Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 274 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 2U der Jüdischen Partei, sondern auch bei einem Teil seiner eigenen nationalzaranistischen Fraktionsgenossen Unzufriedenheit und Widerspruch aus. Vor Schluß der Sitzung wies Dep. Weißmann in Form einer persönlichen Erklärung die Angriffe Cuzas zurück, und wies darauf hin, daß die zionistischen Bestrebungen die Sympathie aller rumänischen Regierungen, von Take Jonescu an bis zur gegenwärtigen Regierung, gefunden haben. Er erwähnte die zugunsten des Zionismus abgegebenen Erklärungen Take Jonecus, Ducas, Valda Voevods, Titulescus und Manius. Die patriotische Haltung der rumänischen Juden gehe nicht nur aus den im „Monitorul oficial" veröffentlcihten Verlustlisten während des Krieges, in denen Tausende Juden figurieren, und der Tatsache, daß viele Hunderte Juden Kriegsauszeichnungen erhalten haben, hervor, sondern auch aus einem Bericht des Professors Anghelescu, der während des Krieges rumänischer Gesandter in Washington war. Prof. Anghelescu habe die Bemühungen der aus Rumänien stammenden amerikanischen Juden, ihn in seiner Arbeit zugunsten Rumäniens zu unterstützen, besonders hervorgehoben. Dies beweise, daß selbst diejenigen Juden, die aus Rumänien ausgewandert sind, ihrem Vaterlaride treue Anhänglichkeit bewahrt haben. Zionistenverfolgung in Rußland Der Jahresbericht der A I 1 i a n c e I s r a e"1 i t e Universelle, der der kürzlich in Paris stattgefundeiren Jahrestagung der AUiance vorgelegen hat, enthält einen Üeberblick Uber die Lage der Juden in verschiedenen Ländern Ein großes Kapitel ist der Lage der Juden in der Sowjetunion gewidmet, wobei auf den Bericht des früheren englischen Kriegsministers Lord Morley, der zum Studium der Arbeit der Gesellschaft ORT. in Rußland weilte, hingewiesen wird. Die russische Regierung hat beschlossen, Biro-Bidschan in ein jüdisches Land umzuwandeln. Ueber die Eignung Biro- Bidschans für eine jüdische Massensiedlung widersprechen sich aber die Berichte der Fachleute sehr. Tiefe Temperaturen und Schneemangel im Winter, Wolkenbrüche im Herbst und Moskitoplage im Sommer stünden — heifit es — einer Massensiedlung hemmend gegenüber. Sehr traurig ist die Lage der verfolgten Zionisten. Mehrere in die Gefängnisse gesperrte Zionisten haben durch Hungerstreik ihre Gesundheit für Lebenszeiten untergraben, andere sind in ihren Verbannungsorten in Turkestan oder im sibirischen Eis umgekommen, viele schmachten seit neun Jahren in Gefängnissen oder in Exilen. Seelisch Gebrochene und körperlich Kranke werden von Ort zu Ort verschickt. Nur nach Palästina dürfen sie nicht gehen, auch wenn ihre Strafzeit vorüber ist. Die jüdische Welt zollt diesem tragischen Problem nicht genügend Aufmerksamkeit, nur ein organisierter Protest der Weltjudenheit könnte eine Aenderung herbeiführen. Kürzlich wurden in Moskau und in Dniepretrowsk neuerdings Zionisten verhaftet. Diese Feststellungen sind deshalb bemerkenswert, weil die Alliance dem Zionismus sonst nicht sehr freundlich gesinnt ist. Das arbeitende Volk Von Vladimir Jabofinsky SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUBREI II Zentrale: IX., Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Ü (i MaaMHBaaa^HBaaMaaM Lieferant für Heilanstalten ^bleliungei^ \\ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeiude Wien Autosustellung kostenlos :: IX. Barggasse 18 . XVIII., Währ Inger atr. S 7 ] I».....................»