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Die neue Welt · 1932-12-16 · Heft 275 (16.12.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 275 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 275 DIE NEUE WELT Seite % "*] Tragt u. propagiert das gemeinsame dia blau-weiße Stecknadel!Vertrieb: Keren Kajemeth immer Ihr Werk nach Kräften nnterstützen. Ich wünsche daher Ihrer Organisation den größten Erfolg auch in der Zukunft und verbleibe mit größtem Vertrauen Ihr Franklin Rooseyelt. Lord Snell für den Juden§laat Der englische Abgeordnete der Labour Party Snell ist in zionistischen Kreisen gut bekannt. Als Mitglied der sogenannten Shaw-Kommission, welche im Jahre 1929 die Schuld an den blutigen antijüdischen Unruhen in Palästina zu prüfen hatte, zeichnete er sich vor seinen Kollegen durch gerechtes, unerschrockenes Verhalten aus. Er weigerte sich, das Schlußprotokoll, welches kein gerechtes Urteil, sondern ein antijüdisches Machwerk war, zu unterzeichnen. Vor einigen Tagen hat Snell in London einen Vortrag über „Antisemitismus" gehalten, in welchem er u .a. ausführte: Das Rassenproblem ist in den letzten Jahren brennend geworden. Ein Beweis, daß die Entwicklung der Ethik nicht mit der Entwicklung der Technik Schritt halten konnte. Der Mensch wird nicht als Antisemit geboren. Die Kinder kennen keinen Rassenhaß. Er wird ihnen erst systematisch beigebracht. Die Ursache des Judenhasses liegt darin, daß die Welt iden Juden nicht versteht . . . Der Jude wird beschuldigt, Zerstörer zu sein. Das ist nicht richtig. Beakonsfield, Reading und Melchett sind genügende -Beweise dafür, daß die Juden in der Majorität eher konservativ sind. Die Lage der Juden in der Welt ist eine fürchterliche. Wohin führt der Ausweg? Meiner Meinuug nur nach — Palästina. Man sagt, Palästina sei zu klein, um die Masse der unterdrückten Juden zu fassen. Aber wir vergessen, daß sich auch der größte Teil des britischen Imperiums außerhalb England befindet. England kann nicht alle Engländer fassen, aber es kann sie in der ganzen Welt schützen. Palästina wird in der Zukunft alle Juden schützen müssen. Die Juden müssen auch als Volk im Völkerbunde "vertreten sein." Zum Schlüsse forderte Lord Snell seine Nation die englische, auf, die Juden beim 'Aufbau des jüdischen Staates zu unterstützen. - * Was Lord Snell ausführt, ist reiner Hcrzlscher Judenstaats-Zionismus. Als Ziel der Judenstaat, der Millionen Juden aufnimmt und die anderen Juden schützt, ihnen Achtung verschafft. Die Weizmann- Zionisten aller Schattierungen haben den Zionismus zur .Wohltätigkeits-Angelegenheit oder zum kommunistischen Experiment erniedrigt. Sie sollten an den Worten des IVichtjuden Snell erkennen, daß nur einvollerjudenstaats-Zionismus das hilfreiche Verständnis der Umwelt erwerben kann. Vor allem sollten sich die zionistisch-sozialistischen Parteien, welche an der Verleugnung des Herzischen Zionismus durch die offizielle Zionistische Organisation einen so traurig-großen Anteil haben, die zionistische Auffassung des englischen Spzialisten Snell als Lehre dienen lassen. Schluß mit dem Terror in Palä§tina! Die Vergiftung des wirtschaftlichen Lebens. Die „Neue Welt" hat wiederholt über von der „Histadruth" (sozialdemokratische Arbeiterorganisation Palästinas) entfesselten Arbeitskämpfe berichtet. Zuletzt von den Vorfällen in der Kakes- und Teigwarenfabrik F r u m i n in Tel-Awiw. Weil Frumin Arbeiter des „Irgun" (nationale, revisionistische Gewerkschaft) eingestellt hatte, und zwar zu gleichen Bedingungen wie die anderen Arbeiter, überfielen Histadruth-Leute die Fabrik, demolierten sie teilweise, machten sich mit Eisenstangen über die revisionistischen Arbeiter her und verletzten mehrere schwer. Das Resultat: Mehrere Histadruth-Leute wurden zu Gefänignisstrafen verurteilt und die öffentliche Meinung nahm einhellig gegen die „Histadruth" Stellung. Nachdem die Gewaltmittel versagt haben, geht jetzt die „Histadruth" zum Boykott über, der darum gefährlicher ist, weil er nicht offen, sondern hinterrücks geübt wird. Dabei verschmäht es die „Histradruth" nicht, die Araber in den Kampf einzubeziehen, d. h. die arabische Kundschaft gegen die jüdischen Unternehmer zu hetzen. Folgender Ausschnitt aus einem Brief aus Palästina, den die „Neue Welt" erhalten hat, beleuchtet die verwerflichen Methoden, deren man sich bedient: „... Politisch sind die Beziehungen hier gespannt, insbesondere zur „Histadruth". In der Sache Frumkin hat sie den Kampf verloren. Nun will sie die Firma Vernichten. In allen jüdischen Kreisen, wo die „Histadruth" Einfluß hat, wird die Ware Frumkins boykottiert. Aber auch in arabischen Kreisen wird mit den giftigsten Mitteln gearbeitet. Hier führen alle arabischen Kaufleute Cakes von Frumkin. Die „Histadruth" schickt jüdische Beamte in diese Geschäfte. Sie verlangen Cakes. Und wenn ihnen der Araber Frumkin-Cakes vorlegt, werfen sie sie als „Schund" auf den Ladentisch und warnen den Araber, diese „schlechte" Ware zu führen, weilihmsonstalleKundschaften Ul ^M%.-. J&iehtman das ^Btild im Sucher ^automatisch wird jede Aufnähme scharf. 2H)iese und andere Vorzüge machen die Voigtländer* Brillant 6 6 Union der Zioimtcn-Rtvisionitten Mittwoch, d%n 21. Oeiembar 1933, 7,9 Uhr abends, im H«rsl«Saal d«t V«rbandthalmt, II., Untere Augartenstraße 38 Versammlung Gegenstand: Was gehl In Palästina vor! — Arbeitsterror — Parlament — Einkommensteuer — Raub am Nati'onalfonds Referenten: Dr. S. Wolf, Dr. Leo Köppel, Paul Haller Regiebeitrag 20 g Freie Aussprache' zu einem Geschenk / rt*^ vonbleibendemWert \Sjfßk ERHÄLTLICH IN JEDER. PHOTOHANDLUNG weglaufen würden... Auch hat die „Histadruth" mit eigenen Mitteln und mit Hilfe der „Arbeiter- Bank" eine Konkurrenzfabrik eröffnet. Es ist ein Glück, daß Frumkin, der ausgezeichnete Ware erzeugt, stark für das Ausland beschäftigt ist..." Ueber diese Mischung von Brutalität und Tücke weitere Worte zu verlieren, ist wohl überflüssig. Das bedeutet Schmach und Gefahr für ein Land, weiches nur durch einheitlichen nationalen Willen aufgebaut werden kann. Aber festgestellt sei, daß das Geld der „Histadruth" und der Arbeiterbank, mit welchem dieser mörderische Bruderkampf geführt wird, aus Mitteln allgemeiner zionistischer Fonds, des Keren Hajessod, aus den Sammlungen der „Liga für das arbeitende Palästina" usw. stammt. Geld, das von allen Zionisten für den Aufbau gegeben wurde, wird für das Monopol einer Gruppe und für die