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Die neue Welt · 1932-12-23 · Heft 276 (23.12.1932) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 276 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 276 DIE NEUE WELT Seite) | Aus Deutschland Ifeflag« der »Neuen Well« für Deutschland « Filialredakfion und Administration: Berlin, Charlottenburg % JoadihntfafertfvaBe 3 » Jude sein und bleiben Der deutsch-jüdische Liberalismus In der Sackgasse Jude sein und bleiben — wahrlich, ein schöner Titel für einen Vortrag; eine schöne Gelegenheit, inmitten der seelischen, wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen ein Bekenntnis zur Tat abzulegen, inmitten des gewaltigen Umschichtungsprozesses den Willen zu jüdischer Selbsterhaltung zu bekunden; ein günstiger Augenblick, nun endlich allen falschen Hoffnungen, Selbsttäuschungen und Vorspiegelungen Ade zu sagen. Aber es kam wieder einmal anders. In. der Reihe der von der liberal geleiteten Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalteten „Religiösen Vorträge" sprach kürzlich Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Centrai- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, über das Thema: „Warum sind und bleiben wir Juden?" TJeber das Referat erfährt man Näheres ans der C.-V.-Zeitung, die den stolzen Untertitel trägt: Blätter für Deutschtum und Judentum. Die vorgetragenen Gedankengänge bezeugen, daß Dr. Holländer ein belesener Mensch ist, daß er Uber die jüdische Wesenheit und Wesenart nachgedacht hat. Denn gleich in der Einleitung seines Vortrages erklärt er, daß das Judentum mehr sei als ein grandioses Religionsgebäude. Es ist, betont er, „eine Erscheinung, zusammengesetzt auf der Grundlage der religiösen Erkenntnis mit Wesenheiten, die auf dem Gebiet der Schicksalsgemeinschaft, der Abstammungsgemeinschaft und der alten nationalen Zusammengehörigkeit beruhen". Und er setzt hinzu: „Die große geistige Kraft dieser soziologischen Gruppe wird mitbestimmt durch all das, was man heute iu biologischem Sinne Mnome (Gedächtnis, . Gesamtheit der Erinnerungen) nennt." Man darf die hier seitens eines C.-V.-Mannes ausgesprochene Definition des Judentums nicht unterschätzen. Man muß bekennen, daß der Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens von der bisherigen Betrachtungsweise seiner Gesinnungsfreunde wesentlich abgerückt ist. Hören wir doch plötzlich von Dingen, die den deutschen Assimilanten immer als Greuel erschienen: Schicksalsgemein sc h a f t, A b s t a Dorn u.n,gsgemeinschaft, nationale Zusammengehörigkeit! .Solch eine Definition verpflichtet. Sie grenzt fast an Hochverrat gegenüber der liberal-assimilatorischen Mentalität der deutschen Centralvcreinler, denn sie berührt sich förmlich mit der nationaljüdischen, zionistischen Ideologie von der ScWcksals- und Verantwortungsgemeinschaft aller jüdischen Menschen, kurzum der jüdischen — Nation. „Die große geistige Kraft dieser soziologischen Gruppe" vermag aber leider nicht, den klugen Dr. Holländer die Schlüsse ziehen zu lassen, die sich zwangsläufig aus dieser Betrachtungsweise ergeben. Der Zionismus hat sie gezogen. Der deutsch-jüdische Liberalismus ist auf halbem Wege stehengeblieben. Der Zionismus hat die Gesamtheit der Erinnerungen zur Tat, zur Wiedergeburt des jüdischen Vo Lk.es. verdichtet. Der