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Die neue Welt · 1932-12-23 · Heft 276 (23.12.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 276 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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F Nr. 276 DIE NEUE WELT Seite 3 Große Makkabäerfeier ■ der Union der Zionisten- Revisionisten Mittwoch, 28. Dezember, y2 9 Uhr abds. in den Sälen des Heims, II., Untere Augartenstr. 38 Festrede Eintfitt x Schilling Reichhaltiges Programm Für Jugendliche 50 Groschen UNDSCHAU Menschen *u verkaufen ♦ ♦ ♦ Die Regierung der Sowjetrepublik braucht ausländisches Geld — Dollars, Pfunde, Mark, Franken usw. —, weil man ihr für ihren Rubel nichts liefern will. Um ausländisches Geld zu bekommen, hat sie die Schlösser und Paläste der Zaren, der Adeligen und der Reichen geleert, Juwelen, Kunstschätze, Antiquitäten, Kirchengeräte, Tempelgeräte, Bibliotheken usw. auf den europäischen und amerikanischen Markt geworfen. Aber schließlich wird auch das große Rußland leer. Man mußte andere Methoden in Anwendung bringen. Findige Köpfe kamen darauf, daß Juden eine Fundgrube ausländischen Geldes sind. Auch aus Juden kann man Geld Herausbekommen, wenn man nur herzhaft quetscht. Und wenn nicht aus ihnen, so aus ihren Verwandten im Auslande. Unter Anklage, Gold und fremde Valuta versteckt zu halten, wurden tausende Juden verhaftet. In eine Zelle, welche für vier Gefangene bestimmt Ist, wurden fünfzig gesteckt, die stehend Tage und JNächte verbringen mußten. Man gab ihnen kein Wasser zu trinken, dafür einen versalzenen Brei zu essen. Die Zellen waren ungeheizt oder überhitzt. Bis zum Wahnsinn hat man sie gepeinigt und ihnen „erlaubt", an Verwandte im Ausland Briefe um Geld zu richten. Schöne Summen gingen ein. Schließlich versagte aber auch dieses Mittel, und jetzt übt man eine andere Methode: Man bietet dem Auslande Juden zum Kaufe an. Bisher durften Juden, auch alte und kranke, nicht auswandern. Jetzt ist es ihnen gestattet, wenn eine Visagebühr von 1100 Goldrubel, d. s. 550 Dollars per Kopf, erlegt wird. Die Sowjetleute sind gute Rechner. Kein Jud in Rußland ist in der Lage, für sich oder gar für seine Familie Tausende von Dollars aufzubringen. Aber herzzereißende Briefe werden ins Ausland gehen, an Verwandte, an Philantropen, an Institutionen, mit der flehentlichen Bitte: Rettet uns aus der Hölle, vor Hunger, vor Qualen! Um Gotteswillen! Kaufet einen Menschen um 550 Dollars . . . Den Juden in Europa und Amerika geht es nicht gut. Aber wenn es um Brüder, Väter, Schwestern, Mütter geht? Sie werden kaufen, ein Menschenleben um 550 Dollars von den Menschheitserlösern in Moskau. * Aus Tel-Awiw wird gemeldet: Der berühmte hebräische Dichter ühaim Nachman B i a 1 i k erließ neuerdings einen Appell au die jüdische Presse der ganzen Welt, gegen die behördliche Verfolgung von Juden in Rußland im Zusammenhang mit der Suche nach ausländischer Valuta zu protestieren. Bialik teilt mit, es sei ihm in den letzten Tagen neues Material aus Rußland zugegangen, aus dem zu ersehen sei, daß Zehntausende Personen, hauptsächlich Juden, wegen angeblichen Valutabesitzes verhaftet und in den Gefängnissen zwecks Erpressung von „Geständnissen" gepeinigt werden. //Eine Aktiengesellschaft