*»«4.......MM«t........... „Opposition"! Aber nicht nnr der in Czernowitz beheimatete Leser wird jetzt verstehen, wer mit diesem konstitutionellen Begriff „Opposition" gemeint ist. Es ist jenes Element, das überall, wo jüdisches Leben ist, wo jüdische Gemeinschaft gedeiht, wo jüdische Interessen behütet werden, seine schamlose Zerstörungswut betätigt, jedes sittliche Gefühl systematisch verletzt, kurzum alle jüdischen Werte in Grund und Boden stampfen will — auch dort im Osten, wo die traditionsmäßigen Bindungen stärker sind als in den assimilierten Schichten der westlichen Länder. Die „Opposition", das Ist der vom Kommunismus verseuchte Teil der jüdischen Jugend. Das sind die dreifach geeichten Marxistenl Aber man glaube nur ja nicht, daß sich diese Marxisten keinerlei Sympathien erfreuen — bei den „echten" Juden, den Orthodoxen, den Traditionstreuen. Vielleicht nicht in Czernowitz, dafür aber in — Wien. Der Wahlkampf um die Wiener Kultusgemeinde — das sagen wir zum' Verständnis dieser Feststellung — hat es nämlich mit sich gebracht, daß gerade die Hüter der Religionsgesetze, die Herren der orthodoxen Aguda, mit dem Nestor der Glaubenstreuen, Wolf Pappenheim, an der Spitze, nicht das geringste an jenen auszusetzen haben, welche die. religiösen und sittlichen Gefühle der jüdischen Bevölkerung — so heißt es im Czernowitzer Bericht — ostentativ verletzen, Sonst hätten sie in ihren Versammlungen und Agitationsschriften nicht mit dem Bauchton der Ueberzeugung schreien können: „Orthodoxe Juden! Gebt lieber eure Stimmen den dreifach geeichten Marxisten als den bösen Zionisten!" Diesen Huf haben die orthodoxen Herren ausgestoßen^ Zwar ist.ihm nur ein kleines Rudel gefolgt. Die jüdische Gasse hat ihm ihr Ohr nicht geliehen. Aber wir wollen uns merken, mit. welchen Waffen man kämpft, wenn versucht wird,, dem. durch, die jüdische Gasse brausenden , Sturm, des. nationalen Gedankens . Ein-. halt zu gebieten. c 7 Radau - Antfc emitisinus In der Sitzung des rumänischen Parlaments am Dienstag,.- den 29. November, abends, begründete das Mitglied des Jüdischen Klubs Advokat M i s c h w. W e i ßuann seine Interpellation an den Justizminister und den Innenminister betreffend die Ritualmordhetze des Jassyer Studentenblattes „Curentul Studentesc" und wies darauf hin, daß die christliche Religion aus der jüdischen Religion hervorgegangen sei. Der antisemitische Abgeordnete George Cuza, Sohn des Begründers des rumänischen Antisemitismus, Abgeordneter Professor C. Cuza, rief: „Das ist eine Infamie!", stürzte sich auf den Redner und versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht, wodurch er.ihm das Augenlid verletzte. Der am Auge blutende Weißmann ohrfeigte George Cuza mehrmals und stieß ihn von sich. In der. gesamten Kammer herrschte. Empörung über die brutale Tat Cuzas. Der Unterstaatssekretär des Kultusministeriums Andrei bestieg die Rednertribüne Und erklärte, er schäme sich, einer so brutalen, in einem Parlament unerhörten Szene beigewohnt zu haben, und bedauere es, daß ein Universitätsprofessor zum Faustargument greift, wenn eine ihm nicht passende Ansicht geäußert wird. Die Disziplinarkommission der Kammer trat sofort zusammen und beschloß, beim Plenum der Kammer den Ausschluß George Cuzas von 20 Sitzungen zu beantragen. Die Kammer hat sodann mit 126 gegen 41 Stimmen den Deputierten Prof. George Cuza für 20 Sitzungen ausgeschlossen. Cuza, der das Wort zu einer Verteidigungsrede erhielt, verbreitete sich statt dessen über Ritualmord, Mädchenhandel und Zionismus. Er erklärte, er bedauere seine Tat nicht, sie sei nicht unbedacht und unverantwortlich, sondern mit vollem Bewußtsein verübt worden. Er habe mit seinem Schlag nicht irgendeinen jüdischen Abgeordneten, sondern den Führerdes Zionismus, der nicht, wie behauptet werde, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims, sondern die jüdische Herrschaft über alle Völker anstrebe, getrogen. Die Juden Rumäniens hätten