deutsch-jüdische Liberalismus begnügt sich mit einer Verbeugung vor der Vergangenheit und für die Gegenwart fordert er zwei parallel laufende Auf gaben. Dr. Holländer, ein, wie gasagt, psychologisch orientierter Mensch, stürzt sich hier leider wieder kopfüber in das Meer nebuloser Phrasen und Wünsche und Anbiederungsmanieren. Die Aufgaben für die Gegenwart? Das Rezept fürs „Jude bleiben"? Er singt wieder die alten, bis zum Ueberdruß abgeleierten Melodien. Die deutschen Juden, deklariert er, sind einer der zahlreichen deutschen Stämme. (Er hat seine Definition von Abstammungsgemeinschaft vergessen.) „Mannigfaltigkeit Ist das Wesen eines modernen Volkes und je selbstgetreuer die einzelnen Stämme (er hat seine Definition von der Schicksalsgemeinschaft vergessen), die einzelnen Gemeinschaften des deutschen Volkes sich zu ihrer Eigenart bekennen, desto wertvolleres Material stellen sie für das Gefüge des Ganzen dar." Also: Der deutsche Stamm der Juden sei ein Steinchen im Mosaikbild des deutschen Volkes. Das ist die eine, geographisch begrenzte Aufgabe. Aber dabei bleibt Dr. Holländer nicht stehen. Die Arbeit am deutschen Volksschicksal ist ihm zu wenig für uns Juden. Wir haben mehr zu tun, uns Ist eine weitaus höhere Aufgabe überantwortet. Es darf uns nicht genügen, zu leben, zu schaffen, zu wirken, kurzum ein Volk zu . sein wie alle anderen. Nein. Wir haben inmitten der Erschütterungen, die uns zu zerstören drohen, eine höhere» eine idealere, eine weltumspannende Pflicht zu erfüllen. Während man uns die Köpfe einschlägt, den Bissen Brot vom Mund wegreißt, den Zutritt zu Bildung verweigert, jede Ehre abspricht, ein normales Dasein verwehrt, sollen wir die lebensnahen sozial-ethischen Bestimmungen der Bibel allen Völkern mundgerecht machen, soll das Judentum die Menschheit mit diesen sittlichen Postulaten erfüllen, sollen die Juden als Mittler und Wegbereiter prophetischer Erfüllung tätig sein. Kurzum, das Judentum muß nur deshalb bestehen bleiben, damit es allen Völkern „Wahrheit, Recht und Frieden" predige. Für uns Leiden und Tränen, für die anderen die Schönheiten unserer Lehre. Dr. Holländers Forderungen in Ehren — aber sie sind für eine Zelt bestimmt, da der Wolf mit dem Schaf, die Welt mit dem jüdischen Volk friedlich weidet. Bis dahin müssen wir schauen, daß wir leben. Der neue Stableiter Dr. Ley Adolf Hitler hat, nachdem sein „bester Mann" Gregor Strasscr aus Oppostion zu Hitlers schwankender Politik alle seine Aeinter in der NSDAP, niedergelegt hatte, Strassers Amt als Organisationsleiter der Partei nominell selbst übernommen, aber zur eigentlichen Führung dieses zweitwichtigsten Parteiamtes Dr. Ley aus Köln berufen, der zum „Stabsleiter" ernannt worden ist. Die Zeitungen bringen eine Charakteristik des neuen Hitlerschen „Stabsleiters", der erst vor kurzem wegen eines brutalen Uebcrfalles auf den . Führer der Sozialdemokratschen Partei Otto Wels und den Kölner Polizeipräsidenten Bank n,c c h t zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, und bringen Zitate aus Reden Dr. Leys, so u. a. Behauptungen, daß ..die Juden Sehnsucht nach dem Blut ihrer W i r t s v ö 1 k o. r" haben und darum „B 1 u t m o r d c" begehen. Dieses Zitat aus einer Rede Leys hat sein eigenes Blatt, der „Westdeutsche Beobachter" gebracht. Die „Kölnische