentralvercins, kurzum griechisch-palästinensische Staatsbürger mosaischen Glaubens! Palästinafragen vor dem englischen Parlament Im Unterhaus fragte Barnett Janner den Kolonienminister, wie weit d\e Palästina-Regierung den höheren Schulunterricht fördere; wieviel sie in den Jahren 1922 bis 1931 jährlich für Unterrichtszwecke ausgegeben hat; welcher Prozentsatz dieses Betrages auf das jüdische und welcher auf das arabische Schulwesen entfiel; welcher Betrag in diesen Jahren von jüdischen Körperschaften für Unterricht ausgegeben worden sei. Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister erwiderte, die Regierung gewähre dsm Palestine Board o£ Higher Studies eine Subsidie vbn 500 Pfund, sie bedenke auch mehrere Missions-Institutionen und die Hebräische Universität, insgesamt gewähre sie Stipendien, in Höhe von jährlich 1600 Pfund für höheren Unterricht von Palästinensern in Palästina und auswärts. Im Jahre 1922/23 gab die Palästina-Regierung für das Unterrichtswesen 114.217 Pfund, davon 53.084 Pfund für jüdische Schulen, aus. Stets wurde der größere Teil dea Schulbudgets für arabischen Unterricht verwendet. Ueber die Ausgaben der jüdischen Körperschaften für jüdischen Unterricht war bis 1928/29 keine Information verfügbar, in dem erwähnten Jahre betrugen diese Ausgaben 90.572 Pfund; die Regierung gab in dem gleichen Jahre 138.000 Pfund, davon an jüdische Schulen 20.247 Pfund, aus. Im Schuljahr 1930/31 betrug das Schulbudget der Regierung 100.056 Pfund, davon gingen an jüdische Schulen 20.361 Pfund, an das arabische Schulwesen 103.278 Pfund; die jüdischen Ausgaben für Unterricht betrugen in dem gleichen Jahre 110.252 Pfund. Im Jahre 1931/32 betrug das Regierungsbudget 153.639 Pfund, davon wurden für jüdische Schulen 20.479 Pfund, für arabische Schulen 105.531 Pfund ausgegeben. Ueber die jüdischen Schulausgaben im Schuljahr 1931/32 liegen Angaben nicht vor. (A n m. der Redaktion: Der Kolonienminister hat dem Interpellanten nicht erzählt, daß die Palästina- Regierung für ein arabisches Schulkind ungefähr viermal soviel hergibt wie für ein jüdisches!) In der Sitzung des englischen Unterhauses erklärte der Kolonienministcr Sir Philip Cunliffe-Lister in Beantwortung einer Anfrage Wedgwoods, er habe keine speziellen Berichte über die Fortschritte des englischen Unterrichtes in Cypern und P a- 1 ä s t i n a, aber den Jahresberichten der Unterrichtsdepartements dieser Territorien ist zu entnehmen, daß hierin befriedigende Fortschritte erzielt werden. Indische Polizei soll die Juden in Südarabien schützen Eine sonderbare Antwort Das Londoner Joint Foreign Committe e (vom Jewish Board of Deputies und der Anglo- Jewish Association gebildetes Komitee zur Wahrnehmung der Interessen de r J udenim Ausland) hat von zuständiger Regierungsstelle die Mitteilung erhalten, daß die britischen Behörden in Aden, wo bekanntlich vor einigen Monaten die Moslems in das jüdische Viertel eingedrungen waren und einen Pogrom veranstaltet hatten, beschlossen haben, daß von den 200 in Aden stationierten Polizisten ein Drittel durch in I n d i e n rekrutierte Polizisten ersetzt werden soll. Die Zahl der indischen Polizisten in Aden soll in Zukunft v/eiter erhöht werden. Diese Maßnahme wurde von der Regierung getroffen auf Grund der Beschwerde der jüdischen Bevölkerung von Aden, in der darauf hingewiesen wird, daß die ausschließlich aus Moslems sich zusammensetzende Aden-Polizei der jüdischen Bevölkerung im Falle von Angriffen seitens der Moslems keinen ausreichenden Schutz bietet. ■ * ...... Eine sonderbare Antwort hat das Komitee .bezüglich der Entschädigung der, jüdischen Opfer des Pogroms erhalten. Die britische Regierung billigt den. Standpunkt ihres Oberkommissärs in Aden, welcher eine Feststellung des den jüdischen Pogromopfern zugefügten Schadens ablehnt, weil Schuldige nicht festgestellt werden konnten. Wenn die Sache nicht so traurig . wäre, könnte man.über diese heuchlerische Verdrehung lachen. Die Regierung gibt ..erst selbst zu,, daß ihr e mohammedanische Polizei mit den Pogromisten gemeinsame Sache gemacht hat und verspricht, diese Polizei fortzujagen. Aber gleichzeitig beruft sie sich todernst darauf, das es. dieser Polizei nicht möglich war, „Schuldige" festzustellen. Also gibt es keine Schuldigen und die englische Verwaltung ist von jeder Verantwortung befreit. Wie kann man aus Bußland auswandern? Franz Romaschewski,. Vizedirektor des „Intourist4,1 in Moskau, sprach sich gegenüber dem Moskauer Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur über die Auswirkung der neuen Vorschriften, betreffend Auswanderung aus den Ländern der Sowjetunion, aus. Pässe für Auswanderer gibt die GPU. aus, Gesuche um P a ß a u s f o 1gung werden sehr „liberal" gehandhabt, 90 Prozent aller einschlägigen Gesuche werden positiv entschieden* Nur bei Vorhandensein sehr einschneidender p o 1 i t ischer Motive wird ein Paßgesuch abgelehnt. Alle Gesuche werden spätestens innerhalb vier bis sechs Wocheü erledigt. Zur Erlangung eines Passes für Uebersee-Auswanderung ist ein Affidavit des Ziellandes erforderlich, Die Paßgebühren' betragen für Arbeitende 500 Rubel in Gold, für Nichtarbeitende 1000 Rubel und können auch von Verwandten der Auswandernden bei jeder ausländischen Abteilung des „Intourist" hinterlegt werden, Bis jetzt, sagte Romaschewski, haben sich etwa 30 Personen/ in der Hauptsache Juden, zur Auswanderung angemeldet, einige derselben haben Rußland bereits verlassen. * Der Verkauf von lebenden Menschen, über welchen in der letzten Nummer der „Neuen Welt" berichtet wurde, hat somit begonnen. Juden mit reichen Verwandten im Auslande läßt die „proletarische" Sowjetrepublik frei ziehen, wohin sie wollen. Arme Juden, Arbeiter bleiben an die Galeere geschmiedet, bleiben an den Boden gebundene Sklaven. Für einige hundert Dollar verkaufen die Sowjets lebende Menschen. Bialiks Anklage Aus Palästina wird gemeldet: Der berühmte hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik fährt in seiner Anklage gegen die sowjetrussischen Be* hörden, denen er Verfolgung und Marterung von HU NID SCHAU