Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 277 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Jahrgang 6 Freitag/ den 30* Dezember 1932 DIE NEUE W Wr* 877 V« b*b» Zeitung vom Verleger versendet »"••fnni exDedie par reditenr*. Titf. Universitätsbibliothek Wien. f. R EVUE BEZUOSBEÜINÜUNÜEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20. Kanzjährig S16.- Tschechoslowakel monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14. Lei 40.-. --------' ' ' '—' —*----"'-*■ Lewa 120. jährig Schweizer Francs 4.50 {Polen monatlich Zloty 2.- vierteljährig Dinar 4" lOWaKei UlOnaillCn l\C O.—, Vieneijanrig l\c - ia.-, jukuiihw»:« iuuuauit.ii unwi it.—, ncncijauni; um« hj.—j rvuuiam vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig -; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—: Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vlertel- HERAUSGEBER ROBERT STRICKER Redaktion n. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, leL B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Die Komödie um Diu Cohn Das Vorspiel Dr. Cohn ist kein erfundener Name. Es, gibt unbestritten eine Menge Dr. Cohns in der Welt, Typen und Individualitäten. Es gibt sogar einen Dr. Cohn in der Literatur: Max Nordau hat aus ihm den Helden einer Tragikomödie gemacht, die künftigen Schicksale der Dr. Cohns vorweggenommen. Also, wie gesagt — Dr. Cohns in Hülle und Fülle. Man hörte kürzlich von einem Dr. CohnausBreslau, einem jungen Professor der' Breslauer Universität, in dessen Hörsaal die Hakenkreuzstudenten demonstrierten und mit den Rufen „Nieder mit Cohn!", „Cohn raus!" das Abtreten des Gelehrten zu erzwingen versuchten. Es war die typische Radaumacherei der akademischen Pogromisten, die sich durch die Anwesenheit eines jüdischen Lehrers „provoziert" fühlen. Das Geschrei der Studenten half nichts. Dr. Cohn blieb weiter im Besitz der venia legendi, im Besitz der Lehrerlaubnis. Was? Hakenkreuzstudenten bilden sich ein, einen Dozenten, nur weil er Jude ist, von seinem Lehrstuhl vertreiben zu können? Bilden sich ein, bei ihrem antisemitischen Gegröhle die Sympathie der akademischen Behörden auf ihrer Seite zu haben? Mit nichten. Fest steht und treu die Wacht der akademischen Autorität und des humanen Gewissens. Und nun entstand die Affäre Dr. Cohn. Dieser selbst erklärte, nicht zu weichen. Die Universitätsbehörde ließ ihm Schutz aogedeiben und wies ihm einen Raum an, wo er vor hakenkreuzlerischen Ueberg'riffen gesichert sein sollte. Der Breslauer Universitätsrektor Professor Brockelmann zeigte sich mit dem verfolgten Dr. Cohn Schulter an Schulter. Die Proteste der nationalsozialistischen Studenten und die nationalsozialistischen Anfragen Im Preußischen Landtag halfen nichts. Mau erfuhr, daß das preußische Staatsministerium nicht daran denke, dem antisemitischen Druck zu weichen und etwa Dr. Cohn und Beinen rektorialen Freund zu entfernen, ja nicht einmal daran denke, auf diese Anfrage eine Antwort zu erteilen. Die Würde der Universität, der Gerechtigkeitssinn der preußischen Behörden, die Treue des Rektors, die Mannhaftigkeit des Dr. Cohn sahen sich von einer überdimensionalen Gloriole umgeben. Die Operation ist gelungen und der Patient ist gerettet. Welch gütige Vorsehung! Der liberale und judenliberale Blätterwald rauschte vor Entzücken. Die Linkspresse berief sich darauf, daß der von der sozialdemokratischen preußischen Regierung gehegte Geist immer noch segensreiche Spuren zurückgelassen habe. Und die Herren Reichskommissar, Kultusminister und Rektor konnten, sich an die Brust schlagend, des deutschen Nationaldichters Schiller schöne Worte vom „Glauben an Liebe und Treue" zitieren. Bis In den Becher süßer Genugtuung ein Wermutstropfen