Zeitung" bringt folgendes Zitat aus einer. Rede Leys aus der Zeit der Reichskanzlerschaft des Herrn v. Papcn: „Herr Reichskanzler, wir verlangen, daß der Jude Abegg standrechtlich erschossen wird!" (Abegg ist übrigens nicht Jude.) Ley hat wiederholt gefährliche Drohungen gegen die Juden in Deutschland ausgestoßen. Einmal verstieg er sich zur Drohung, daß, wenn Frankreich nicht nachgeben sollte, alle Juden aus Deutschland verjagt werden würden. <WIUItf FRIlVf-1' WOLFSttERÜKOGhL TEL 82 OJMVlLriE*niilljrAuskunt Wien Tel.. R-13-0-21 K„6 Dir. ERWIN GUNST *«£ Täglich 5 Uhr The Dansant i P E N S ION S 10. Küche Abendkonzett aufwärts Bücher zur Jiidenfrage Antisemitismus, Assimilation und Zionismus Das Problem Judentum beherrscht wie kein anderes einen großen Teil der deutschen politischen Literatur. Wir stehen im grellen Rampenlicht. Niemals ist so oft an uns gedacht, so oft von uns gesprochen, so oft mit uns gerechnet worden. Wir werden gehaßt, verspottet, geschmäht, beleidigt, entrechtet, bemitleidet, bevormundet. Es ertönen Stimmen der Vernunft und Gerechtigkeit neben Ausbrüchen wütendsten Hasses. Und zwischen all den Gefühlsausbrüchen des Hasses unserer Freunde und des Mitleids der „Neutralen" kehrt immer, eines wieder: das Staunen über unsere Unverwüstlichkeit. Man grübelt über dieses Faktum und kann es nicht erklären. Dann kommt die Serie der Bücher mit dem Untertitel: Das Rätseldesjudentums. Es ist klar, daß sich in dem Meer des Judenrätsels Berufene und auch Unberufene tummeln. Wenn wir hier von . einigen Schriften erzählen, die aus dem Büchermarkt auf unseren Tisch geschwemmt worden sind, so geschieht dies, um gewisse Grundlinien der das Judentum betreffenden . Literatur zu zeichnen, ohne Rücksicht gerade auf den Wert und die Qualität der Erzeugnisse. Unter dem Titel „Politik und Rasse" (Verlag C. W. Stern, Wien-Leipzig) versucht der Autor Carl Helm, ein Jude, sich auf Thesen bekannter Autoritäten der Völkerkunde, wie Ratzel und Luschan, zu stützen, um die Vorurteile in bezug auf „absolute Rassenwerte ad absurdum zu führen und damit den Angriffen gegen die Judenheit als minderwertige Rasse die Spitze abzubrechen. Auf diesem Weg begibt sich der Autor auf das Gebiet des Judenhasses. Er gibt die banalen Definitionen von Volk, Staat und Rasse und führt die „Abneigung der Völker g e,g e n die Juden" auf „Kulturhistorisch-ethnologische Momente" zurück. Am wichtigsten scheint ihm die Feststellung, daß . von einem ausgesprochenen Nationalbewußtsein bei den europäischen Juden („abgesehen von einer relativ kl e ine n Zionistengruppe" — so nennt er die z'cnistische Weltbewegung) keine Rede sein könm> »aher auch von keiner jüdischen Nation, gegen die die anderen Völker Stellung nehmen könnten. Das trifft, sagt der Autor, auf die Juden zu, die der westlichen europäischen Kulturgemeinschaft angehören und sich völlig — asimiliert Dieb vor minderer Qualität, kaufe, also m 20.