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Die neue Welt · 1932-12-09 · Heft 274 (9.12.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 274 (9.12.1932)
Date
1932-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 274 DIE NEUE WEL1 Seite 3 1 ChaiWbabsans 78. Dezember 1932, halb 11 Uhr vormittags Zentralfriedhof (I. Tor) 5H DB Gustav Wilder Wien IV, Rainers* 31/ Tel* 11-42.-4*84 empfiehlt: JAFFA-ORANGEN pro Kiste (80 bis 150 Stück) S JAFFA «GRAPEFRUIT 36.- 36pro Kiste (80 bis 96 Stück) S Auf Wunsch auch halbe Kisten Judendebatfe im ungariidien Parlament In der Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses am 29. November abends brachte der Demokrat Pakots die Studentenunruhen in Debrecen zur Sprache. Er führte aus: Ich erfahre, daß eine Abordnung der (antisemitischen) Studentenschaft beim Herrn Kultusminister vorgesprochen und ihm eine Denkschrift überreicht hat. Dieser Abordnung soll der Minister die Antwort erteilt haben, dal! er der Jugend Genugtuung verschaffen werde. Welche Art von Genugtuung hat der Minister versprochen? Ich fordere eine einzige Genugtuung: Gerechtigkeit! Ist es aber gerecht, wenn innerhalb der Mauern einer Hochschule zwischen den Studenten keine Gleichheit herrschen soll? Ist es gerecht, wenn man jüdische Hörer in ihren Rechten einschränkt, wenn man sie unter Verletzung ihres menschlichen Selbstbewußtseins in die rückwärtigen Bankreihen zwingt, als ob sie Aussatzige wären, und wenn man sie nach dem Ghetto-System des Mittelalters behandelt? Wo sind die J?*cl}ste"- Uebc, das neue Programm, der neue Stil, den der Ministerpräsident Gömbös hier verkündete, als er alle Ungarn als seine Brüder angesprochen hat?_ln ganz, komischer Weise wurde der junge Student Bela Herczeg, der sich zu einer scharfen Aeußerung hinreißen ließ, relegier 1. Kultusminister Dr. Homnn ersucht, diesen Fall hier nicht zur Sprache zu bringen. An seine Forderung knüpft sich eine sehr erregte Debatte. Abg. Pakots fährt fort: _ . Bela Herczeg soll den Ausdruck »feige Christen!" gebraucht haben, nachdem der Student Ladislaus Borsay erklärt haben soll: „Ich kenne keinen einzigen ehrlichen Juden!" Ich, der ich der christlichen Konfession angehöre, wünsche die volle Wahrheit zu erfahren. Wenn man Borsay nicht bestraft hat, dar* man Herczeg nicht relegieren, der ja vorher von einer ungeheuren Uebermacht überfallen und schwer mißhandelt worden war. Als die Affäre Bela Herczeg vom Universitütssenat verhandelt wurde, versammelten sich 700 Studenten vor dem Universitätsgebäude. Und als Herczeg das Urteil des Senats gebeugten Hauptes zur Kenntnis nahm und das Universitätsgebäude verließ, Wurde er von seinen Kommilitonen angespuckt, bs ist ganz eigentümlich, daß die Untersuchung u. a. festgestellt hat, daß eine jüdische Studentin eigentlich von ihren jüdischen Kommilitonen angerempelt worden sei. Das ist eine ganz merkwürdige Umwertung der Tatsachen, die in dieser ganzen Erscheinungsreihe zutage tritt. Wir ersuchen den Kultusminister, zu verhindern, daß man an den Hochschulen Universitätshörer in erniedrigender, unmenschlicher Weise in die letzten Bankreihen verweist, als ob sie Aussätzige wären. Kultusminister Dr. Ho man erklärte: Auch ich stehe auf dem Standpunkt der Gerechtigkeit. Ich habe innerhalb der Grenzen der gesetzlichen Möglichkeiten die Untersuchung in Debrecen einleiten lassen und bin nicht geneigt, mich in die Autonomie der Universität einzumengen. Rektor Rugonf al vi-Kiß leitete die Untersuchung im Verein mit dem Senat. Ich verlautbarte im Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten Gömbös, daß die Universität gesperrt werde, wenn die Ordnung nicht innerhalb 24 Stunden wiederhergestellt sei. Tags darauf hörten die Krawalle auf. Nun haben sich im Zusammenhang mit den Debrecener Ereignissen große Gruppen der christlichen Studentenschaft, etwa 7000 bis 8000 Mann, die in der Verbindung „Turul" vereinigt sind, zusammengeschlossen und haben mir durch die Rektoren eine Denkschrift unterbreitet, in der sie die Wiederherstellung des alten Paragraphen des Numerus-clausus -Gesetzes wünschen. Man sieht, daß es sich hier um eine tieferreichende soziale Bewegung handelt. Die u ng arische' Studentenschaft befindet sich in der schwierigen materiellen Lage, ihr muß geholfen werden, weil ihr Schicksal das Schicksal der ungarischen