kann nicht jüdisch sein « ♦ Die Wirkung der hakenkreuzlerischen Parolen, das jüdische Kaufhaus zu meiden und nur in — arischen Geschäften Einkäufe zu besorgen, hat bekanntlich am sogenannten „Goldenen Sonntag" auch vor dem großen Warenhaus Gern groß nicht haltgemacht. Ja, gerade dieses Warenhaus mit seinem nicht gerade nordischgermanisch klingenden Namen war der Schauplatz jenes Tränerigasattentats, das in ganz Wien Erregung hervorrief und zur Eindämmung des hakenkreuzlerischen Terrors ermunterte. Es ging gegen die Juden, gegen die jüdischen Firmen. Die Herren Gerngroß, in ihrem Geschäft hart geschädigt, konnten sich bei dieser Gelegenheit in den Kreis «der jüdisch betroffenen Firmen einbeziehen lassen und damit die antisemitische Tendenz der nationalsozialistischen Exzesse deutlich bekräftigen. Sie taten es nicht. Denn sie sind keine Juden, sondern gewesene Juden. Als man den Chef der Firma fragte, wie er den Gewalt- RFOLGREICHSTER Wü Li JQi \rf I E UNTERRICHT MEISTERSCHULE S 8.- KORREPETITION S 1.~ IJEBUNGSGEIEGENHEIT Unter Staatlich geprüfte Konzertpianistin" an die Adm, d. Bl. streich des Wiener Hakenkreuzes auffasse, gab er ein wunderbares Bonmot von sich; eine Weisheit, die in das Lehrbuch der Wirtschaftstechnik aufgenommen zu werden verdient. Er erklärte nämlich mit Nachdruck: „Eine Aktiengesellschaft kann nicht jüdisch sein!" Denn erstens kann Aktien kaufen, wer will; zweitens beschäftigt die . Gerngroß A. G. über 75 Prozent arischer Angestellter; drittens sind die Gerngroße selbst keine Juden mehr; und viertens — wir Gerngroße haben eben Pech gehabt. Die Herren Gerngroß haben wirklich Pech. Entlaufen dem Judentum, geben sich einen arischen Anstrich, aber die Pogromantisemiten wissen ihnen keinen Dank dafür, sondern vertreiben die Kunden aus ihren heiligen Hallen. Wenn das kein Pech ist... Roslere dich besser! die einzige schwedische Weitmarke : Die Weihnncimpremlerß der vfc, jcäthew^^ HOJr Ich bei Tag und du bei Nacht Ein Flimlustsplel d. Erloh-Pommer-Produktlon der Ufa von H. Szökely n. R. Liebmann. Reglos Ludwig Berget». Musiki Werner R. Heymann. Texte: R. Ollbert. Weitere Darsteller: A. Lindner, J.Palkenstein, A.Pointner, E. Rex, I. Wüst Im Vorprogramm singt Rlohard Tauber Sohubertlleder! Ab heute: :; Gartenbau-Kino, I. Ula-Ton-Klno, II. Wieniaile-Klno, VI. Stala-KIno, VM. Kolosseum-Kino, IX. Ein erschütterndes Symbol In einzelnen polnischen Städten gab es in der ersten Dezemberwoche wieder einmal antisemitische Exzesse, als deren Anstifter und Täter Studenten fungierten. Studenten waren es, die nach deutschem Hakenkreuzmuster zuerst ihre jüdischen Universitätskollegen, dann jüdische Passanten auf der Straße anrempelten und sich bis zu wüsten Zerstörungen jüdischen Eigentums verstiegen. Darob Empörung in der jüdischen Gasse aller Länder, darob Entrüstung auch in Amerika. Ein jüdischer Philosoph, Lehrer am City College in New York, namens Dr. Arthur Kraus, gab in seiner Aufwallung die Anregung zu einer Demonstration jüdischer und nichtjüdischer Studenten New Yorks vor dem Gebäude des polnischen Generalkonsulats in New York — als Protest gegen die blutigen polnischen Dezemberexzesse. Alles war in Ordnung. Dr. Kraus wollte sicii an die Spitze des Demonstrationszugs