Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 274 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 274 DIE NEUE WELT Seite? der Hauptaufgaben dieses Komitees soll es sein, dem verderblichen Wirken verschiedener Bodenagenturen entgegenzuwirken, die unzuverlässige Informationen erteilen und für die Juden, die Geld in Palästina investieren wollen, eine Gefahr darstellen. Von der palästinensischen Arbeiterschaft Die „Histadruth" (sozialistische palästinensische Arbeiterorganisation) teilt mit, daß sich in den Monaten August und September 888 Arbeiter in die Arbeiterorganisation haben einschreiben lassen. Charakteristisch ist, daß die Zahl derjenigen, welche in Kwuzoth (kommunistische Siedlungen) gehen wollen, stark gesunken ist Im allgemeinen ist eine geringere Neigung zur Landwirtschaft zu verzeichnen. Von den obenerwähnten 888 sozialistisch organisierten Arbeitern ßind nicht weniger als 540 in den Städten geblieben. Amerikanische Ingenieure der Irak Oü Company Mitte November kamen in Palästina 45 amerikanische Ingenieure an, welche mit der Durchführung der Arbeiten der Irak Oil Company betraut sind. Eine neue Bank in Petach-Tikwah Die palästinensische Regierung genehmigte die Statuten einer neuen Bank in der Kolonie P e t a c h- T i k w a h. Zweck der neuen Bank ist die Unterstützung von Mittelständlern durch Kredite für Häuserbau, Geschäft und Gewerbe. An der Spitze der Bank steht einer der Hauptaktionäre, Herr L i p p e r. 10 Rabbiner aus Rußland kommen nach Palästina Die Palästina-Regierung hat dem Rabbinat in Jerusalem 40 Einreisevisa für ausländische Rabbiner zur Verfügung gestellt. Das Rabbinat wird die meisten üieser-Visa nach Rußland schicken, damit russischen Rabbinern mit ihren Familien die Möglichkeit gegeben werde, sich in Palästina anzusiedeln. Die Araber brauchen keine Gemeindeverwaltungen Die Araber des Dorfes Ah-Tibbah im Distrikt Tul-Kerem richteten an die Regierung ein Schreiben, in welchem sie der Regierung mitteilten, daß sie auf die Bildung des Gemeinderates verzichteten, weil sie für diese Institution keine Steuern zahlen wollen. Der Gouverneur von Tul-Kerem teilte den Einwohnern des Dorfes mit, daß die Regierung bereit sei, diese Steuer auf ein Drittel zu reduzieren. Die Einwohner des Dorfes beharrten jedoch auf ihrem Beschlüsse, weil „sie sich von der Bildung eines Gemeinderates für die Einwohner keinen Nutzen versprechen". Arabische Nationalsozialisten in Palästina Die arabischen Zeitungen teilen mii, daß sich gegenwärtig die arabische Jugend in Legionen, die den Namen »Reiter der arabischen Halbinsel" führen, organisiert und sowohl die Organisation6forra als auch einen Teil des Programms der deutschen Nationalsozialisten, u. a. auch die Gegnerschaft zu den Juden, mit tibernimmt. AUS DEUTSCHLAND Der thüringische Finanzminister Marschler ordnet amtlich den Judenboykott an Der thüringische Finanzminister Marschler hielt auf einer Einzelhandelstagung in Weimar eine Rede, in der er bedauerte, keine Steuerermäßigung für den Einzelhandel vornehmen zu können. Dagegen werde er aber den Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine bis aufs Messer führen. Auch werde in den nächsten Tagen durch einen Erlaß der Regierung von den Beamten verlangt werden, „daß sie nicht beim Juden und in jüdischen Warenhäusern einkaufen, sondern beim christlichen Einzelhändler", Die Fernhaltung der NSDAP, von der