Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-12-09 · Heft 274 (9.12.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 274 (9.12.1932)
Date
1932-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711895--3456-2716837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 273 DIE NEUE WELT Seite 5 klar, so wie zweimal zwei vier ist (unabhängig davon, ob er damit sympathisiert oder nicht), daß dieser Znstand eine Absnrditüt und Unmöglichkeit ist. Solch ein Zustand konnte nur so lange existieren, als man über ihn in der großen jüdischen Welt geschwiegen hat. Die Oktober-Schlägereien in Palästina aber haben die Gepflogenheit des Schweigens gebrochen, und jetzt ist die Frage: Klassenkampf und Klassen herrsch«ft vor den Richterstuhl der Oeffentlichkeit getragen worden, und man spricht über sie in jeder Versammlung und an jedem Teetisch. Und das bedeutet, daß der absurde, unmögliche und ungerechte Zustand von nun aufzuhören beginnt und aufhören muß: gebrochen wird, wie ich mich ausgedrückt habe und wie ich mich ständig ausdrücken will. Nicht helfen wird das Schreien: Gewalt! der „linken Seite", nicht helfen wird der Snobismus oder das „weiche Herz" ihrer bürgerlichen Mithelfer in der Presse: Der Zustand des Monopols und der Oberherrschaft wird gebrochen werden, weil die öffentliche Meinung, die große Masse, die Hauptträgerin des zionistischen Gedankens und die Hauptzahlerin aller Arten zionistischer Steuern gegen ihn ist und will, daß er verschwinde. * Zu den Lobeshymnen über die Spitzenleistung der Chaluzim hat die Frage nicht die geringste Beziehung. Ich bin bereit, mich an all solchen Lobeszuerkennungen zu beteiligen, nicht nur gegenüber den Chaluzim im allgemeinen, sondern auch gegenüber der „Histadruth". Ich bin der Meinung, daß jeder Jude und jede Gruppe von Juden, welche im palästinensischen Jischuw mittätig waren, Wunder vollbracht haben, für die es in der Geschichte der größten kolonisatorischen Leistungen in der Welt kein ähnliches Beispiel gibt; und unter eben diesen Gruppen von WundervoIIbringern steht auf einem Ehrenplatz — unter anderen Gruppen — sowohl der Chnluz als auch die Histadruth. Das gibt aber noch keinen Anspruch auf Herrschaft. Noch größer als de Leistung der Chaluzim ist in meinen Augen die Leistung der. jüdischen Legionäre in der Kriegszeit; wenn aber die Legionäre ein Monopol auf Bevorzugung verlangen sollten, würde ich das für absurd und schändlich halten. Eine Sache soll man unseren dumpfen, unsystematisch denkenden Köpfen einhämmern: Wenn ein Kaufmann oder ein Fabrikant oder ein Orangeapfianzer sagt: „Ich bin die Hauptsache, ihr andere« seid bloß zweiten Ranges!" — spricht er wie ein Iitiot, und wenn das der Lohnarbeiter sagt, spricht er ebenfalls wie ein Idiot. In der gemeinsamen Oekonomie vom Baue v des J u d e n s t a a t s ist die Leistung des Krämers nicht kleiner als die Leistung des Erdä rbei t er s und alle anderen Arten der arbeitenden Menschen. Gleichgültig, ob sie mit den Muskeln oder mit dem Hirn gearbeitet, gleichgültig, ob sie Miete von ihrem eigenen „Kapital" (man verzeihe, daß ich das Wort in den Mund nehme!) oder von ihrem Arbeitslohn gezahlt haben. . Und betreffs der „Spitzenleistung" an und für sich darf man auch etwas Wichtiges nicht vergessen. Die Leistung der Lohnarbeiter in Palästina besteht darin, daß er mit seinen eigenen Händen Häuser gebaut und