begeben, als plötzlich keiner da war. Man hat abgeblasen, mit der Motivierung, daß die zunehmende Beruhigung in Polen diese Demonstration überflüssig mache. Der jüdische Professor war empört. Er, dert frühere Offizier der polnischen Armee, er, der für Polens Selbständigkeit gekämpft hatte, konnte nicht begreifen, daß man die Teilnahme am Schicksal der jüdischen Studenten Polens, weil sich doch die Gemüter beruhigt hätten, einfach wieder ad acta lege. Sein Gemüt beruhigte sich nicht. Im Gegenteil. Er demonstrierte seine innere Empörung über die Feigheit der abblasenden Demonstranten — der jüdischen und nichtjüdischen — darin, daß er in den Hungerstreik trat. Dr. Kraus hungert seit dem 10. Dezember aus Protest gegen den polnischen PogromantisemitiBmus und aus Scham Uber die feige Indolenz jüdischer Studenten in New York. Ein jüdischer Märtyrer! Wollte man Uber solch eine Haltung hungern, gäbe es neben den durch Armut und Not zum Hungern verurteilten Juden noch eine ganze Menge jüdischer Hungerstreikler — in allen Teilen der Welt. „Der jüdische Gandhi", wie die New Yorker Blätter den tapferen Dr. Kraus nennen, ist ein erschütterndes Symbol der Galuthwirklichkeit. Der Unterschied Im Obersten Gerichte der Vereinigten Staaten — einer Behörde von fast unbegrenzter Machtvollkommenheit — sitzen unter neun Richtern zwei Juden, Brandeis seit zwölf Jahren und Cardozo seit drei Monaten. Die Ernennung dieser Männer hatte die amerikanische Judenheit mit Stolz und Freude erfüllt, ganz besonders deshalb, weil beide im amerllcaiüasch-jüdischen Leben eine Bolle spielten. Brandeis war, als er zum Obersten Richter ernannt wurde, der Führer der Zionisten. Cardozo war Mitglied des assimilatorischen „American Jewish Committee", der Organisation der antinationalen, hundertzwanzigprozentigen Amerikaner jüdischen Glaubens. Brandeis arbeitete, trotz hohen Alters, nach seiner Ernennung weiter als Zlonist, schuf neue, wichtige Institutionen, war immer zu haben, wenn es galt, bei den wichtigsten Stellen für jüdische und zionistische Interessen zu wirken. Anders Cardozo! Er läßt jetzt, also kaum drei Monate nach seiner Ernennung, in den amerikanischen Zeitungen seinen Austritt aus dem „Jewish American Committee" verkünden. Er sagt, zur Wahrung seiner vollen richterlichen Unabhängigkeit... Per Z i o n i s t Brandeis glaubt sein hohes Ricbteramt zu ehren« wenn er treuer und tätiger Pienes seines t jüdischen Volkes bleibt. Der Assimilant Cardozo glaubt sein Richteramt durch Aufrcchterhaltung Irgendeiner Verbindung mit jüdischen Dingen zu schädigen. Das ist der Unterschied! Judisches aus Griechenland Statt Zionisten — Assimilanten und Kommunisten i (Aus einem Berichte an die „Neue Welt") Die „Neue Welt" hat vor einigen Wochen Uber die Niederlage der Zionisten bei den letzten griechischen Parlaments wählen berichtet. Während bis dahin die Juden durch drei Zionisten, einen Senator und zwei Abgeordnete, vertreten waren, gelang es diesmal den antinationalen Gruppen, die Zionisten zu Falle und drei Assimilationsjuden, zwei „griechischnationale" und einen Kommunisten, in die Kammer und den Senat zu bringen. Die Ursache der Niederlage ist, wie auch in anderen Ländern, in der Zurückdrängung des nationalen Vollzionismus und im Ueberwuchern