Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 275 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 273 DIE NEUE WELT Seite 5 ] Aus Deutschland «dlas* *•» »Nenn Well« fflr DeulufaUaJ « FUUlraUkrion mil A«ntelftratf*a> B«»Mn» Ch«ilotte»biif« ft iMMMtahMftafe!/■) Ein jüdisches Wellthealer Selbsthilfe der jüdischen Schauspieler Deutsch« lands und Oesterreichs (Eigenbericht der „Neuen Welt") Die Welle brutalsten Judenhasses, die mit nie geahnter Heftigkeit durch Deutschland geht, macht vor keiner Erscheinung halt. Die nationalsozialistischen Parolen von Entrechtung, Ausmerzung, Vernichtung jüdischer Existenzen und Ausschaltung aus dem Erwerbsleben haben nun auch auf einen bisher weniger beachteten Berufsstand übergegriffen: auf den jüdischen Schauspieler. Nun ist auch er, der Träger des unpolitischen, rein künstlerischen Gedankens, betroffen. Gesinnungsschnüffelei und konfessionelle Hetze, Verdächtigung der künstlerischen Absichten und rassische Ueberhebung haben es mit sich gebracht, daß fast 80 Prozent der nji deutschen Provinz theatern beschäftigten judischen Schauspieler und Schauspielerinnen abgebaut worden sind und jede Chance eines Wiederengagements verloren haben. Die bei den anderen jüdischen Berufsschichten zutage getretenen Erscheinungen finden hier ihre traurige Fortsetzung. Ein Beispiel: Im letzten Vierteljahr sind sieben jüdische, brotlos gewordene Schauspieler freiwillig aus dem Leben gegangen. Ein Beispiel, fürchterlich in seiner Eindringlichkeit! - Mitten in dem wirtschaftlichen, geistigen und seelischen Elend ertönt der Ruf zur Selbsthilfe. Es wurde das Projekt geboren, die erwerbslosen jüdischen Künstler zu Ensembles zusammenzufassen und mit diesen Gruppen in leerstehenden Theatern und anderen zu mietenden Bühnen der verschiedenen europäischen Länder Vorstellungen zu veranstalten. Diese Idee ist ebenso einfach wie durchschlagend. Ihr Initiator, Organisator und Propagandist, der bekannte Schauspieler und Theaterdirektor Otto Hans Norden, hat in großzügigster Weise die nötigen Schritte zur Verwirklichung unteruomntten. Seine Interventionen bei zahlreichen allgemein jüdischen und zionistischen Organisationen, Vereinen und Gemeinden gaben ihm die Ueberzeugung, daß alle jüdischen Kreise von der Notwendigkeit und Realisierbarkeit seines Projekts durchdrungen sind und bereit, die finanziell-administrative Grundlage zu bieten. Der Fanatismus, mit dem Herr Norden sein Ziel verfolgt, ist bewundernswert. Der Gedanke jüdischer Solidarität gibt ihm die schönsten Hoffnungen. Geht es doch hier nicht um eine der vielen Sammelaktionen, sondern darum, die vielen jüdischen Künstler weiterhin Schaffens fähig zu erhalten! Es > ist das keine charitntive Aktion, sondern der Wille einer zwangsläufig sich ergebenden . Zusammenfassung schaffender jüdischer Elemente. Der Gedanke von der Notwendigkeit jüdischer Abwehr und jüdischen Aufbaues findet auch hier wieder seine legitime Bestätigung. Der Initiator O. H. Norden, dem sich in WJeh Jakob Feldhammer beigesellt hat, konnte selbstverständlich auch in den jüdischen Schauspielerkreisen selbst Anhänger und Befürworter seines bedeutsamen Planes gewinnen. Allseits anerkannte Künstler u. a. Gisela Werbezirk und Fritz Kortner, haben sich bereit erklärt, im Rahmen der zu bildenden Ensembles mitzuwirken, ein Zeichen für die Durchschlagskraft der Selbsthilfeaktion. Die Besinnung auf die Notwendigkeit solcher Selbsthilfe ist im Gange. Sie wird bald auch diejenigen erlassen müssen, die sich bisher der Selbsttäuschung hingegeben haben und der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen wollten. Befolgt das Wi met Rezept Ünter dem Titel „E i n S c h a n d m a 1" schreibt das Münchener „Jüdische