Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 274 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 6 Freitag/ den. #♦ Dezember 1932* Nr* 274 V*I»«b» Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'^ditenr*, BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20 ganzjährig S lö.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vlertelJähriR Zloty b.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.-; Deutschland monatlich Mark 1.-, viertel ährig Mark 3.-: Bulgarien monatlich Lewa 40.-, vlertellährie Lewa 120.-; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schwel« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vlerteltährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr.6-8,1 et. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag R E V U E BADENS! | STÄDTISCHE THERMALBÄDER | I FRAUENBAD (Josefcplatx) | i HERZOGHOF-Einzelbilder | ff sind täglich'von 8 bis 16 Uhr geöffnet — Kein ärztlicher Verordj §1 nungszwang — Die komblnirrten Karten der Bundesbahn und der g ( elektrischen Lokalbahn sind gegen eine kleine Aufzahlung während §j ff der Wintetsaison auch an Sonn- und Feiertagen gültig s Der neue Vorstand der Wiener Judengemeuide Wahlergebnis vom 4. Dezember 1932: ' Wahlberechtigte 52.000. — Abgegebene Stimmen M.159. '• Nicht nationale Liste (Union österr. Juden und soz.-dem. „werktätiger" Juden) .10.194 . . Stimmen . ... . ... : 15 Mandate (früher 21) Zionistische Liste (Allgemeine; Zionisten und . Zionisteoi-Revisionisten), 8934 Stimmen / . .14. Mandate (früher 11) ffozialiätische. Lis<te . (Ppale-Zion) ' 2859 Stimmen . . v . . . Religiöse. Liste Misra'chi 83? Stim- , -Äe.»;>.. .•: .;•> , >• •/;••' Demokratische Liste (Radikale Ziönisteji) 1331; S^imm'e*n; V Unpolitische Liste 1041 Stimmen 4 Mandate (früher Mandat- {früher i Mandat (früher 1 Mandat (früher 2) 1) 0) 1) Zusammen 36 Mandate Die Listen: Orthodoxe Liste 435 Stimmen, Jüdische Wir.tschaftsvereinigüng 156, Wahlvereinigung für soziale Fürsorge 391 blieben ohne. Mandat. Insgesamt: 15;002 ..- zi onis t ise.lie Sti mmen fegen 10.194 assimilatorische Stimmen (biserige Majorität).; 21 : zionistische: Mandate gegen 15 nichtnationale. Gewählt \vnrden auf der „Nichtnationalen Liste": Generaloberstabsarzt i. P. Dr. Alois Pick, Doktor Jakob O r n s t e i n, Redakteur Bezirksrat Dr. Josef Löwy, Dr. Josef T i c hp, Ziy.-Ing. Bnürat Wilhelm Kempler, Sekretär Leo Rath, Ing.-Arch. Friedrich Sch 1 ä;f.r i:g, Prokürist Richard Be11elh.eim, Börserat Ignaz G1 ü c k, Fürsorgerat Max Weiß, Dr. Emst Feldsberg; Dr. Maximilian Stieglitz, Bankier Dr. Paul R a u m a nn, Gremialrat Ignaz RoJImann, Fabrikant Geza Klinger. Auf der »Zionistischen Liste": Rechtsanwalt Dr. Desider Fried mann, Oberbaurat Ing. Robert S t r i c k e r,. Rechtsanwalt Dr. Josef L öw,enherz, Rechtsanwalt Dr. Oskar Gi'finbauin, Rechtsanwalt Dr. Jakob E h r 1 i c h, Kaufmann Max S~c h i f f m a n n, Dr. Ignaz Hermann Körner, Prof. Moses Rath, Stadtbaumeister Ing. Eugen Buchbinder, Dr. Isidor Klaber, Kommerzialrat Arthur Albers, Kaufmann Siegfried Graubart, Josef H. Wa 11uch, kDr. Dagobert Rybaczewski. Auf der „Demokratischen Liste4': . »Dr.. Leopold PlQschk.es. Auf der „Sozialistischen Liste": :' Dr.. Rudolf Glanz,. Sekretär Mendel Singer, Fabrikahr Josef Grürihüt und Vertreter Saül; Weinreb. Auf . der, „Religiösen Liste Misrachi": Dr. Mendel. Rosenberg. Auf der „Unpolitischen Liste": Dr. Leo Landau. Letzte Nadhfiditen aus Lemberg ' Die letzten Meldungen aus Lemberg, welche trqt^ amtlicher 'Nachrichtensperre einlangen, besagen,; daß die "Stadt söhr' stark . 