Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 274 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 274 Die gewählten Mandatare der „Zioimlisdten Liste" vetanstalten anläßlich des großen Sieges am Donnerstag/ den 8* Dezember/um 8 Uhr abends im Fest« saal des Hotel Continental eine Juden# erscheint zahlreich I GROSSE MASSEN¬ KUNDGEBUNG im Gang erhalten könne. Und unter diesem Aspekt mußte sich jeder Jude, der an der Genesung, Erhaltung und Wiederaufrichtung jüdischbewußten Lebens interessiert war, mitverantwortlich fühlen für die Verwaltung der Gemeinde. Solche Juden mußte man nicht erst zur Wahlurne schleppen. Solche Juden mußte man bloß in diesem Gedanken bestärken, damit sie sich bereitstellen, an der Umwandlung eines bürokratisch geleiteten Zettelkastens in eine vitale Judengemeinde mitzuwirken. Immer noch versuchte die Assimilation, sich: diesen erwachten Kräften in den Weg zu stellen. Sie protzte mit ihrer Kultur, die sie ihrer nicht jüdischen Umwelt zu verdanken habe, sie verstieg sich zu der dumm-dreisten Behauptung, daß die den Juden bereitwilligst zugeteilte Zivilisation „Deutschösterreichs'* dazu verpflichte, jedes Anderssein und Andersfühlen verschwinden zu machen, unterzutauchen im alleinseligmachenden Gefühl, daß ja für alle jüdischen Bedürfnisse durch die Gemeinde selbst gesorgt sei, und sonst gebe es nichts, was ein Mitglied der israelitischen Kultusgemeinde von allen anderen Mitbürgern unterscheide — es seien denn die Juden aus dem Osten, die .sich in die Mentalität des Deutschösterreichers im Gegensatz zu den Unionisten nicht einleben können und daher in diesem Staat nichts zu suchen haben. Denn, so argumentierte die Wiener Assimilation weiter, sie sind ein unzivilisiertes Element, das man ablehnen muß, da es daran erinnert, daß es außer den braven, stillen Assimilanten auch noch — Juden auf dev Welt gibt; Juden, die zwar die Pflichten, die ihnen ihre österreichische Staatsbürgerschaft auferlegt, restlos erfüllen, aber daneben noch tief innerlichst das Bedürfnis nach einer jüdisch erfüllten Atmosphäre haben. . Das ist eine unionistisch-assimilantistische Betrachtungsweise, die — milde gesprochen — einer Verdächtigung sehr nahekommt. Aber, Herzls Ideevon der Kultusgemeinde als jüdischer Volksgemeinschaft ließ sich nicht eindämmen. In jedem Wahljahr strömten immer mehr Juden zur Urne. Waren es vor dem Weltkrieg rund 4000, so ist die Zahl am letzten Wahltag a u f r u n d 2 6.0 0 0 g e s t i e g e ri der zwingendste Beweis dafür, daß es Herzls Gedanke war, der den jüdischen Menschen zur Teilnahme am Schicksal seiner Gemeinde führte. Nun sah die Assimilation nicht nur von der ideologischen, sondern auch von der numerischen Stärke der erwachten, national gesinnten Judenschaft eine Gefahr heraufdämmern. Was ihr nicht durch die Verherrlichung der Emanzipation, durch das Vertrauen auf den Reichtum. ihrer Anhänger, durch die Berufung auf die zu P a r d o n verpflichtenden Leistungen in Wissenschaft, Literatur usw., durch die Verdächtigung und Beleidigung der Ostjuden gelang, sollte durch ein neues, dem Unionsgeist würdiges Mittel gelingen: durch Verleumdung und Denunziation. Der Wahlkampf des Gespensterpaares Union-Werktätige stand im Zeichen solcher Betätigung. Die Art, wie das mutige, selbstbewußte, zionistische ' Judentum als staatsfremd, unpatriotisch, staatsfeindlich, die „eroberten" Rechte bedrohend hingestellt wurde, die schäbige Methode, mit allerlei Taschenspielerkunststücken die Koalitionsschande wegzueskamotieren, der allerdings gescheiterte Versuch, der jüdischen Gasse einzureden, daß nur die werktätige Union befähigt sei, den Pogromantisemitismus abzuwehren — all das beleuchtet das Gesicht der Gruppe, von der sich die Majorität der jüdischen Wählerschaft Wiens abgewendet hat. Die Vertreter des nationaljüdischen Gedankens, die allein auf der „Zionistischen Liste" über 14.000 Anhänger erfaßt hatten, werden nun der "Wiener Judengemeinde das Gepräge zu geben haben. Sie werden nun auch nach innen den politischen Umschwung zu formen haben, der im Wahlausgang zum Ausdruck gekommen ist. Ihnen obliegt die wahrlich nicht leichte und nicht im Handumdrehen zu leistende Aufgabe, den Schutt wegzuräumen, der die Seelen tausender Juden belastet hat, den jüdischen Menschen von all den Erscheinungen des Verfalls, des Gleichmuts, der