Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 275 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 275 Verteidiger Dr. Natan Korkes führt seine Kanzlei Wien, I., Setlergasse Nr. 16 T«l«phortnumm«rn R-20-4-95 und R*37*3*34 Aufgaben zu erfüllen gehabt. Zunächst hat ,er sich be müht, seinen Israeliten — damals jüurfte man das" Wort noch ohne Furcht vor dem Beigeschmack von; Assimilation gebrauchen — begreiflich zu machen, daß es noch andere Ideale gibt als Ziegel zu brennen. Seine andere Aufgabe war» mit den Königen von Aegypten zu verhandeln. Das war P o 1 i t i k, . verfluchte Politik. Was macht man nun mit Moses? Setzen wir ihn ab? Er hat den grollen Vorteil gehabt, daß er kein Anstellungsdekret hatte, und daß er nicht beamtet war. Er hatte also (Ins Recht, eine Ueberzeugung zu haben und für eine große Sache y Opfer zu bringen, also auf ehrliche Weise Politik zu treiben. Wäre er, was Gott verhütete, mit einem Ah-' stellungsdckret als Beamter irgend einer Gemeinde tätig gewesen, so würde man ihm verboten haben, Politik zu treiben und die Juden so zu erziehen, wie er wollte. Man hätte ihm verboten, mit den Aegyptern zu verhandeln, nnd wir wären, wie es in der Hagada steht, heute noch Sklaven in Aegypten. Moses konnte tun, was man sonst nicht gerne anderen Leuten gestattet, er dürfe eine eigene Ueberzeugung haben und mußte nicht zu jenen gehören, denen das Amt den Verstand gibt, der nur so weit gehen darf, wie es das Amt erlaubt, darüber hinaus aber nie. Moses hatte kein Amt, sondern eine Berufung, Und'er hat sich um niemanden gekümmert als nur um die Stimme Gottes in seinem Innern. Auch die Propheten müssen wir einer schweren Kritik unterziehen. Sie haben es nämlich, genau so gemacht wie Moses — sie haben sich gar nicht darum gekümmert, was die Könige, die Fürsten und das Volk wollten; sie haben nur getan, was sie für gut hielten. Arnos hat sogar im Tempel, der dem König gehörte, davon gesprochen, daß die königliche Dynastie umkommen werde, und Jesaia hat den Königen Ratschinge erteilt, die diese sehr zum Nachteil' des Volkes nicht befolgen wollten. Wenn wir weitergehen zu den Talmudgelehrten, so stoßen wir auf Rabbi A k i b a, einen Menschen ganz merkwürdigen Schlages. Er hat Jahrzehnte hindurch Reisen unternommen und Tausende von jungen Leuten gewonnen, um den Endkampf gegen Rom zu, führen. Er hat sich dabei in Bar Kochba geirrt; aber das ist gleichgültig, denn er hat nur aus reinem Herzen für seine Ueberzeugung gekämpft. Er vermeinte, daß Bar Kochba das Volk retten würde, und hat seine ganze Autorität undgeistige Kraft diesem Mann7 zur Verfügung gestellt. Vielleicht wäre es ihm auch gelungen, wenn nicht im eigenen Lager Vorsichtige Men- ehen hinterrücks mit den Römern wegen der Uehergäbe verhandelt hätten. Man 'braucht aber nicht so weit zurückzugehen. Während der Kämpfe der Emanzipation nach der französischen Revolution tauchte die Frage der jüdischen. Gleichberechtigung .auf, die heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. In der damaligen Zeit und im Jahre 1848 haben hervorragende Vertreter des jüdischen Volkes sich gegen die Gleichberechtigung ausgesprochen. Sie wären der Ansicht, daß die jüdischen Charaktereigenschaften schwinden würden, wenn die Ghettomauern fallen und die Verbindung mit den anderen Völkern hergestellt wird. Die holländischen Rabbiner, auch