- S 16e~f S >«2>«—f S VII« Kaiserstraße 123, IX« Alsersfraße 6 haben. Anders steht es um die Ostjuden, deren Massen (so sagt der superkluge Herr Helm) in tiefster materieller und geistiger Unkultur leben und deren brutaler und räuberischer Geist die stete Bedrohung der europäischen Weltkultur bildet. „Der revolutionäre sozialistische Ostjude ist nun infolge seiner ihm anhaftenden niedrigen Kultur zum vornehmlichen Verbreiter dieses asiatischen (bolschewistischen) Räubergeistes in Westeuropa geworden. Man erkennt dies z. B. deutlich in der Tendenz der von diesen Ostjuden bedienten sozialistischen und kommunistischen Presse." Und er schließt diesen Unsinn mit dem noch unsinnigeren Dogma: „Die Ost« judenfrage gehört in den asiatisch-nomadischen Kulturkomplex." Und die Westjudenfrage? Auch auf diese hat Herr Helm eine Antwort: „Sie wird durch die Tatsache der Mischehen und Geburtenausfall aus der Welt geschafft." Weniger absurd, aber nicht weniger banal gibt sich die Schrift „An der Schwelle einer neuen Welt" (Worte an die Völker der Erde) von C. Hazapebur (Verlag der Neuhumanisten in Wien.) Der Verfasser will die Menschheit sehender, besser und glücklicher machen; er will sie vom Ballast uralter Traditionen befreien durch Erziehung zu wahrem Menschentum. Was die Judenfrage anlangt, bestreitet er einen biologischen Rassenhaß, anerkennt den Rassenunterschied zwischen Juden und Nichtjuden, hält das Minderwertigkeitsgefühl gewisser Juden für ganz ungerechtfertigt und den Antisemitismus für judenarterhaltend. Der Zionismus, sagt Hazapebur, ist ein schöner und pietätvoller Gedanke, aber — und jetzt kommt der Pferdefuß — die Juden haben eine größere Mission zu erfüllen: „ Die große Mission der Pazifizieruhg und der Verbrüderung der Welt, um alle Völker zu einer edlen Menschheit zusammenzuschweißen." Man hat uns schon so viele Aufgaben in der Welt überliefert, daß wir auch diese auf unsere tausendjährigen Schultern nehmen können. Tragen die Bücher der Herren Helm und Hazapebur mehr theoretischen Charakter, greift Dr. Friedrich v. Oppeln-Bronikowski in seiner Schrift „Gerechtigkeit! Zur Lösung der Judenfrage" (Nationaler Verlag Joseph Garibaldi Huck, Berlin-Wilmersdorf, Kaiserplatz 11) in das aktuelle Schicksal der deutschen Juden. Oppeln-Bronikowski veröffentlichte knapp nach dem Weltkrieg eine kleine Broschüre „Antisemitismus?", worin er als konservativer KuVrarpolitiker „vor einem grundsätzlichen Antisemitismus" warnte. Seine Stellung zur Judenfrage ist in den Jahren der nationalsozialistischen Flut unverändert geblieben. Weiten Kreisen wurde er dadurch bekannt, daß er im deutschen Rundfunk mit dem antisemitischen Politiker Stapel ein Streitgespräch über das jüdische Problem Deutschlands führte. Schon hier betonte er, daß ihm die Judenfrage als eines der brennendsten innerdeutschen Probleme am Herzen liege, und in seiner Schrift „Gerechtigkeit" will er einen allgemein faßlichen Ueberblick geben, aus dem jedermann selbst die Folgerungen für seino Einstellung zur Judenfrage ziehen könne. Oppeln-Bronikowski, der deutschnationale Politiker und Publizist, setzt mit der Behauptung ein, daß in der deutschen Judenfrage die „Schuld" auf beiden Seiten liege, und erklärt vorwegs, daß der Antisemitismus in Deutschland eine nicht wegzudiskutierende Tatsache sei: eine Tatsache mit Ursachen, nicht etwa auf Suggestion, Verhetzung und Nachkriegspsychose beruhend; sondern Symptome eines Krankheitsand Zersetzungsprozesses im Gefolge der politischen Um« wälzungen, die sich auf beiden Seiten zeigen. Oppeln-Bronikowskis konservative Denkungart ver* langt diese Teilung der Schuld, Er wünscht, daß man we*

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