fiel. . Die Szene wird zum Tribunal Daß Prof. Cohn nicht mehr im Hörsaal, sondern im juristischen Seminar liest, macht nicht viel aus. Die Hauptsache, daß. er weiterdoziert und daß sich die nationalsozialistischen Exzedentcn vor einem akademischen Disziplinargericht zu verantworten haben. Vivat academia, aber »uch Vivat justitia! Es lebe die Gerechtigkeit! Dr. Cohn, Cer jüdische Dozent an der Breslauer Universität, der dem nationalsozialistischen Terror nicht wich und dessen Verhalten „bei Presse und Publikum" Anerkennung fand, hat Anspruch darauf, daß man den studentischen Ruhestörern die Zähne zeigt und sie Mores lehrt. Aber es gibt bekanntlich in dieser schönen Welt nicht nur Richter, sondern auch Verteidiger. Und die Hakenkreuzstudenten fanden unter ihren Professoren die methodischen Verteidiger. Ich sage „methodisch". Denn die Herren Verteidiger-Professoren versuchten nicht etwa, die Angriffe der akademischen Pogromisten als den Ausfluß jugendlichen Temperaments, überhitzter Empfindlichkeit, nationaler Ueberspitzung zu stigmatisieren. Nein. Diese Herren Professoren richteten selbst Angriffe gegen andere, mit der Affäre Cohn in keinerlei Zusammenhang stehende — jüdische Professoren. Auch diese Operation gelang und auch diese Patienten wurden gerettet. Denn, wie es in einem Bericht heißt, haben die Urteile des akademischen Senats in keinem einzigen Fall eine Relegation, d. h. Entfernung von der Universität mit dem Ausschluß vom weiteren Hochschulstudium, ausgesprochen. Ein Wermutstropfen im süßen Becher der liberalen, judenliberalen und sozialdemokratischen Begeisterung! Gut. Finden wir uns damit ab. Ignorieren wir das „Schönheitspflästerchen" auf dem Gesicht der akademischen Gerechtigkeit. Der Jude wird verbrannt Bis zu Chanuka ging es unserem Dr. Cohn verhältnismäßig gut. Er durfte unter dem Schutz der Kriminalpolizei im juristischen Seminar der Breslauer Universität Vorlesungen halten und sich darüber freuen, daß die hakenkreuzlerischen Studenten Rügen und Verweise erhielten. Bis zu Chanuka oder — besser gesagt — bis zu Weihnachten. Denn am Weihnachtsabend bekam er ein nicht tragbares Geschenk unter den Christbaum gelegt. Und das kam so: Die linksstehende Berliner Zeitung „Montag- Morgen" befragte eine Reihe deutscher Persönlichkeiten über die Zweckmäßigkeit eines Asylrechtes für Trotzky in Deutschland. Es liefen u. a. Antworten von Severing, Kapitän Erhardt und Dr. Cohn (Breslau) ein. Des letzteren Erklärung lautete: „Die Frage gehört zu den sehr zahlreichen Fragen, die kein sachlich Denkender ohne sorgfältigste Prüfung einer Reihe von Umständen zu beantworten vermag. Insbesondere dürfte es von Wichtigkeit erscheinen, zu wissen, welche Erfahrungen die Länder, in denen Trotzky sich bisher aufhielt, mit ihm und seiner Tätigkeit gemacht haben. Ein geistiger Arbeiter wird stets schutzwürdig erscheinen, denn an Agitatoren und Nurpolitikern haben wir wahrhaft keinen Mangel." Wie man sieht — eine banale, nichtssagende, zu nichts verpflichtende, ausweichende Antwort; aber immerhin einq Antwort zu einer Frage, die einen jüdischen Bolschewiken betrifft. Uttä%mV BUtzesschhelie, kaum war das Wort dem Mund entflohen, legte sich die Antwort dem Herrn Dr. Cohn wie ein Lasso um den Hals: Derselbe Rektor, der mit Dr. Cohn auf Gedeih und Verderb in den Couloirs der Breslauer Universität BEHANDLUNG VON RHEUMATISMUS GICHT, ISCHIAS UND FOLGEN VON SPORT¬ VERLETZUNGEN AUF MQOfflBSTE ART (SCHNELLKUREN, JONTOPHORESE, ORIGINAL PISTYANER SCHLAMMPACKUNGEN ETC.) IN DER KURANSTALT DIANABAD FÜR ALLE PHYSIKALISCHEN HEILMETHODEN GRÖSSTER KOMFORT ZEITGEMÄSSE PREISE spazierenging, derselbe akademische Senat, der keine Veranlassung gefunden hatte, Dr. Cohns. Lehrberechtigung in