Menschen mit großer Bildung, haben «ich mit aller Kraft gegen diese- Gleichberechtigung ausgesprochen. Einer der höchst-, gebildeten Menschen seiner Zeit, Samuel David Lüzzatto aus Padua, hat in seinen Briefen öffentlich immer wieder auf die Gefahr der Gleichberechtigung hingewiesen. Man wollte nur die Menschenrechte gewahrt wissen, strebte aber keine politische GleichberecIitigung an. Und wie stand es denn in Wien? Mein Vorgänger Mannheimer hat auf dem Kremsierer Reichstag ein Mandat gehabt und ist neben dem Rabbiner von Krakau, M eis eis, gesessen. Mannheimer hatte einen Kampf mit dem Kultusvorstand auszufechten, aber nicht wegen seines politischen Mandates!, sondern weil er zu radikal links orientiert war, was ihm die hiesigen Herren, die eine Reaktion fürchteten, zum Vorwurf machten. Es war nur ein kleiner Spaziergang, den ich in: die jüdische Geschichte unternahm. Ich könnte, noch viel mehr Beispiele anfuhren, mit denen ich beweisen würde, daß es ein unmöglicher Zustand wäre, wenn man Menschen, von denen man annehmen muß, daß sie aus, reiner Ueberzeugung ihrem Volke dienen, davon ausschließen wollte. Wer vermöchte es denn besser, dem Judentum zu dienen, als gerade sie, und wer sollte sich denn um öffentliche Angelegenheiten kümmern, wenn nicht Menschen dieser Art? Wer konnte denn besser wissen, was dem Judentum frommt, wenn nicht Menschen, die nichts anderes denken und sinnen als den ständigen Zusammenhang mit dem Judentum, wo immer in aller Welt es in den drei. Jahrtausenden lebte, zu wahren. Wer sollte eher die Fähigkeit haben, öffentliche Angelegenheiten zu führen und in öffentlichen Dingen beratend mitzuwirken, als gerade diese Menschen? Die persönliche Seite dieser Frage interessiert nicht so sehr, sie wird aber zu einer prinzipiellen, wenn jtnan immer wieder Phrasen in den Mund nimmt und sie unverdaut verschlingt, ohne sich die Mühe zu nehmen, auch nur einen Moment über sie nachzudenken. Die einzige Frage kann nur sein, ob des Rabbiners Ueberzeugung rein oder nicht rein ist, wenn er sie in den Dienst der Allgemeinheit stellt. Wenn man weiß, daß er aus reinen Motiven für die All- Cafe-Pension ^fTH/lMFRIlVI'1 WOLFSBERGKOGEL / TEL. 82 SIMULUJ&milljr Auskunft Wien Tel. R-13-0-21 uitSng Dir. ERWIN GUNST g$£ Täglich 5 Uhr The Dansant Abendkonzert PENSION S 1 0.- a u f w ä r t s gemeinheit arbeitet, dann darf es keinen geben, der ihm mit Vorschriften kommt. Und wehe ihm, wenn er so schwach w'är'e, daß er sichvher. beiließc, solche entgegenzunehmen ».. Ich betone nochmals} daß mir die persönliche Seite der Frage gleichgültig ist und denke mit Befriedigung an das, was ich in den ersten Tagen meines Amtsantrittes vor siebeneinhalb Jahren gesagt habe. Ich habe niemals einen Zweifel darüber gelassen und habe keinem Menschen gestattet, mir einen Weg vorzuschreiben. Ich werde nur meiner Ueberzeugung folgen; ob sie richtig oder unrichtig ist, ist eine andere Frage. Sie ist meine Ueberzeugung und für mich gibt es gar nichts auf der Welt, was neben ihr zählen könnte. Wieviele Menschen gibt es denn, die von sich "sagefn könnten, daß sie in siebeneinhalb Jahren der schwersten Arbeit tatsächlich nicht um Haaresbreite von ihrer Ueberzeugung abgewichen sind? In den ersten. Stunden meines Amtsantrittes habe ich ein Wort gesagt, das mir übelgenommen wurde. Ich wiederhole jetzt, was ich damals sagte: Graniten