Zukunft ist. Die ungarische Jugend befindet sich in einem gereizten Gemütszustand, dies hat in Debrecen zur Explosion geführt. In Debrecen repräsen- ECKSTEINS IlllllllllllllllillUllllillii.' FAMILIEN-PENSION Restauration, Kafleehaus / Täglich S*Uhr-Tee SEMHERING SäSfttt XSttSr"*45 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12. aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kallwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unier Telephon U-27-6-24 tiert die jüdischc jngend das gutsituierte Element. (Zurufe von links: Die armen Juden läßt man nicht zu!) Kultusminister Homan fährt fort: In der Seele der armen Studenten entstand Erbitterung, als sie sahen, daß an der Debrecener Universität die Zahl der jüdischen Studenten von Jahr zu Jahr zunahm, nachdem das neue Gesetz die Verhältniszahl nicht auf Grundlage der Rasse und nicht auf konfessioneller Basis, sondern nach Maßgabe des väterlichen Berufes festsetzt. Das hatte zur Folge, daß die Verhältniszahl der jüdischen Hörer an der medizinischen Fakultät in Debrecen 2 7 Prozent beträgt. Lesen Sie die Zeitungsberichte über die Studentenkrawalle in Wien oder Berlin und Sie werden sehen, daß es derartige Bewegungen überall in Mitteleuropa gibt. Ich werde die Lernfreiheit an der Universität für jeden Studenten ohne soziale und konfessionelle Unterschiede sichern. Ich werde die Lernfreiheit der jüdischen Studenten schützen, zugleich aber auch die Zukunft der christlichen Studenten fördern. Ich werde hierin Verfügungen treffen. Abg. Stephan Farkas: Das ist der konfessionelle Standpunkt! Was Sie, Herr Minister, treiben, ist konfessionelle Verh et z u n g! Kultusminister Homan versicherte noch einmal, daß er bestrebt sei, die Ordnung restlos wiederherzustellen. (Gelächter links.) Abg. Pakots: Werden die jüdischen Studenten fortab nicht bloß in der letzten, sondern auch in der ersten Bankreihe sitzen dürfen? Diese Frage wurde vom Minister nicht beantwortet. Wissen Sie schon, daß CONGORILL A der einzige, absolut authentische Atrika-Tonfllm ist, der von A bis Z tatsächlich in Afrika aufgenommen wurde? daß £@Nö@IHLL A Bilder vom Gorillalang und vom Kampf mir Elefanten zeigt — Bilder, die bisher keinem Kameramann gelangen? daß £© M<2i® GH HLÄ die größten Bestien und die kleinsten Menschen der weit im Bild bringt, Urwaldabenteuer von stärkster Spannung? daß C© M CiOGSO HL A sämtliche bisher gezeigten Afrikafilme bei weitem übertrifft und Sensationen zeigt, die bisher unvorstellbar waren? daß t©Mü© Rö LLÄ ein Fox Tonfilm von Martin und Osa Johnson ab Freitag, den 9. Dezember 1932 in folgenden Wiener Kinos erscheint: Garlenbau'Kino, I. - Ufa«Ton« klno, II. * Lichtspiele Wien« seile, VI. - Stafa-Klno, VII. KolosseunvKfno, IX. DSCHAU Ghettonot und nationale Tal Aus dem — neben dem zaristischen Rußland — klassischen Pogromland Polen kommen seit einer Woche alarmierende Meldungen. Berichte über unerhörte, blutige Gewalttaten des Mobs und der akademischen Jugend gegen die jüdischen Bewohner. Wie man den Berichten entnehmen kann» handelt es sich diesmal um mehr als um Terrorakte einzelner Personen, deren Ursache kopfloser Haß ist. Diesmal geht wieder eine Pogromwelle durch die polnischen Städte, begleitet von allen Ausbrüchen blindwütender Mord- und Zer« störunginstinkte. Chronologisch gesehen, geschah folgendes: In der Art der bekannten Wiener antisemitischen Hetze hat die nationalistische Studentenschaft, zuerst in Lemberg, jüdische Bürger in den Straßen beschimpft und angerempelt, darunter auch den jüdischen Bäckergehilfen Rasiere dich! die einzige schwedische Weltmarke Katz, und neben anderen auch diesen aufgefordert, den Bürgersteig zu verlassen. Als Katz sich weigerte, wurde er vom polnischen Studenten Grotkowski geohrfeigt und durch wuchtige Hiebe am Kopf schwer verletzt. Jeder Besinnung und Beherrschung beraubt, stach Katz mit einem Messer wild um sich, wobei Grotkowski eine tödliche Verletzung erlitt, der er später erlag. Es war der typische Fall, der Notwehr. Niemand, weder die Augenzeugen noch die herbeigeeilte Polizei, konnte den Tatbestand bestreiten. Das hinderte aber den von Agitatoren aufgestachelten Mob nicht, zu Pogromen zu hetzen, hinderte die antisemitische Presse nicht, die schändlichsten Verleumdungen gegen die jüdischen Bürger loszulassen. Die Folge davon waren