auch nicht den Versuch einer Annäherung an das rumänische Volk gemacht. *'' l George Cuzas Auslassungen wurden teils mit Lachen, teils mit lebhaftem Protest aufgenommen. Das Verhalten des Vorsitzenden, Vizepräsident Cäsar Spineanu, der Cuza vollste Freiheit Heß, die jüdische Religion und die jüdische Bevölkerung aufs schwerstezu beleidigen, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen oder zur Ordnung zu rufen, während er Versuche, den Redner in die Schranken seiner geschäftsordnungsmäßigen Aufgabe zu weisen, schärfsten* unterdrückte, löste nicht nur bei den Abgeordneten Zuviel Unfug wird getrieben mit dem Wort „Arbeit". In den letzten Jahren hat man es bei uns monopolisiert zugunsten einer einzigen Formleistung: „Proletarischer" Lohndienst. Eigentlich —• noch enger: Eigentlich will man, daß der Titel bloß jenen gehöre, die mit der Hand arbeiten; aber man hat ein wenig Mitleid mit dem Buchhalter, dem Sekretär, dem Handelsangestellten und dem Lehrer, und man schenkt auch ihnen den Titel „Arbeitende", besonders wenn man ihre' Stimmen, fÜi* Wahlen" zu irgend einem Kongreß oder zur Gemeinde haben will. Weiter:, klhaus 'nein, hait: Das sind,die Grenzen solcher BfkrJHe wie ,,Das, arbeitende Volk" oder „Das arbeitende M Dienstherr sich aebt Stunden o^^^^|Wbj|f^||' vierzehn' Stunden abrackert (wenn er^GoW nur Gelegenheit hat, zu schuften), ^ehif;-der Arzt von einem Ende der Stadt zum anderenf ■rennt, wenn der Krämer die Kunden bedient und seine Frau reinemacht und wäscht und kocht — das nllelpkommt nicht in Betracht, das sind keine lohn„arbeitenden" Elemente. - Ich habe niemals verstanden, woher; die Menschen die offensichtliche, nackte fteberheblichkeit* nehmen, Schweiß und Mühe der anderen zugunsten einer einzigen Klasse wegzueskamotiereri, und gar noch in bezug ani Palästina, wo es doch bei, uns dreimal so viel „Arbeitende" gibt als Arbeiter". {Wäre ich der Leiter einer Zeitung, würde ich in meinen Zeltnngsspalten den idiotischen Ausdruck „Das arbeitende Palästina" in dem spezifischen Sinn einfach nicht "> erlauben. Ein „Arbeiter" sein ist nnr eine der Formen von „arbeiten", und in heutiger Zeit — gar nicht die schwerste und die müh- , seligsteünd schon gar nicht die armseligste. Es gibt, besonders bei uns Juden! ^etliche Dutzend anderer Formen „Arbeit**, genau so ehrenhaft und oft bedeutend produktiver als der Lohndienst der Lohnproletarier, Man will uns einreden, daß ein Billeteur in einem Kino ein absoluter „Arbeitender" ist, aber ein Versicherungsagent — nicht Es ist wirklich närrisch. „Arbeit** heißt jede Anstrengung des Körpers oder des Hirns, deren Zweck es ist, seinen Lebensunterhalt für sich zu verdienen oder anderen verdienen zu helfen: wer solch eine Anstrengung macht, der gehört zum arbeitenden Volk und ist genau eine solche „Nummer" wie der feinste Chaluz. Der Gegenstand ist kein theoretischer. Die nächsten Monate, vielleicht die nächsten Jahre im Zionismus werden voll sein vom Kampf zwischen eben diesen zwei'Begriffen von' „Arbeit" — dem einen, monopolisierten Begriff und dem breiten, allgemeinen. Natürlich ist nur derjenige in Palästina ein „Auserwählter" der arbeiten kann und bereit ist, zu arbeiten; anderer Typen bedarf man dort nicht» solange es kein fertiges Land ist; und die „Bevorzugtheit" ist auch keine; rein theoretische — diese „Bevorzugtheit'4 muß darin bestehen, daß das ganze Volk und seine politischen und gesellschaftlichen nnd finanziellen Institutionen das Protektionskind systematisch zu unterstützen haben. Es gibt aber hier eine Seite» welche der Anschauung huldigt, daß der Vorzug der Arbeit ganz und gar nur ihr allein zukomme, zumal sie — unter dem charakteristischen Namen „Das arbeitende Palästina" paradiert. Es