ist meine Ueberzeugung und man wird sie nicht durchbeißen. Der Mensch ist noch nicht geboren, dessen Zähne, diesen Granit durchbeißen könnten. RUNDSCHAU Die rothaarige Jüdin, China/ Irland/ u§w* Antisemitismus gilt in England als shoking! Eine abscheuliche Mode, die man nicht trügt. In diesem Sinne hat der frühere englische Außenminister und Vizekönig von Indien Marquis R e a d i n g, bekanntlich ein Jude, anläßlich eines Besuches in Amerika die dortige Presse belehrt. Er sagte: „Ich habe erst hier in Amerika etwas von einer antisemitischeh Bewegung in England gehört. Wenn jemand glauben sollte, daß eine antisemitische Bewegung in England irgendwie Wurzel fassen könnte, so kann man über eine so naive Vorstellung von den englischen Verhältnissen lachen! Einige Vorfälle der letzten._. WichenDer rumänische Kijnig 'hat eine Mätres^''^ife^:h^iBt^^pescü, und deshalb ar^e Streitigkeiten, faniiliarer .und politischer Natur. ': England nimmi a^. di|seh Vorgängen lebhaftes Interesse! Tag für Tag wscheihen^in aenf^bßen Leitungen j^ ^velche^^türliclg fap^ ^^^^^i^Ö^i^S^s^|^iöw^"ii.- Hch finden*-/ -zollgro'ße lAU;fschri^jfc^nir ^bif<f^ihfajpige J ü d i n verstörtv ein, Reich",; »EfnJ ' rotfeaa^e Ju d i n richtet eine Dynastie zugrunde", »Die l'othaarige J üd i n als Agentin des Bolschewismus": ^^1 In den von. der Not so hart betroffenen* engliscjten, ^lÄ^ifiebeziirken, insbesondere in Mancnestpiy werjie^ zahlreichen FreiluftVersammltthg^/'ä«P'; Arbe$er Flugschriften verteilt, in welchen die j u d eii fü? die Unruhen in Irland/Aegypten, Indien und China verantwortlich gemacht' werden^iP^ak4jje^ gleichen Inhalts sind überall zu seihen. Die^ ^ewög^hg geht nachweislich von London aus. — In einem führenden Fächblatte der Versicherungsbranche wird dargelegt, daß Versicherungsbetrug eine spezifisch jüdische Erscheinung sei, und der Vorschlag gemacht, Juden abzuweisen oder mit höheren Prämien zii belasten.' Uebrigfens hat ein hoher englischer. Justizbeamter in> Palästina diesen Vorwurf in offener Gerichtsverhandlung . und in Ausübung seines Amtes Wiederholt. — Die neugegründete englisch-faschistische Partei beschuldigt in Wort und Schrift die Juden, daß sie Urheber jener internationalen Finanztransaktionen sind, welche England finanziell erschüttert haben. Selbstverständlich handeln sie im Dienste des Bolschewismus. -— All das registrieren die englischen Zeitungen in den letzten drei, vier Wochen, * Vielleicht sind das nur unwichtige Kleinigkeiten. Aber im Anfang gab es überall nur Kleinigkeiten. Ein Herr Vizekönig hat so ziemlich alles hinter sich. Da kann man es sich schon leisten, wenig zu hören und das Wenige lächerlich zu finden. Das jüdische Volk aber hat noch viel vor sich, hört mehr und lacht weniger. Geld nnd Taufe im Dritten Reidi Was das Hakenkreuz aus Deutschland machen, will, ist Sache der Deutschen. Seine Ideologie, seine Anschauung von Wehrhaftigkeit, Rassenreinheit, vom nordischen Gott und von der Höherwertigkeit des germanischen Volkes, all die Schlagworte, die in, den nationalsozialistischen Versammlungen zu hören und in ihren Zeitungen zu lesen sind, gehören gleichfalls ausschließlich in den Bereich der deutschen Belange. Was uns zur Stellungnahme berechtigt, ist einzig und allein das Gebiet, wo das Hakenkreuz sich mit legitimen jüdischen Interessen schneidet. Und da zeitigt der Ausrottungskrieg