Zerstörung der normalen Wirtschaft skrupellos verwendet. Soll das so weitergehen? Revisionistische und misrachistische Arbeiter iin Kampfe um Arbeit Herr Pinkas vom „Misrachi" interpellierte in der Sitzung des Stadtrates von Tel-Awiw wegen der Krage der Arbeits Verteilung bei städtischen Bauten. Er bemerkte, daß die revisioni s t i 6 c h e n und raisracliischen Arbeiter in ganz ungenügendem Maße bei der Verteilung von Arbeit .berücksichtigt werden. Beim Straßenbau in( Tel-Awiw kam es wieder zu Ruhestörungen. Revisionistische und sephardische Arbeiter kamen zum Arbeitsplatz und forderten .die- Aufnahme von einigen, arbeitslosen Kollegen. Um die Arbeit nicht zu. stören, wurde endlich beschlossen, ein Schiedsgericht einzusetzen. Die revisionistischen Ar-. heiter weisen darauf hin, daß 14 0 ihrer Mit-, glieder arbeitslos sind, während die Arbeiter: der sozialdemokratischen Histadruth durchwegs beschäftigt sind. Der Stadtrat beschloß die sofortige Ueberprüfung dieser Angelegenheit. Gegen den Terror der Histadruth In Tel-Awiw fand eine Massenversammlung der Revisionisten statt, in der der Stadtrat von,. Tel-Awiw durch Resolution aufgefordert wurde, einen . neutralen A r b e i t er v e r b a n d als Mittel zur Beendigung, des Krieges zwischen der Histadruth Haowdim einerseits und den r e v i si o n i» t is c h e n und m Israeli istischen Arbeiterkörperschaften andererseits Man muß das judisdie Theater reiten Im Cafe Reklame, es war am Abend vor Beginn des Gastspiels Morris Knacker-Lola Brenn, stürzte Doktor Ismael Feldbaum aufgeregt an meinen Tisch. Sein Bäuchlein wackelte und die Tränendrüsen unter den Augenlidern glänzten vor Enthusiasmus. „Hören Sie, lieber Freund, das jüdische Theater muß gerettet werden. So darf es nicht weitergehen. Seit Jahren beobachte ich den Verfall der jüdischen Bühne, ich studiere das Repertoire, die Musik, die Schauspieler, die Direktoren, die Regisseure, die Kassiere, die Billeteure, das Publikum. Und ich sage Ihnen das eine: es muß anders werden." ' Ich sah ihn erstaunt und auch ein wenig überrascht an. Wie kommt Dr. Ismael Feldbaum, der Advokat, der Vertreter kaufmännischer Interessen, der Kultusgemeindepolitiker, dazu, sich für das jüdische Theater zu opfern? „Also hören Sie", fuhr er erregt fort. „Sie müssen mit der Operette, dem Lebensbild, dem Melodram, aufhören. Es handelt sich darum, das Publikum zu erziehen, ihm ernste Kost zu geben. Spielen Sie Perez, Anski, Leiwik, Asch, Bergelsohn. Musik? Nehmen Sie Achron, Bloch, Engel, Zeitlin, Weprik. Dann müssen Sie auch Schluß machen mit den Schmendriks und Pendriks, Schluß mit Mali Picon und Sali Micon, Sie hören!" „Nun, und die Direktoren? Können Sie so etwas von Ihnen verlangen?" wagte ich einzuwenden. „Wie heißt? Was reden Sie! Sie werden Direktoren bekommen, welche sie wollen. Und Regisseure von den vier Enden der Welt. Gar nicht zu reden von den Kassieren und Billetteuren. Besonders diese müssen unerbittlich sein. Ohne Billett kein Platz und ohne Platt kein Eintritt, und ohne Eintritt kein Spektakel, Sie hören. Wer kein bezahltes Billett hat — hinaus mit ihm und selbst wenn er Rothschild oder Dr. Ismael Feldbaum wäre. Mitesser können wir nicht brauchen. Merken Sie sich