neue Attacken, Plünderung jüdischer Läden, Brandstiftung und die obligaten Begleiterscheinungen pogromistischer Akte. Hunderte verletzte Juden wurden in Spitäler, einzelne, die sich gewehrt hatten, in den Arrest abgeführt. Die staatliche Hand griff zwar ein, aber gegen den antisemitischen Massensturm war sie so ziemlich wehrlos, nachdem sie die jahrelange Verhetzung geduldet hatte. An der Spitze aller Exzesse stand die nationalistische Studentenschaft. Da in Lemberg eine Nachrichtensperre eingeführt ist, kann man nur schwer authentische Informationen über die Vorgänge erhalten. Man weiß nur außer der Tatsache der Ausschreitungen zwei Dinge: daß der in Polen eingerichtete jüdische Selbstschutz in Momenten höchster Gefahr erfolgreich eingeschritten ist und daß durch die Notwehrhandlung eines dem Judentum völlig entfremdeten Bäckergehilfen die polnische Judenschaft in schwerste Bedrängnis geraten mußte. Bedarf es noch der Mitteilung, daß der Lemberger Pogromsturm ähnliche Exzesse in Wilna, Krakau, Czenstochau zur Folge hatte? Bedarf es noch der Mitteilung, daß Kommunisten in Lemberg sich nicht scheuten, im allgemeinen Wirrwarr durch Revolverschüsse zu provozieren und weiteren Schaden zu stiften? Das sind Erscheinungen, die außerhalb der Lokalchronik symptomatischen Charakter tragen. Die polnische Judenheit macht wieder einmal schwere Tage durch. An Leib und Leben bedroht, sieht sie Haß, Zerstörungswut und Existenzbedrohung vor sich. Traurig, daß sie — nicht anders als überall — für die Tat eines mit der jüdischen Gemeinschaft nicht verw bundenen Menschen, einer Unterweltsfigur, verantr wortlich gemacht wird. Aber am gleichen Tag, da Juden im polnischen Ghetto blutiggeschlagen werden, können wir ein anderes Ereignis verzeichnen: 280 Juden, Chaluzim und Mittelstandsangehörige, haben am 28. November von Warschau aus die Reise nach Palästina angetreten. Ein Lichtblick im Dunkel des Galuthlebens und der einzige Lichtblick! Inmitten Pogromdrohung und Lebensgefahr: Die nationale Tat! Lieber den Teufel als den Zionismus! Äber die jüdische Gasse Kört nicht ♦ ♦ ♦ Man hört ganz reizende Dinge aus Czerno* witz . . . Reizend? Mehr traurig als reizendl Es handelt sich, hier um keine lokale Erscheinung, um nichts spezifisch Czernowitzerisches. Die Vorfälle und die Stimmung, unter der sie sich ereigneten, tragen allgemein verständlichen und allgemein symptomatischen . Charakter. In Czernowitz also wurden am 24. November aus dem jüdischen Studentenheim ein Dutzend Akademiker gewaltsam evakuiert. Das geschah, nachdem diese Hochschüler jahrelang ihre Kollegen und den dieses Heim verwaltenden Wirtschaftsverband jüdischer Hochschüler terrorisiert und schließlich gewaltsam die ihnen nicht zukommenden Bettstellen besetzt hatten. Es gab, wie die Berichte besagen, kein anderes Mittel als die gewaltsame Evakuierung, um sich der Eindringlinge zu erwehren. Die Berichte sprechen stets von einer „Opposition", von „Oppositionellen", die ihren Kollegen im Studentenheim das Leben sauer machen. Auf der einen Seite die verbandser haltenden studentischen Korporationen, auf der anderen die zerstörungswütige —- Opposition. Wer ist nun diese Opposition, die hier ihr Unwesen treibt, Terrorakte verübt, das friedliche Einvernehmen der übrigen jüdischen Studentenschaft stört?. Eine Opposition aus verwaUungstechnischen, adinini- . strativen Gründen? Eine Opposition, der das Studentenheim und die ihm eingegliederte Mensa zu wenig jüdisch geführt wird? Weit gefehlt! Welchen Kalibers diese „Opposition" ist, erfahren wir aus einer Denk- . schritt, die das Kuratorium des jüdischen Studentenheims von Czernowitz veröffentlicht und worin es in bezug auf diese „oppositionellen" Herren Studenten heißt: „Sie verletzten die religiösen und sittlichen Gefühle der jüdischen Bevölkerung, die doch schließlich dieses Heim erbaut hat, als sie am letzten Versöhnungstag (im Festsaal des Studentenheims war ein Bethaus improvisiert) ostentativ und absichtlich Zigaretten rauchend und Schinken essend unter den Betenden spazierten und ungeheuren Aerger und Empörung hervorriefen." Der Bericht besagt weiter, daß dieser Vorfall „nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Sündenregister" der Opposition sei. Immer wieder bloß die harmlose Bezeichnung

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