Leitung der politischen Geschicke Deutschlands hat, wie vorauszusehen war, dazu geführt, daß die antisemitischen Register in verschärfter Weise gezogen werden. Dazu gehört auch der Boykott gegen die jüdische Geschäftswelt; er wird in der letzten Zeit mit besonderer Zähigkeit und mit ausgeklügeltem Raffinement erweitert. Nationalsozialistische Berufsgruppen versuchen durch Rundschreiben, die jüdischen Geschäftsleute zu schädigen. So versendet die „NSBV. (nationalsozialistische Berufsverbindung) Konfektion" Rundschreiben an Textilfirmen, die u. a. lauten: „Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, daß die Kundschaft der Ihnen angeschlossenen Firmen sich zu99Prozentauschri6tlichen Volksgenossen zusammensetzt, und daß infolgedessen die Organisation der NSDAP, darauf hinarbeitet, daß unsere Volksgenossen in christlichen Geschäften kaufen. Wir leisten also für Sie ehrenamtlich eine Arbeit und werden dieselbe in verstärktem Maße betreiben, wenn die NSDAP, maßgebend in der Regierung vertreten sein wird. Der Verbraucher selbst ist in gutem Glauben, daß er in diesen Geschäften nur Waren rein deutschen Ursprungs erhält. Daß dies in dem Wirtschaftszweig „Konfektion" nicht der Fall ist, wissen Sie selbst, es liegt aber im Interesse unserer Volksgenossen, daß dieser Wirtschaftszweig auch in der Fabrikation, die zu 99 Prozent in jüdischen Händen liegt, wieder in deutsche Hände gelangt... Wir appellieren an Ihr deutsches Empfinden und möchten Ihnen nahelegen, wenigstens der Partei den Dank für ihre Bemühungen abzustatten, indem Sie sich schon beim nächsten Einkauf nur christlicher Firmen bedienen... Diese christlichen Fabrikanten dürften Ihnen bekannt sein, andernfalls wären sie durch die „Wirtschaftspolitische Pressedienst G. m. b. H.", W. 35, Am Karlsplatz 19, zu erfahren. Mit Hitler-Heil! i. A. gez.: G. Riegel." Drahtverhaue vor dem Lesesaal von Prof. Ernst Cohn Der „Völkische Beobachter" teilt aus Breslau mit, daß zur Sicherung der Vorlesungen von Prof. Ernst Cohn auf der zu seinem Hörsaal führenden Treppe ein etwa 3 Meter langer und 50 Zentimeter breiter Drahtverhau gelegt worden ist. Die wenigen Studenten, die zu Cohns Vorlesungen wollen — in dem Kolleg am Montag von 11 bis 12 Uhr waren es drei —•, werden durch einen besonderen Gang im dritten Stockwerk in Cohns Hörsaal geleitet, wobei sie mehrere verschlossene Türen passieren müssen, die von Universitätsbeamten bewacht werden. Im juristischen Seminar selbst befinden sich ständig mit Pistolen ausgerüstete Kriminalbeamte in Zivil und zahlreiche Universitätspedelle. Cohn wird jeden Morgen von seiner Wohnung von zwei mit Pistolen ausgerüsteten Kriminalbeamten in Zivil aibgeholt und nach den Vorlesungen ebenso nach Hause gebracht. Jüdische Tragödie in Hamburg Viel Teilnahme erweckt in Hamburg das tragische Schicksal des Arztes und Serumerzeugers Dr. En ocht der unter der Bsechuldigung, Sera verfälscht zu habent verhaftet wurde und sich in der Haft eine Tetanus-Toxin- Einspritzung in Selbstmordabsicht machte und in Starrkrampf verfiel. Es stellt sich nun heraus, daß alle gegen Dr. Enoch erhobenen Beschuldigungen erfunden und erlogen sind und daß er ein Opfer einer antisemitischen Intrige geworden war. Es wurde festgestellt, daß kein einziger Bentitzer der Enochschen Sera irgendwie an den Folgen dieser Benützung erkrankt sei. Alle Behauptungen, daß Protestschreiben von Krankenhäusern „die verheerenden Folgeerscheinungen der Enochschen Sera" gebrandmarkt hätten, haben sich als aus der Luft gegriffen herausgestellt, ebenso die anderen von der antisemitischen Presse aufgestellten Behauptungen. Enoch ist das Opfer eines persönlichen Racheaktes eines entlassenen Angestellten, der seinen früheren Chef bei dem nationalsozialistischen Organ „Hamburger Tageblatt" denunzierte, das den Fall sofort zu einer wüsten antis e m i t i s c h e n Hetze ausnützte und die Hamburger Staatsanwaltschaft seltsamerweise veranlaflte, kurzerhand auf Grund der von der genannten Zeitung gemachten Mitteilungen zur Verhaftung zu schreiten. Gegen das „Hamburger Tageblatt" ist wegen Verbreitung irreführender Nachrichten Strafantrag gestellt worden. BRITH TRUM PELPOR | Grosse 1 Makkabäerfeier 35ff» H Do. nerstag. den 22 Dezember 1932, V»9 Uhr abendi Üf im Hotel Post, Wien, 1, Drachengasse 1 AAAAA.«s H Programmrede: Dr. Wolfgang von Welsl 35 yv H Karten von S - .80 bis S 4.— Im Zentralheim, Wien, Hl II., Untere Augartenstraße 38, und an der Ahendk sse Berliner Nachrichten Delegiertentag der deutschen Z i onisten-Revisionisten. Der Landesvorstand der deutschen Revisionisten hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, den deutschen revisionistischen Delegiertentag für den 18. Dezember 1932 nach Berlin einzuberufen. Näheres über den Ort der Tagung sowie über die Tagesordnung wird rechtzeitig bekanntgegeben, werden. Sitzung des Landesvorstandes. An der Sitzung der deutschen Revisionisten, die am 30. November stattfand, nahmen die Herren Dir. Ch. Belilowsky, Dr. H. Bloch, Ref. H. Eger, Dr. E. Ettisch. P. FeiweL. Dr. E. Fischer, R. Lichtheim, D.r O. Rabinowicz, A* Reiter. J. Reiter, Dr. J. Schloß und H. Sternberg teil. Es wurden die dringendsten Fragen besprochen und die Einberufung des Delegiertentages beschlossen. Herr Dr. E. Ettisch legte das Amt eines Sekretärs nieder. Das Sekretariat wird von H. Sternberg weitergeleitet. Die „Menorah", eine jüdische Spieltruppe, die sich vor kurzem in Berlin konstituiert hat, findet lebhaftes Interesse in jüdischen Kreisen. Die „Menorah** wird zum ersten Male im Jänner vor die jüdische Oeffentlichkeit treten. Interessenten wenden sich an. die „Menorah" durch das revisionistische Büro: Berliu- Charlottenburg, Joachimstalerstraße 3/II, Tel.: J, 1. Bism. 55-90. Leipzig. Generalversammlung der zionistisch-revisionistischen Ortsgruppe. In der Vorwoche fand die Generalversammlung der revisionistischen Ortsgruppe in , Leipzig statt, bei welcher die Herren Dr L Goldwasser, B. Sudowitz und R. Pelz in den Vorstand wiedergewählt wurden. Doktor Goldwasser ist Vorsitzender der Ortsgruppe, R. Pelz behält den Kassierposten* Das Amt des Tel-Chaj-Fonds- Kommissars hat an Stelle des H. Berliner, der beruflich überlastet ist, Herr I. Salomon übernommen. Für die nächsten Monate wurde ein Aktionsprogramm ausgearbeitet. Die Gruppe wird regelmäßig zweimal im Monat Montag-Diskussionen über aktuelle Probleme veranstalten. Außerdem werden für Jugendliche und Erwachsene hebräische Sprachkurse eingeführt Ferner wird zweimal im Monat für die Mitglieder in Privathäusern ein Oneg-Schnibbat veranstaltet. Es sind rwich einige gi^ßeie Veranstaltungen geplant. Zunächst eine große Kundgebung gegen die Terrorakte der „Histadruth" re^en Revisionisten mit Dir. Kareski und Dr. Rabkowicz als Rednern. Die babylonischen Juden Die Juden im