Echo": „Während der deutschen Judenheit politisch und wirtschaftlich von außen her schwerste Gefahren drohen und die Juden als Staatsbürger schon so weit zurückgedrängt sind, daß man nicht mehr weiß, ob sie es überhaupt noch sind,, ereignen sich im innerjüdischen Lager Vorfälle, die erkennen lassen, daß es noch immer eine gewisse Gruppe gibt, die glaubt, sich gegen das jüdische Schicksal durch Preisgabe anderer jüdischer Gruppen, durch Denunziation und ähnliche Machenschaften wehren zu können. Die Geschichte dieser jüdischen Gruppe, die leider in vielen jüdischen Gemeinden am: Ruder ist, wird noch einmal geschrieben werden. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Dortmund versucht seit mehreren Jahren von dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen die Geuehmir gung zur Aufhebung der bisher bestehenden Gleichb e-r e c h. t i g u h g. der O s t j u d e n zu erwirken. In einer Eingabe an die Regierung sägt der Vorstand, nicht große Kreise der Gemeinde träten für die Gleichberechtigung aller Juden in der Judengemeinde ein, sondern nur eine kleine Gruppe, die völkisch eingestellt sei und ihr. Deutschtum leugne, während der überwiegende Teil der Gemeinde sich mit dem Deutschtum treu verbunden fühle. Vor wenigen Wochen richtete' der Vorstand eine e r n eilte Ein gäbe an die Regierung, in der es heißt, die Zionisten verfolgten politische Ziele, ihre Interessen zielten nach Palästina; gelänge es der zionistischen, bezw. ausländischen Gruppe, die Zügel der Gemeindeverwaltung zu ergreifen, so hätte die Gemeinde damit zu rechnen, daß erhebliche Geldbeträge zionistischen, d. h. ausländischen, besonders palästinensischen Zwecken zugeführt würden. Es sei ein Lebensinteresse der deutschen Gemeinde, ihre Verwaltung nicht übermäßig von ausländischen Mitgliedern, insbesondere von zionistischen (also ausländischen!) Kräften beeinflussen zu lassen. Die Eingabe appelliert wiederholt an das wohlverstandene Interesse der Staatsregierung, welche die deutschen Elemente gegen die Zionisten unterstützen müsse, die vorgäben, die Belange der zum erheblichsten Teil verarmten und der Wohltätigkeit zur Last fallenden Ausländer zu vertreten. Im Gegensatz zu ihnen bestehe die Gemeinde in ihrer Mehrheit zur Zeit noch aus denen, die sich in gleicher Weise zur jüdischen Religion und zum Deutschtum bekennen. Gegen eine derartige Argumentation ernstlich Zionisten oder Ostjuden zu verteidigen, kann uns nicht zugemutet werden; sie richtet sich von selbst und uns genügt es, diesem verleumderischen und denunziatorischen Dokument eines jüdischen Gemeindevorstandes ein Schandmal errichten zu müssen." * Zum Schlüsse fragt der Verfasser, wie diese Schmach zu beseitigen sei. Da kann nur das Wiener Rezepthelfen. Jahrzehntelang haben ganz gleichgeartetc Menschen die große Wiener Judengemeinde beherrscht und ihre Herrschaft durch Denunzierung der Zionisten aufrechtzuhalten versucht. Die Wiener Zionisten haben unermüdlich aufgeklärt und gekämpft und schließlich gesiegt. Sic sind mit den liberalen Denunzianten von „Union" und den sozialdemokratischen Assimilanten von den „Werktätigen" fertiggeworden. Die Zionisten Deutschlands werden mit den Intriganten und Zerstörern auch fertig werden. Sie müssen nur unermüdlich aufklären und unerbittlich kämpfen. Die Austrittsbewegung in Berlin Nach den soeben bekanntgegebenen statistischen Erhebungen betrug die Zahl der bei den Berliner Amtsgerichten im Jahre 1931 abgegebenen Kirchenaustrittserklärungen 79.274 gegen 66.635 im Jahre 1930. Das einspricht einer Zunahme von 19 v. H. Die stärksten Verluste hatte die evangelische Kirche. Geringer sind die Verluste der Katholiken. Die jüdische Austrittsziffer war in den letzten Jahren ungefähr