das." Und er schlug wütend auf den Tisch. Ich sah ihn ein wenig ironisch an und er erriet gleich, was ich meinte. Seine Geistesgegenwart war unübertrefflich. Er nahm eine meiner Zigaretten, zündete sie an, ließ Rauchsäulen aus Mund und Nasenlöchern, sah mich überlegen an und sagte leise: „Ans Geld, glauben Sie, hab' ich vergessen. O, Sie naiver Mensch! Geld, Geld und wieder Geld. Die alte Leier. Aber hier neu. Wir machen ein Abonnement. Wir gründen einen Verein. Wir schaffen eine Theatergemeinschaft. Jeder Jude in der Stadt ist verpflichtet, mindestens zweimal der Woche ins Theater zu geh'n. So wahr ich leb'! Sie bringen hundert, bring' ich tausend. Sie bringen tausend, bring' ich hunderttausend. Kleinigkeit, die Beziehungen, was ich hab' Man hört den Namen Dr. Ismael Feldbaum oder meinen Freund Dr. Max Raschles und es liegen Ihnen Abonnementscheine auf dem Tisch, daß Sie sich nicht rühren können. Was sag ich „rühren?" Man wird das Theater vergrößern müssen, Ein neues Stockwerk aufbauen, neue Galerien, rechts und links, vorn und hinten und in der Mitte. Und die Preise erhöhen. Je teurer, desto besser. Gute Ware muß bezahlt werden. Und was die Hauptsache ist" — hier rauchte der Retter des jüdischen Theaters meine zweite Zigarette an — „Keine Freikarten, Wer sehen will, muß zahlen. Der Jud bezahlt seinen Tempelsitz, soll er auch seinen Theatersitz bezahlen. Das Theater — der Tempel der Kunst, Sie hören. Also abgemacht. Morgen um diese Zeit schicken Sie einen Mann zu mir, der die ersten 1000 Abonnements abholt, Sie hören." Mit einer Hand nach meiner dritten Zigarette greifend, mit der anderen meinen Rockkragen voll Wohlwollen und Eifer glättend, eilte er durchs Cafe. An der Tür wandte er sich um, hob neckisch einen Finger und rief: „Man muß das jüdische Theater retten. Sie hören." Am gleichen Abend sah ich ihn in einer Loge des Theaters sitzen. Neben ihm seinen Freund, dessen Frau, und deren Schwager, dessen Frau und deren Schwägerin. Und Kinder, deren Zahl unbestimmt war. Man spielte „Die mexikanische Chassene", ein bolivanisches Lebensbild in fünf Akten mit Prolog und Epilog, von Danny Blumenhonig, Musik nach Volksmotiven von Harry Segal-Segalowitsch. Dr. Ismael Feldbaum unterhielt sich ausgezeichnet. Er lachte und quietschte, sein Bäuchlein wackelte, und jeden Augenblick hoben die paar Zuschauer ihre Köpfe nach der lärmenden Loge hin. Hie und da blickte er in das Programm, das auf der Logenbrüstung lag. Seine Brillantennadel und sein Platinring und seine goldene Uhrkette funkelten. „Was?", fragte ich den Kassier, „Dr. Feldbaum heute im Theater?" „Ja", erwiderte dieser. „Er hat eine Loge verlangt, für sich und seine Gäste, hab ich ihm sie gegeben." .Gezahlt?" „Wie heißt .gezahlt'? Er hat gesagt, er muß hinein, das jüdische Theater retten, hat er nicht gebraucht zu bezahlen die Billetten." Erschüttert, wollte ich mich hinausbegeben, als der Billeteur mich anhielt: „Das Programm hab ich ihm gegeben gratis, dem Dr. Feldbaum. Er hat gesagt,, er ist ein Mäzenat vom Theater, hat er nicht gebraucht zu bezahlen ..." Sie hören? So begann Dr. Ismael Feldbaum dal jüdische Theater zu retten. Oskar R«*0Afil4r

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