gegen jüdische Staatsbürger die sonderbarsten Erscheinungen. Jüdische Schauspieler werden aufs Pflaster gesetzt, jüdische Beamte entlassen, jüdische Industrieleiter hinausgeworfen. Das ist die Norm. Kürzlich las man ,daß ein jüdischer Industrief achmann in Thüringen namens Ausspitz bei Nacht und Nebel zum Verlassen seines Postens gezwungen wurde und nach Wien kam. Hier trat er in Fühlung mit dem „Braunen Haus". Dies braune Haus, das im allgemeinen jedem Juden Tür und Tor und Fensterritze verschließt, ließ mit sich reden. Ein Geldgeschenk von ein paar hundert Schilling — und die Pforten öffneten sich. Der Jude Ausspitz erhielt eint Empfehlung an die reichsdeutsche nationalsozialistische Stelle und gleichzeitig den Rat, sich taufen zu lassen. Ueber Nacht wurde dieser Ausspitz Protestant und damit für würdig befunden, im kommenden Dritten Reich zu wirken. Geld und Taufe warfen alleJ HakenkreUzdogmen über Bord; sie waren fähig, den Juden Ausspitz aufzunorden. Nicht gerade der. hakenkreuzlerische Druck, der Sich stündlich äußeri, jegt u,ns .ge^s^.'Be^a^jh^eJji' über die Läge der"Juden in den denIschen Länden nähe» sondern zunächst die Haltung des feigen Ausspitz, der ihm weicht, wenn es sich um eine höchst ( fragwürdige, zeitlich bedingte Existenz handelt. Der Weg der Assimilation führt zu Würde-, Ehr- und Schamlosigkeit. Und noch immer gibt es in der jüdischen Gasse. Menschen, die ihn propagieren und von ihm ihr Heil ' erwarten. Präsident Roosevelt begrüßt den Zionismus Aus Anlaß der Feier des Jahrestages der Baif out-Deklaration hat der neugewählte Präsident der Vereinigten Staaten an die amerikanische Zionistische Organisation folgendes Schreiben gerichtete „Ich* bedauere lebhaft, beLIhrer^Feier nicht per« sönlich erscheinen zu können. Wie Ihnen bekannt sein muß, habe ich bei früheren Geleigenheiten. m eine]? warmen Sympathie für die Ziele, die in der Balfour-Deklaration Ausdruck gefunden haben, Ausdruck verliehen. Der Ausgang des Weltkrieges. hat eine bedeutsame Tatsache gezeitigt: Die Schaffung einer nationalen Heimat für das jüdische Volk und ihre öffentlich-rechtliche Garantie. An der Verwirk-» lichung dieser Idee haben die Vereinigten Staaten einen., hervorragenden Anteil genommen. Ich weiß, wies sehr dieser Gedanke den früheren Präsidenten Wilson am Herzen lag. Der Gedanke der Wiedererrichtung einer nationalen jüdischen Heimat hat noch während des Krieges seinen Ausdruck in der Balfour-Deklavation gefunden. Präsident Wilson hat viel getan, um. diese De* klaration in die Friedensverträge aufzunehmen. Die zweimalige Bestätigung. der Deklaration durch die beiden gesetzgebenden Körperschaften der Vereinigten Staaten war ein;,weiterer Beweis dafür, welch großes Interesse unsere Staaten an der Ver« wirklichung der feierlich gegebenen Zusage nehmen, Die Fortschritte, welche die Juden heim Aufbau ihres Landes in den Jahren seit der Verkiindung der Deklaration gemacht haben, berechtigen die großen Hoff« iiungen, welche seitens der Juden und der Welt in dieses, Werk gesetzt wurden* Die jüdische Entwicklung in . Palästina legt nicht nur Zeugnis für die große, schöpferische Kraft des jüdischen Volkes ab, sondern beweist auch, wie sehr das Werk dem Wohle aller Einwohner Palästinas dient. Ich persönlich werde Chajes*GrabgaiHg 78. Dezember 1932, halb 11 Uhr vormittags Zentralfriedhof (I.Tor) mmst.