konstant gewesen: 1927: 559, 1928: 556, 1929 : 579, 1930 : 586. Sie sprang im vergangenen Jahre auf 722, ist also um 23 v. H. höher als die Ziffer von 1930, und der Zuwachs übersteigt den protestantischen. Antireligiöser kommunistischer Antrag im Reichstag Die kommunistische Fraktion hat im deutschen Reichstag den Antrag eingebracht: Sämtliche Zahlungen des Reichs und der Länder an Kirchen und Religionsgemeinschaften aller Art sind mit sofortiger Wirkung einzustellen. Jüdische Diktatoren Bernhard Guttmann befaßt sich in der „Frankfurter Zeitung" mit der Selbstbiographie des Mainzer Rechtsanwalts und Führers des „Alldeutschen Verbandes", Heinrich Claß. Guttmann nennt Claß einen der einflußreichsten lebenden Deutschen, der in den Gang der politischen Ereignisse in der wilhelminischen Epoche und auch nach dem Kriege oft entscheidend eingriff. Treitschke war der Meister, der sein Leben bestimmte. Von Treitschke nahm er zuallererst den Satz, an, um den als Kern sich alle seine Gedanken ansetzten: „Entschiedenste Ablehnung des Judentum s." Was für politische Zustände wollte . Claß in Deutschland herbeiführen? Sein Buch macht es nicht klar; nur der Antisemitismus bleibt von Anfang bis zu Ende konstant. Mit der Parole „Der Jude ist ein seinem Wesen nach demjenigen unseres Volkes schlechthin unvereinbares Geschöpf" stellte der Alldeutsche Verband die Rassenf rage in die Mitte. Auch auf diesem Felde hat Hitler nur geerntet, was Claß säte. Claß berichtet in seinem Erinnerungsbuch über seine Unterhaltungen mit Hugo Stinnes wahrend des Krieges, als es galt, die „Kriegszielbewegung" zu organisieren. Claß wie Stinnes verlangten ungeheure Annexionen im Osten wie im Westen, Claß bestand auch noch darauf, daß das abgetretene Land von den Besiegten an Deutschland „frei von Menschen" abgeliefert werde. Beide sahen sich nach Diktatoren für Deutschland und für Oesterreich um. Stinnes empfahl für Deutschland als Diktator Paul Weitz, damals Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in Konstantinopel; für Oesterreich empfahl er Herrn Franz Petschek, den Kohlenkönig von Aussig. Dagegen erhob Claß aus Rassegründen Widerspruch. ■ Hakenkreuz und Altes Testament Die Nationalsozialisten betreiben bekanntlich eine energische Propaganda für Abschaffung des Alten Testaments aus dem evangelischen Kirchendienst und aus dem Religionsunterricht in der Schule. Bei den letzten Kircheuwahlen gab die Partei der Deutschen Christen (Nationalsozialisten) die Parole aus: Friedmanns Gluck Ist kolossal! Bei der heutigen Ziehung der österreichischen Klassenlotterie wurde der i. Haupttreffer von S 60.000 von acht glücklichen Kunden der Geschäftsstelle Ludwig Friedmann/ l. Bezirk, Salzgries 12/ auf Los Nr. 43082 gewonnen. Bei jeder Ziehung sieht man, es spielt sich gut bei Friedmann. .Stimmet für die Abschaffung der Judenbibel!" Gegen diese Propaganda wendet sich der Alttestamentler nn der Berliner Universität Prof. Dr. D. Sellin in einer Schrift „Abschaffung des Alten Testaments?" (Heft I einer Schriftenreihe „Der Weg der Kirche", Verlag Walter de Gruyter). Sellin zeigt, daß die Frage der Abschaffung des Alten Testaments keineswegs neu ist — sie hat wie ein Schatten die Geschichte der christlichen Kirche begleitet. Sellin legt dar, wie im Alten Testament die nationale Kult- und Gesetzesreligion des Judentums und die alle völkischen Schranken durchbrechende, geistig und sittlich gerichtete Religion der Propheten miteinander ringen. Dennoch ist es für den christlichen Glauben eine Urkunde der göttlichen Offenbarung, weil von Anfang an „der Eine, Heilige, Lebendige schlecht-, hin Ueberragende, der absolute Herr, der ganz andere, der den Menschen zu Ehrfurcht und in den Staub zwingt, um ihn