Königreich Irak Au» Anlaß der Unabhängigkeitser- Klärung des Königreiches Irak (Mesopotamien) und seiner Aufnahme in den Völkerbund wurde das Interesse der Oeffentlichkeit auf das Schicksal der dort lebenden Juden gelenkt. In der „Jüdischen Rundschau" schreibt Dr. Artur Ruppin, der den Irak bereist hat, u. a. wie folgt: Nach der Volkszählung im Jahre 1920 waren im Irak 87.488 Juden vorhanden, die 3,1 Prozent der Gesamtbevölkerung von 2,849.282 Seelen ausmachten. An der Zuverlässigkeit der Volkszählung, die die erste ihrer Art im Irak war, bestehen Zweifel. Ich habe mich bemüht, die jetzigen Zahlen der Juden überall durch Befragen von ortskundigen Personen festzustellen, und habe folgende Angaben erhalten: Bagdad........ 70.000 Basra........15.000 Mossul 4.000 Kirkuk........3.000 Irbil ........U00 Zakho........ 1.000 Sulelrnanich . . , . . 1.000 Amarra.......1,000 Bakuba....... 500 Hille........ 500 Kifri........ 400 Gesamt 97.900 Außerdem leben noch einige tausend Juden vereinzelt in anderen kleinen Städten und Dörfern (letzteres Neu in der pädaQoqisdien Literatur I Bar*Mizwa // // lln Unttrrlditsbuch fflr hdtn Jüdischen Knaben sur Erlernung des Tefllllnlegent und all passendes Geidienk überall erMItltf* I Und bei Iiak Hersberg/ UV Karmeliters« 5/9 besonders in der Nähe der irakisch-türkischen Grenze), so daß die Gesamtzahl der Juden im Irak heute auf etwa 100.000 zu schätzen ist Die jetzt im Irak lebenden Juden sind die Nachkommen der in Babylonieti schon im Altertum ansässigen Juden. Die babylonische Judenheit hat im letzten Jahrtausend, wenn man von einer geringen Zuwanderung aus den Nachbarländern Palästina und Syrien absieht, keinerlei Einwanderung gehabt, und sie hat sich deshalb hier ihre altertümlichen Züge viel reiner erhalten als in den orientalischen Ländern, die an den Küsten des Mittelländischen Meeres gelegen und hier viel mehr der Zuwanderung, besonders von Sephardim, und den Einflüssen anderer Kulturen ausgesetzt waren. Es besteht allerdings im Irak ein großer Unterschied in der wirtschaftlichen und kulturellen Stellung der Juden in der Hauptstadt Bagdad einerseits und in den Provinzstädten andererseits. Bagdad war bis ins 19. Jahrhundert hinein — insbesondere bis zur Eröffnung des Suezkanals — ein wichtiges Handelszentrum für den Verkehr von Indien, Persien, Afghanistan nach den Häfen des Mittelmeeres. Es hat zwar inzwischen viel von seiner einstigen Bedeutung verloren, aber immerhin steht es doch noch weit über den anderen Städten des Irak, die heute als Handelsplätze nur noch lokale Bedeutung besitzen. An dem Handelsverkehr von Bagdad sind die Juden in überragendem Maße beteiligt. Im 19, Jahrhundert entstanden unter ihnen große Handelsfirmen, wie z. B. die S a s s o o n s, die Niederlassungen bis nach Ostasien hatten. Ebenso standen die Kadoories an der Spitze großer Unternehmungen und gaben von ihrem Reichtum mit offener Hand große Summen für wohltätige und erzieherische Anstalten der Juden, z. B. für Krankenhäuser, Schulen usw. Noch heute ist ein großer Teil der im Irak bestehenden jüdischen Anstalten mit dem Namen dieser Familie verknüpft. Bekannt ist, daß ein Mitglied der Familie vor etwa zehn Jahren auch für Palästina ein Vermächtnis von etwa 120.000 Pfund hinterlassen hat, das zum Bau und Unterhalt zweier Ackerbauschulen, einer für Juden und einer für Araber, in Palästina verwendet wird. (Anm. der Redaktion