des volksfremden Agency- und Geldsammeizionismus zu suchen. Die Folge der Niederlage ist in traurigster Form in Erscheinung getreten. * Der Wahlsieg und die Tätigkeit des jüdischen Kommunisten Michel Cazes haben eine rüde antisemitische Kampagne entfesselt, welche sowohl seitens des Regierungsblattes „Makedonika Nea" als auch seitens des BlatteB der venizelistischen Opposition „Makedonia" geschürt wird. Die Parole lautet: „Alle Juden sind Agenten Moskaus!" Der Senator Isaao Sciaky und der Abgeordnete Daniel Allalouf, welche bei den Wahlen zusammen mit Cazes wacker am antizionistischen Strange gezogen haben, bemühen sich, den gefährlichen Bundesgenossen loszuwerden. Sie veröffentlichen Erklärung über Erklärung, daß sie und die Juden mit Cazes nichts zu tun haben. Natürlich ganz vergebens. * Die Juden haben jetzt einen eigenen jüdischen Wahlkreis in Saloniki. Der antisemitisch eingestellten Regierung ist dieser Wahlkreis ein Dorn im Auge. Sie will ihn abschaffen. Dienstfertig haben sich die „national-griechischen" Israeliten der Regierung zur Verfügung gestellt. Die Herren Sciaky und Allalouf sind prompt beim Premierminister Tsaldaris erschienen und haben die Abschaffung des „Wahlghettos" gefordert. Herr Tsaldaris hat freudig zugestimmt. Dafür macht jetzt die starke, weniger antisemitisch eingestellte venizelistlsche Opposition, welche die jetzige Regierung nur duldet, den Juden den Vorwurf politischer Charakterlosigkeit und droht, die Regierung aus diesem Anlaß zu stürzen. * Der Lohn für die knechtische Haltung der Assimilationsjuden ist nicht ausgeblieben. Nach den Wahlen begann das Regierungsorgan „Makedonika Nea" ein Aufsatzreihe unter dem Titel „Der jüdische Henker von Saloniki" in Form von historischen Berichten Uber den griechischen Freiheitskampf 1821. Zentrale Figur ist die erdichtete Gestalt des GUnstllngs des damaligen grausamen türkischen Gouverneurs, des Peretz Goro, eines teuflischen Griechenhassers. Er und seine Tochter spielten die Hauptrolle bei der Ahse hlachtung der griechischen Freiheitskämpfer die Hauptrolle. Wenn je etwas angetan war« die Haßgefühle gegen die Juden aufzupeitschen, ist es dieses Machwerk. Die Abgeordneten und die Vertreter der Judengemeinde sind zum Generalgoüverneur üragounis geeilt und haben um Einstellung der Hetze im Regierungsblatte gefleht. Herr Dragounis hat ihnen die Einstellung freundlich zugesagt — und die Artikel erscheinen weiter. * Die Griechen waren nie Judenfreunde. Aber das Verhältnis zwischen der Regierung und der Oeffentüchkelt zu den national jüdischen, aufrechten Vertretern war ein erträgliches. Die jüdisch-griechische Wählerschaft hat diese Vertreter gegen servile Assimilationsjuden und Kommunisten eingetauscht. Die Früchte dieses Tausches sind nun da. Hillel Zlaiopolskys Begräbnis Am 13. Dezember wurde auf dem Pariser Jüdischen Friedhof der auf tragische Weise ermordete, bekannte Zionist und Hebraist Hillel Zlatopolsky provisorisch bestattet; seine sterblichen Reste werden zu einem späteren Zeitpunkt nach Palästina überführt und dort beerdigt werden. Die einzige Tochter Zlatop o 1 s k y s, Frau Schoschana Persitz, Vizebürgermeister von Tel-Awiw, die mittels Flugzeugs aus

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