dann durch seine Gnade und Erbarmen wieder aufzurichten, vorhanden ist und sich dem Menschen kundtut". Der Glaube an ihn vollendet sich in Jesus Christus. So ist auch das Neue Testament ohne das Alte Testament unverständlich und von ihm nicht zu trennen. Im Krieg und im Zusammenbruch haben unzählige Deutsche gerade aus den Kernstücken des Alten Testaments Kraft und Trost geschöpft. Sellin kommt zu dem Ergebnis, daß eine Abschaffung des Alten Testa« ments für die evangelische Kirche eine einfache Unmöglichkeit darstellt. Tel-HajffFonds Ausweis des Kontinentalbüros (Adresse Ch. Belilowsky, Berlin-Wilmersdorf, Helinstedterstraße 31)' Aktion: Fünfzehn Jahre jüdische Legion Amsterdam: N. N. holl. fl. 10— N. N. 2.50. N. N. 5,-. Da Silva Solis 5.—. S. Prins. Amstelkade —SO. zusammen 23— Bern: B Baß Fr. 5— Prankfurt im Mains Durch Kommissur Hans Kaufmann M. 10.85; Kaunas (Kowno): Zentralkomitee der Zionlstcn-Revisionisten Lit. 20— Memel: Durch Kommissär Frau Dr. Ch. Ospovat Lit. 117.—w München: Durch Kommissär Fritz Rosenthal M. 1.40. Eintragungen ins „Eiserne Buch" "! Memel: Durch Kommissär Frau Dr. Ospovat für die Eint tragung des verstorbenen Betari Benno Friedmann Lit. 250.—. Bratislava: Eintragung Awraham Wetzler, Brie Trumpeldor, Trava. Tempelspenden tsch. K 50.—. Cop. anl. Hochzeit gesammelt 30__, Oalanta 20.—. Sevlus 15—. Legina-Michalany. anl. Hochzeit 50.—. Brandsdorfer. Kral. Chlumec 5.—. Brit Trumpeldor. Kral; Chlumec 90.60. zusammen 260.60. Eintragung des III. Klnus Arzi: Brit TrumpeldoM Qalanta tsch. K 10.—. Hachschara. Trhova Hradska 15.—, Sevlus 9—4 Dr. Frant. Szilard. Slov. Lupca 50.—, Dr. Karl Blan. Trautenau 50—< Brit Trumpeldor. Dun. Streda 7—, zusammen 141.—. Eintragung der jüdischen Legion. QlUckwunschablöse anläßlich Rosch Hascbana: Batovo tsch. K 5.—, Bena 22.50.' Berchove 50.—. Bratislava 160.—. Brno 10.—, Cop 10—, Dun. Streda 10—. Hranice 10—. Humcnne 20—, Irsava 10—, Kfar Saba 5—, Kralovsky Chlumce 40___ Komarno 10—. Kostno 30.—, Kosice 55—, Lipt. Sv. Mikulas 10—, Mukaccvo 90—, Nitra 50—, Orlova 10—, Praha 55—. Presov 100—, Sccovce 50__. Sevlus 40__. Sahy 3a—, Trnava 55.—, Volovec 15—, zusammen 952—, Streichholzschachteln. Frankfurt am Main: Durch KonK mlssär Karl Grabenau M. 3.04. Kaarot-Aktlon. Kaunas (Kowno): Zentralkomitee der Zionisten-Revlsionisten Lit 209.65. Magdeburg. Durch Kommissär M. Hirsch, anläßlich der Verlobungen: Haar-Rack. Weinstein-Neu mark, Kraut- Qlasner M. 50__. Mitgliedsbeiträge. Memel: Durch Kommissär Dr, Ch. Ospovat für August Lit. 33—, _ Berliner Nachrichten Delegiertentag verschoben! Der Delegiertentag der deutschen Ren vislonisten. der ursprünglich für den 18. Dezember einberufen >var, wurde verschoben und dürfte arn 8. Jänner 1933 in Berlin abgehalten werden. Die Verschiebung erfolgte (Iber Verlangen der Ortsgruppen, deren Mitgliedern ein Abkommen vor den Weihnachtsfeiertagen unmöglich ist. Vortrag Dr. Rabinowlcz. Am verflossenen Montag abends sprach Dr. R a b i n 0 w i c z im Rahmen der politischen Veranstaltungen des Berliner Britb Trumpeldor im großen Saale der Jüdischen Gemeinde über das Thema „Politische Aktualitäten aus Palästin a". In seinem einstündigen Referat behandelte der Referent die Fragen der Schaffung des Parlaments, der Einführung der Einkommensteuer, der Spaltung innerhalb aer Palästina-Exekutive, del Raubes von Nationalfonds-Böden und spraJi zum Schlul Uber die Möglichkeiten, die sich heute dem Jüdischen Mittel» stände Im Lande bieten. Auf Qrund der Ereignisse in Palästina vef» langte er die Schaffung einer Einheitsfront in der Qaluth ge$S die bereits bestehende L i n k s f r o u t zur Wahrung der Rechte 019 .iüdisclr.-u Mittelstandes «ml Jos li'üerpartcllicltou Aufbaues PaUUtiMii'