Indolenz zu befreien. Es gilt, vor allem der Jugend den Respekt für die Werte des Judentums, die Liebe für das werdende jüdische Nationalheim, den Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes beizubringen. Soll die Entscheidung, die für die Zionisten ausgefallen ist, den Sinn haben, der ihr zukommt, dann muß der Herzische Gedanke auch in der Seitenstettengasse zum Durchbruch kommen: D i e jüdische Gemeinde ist der lebende Organismus der Judenbeit, die Bewahrerin und Erfüllerin aller national jüdischen Wünsche. Dank an die Jüdische Wählerschaft Wiens! Nach mehr als dreißigjährigem Ringen ist es gelungen, das Gebot Theodor Herzls, des großen Sohnes des jüdischen Wiens, zu erfüllen. Die Leitung der Wieher Judengemeinde ist von nun ab einer zionistischen Mehrheit anvertraut. Der jüdische Wille zum Leben, zur Erhaltung des jüdischen Volkes und zu seiner Erneuerung hat den Geist kleiner Verzagtheit, der Mutlosigkeit, der Resignation überwunden. Jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit und aufopferndster Arbeit der am Wahlkampfe aktiv beteiligten, treuen Streiter hat es bedurft, um diesen Sieg, der für die ganze jüdische Welt von höchster Bedeutung ist, zu erringen. Aber alle Mühe, alles Kämpfen wäre vergeblich geblieben ohne die unvergleichliche Haltung der Wiener jüdischen Wählerschaft. Wohl noch nie ist versucht worden, eine Wählerschaft mit solcher Brutalität und solch dreister Entstellung der Wahrheit einzuschüchtern und irre zu machen, wie diesmal. Man hat in raffinierter Art der jüdischen Wählerschaft einen zionistischen Erfolg als Schrecken aller Schrecken dargestellt. Er bringt Verlust der staatsbürgerlichen Rechte. Er führt ins Ghetto. Er entfesselt Pogrome . . . Iii skrupelloser Weise war man. bemüht, das Herz der heute so bedrohten, so schwer leidenden Judenschaft noch härter zu bedrücken, mit Angst und Verzagtheit zu erfüllen. Der gesunde und mutige Geist der Wiener jüdischen Wählerschaft hat all diese Versuche der Einschüchterung zu schänden gemacht. Er hat das bleiche Gespenst der Ghetto-Angst aus der jüdischen Gasse vertrieben. Dafür gebührt der Wählerschaft dieser großen Judengemeinde voller, herzlicher Dank der Zionistischen Weltbewegung, voller, herzlicher Dank der gesamten jüdischen Welt. Wie in den Tagen seines großen Sohnes Theodor H e r z 1, so geht jetzt wieder der Ruf zur nationalen Erneuerung des alten Volkes vom jüdischen Wien aus. Die Zentral-Wahlleitung der „Zionistischen Liste1*. Die Presse zum 2ioni$ti§dicn Sieg Noch in der Wahlnacht wurde der Bericht über die Eroberung der Judengemeinde durch die Zionisten von den Auslandskorrespondenten in alle Welt weitergegeben. Die Wiener Morgenblätter brachten die Meldung auf den Titelseiten in großer Aufmachung. Die liibera'leri und sozialistischen Blätter enthielten sich, gegen ihre sonstige Art, jeder abfälligen oder " veir-i Bei Erkältungen, Grippej Halsentzündung, Mandelschwellung, sowie Nervenschmerzen und Gliederreißen tut man gut, mit einem halben Glas natürlichen „Franz-Joser'-Bitterwässer für tägliche Darmehtleeruiig zu sorgen. In Apotheken und Drogerien erhältlich. kleinermden Aeußerung über den v Sieg des nationalen Gedankens. Ueberaus charakteristisch ist die Haltung der „Reich sp'ost", des-Blattesder christlichszoialen Regierungspartei: Sie widmet dem Ereignis einen langen Artikel, in welchem es u. a. heißt: Das Ergebnis der Wahl bedeutet eine politische Sensation. Von den 36 Mandaten erhält die liberale Union 15, die zionistischen Parteien zusammen 21 Mandate. Und diesl obwohl sich mit den liberalen »großkapitalistischen'4 Juden der „Union" die s o z i a 1 d e m okratischen Juden zu einer „nichtnationalen" Wahlgemeinschaft der Assimilations juden zusammengeschlossen hatten. Der Sozialdemokratie war der Vorhalt, daß sich im Kampfe um die Kultusgemeinde die proletarische antikapitalistische Marxistenpartei mit der jüdischen Plutokratie verbündet habe, so unbequem, daß sie in ihrem Zentralorgan erklären ließ, die marxistischen Wähler der Kultusgemeinde handelten nicht als Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, sondern bloß als jüdische Wähler der Kultusgemeinde... Aber diese vorsichtige Konstruktion eines Alibi hinderte nicht, daß die „werktätigen Juden", wie sich die marV xistisohen Verbündeten der jüdischen Plutokraten nannten, den