Erde geackert und Maschinen bedient hat. Wenn es auch auf der Welt eine Milliarde Nichtjuden gibt, die dasselbe tun und es für keine besondere Sache halten, bin ich doch damit einverstanden, daß es in unserem Fall eine besondere Leistung war, weil das jüdische Volk schon seit langem schwerer, körperlicher Arbeit entwöhnt war. Was für einen Nichtjuden eine Selbstverständlichkeit, war hier auf Schritt und Tritt ein Ueberwinden und Erreichen. Ich ziehe meinen Hut und verbeuge mich mit Ehrerbietung. Aber das ist nur die eine Seite des Bildes. Die zweite Seite besteht darin, daß einer der Experten, den die „Jewish Agency" noch vor ihrer Etablierung ausgeschickt hat, eine Sache konstatierte, die Dr. Weizmann auf dem Züricher Kongreß zitiert hat: „Es ist richtig, daß die jüdische Kolonisation viel mehr Geld kostet als z. B. die griechische in Mazedonien; anderseits aber hat dieser Umstand den jüdischen Pionier vor einem großen Teil jener peinlichen Schwierigkeiten bewahrt, welche die griechischen Pioniere zu erleiden hatten." Das heißt, 1. daß zwar die Opfer unserer Chaluzim sehr groß waren, daß aber die Welt noch größere Opfer seitens Pionieren kennt; und 2. (und das ist der springende Punkt) bedeutet das, daß sich an der Leistung im Emek auch die tausende Juden in Polen und Amerika und da und dort beteiligten, da sie dort das unappetitliche, vermaledeite runde Geld hergegeben haben. Ohne sie hätte der Chaluz noch einmal so viel „gelitten", d. h. zweimal weniger (und vielleicht zehnmal weniger) geleistet. Und das Geld hat der Mittelstand gegeben, und das Geld hat er nicht von seiner dicken Brieftasche genommen, die nicht vorhanden ist, und nicht vom „Blutsaugen", was schon lange ein leere Phrase in den Ländern mit Arbeiterschutz ist, sondern es' entstammt seinem eigenen Blut und Schweiß, weil unser Mittelstand, stets und besonders nach dem Krieg, seine Groschen mit schwerer, harter Mühe verdient, wobei er sich sein Hirn zermartern und sein Leben verbittern muß. Den Emek begann man zu bauen ein Jahr, nachdem eine Keren-Hajessod-Delegation nach Amerika und eine zweite nach Bessarabien und eine dritte und vierte dahin und dorthin fuhr. Wir alle kennen den Typ Menschen, da in Bessarabien und dort in Amerika, welche damals wirklich einen „Zehent" ihres mageren Einkomens gaben. Den Emek haben sie ausgebaut genau so wie die Chaluzim und wahrlich mit dem Schweiß ihrer Hände und dem Mark ihrer Knochen. Ich ziehe den Hut. Inmitten des Emek muß man dem einfachen Nnr-Juden ein Denkmal stellen mit der Inschrift: Dem Erbauer! Es ist nicht ehrlich, zu sagen, zumal in der Hitze der Polemik, daß wir, die wir das Klassenmonopol brechen wollen, die Verdienste der Arbeiterschaft oder gar die der Histadruth „vergessen" wollen. Gewiß nicht. Wir gedenken. Aber aller, nicht nur einer Seite. Es gibt in Palästina keine einzige Sache, die nur der Arbeiter aufgerichtet hat. An jedem Stein, an jedem Baum, an jedem Grashalm kleben zwei Tropfen Schweiß, und jeder Versuch einer Bevorzugung muß und wird gebrochen werden, wie er es verdient. Kanaan* Treuhandgesellschaft rooewoM man D^BW Canaan Trutteeshlp Co., Jerusalem liefert Informationen, Ideen, Vorschläge, Pläne, Programme, Kostenvoranschläge; besorgt die Gründung, Abwicklung, Leitung und Überwachung von Unternehmungen oder Geschäften in Erez Israel Vertreter für Österreich: Ludwig Gutmann. Wian