'durch Polizei,' die' aus Warschau sowie aus' der Umgebung von- Lemberg zusammengezogen wurde, besetzt ist. Abgeordneter Dr. Rosmar i h intervenierte bei der Lemberger Leitung der Bank Polski wegen Verlegung der vWechselzahlungstermihe für die jüdischen Kaüflleüte, die infolge der Unruhen ihre Lüde n g e s c h 1 o s s e n halten müssen und. darum über keinerlei Barmittel verfügen. In Lemberg laufen täglich Hunderte von Depeschen von ^Verwandten L^mberger Einwohner aus Deutschland, Palästina, Amerika usw. ein, in denen sich die Absender über das Schicksal ihrer Angehörigen erkundigen. In der Nacht zum Donnerstag, den 1. Dezember, explodierte vor der Synagoge in der Dziulkiewska-Gasse eine Petarde, wobei sämtliche Fensterscheiben der Svnagoge und der benachbarten Wohnhäuser in Trümmer gingen. In der gleichen Nacht explodierte eine Petarde auf dein Lemberger jüdischen Friedhof. Am Freitag wurden der jüdische Student Anselm Friedländer, der Setzer Karl Briller und der Handelsangestellte Alexander Stein durch Studentcnhuligans überfallen und erheblich verletzt, so daß sie mit blutenden Wunden in das Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Am vergangenen Mittwoch, der verhältnismäßig ruhig verlief, wurden — wie nachträglich festgestellt wurde — 63 Juden in Lemberg bei Ueberfallen durch Huligans verletzt. Aus den kleineren Städten der Umgebung Lembergs treffen beunruhigende Nachrichten ein. Die Ueberfälle auf jüdische Passagiere In den von und nach Lemberg verkehrenden Zügen dauern an. Die Lemberger jiddische Tageszeitung „Neuer Morgen", die wiederholt beschlagnahmt worden ist, schreibt: „Unsere Glieder sind in Ketten geschmiedet, unser Mund ist durch einen Knebel zugestopft, wir müssen schweigen. Aber wenn einmal unsere Zunge gelöst sein wird, dann werden wir reden und verkünden, wie wir den Huligans ausgeliefert waren. Man hat uns nicht hinreichend geschützt, wir waren Freiwild, unser Eigentum war Freibeutc. Man schlug Juden an allen Ecken und in allen Gassen der Stadt; wen es nur gelüstete, der durfte Juden überfallen und Fensterscheiben in jüdischen Wohnungen einschlagen." ( Immer wieder häufen sich in Lemberg die Fälle, daß christliche Passanten jüdischen Aussehens von Studenten überfallen und brutal niedergeschlagen werden. Unter, den Ueberfallenen befinden sich öfter hohe polnische Beamte. Zu den Forderungen, die die Lemberger Studenten als Bedingung für Wohlverhalten in der Zukunft aufgestellt haben, gehören unter anderem auch die, daß , der j üdisch e Selbstsch u tz aufgelöst und der gesetzliche N u m e r u s c 1 a u s u s eingeführt, wird. . Am Freitag und am Sonnabend wagten es Lemberger Jüdische Einwohner z u m er s t e n m a 1, die Sfoäßeni zu, betreten,; MÄh sab vie} Juchjn und, Jüdinnen mft&v^rMffiÜetieii^^ sehen. Synagogen und Bethäuser Lembergs stehen unter. BEHANDLUNG VON RHEUMATISMUS GICHT, ISCHIAS UND FOLGEN VON SPORT¬ VERLETZUNGEN AUF MODERHSIE ART (SCHNELLKUREN, JONTOPHORESE, ORIGINAL PISTYANER SCHLAMMPACKUNGEN ETC.) IN DER KURANSTALT DIANABAD FÜR, ALLE PHYSIKALISCHEN HEILMETHODEN GRÖSSTER KOMFORT ZEl TGEMÄSSE PREISE polizeilicher Bewachung. Während sich der Zustand des schwerverletzten früheren, jüdischen Sejmdeputierten Dr. Insler etwas gebessert hat, ist der»Zustand desvbef .den Unruhen ebenfalls schwerverletzten ^Üd^|eheni( -^rzies -Div ' R a w i-cz': -riaeh>' <. wie* vor ,h pf f.n u,.nj;sTo s. r . .______ Herzl*Gei§l in der Judengemefnde Der Sieg des Zionismus — Der Zusammenbruch der Assimilation Als die Juden Wiens am Montag, den 5. Dezember, erwachten, konnten sie in ihrer Presse lesen, daß die „Z i o n i s t i s c h e - Li s t e" am Vortag, dem Wahltag in die Kultusgemeinde, der bisherigen Majorität, die sich als Kandidatin „Nichtnationa 1 e Liste" nannte, eine vernichtende N i e d e r 1 a g e beigebracht habe — eine Niederlage, deren Größe nicht allein numerisch gewertet werden dürfe. Das fühlten alle, sowohl die am Wahlkampf beteiligten Elemente als auch diejenigen, die zu Hause geblieben waren. Und viele Juden, ob sie sich bisher über das Schicksal ihrer Gemeinde Gedanken gemacht hatten oder nicht, konnten sich "wohl der Erwägung nicht entziehen: Es kam, wie es kommen mußte. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß es seitens der Wiener Zionisten um mehr ging als um die Gewinnung von Mandaten; daß es um mehr ging als um die Besetzung von funktionären Stellen; daß-es um mehr ging als um ein paar Kultusratsstühle. Ein Kampf um einen Mechanismus hätte niemals ein solches Feuer, einen solchen Enthusiasmus, einen so heiligen Ernst zu entfalten vermocht, ,wie ihn alle dokumentierten; die an der Werbung für die Zionistische Liste beteiligt waren. Es war ein inneres Feuer," es war die Kraft der Wahrheit und des Verantwortungsgefühls, die den jüdisch durchpulsten Menschen gedrängt hat, sein Votum für die zionistischen Kandidaten abzugeben und für sie zu werben. Kurzum: Es war Herz 1 s unsterb 1 i;cher Geist, dem die Mehrzahl der Wiener Kultus Wähler Gefolgschaft leistete. Wenn wir bei dieser Gelegenheit nochmals das Gesicht unserer Gegner zeichnen, die sich unter dem Titel '„Nichtnationale Liste'.' etablierten, so geschieht' es hur, um an ihm1 eine 1 zwangsläufige, historisch ' und BÄSCH. IV. Arpentinferstraße ^2 Tel.: Serie U-47-s«4C . Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. menschheitsgeschichtlich bedingte Entwicklung einer Ideenwelt aufzuzeigen, deren Epoche eben abgelaufen ist; wieder einmal den Grundirrtum der Assimilation an einer lokalen Erscheinung aufzuzeigen. Der Weg dieser Assimilation führt durch alle Kanäle menschlicher Selbsterniedrigung und Unfreiheit. Zuerst beriefen sich die Assimilanten auf die Emanzipation, die sie als Geschenk der Gnade empfingen und von der sie erwarteten, daß sie in ihrem Schatten ein kühles Plätzchen finden würden — unbemerkt, unbeachtet, aber genügend, um der schmalen geistigen, seelischen und sittlichen Notdurft gerecht werden zu können. Die Emanzipation bewahrte zwar diese Juden vor physischem und materiellem Elend, zerstörte aber noch den letzten Funken wertvoller Traditionen, wahren Gemeinsinns und des Gefühls einer Schicksalsgemeinschaft mit jenen Brüdern, die außerhalb dieser Emanzipationssphäre lagen. Als eine Wirtschaftskonjunktur das Bürgertum emporhob, klopften unsere Assimilanten, die Träger des fadenscheinigsten Liberalismus, auf ihre dicken Brieftaschen, auf ihre eigenen und auf die der emporgekommenen Judenmillionäre, von hier aus die Sanierung und Stabilisierung ihres Geborgenseins erwartend. Es entstand ein Staat im Staate, es entstand eine Schicht von Israeliten, die sich das Privileg der Vertretung „jüdischer" Interessen anmaßten, soweit sie überhaupt wußten, was es an jüdischen Interessen gibt; soweit sie überhaupt jüdische Interessen vertraten. Das Großkapital, dem jede Placierung recht war, wenn es hiebei auch, gegen die vitalsten Interessen des jüdischen iVölkes ging — man erinnere sich nur an die der pogroinistischen Zarenregierung zu gewährende Anleihe durch/ den „jüdischen" Bankgoüverneur Max Ritter von Taussig, den Parteigänger der seinerzeitigen Israelitischen Union —, wurde der Schutzpatron jener ,Herreh, . die sich anmaßten, als Bewahrer des Wiener jüdischen Gemeindeguts anerkannt zu werden. Theodor Herzl war der erste, der die Struktur der Gemeindevertretung als bedeutungsvoll für da; Schicksal der Judenheit erkannte. Seine vor 35 Jahren ausgegebene Parole „Nationalbewußte Juden, erobert die Kultusgemeinde!" ist seither aus dem zionistischen Programm nicht verschwunden. Zu klar war die Erkenntnis geworden, daß ein mechanisierter Apparat, eine Administrationsmaschine, niemals die Funktionen eines lebenden, bzw. leben wollenden Körpers regulieren, niemals das Herz einer Gemeinschalt