ist nicht zu vermeiden, daß der zweite Teil (nennt ihn Mittelstand, nennt ihn nationale Jugend, nennt ihn ein« fach Juden an sich, nennt ihn* wie ihr wollt) das nicht länger zugeben wird. Der Kampf hat begonnen schon lange bevor die letzten Konflikte zwischen den zwei verschiedenen „Histadruth" in Jerusalem und in Tel-Awiw ausgebrochen sind; jede Woche kommen Dinge vor» die darauf Bezug haben — in der Frage Zertifikate, Budget, Farbstein, Newman. Es ist kein Zweifel, daß bei den kommenden Wahlen zum 18. Kongreß und auf dem Kongreß selbst diese Frage die wichtigste, oft die einzig wichtige sein wird. * Es besteht kein Zweifel darüber, auf wessen Seite die große, Masse der öffentlichen Meinung steht. Wie auch immer der Eindruck beim Lesen der meisten jüdischen Zeitungen heutzutage sein mag, wie „rührend* auch die Lobsprüche zugunsten der „Linken" (geschrieben vpn Menschen, die genau so „links" sind wie der Rebbe von Buxtehude) sei^ mögen, die Welt weiß die Wahrheit und, es wissen sie auch die Lobhudler selbst. Es ist nicht das erste Mal, daß der einfache Jude schweigen und zuhören muß, wie man die öffentliche Meinung verfälscht, d. h. vor allem sein Denken verfälscht; aber sein Denken bleibt fest, und das letzte Wort wird er sprechen. Gerade der Leser, der diese Zeilen liest, bemerkt, sobald er gewahr wird, daß Tag Tag und Nacht Nacht ist, daß im Zionismus und in Palästina eine Oberherrschaft besteht, f a s t e i n e Diktatur, seitens einer priviligierten Klasse, daß sie ungerecht vom ethischen und schädlich vom kolonisatorischen Standpunkt ist und unbedingt und unter allen Umständen beseitigt werden muß. Es ist hier nicht der Kuhhandel mit den „Mittelst a n d s z e r t i f i k a t e n" der springende Punkt, und es ist hier nicht die Frage, wie man das ein paar tausend entwertete Pfund betragende Budget aufteilen wird. Ein ganzes Volk kämpft und zahlt, um die Einwanderung von Arbeitern nach Palästina zu ermöglichen. Frei einwandern kann man nicht, man läßt nur Menschen mit Kapital oder mit Zertifikat hinein: Dadurch wird künstlich in der Einwanderung eine riesige Proportion von „proletarischen Elementen" und eine liliputkleine Proportion vo» .^Bourgeoisie" geschaffen — eine Verteilung, von der es nicht ein Jota im Weltjudentum gibt, welches zu 80 Prozent gerade aus Mittelständlern besteht. Ich rede hier nicht davon, ob diese künstliche Zusammensetzung für den Aufbau Palästinas gut oder weniger gut ist. Das ist ein anderes Problem. Aber sie ist künstlich, sie ist das Resultat eines politischen Regimes, das nicht von unserem Willen, sondern vom englischen Befehl abhängig ist. Und eben diesen fremden Zwang hat das „linke1* Lager ausgenützt, um in Palästina eine Klassenherrschaft zu befestigen, und man will noch, daß wir das für heilig und gerecht halten. Und das ganze jüdische Volk, das zu 80 Prozent aus Mittelstand besteht und feind ist dem Gedanken der Klassenherrschaft, muß daftyr kämpfen und zahlen, daß in seinem Nationalheim der Nur-Jude entweder als Ausbeuter oder als Nichtstuer gelte; daß man ihn vom Kreis jener ausschließe, die das Recht haben, sich „Arbeitende" zu nennen; daß man in der gleichen Sekunde einerseits von ihm fordert, nur jüdische Arbeiter zu beschäftigen (und das mit vollem Recht), und anderseits den Arbeitern einredet, daß er ein Blutsauger ist und daß man ihn als Feind behandeln muß und daß ein Streik gegen ihn eine heilige Sache ist, die man stören nicht darf, und daß jene wenigen Arbeiter, die damit nicht einverstanden sind» daß man den einfachen Juden als Feind betrachte, und gegen ihn keinen Streik anwenden wollen — auf offener Gasse geprügelt gehören... Solch ein Leser, der meine Zeilen'liest* weiß gam