I, Flciichmarkt 22, II., III., 56 Mündliche Be p echung nach vorheriger sehr ftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung Worauf warten? Ein politischer Brie! aus England Von unserem englischen Korrespondenten Dr. H. Rosenblum (London), Bekanntlich hegen gewisse englische Kreise seit Jahren eine ganz besondere Schwäche für die Idee des Parlamentarismus im Heiligen Lande. Es verging fast keine Woche, an der der eine oder der andere Politiker nns nicht den freundlichen Ratschlag erteilte, die „dem arabischen Volke Palästinas zukommenden Rechte anzuerkennen" und uns nicht der Illusion hinzugeben, als ob man ein Land heutzutage ohne „Zustimmung der Bevölkerung verwalten könnte". Für den Zionisten war ein derartiges Thema wie ein Knochen im Halse: er konnte ihn weder herunterschlucken noch ausspucken. Er wollte nicht als „Reaktionär" in Verruf geraten, benahm sich infolgedessen wie ein Schulbub, der an die Wand gedrückt wird. Sein einziger Wunsch war immer: diese unangenehme Diskussion möglichst zu verschieben... Dieses unerquickliche Bild erzeugte den Eindruck, als ob sich die Engländer mit den Arabern gegenüber Ut/ .>£?.... \k Aiehtmandas qj^BHdim Sucher * K^automatisch "SM^ese und anjtwdere Vorzüge ««//>^ machen die Voigtländer- Brillant 6*6 zu einem Geschenk von bleibendem Wert ERHÄLTLICH IN JEDER PHOTOHANDLUNG dem erschrockenen und „rückschrittlichen" jüdischen Nationalismus in fortdauernder moralischer Offensive befänden. Eine moralische Offensive muß aber in der Politik letzten Endes in eine physische ausarten. Und so geschah es, daß der Oberkommissär Wauch ope, nach Einvernehmen mit der Regierung in London, in Genf die Erklärung abgegeben hat, daß es „die Absicht der Regierung ist, Schritte zur Bildung des Gesetzgebenden Rates zu unternehmen". Wie der Staatssekretär für die Kolonien, Sir P. Cunliffe-Lister, im Unterhaus erklärt hat, „befürchtet die Regierung Seiner Majestät nicht, Unannehmlichkeiten dadurch hervorzurufen, daß sie dem Lande eine Konstitution gibt, bevor es dasselbe verlangt". Die Regierung ist von der Richtigkeit des von ihr eingeschlagenen Weges derart überzeugt, daß sie nicht einmal dem Unterhaus die Möglichkeit geben will, sich zu dieser Frage zu äußern. Die englische Regierungsmaschine scheint somit für die armen Juden bestens vorgesorgt zu haben... Die armen Juden aber sollten nicht so geistesarm sein, ihr ganzes Vertrauen unbedingt der Regierungsmaschine zu schenken. Sie sollten beobachten, wie die Engländer selbst das Problem des Parlamentarismus im Orient -— wenn es sich nicht um Judentum und Zionismus handelt anfassen. Die französische Macht hatte vor ungefähr sechs Jahren dem Palästina benachbarten „Libanon" eine formelle Verfassung mit allem staatsrechtlich-modernistischen Zugehör gewährt. Denselben Weg betrat Frankreich in Syrien: ein Parlament, Wahlen, Propagandafreiheit und politische Kooperation, keines der wesentlichen bürgerlichen Rechte wurde dem Volke vorenthalten. Man wird sich noch daran erinnern, daß diese Politik der französischen Behörden damals im zionistischen Lager eine „stille Melancholie" erweckte. Die zionistischen Selbstmordtheoretiker konnten damals mit absoluter Klarheit beweisen, daß solche weitgehende Verfassungsänderungen an der Grenze Palästinas nicht ohne Einfluß auf dieses bleiben werden, daß wir der arabischen Agitation „zuvorkommen" und