Wahlkampf ganz in der notorisch sozialdemokratischen Aufmachung führten. Es gab sogar plakatierte Wahlaufrufe mit dem Parteizeiohen der drei Pfeile! Man fügt also der Sozialdemokratie kein Unrecht zu mit der Feststellung, daß sie gestern bei den Kultuswahlen zusammen mit ihren plutokratischen Verbündeten eine schwere Niederlage erlitten hat. Im übrigen bedeutet das Wahlergebnis, daß die Mehrheit der Wiener Judenschaft den Uebergang vom Assimilationsjude n. t um zum nationalen Judentum vollzogen umd ein Bekenntnis der Einheit von religiösem Mosaismus und jüdischem Volkstum abgelegt hat. Ueber diese auch für die nichtjüdische Oeffentlichkeit bedeutsame Feststellung hinaus hier auf die Einzelheiten des leidenschaftlich geführten Wahlkampfes näher einzugehen, verbietet die Reserve, die einem christlichen Blatte in einer spezifischen Angelegenheit des Judentums geziemt. Führer der Zionisten im Wahlkampfe war neben Dr, Friedmann und Dr, Löwen herz das ehemalige Mitglied der österreichischen Volksvertretung lüg. Stricker. Die Erstarkung des Zionismus wird vielfach als eine Auswirkung der Tätigkeit des verstorbenen Oberrabbiners Dr. C h a j e s angesehen, der sich offen zum Zionismus bekannt hat. * Die „Neue Welt" hat eine Fülle von Gratulationsschreiben und Telegrammen aus; aller Welt erhalten. Hervorzuhebein sind die Telegramme der Exekutive der Weltunion der Zionisten-Revisionisten (London) und des Führers der Jüdischen Volkspartei in Deutschland und früheren Präsidenten der Berliner Judengemeinde Direktor Kareski (Berlin), welcher .,d i e E r« f ü 11 ü n g d e s H er z 1 - T e s ta m e n.t s" freudigst ibe-, grüßte. Die Zionsfahne wird gehißt In der Nacht nach den Wahlen in die Kultusgemeinde sammelte sich eine Gruppe jüdischer Jugend» darunter zahlreiche Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes und des Trumpeldor, und zog vor das Gebäude der Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse. Nach Heddad-Rufea auf den Sieg des Herzl-Zionismus und unter Absingung der „Hatikwah" wurde die blau-weiße Fahne durch das Fenster des Sitzungssaales hochgezogen. Au dieser Demonstration nahmen viele Hunderte jugendliche! Zionisten teil. Das zionistische Wahl-Kabarett Wie sonst, hat sieh auch in der Wahlpropaganda, der bewährte Kämpfer Dr. Oskar Teller in den Dienst der zionistischen Sache gestellt Die Idee, in Humor und Satire das Gesicht unserer assimilantistischen Gegner zu zeichnen, führte er in zahlreichen Darbiertungen seines Wahl-Kabaretts durch, wobei alles, was die nationale Ehre des Judentums untergräbt, wuchtige Hiebe abbekam. Diese Art Propaganda z,eitigte auch einen außerordentlichen Erfolg. Dr. Tellers ausgezeichnete Mitarbeiter Bobby Weiser, Viktor Schlesinger sowie die Gruppen des zionistischen Mädchenvereins „Jedidäa" und des Trumpeldor konnten den Dank der jüdischen Wählermassen allerorts einheimsen. Juden Oesterreichs! Am 20. Kislew (19. Dezember) sind es fünf Jahre, daß unser unvergeßlicher Führer, Oberrabbiner Prof. Dr. Zwi Perez Chajes, für immer die Augen geschlossen hat. Jeder von uns weiß, was Ghajes für das gesamte Judentum, insbesondere für den Zionismus, bedeutet und geleistet hat. Es ist Pflicht aller Juden diesen großen Mann durch ein Denkmal, das dauernder als Erz und Stein ist, zu ehren. In diesem Sinne hat der Keren Kajemeth (Jüdischer Nationalfonds) Oesterreichs beschlossen, den seinerzeit angeregten, jetzt bereits bestehenden, aber noch nicht vollständigen Chajes-Wald in Erez Israel zu komplettieren und die Arbeit für dieses Ziel in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit zu stellen. Es sind verschiedene Aktionen geplant, für welche die Mitarbeit aller Juden erbeten wird, die Chajes ehren und den Aufbau Erez Israels fördern wollen. Juden, stiftet Bäume für den Chajes-Wald! Für den Keren Kajemeth; Adolf Böhm, r- Für das Zionistische Landeskomitee: Dr. Oskar Grünbaum. — Für die Union der Zionisten-Revisionisten: Oberbaurat- Ing, Robert Stricker. — Für den Landesverband „Misrachi": Rabbiner Salomon Friedmann. — Für die Zionistische Frauenorganisation „Wizo*: Frau Sophie Löwenherz. — Für den Verband radikaler Zionisten: Dr. Leopold Plaschkes. — Für Ichud „Poale Zion-Hitachdüth"; Mendel Sintfer. Verteidiger Dr. Natan Korkes f'ihrt seine Kanzlei Wien, I., Selleigasse Nr. 16 Tslephonnummern R*2<M-C9 und M1>9*4