Zweifel zu ziehen, Rektor und Senat waren es, die unserem Dr. Cohn den Lasso um den Hals legten: Sie erklärten beschlußraäßig, daß Dr. Cohn die pflichtgemäße Zurückhaltung In einer umstrittenen politischen Frage verletzt habe und „demzufolge seine Lehrtätigkeit nicht tragbar sei". . Jetzt haben'wir ihn endlich, den jüdischen Professor, der uns schon so viele Scherereien gemacht hat. Nicht tragbar! Aber tragbar als Tragbahre des vielleicht doch schon in Agonie liegenden Assimilanten - Op t i m i s m üs! Der Kampf um die jüdische Arbeit Die poale-zionistisdie und revisionistische Arbeiterschaft und das nationale Bürgertum in gesdiSossener Front In Palästina ist ein Arbeitskampf ausgebrochen, der mit den sonstigen Konflikten auf dem Gebiete der Arbeit nichts gemein hat. Es handelt sich weder um Lohnschwierigkeiten, noch um Kämpfe zwischen verschiedenen Arbeiterorganisationen. Es geht um eine heilige, nationale Sache! Es geht um die judische Arbeit im jüdischen Lande! Aus Palästina wird gemeldet: Jerusalem, 21. Dezember. In der jüdischen Kolonie Ness Ziona kam es zu einem Zusammenstoß zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern, der seinen Ausgangspunkt darin hatte, daß ein jüdischer Orangenzüchter in der Kolonie nur arabische auswärtige Arbeiter beschäftigte und die jüdischen Arbeiter boykottierte. Die jüdischen Arbeiter stellten Streikposten vor den Eingang zu dem Orangenhain. Der Besitzer des Hains aber rief die sich bereits entfernenden arabischen Arbeiter zurück und befahl ihnen, die Arbeit aufzunehmen und sich durch die jüdischen Arbeiter in keiner Weise stören zu lassen. Bei dem Eintritt der arabischen Arbeiter in den Hain ereignete sich nun ein Zusammenstoß, bei dem fünf Juden und vier Araber leicht verletzt wurden. Die herbeigerufene Polizei verhaftete neun Mitglieder der jüdischen KOHLE/KOKS ANTHRACIT höchster «Uialltüteii BÄSCH, IV. Argentlnleratra&e 22 Tel.: Serie U-47-9-4Q Alle im redaktionellen Teil befindlichen entfielt« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Streikposten und mehrere Araber. Die Verletzten; wurden in das Hospital gebracht. * Jerusalem, 33. Dezember. 'Acht der anläßlich des Zusammenstoßes zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern in Ness Ziona verhafteten jüdischen Arbeiter wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt. Von den mitverhafteten Arabern wurde keiner verurteilt. Jerusalem, 33. Dezember. Mitglieder der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterföderation Palästinas (Histadruth Haowdim) und Mitglieder der nationalen Gewerkschaft der Revisionisten traten am 20. Dezember in Gan Scharon in den Streik, nachdem die Verwaltung des Gan Scharon, des im Besitze kanadischer Zionisten befindlichen großen Orangenhains, zum ersten Male seit Bestehen des Hains arabische Arbeiter eingestellt hat. In sämtlichen Siedlungen der Scharon- Ebene herrscht darüber große Erregung. 70 jüdische Arbeiter unter der Leitung des Histadruthführers Ben Gurion bildeten Streikposten und gaben ihre Entschlossenheit kund, die Araber an der Aufnahme der Arbelt zu verhindern. Die Lage ist ernst. Unter ungeheuren Opfern, welche die Bewunderung der ganzen Welt hervorrufen, haben die Zionisten den Weg in das jüdische Land, den Weg, der länger als zweitausend Jahre verschüttet war, freigemacht. Unter ungeheuren Opfern hat der Zionismus jüdische Arbeiter ins Land gebracht und jüdische Arbeit hat — von zionistischem Geiste beseelt — Wunderbares geschaffen. Und nun kommen Menschen, jüdische Menschen, und schließen die jüdische Arbeit aus, die jüdische Arbelt, ohne die das ganze Werk sinnlos wird und zusammenbrechen muß« Wie konnte es dazu kommen? Unter den Plantagenbeaitzeru, welche nur arabl«