ohne langes Zögern ein parlamentarisches Regime für Palästina akzeptieren müßten» Die erwähnten Theoretiker lehrten uns damals, daß kluge Politik darin bestehe, politischen Entwicklungen, die als wahrscheinlich erscheinen, rechtzeitig unsere Zustimmung zu erteilen. Die Ereignisse aber haben seither bewiesen, daß es oft noch klügere Politik ist, unsere unglückseligen jüdischen Theoretiker einfach unbeachtet zu lassen... Die Libanon-Verfassung wurde bereits im Mai des laufenden Jahres aufgehoben. Die „Times" vom 25. Oktober d. J. schreiben drüber folgendes: „Die im Mai vom französischen Oberkommissär Ponceot vorgenommene Aufhebung der konstitutionellen Garantien im Libanon... ließ die Bevölkerung frei aufatmen. Die sechsjährige Erfahrung zeigte, daß sich das parlamentarische Regime für Libanon nicht eignet. Die Folge dieses Regimes war, daß professionelle Politiker eine Möglichkeit erhielten, neue Aemter zn erdenken, auf unsaubere Weise Vermögen zu sammeln und die Staatskasse durch ungerechtfertigte Ausgabenposten zu belasten. Es ist ein unanständiges und geradezu räuberisches Steuersystem eingeführt worden, und das ausgerechnet zu einer Zeit, da die Bevölkerung von einer schweren Krise belastet war. Bei der nunmehr erfolgten Reduzierung der Staatsausgaben und Sanierung der Folgen der bisherigen öffentlichen Skandale trug Herr Debat (der neue Gouverneur, der unter der Kontrolle des Oberkommissärs tätig ist. H. R.) eine derartige Energie zur Schau, daß sich das Volk fragt, weshalb man denn eigentlich damit nicht schon früher begonnen hätte. Die Staatsausgaben sind um nicht weniger als 20 Millionen Francs herabgesetzt worden, wodurch die Hoffnung entstand, demnächst das Budget um die Hälfte vermindert zu sehen, das heißt mit anderen Worten, es in diejenigen Grenzen, in denen es sich vor Einführung der parlamentarischen Regierung bewegte, wieder einzuführen." Die ,,Times*4 versichern ferner, daß die gegenwärtige „provisorische Verwaltung" weder Wochen noch Monate, sondern Jahre dauern werde. „Die Erfahrung des benachbarten Syrien lehrt, daß bei den Franzosen eine provisorische Verwaltung Jahre hindurch ruhig im Amte bleiben kann." Der weitere Teil des Artikels ist den Verhältnissen in Syrien gewidmet. Die „Times" berichten hiezu, daß das dort von den Franzosen eingeführte parlamentarische System ein ungeheueres Anwachsen des extremnationalistischen arabischen Einflusses zur Folge hatte. Obwohl die nationalistische Partei von den 69 Parlamentsmandaten nur 1? innehat, ist die Wirkung so groß, daß sich das Parlament genötigt sah, zwei Drittel der wichtigsten Ministerjportef e u i 11 e s gerade dieser Partei anzuvertrauen. Somit sind vier Ministerportefeuilles von der extremistischen Minderheits- und bloß zwei von der gemäßigten Mehrheitspartei besetzt, ein für europäische Begriffe allerdings ganz eigenartiges Bild, das von der ungeheuren Macht der Gassendemagogie im Orient Zeugnisablegt. Das politische Leben in Syrien unter dem parlamentarischen Regime wird in den „Times'1 folgendermaßen geschildert: »Das ganze Land ist durch Agitation und Terrorismus in einen siedenden Kessel verwandelt worden. Aleppo wurde zum Schauplatz von Bombenüberfällen, Morden, Streiks und Demonstrationen. In den Moscheen werden zündende Reden gegen das französisch» Mandat sowie §*feu diu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.