Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 273 (2.12.1932)
- Date
- 1932-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2?3 DIE NEUE WELT Seite 1 1 schwere Lage des Keren Hajessod aus, um die Exekutive zu zwingen, einen Krieg gegen die Revisionisten zu beginnen. Indirekt, durch Seitengassen, hinter den Kulissen. Man zieht die Drähte. Von New York bis Jerusalem fliegen Depeschen. Die Keren-Hajessod-Kampngne ist ein Lebensbedürfnis und die Revisionisten haben die Stimmung des wichtigsten Rayons miesgemacht! Die Linken wiedernm benützen nochmals die Gelegenheit, um unter dem allgemeinen Rummel das Ihrige zu verlangen: „Vorläufig" die Palästina-Aemter nicht zu reorganisieren und inzwischen die Zertifikate zu verteilen. Die Führer der „Histadruth" sind zweifellos praktische Menschen. Sie gehen auf greifbare Dinge, auf Tachles: von dort das Geld, f,ür uns die Zertifikate. Und sie nützen den richtigen Moment mit dem richtigen Mann, mit ihrem Mann aus. Es ist Dr. Weizmanns Recht, die Revisionisten für schädlich zu halten und danach zu streben, sie aus der Zionistischen Organisation hinauszustoßen. Aber er soll es offen tun, direkt, nicht versteckt, hinter den Kulissen. Es ist das gute Recht der Freunde Dr. Weizmanns, ihn auf seinen Prüsidentenposten zurückbringen zu wollen und zu glauben, daß er heute der einzig geeignete Mann sei. Ja, mehr noch, möge er dann mit ihrer Hilfe für seine Ideen kämpfen; eventuell die Gruppe A in eine Partei umwandeln. Oder überall seinen Namen zu den Kongreß wählen aufstellen. Das ist ein legitimer Weg in einem politischen Kampf. Aber wenn jetzt Herr Lipsky auf indirekte Weise, durch die Kanäle des Keren Hajessod, mit der Hilfe von Nichtzionisten, in Amerika eine „Volkseinladung" an Dr. Weizmann zu inszenieren versucht, um auf diese Art den Boden für die Kongreßwahlen vorzubereiten, dann müssen diese Manipulationen vor der Oeffentlichkeit enthüllt werden. Vor mir liegt der Text einer Resolution, die durch das New Yorker Büro der amerikanischen „Palestine- Campain" an alle zionistischen Gruppen und Freunde mitsamt einem Brief „An alle Freunde, Logen, Societys, Landsmannschaften, Organisationen" ausgeschickt wird. Die Resolution lautet: „Im Bewußtsein, welch großen Nutzen der Besuch Dr. Weizmanns in den Vereinigten Staaten dem Aufbau Palästinas und der Belebung des amerikanischen Judentums bringen wird, beschließen wir, uns der Bewegung anzuschließen, die dahin gerichtet ist, eine Volkseinladung an den beliebten Zionistenführer im Namen der Volksorganisationen zu schicken, welche an der Spitze des New Yorker Judentums stehen, und ihn der Mithilfe unserer Organisation zu versichern." Wenn man diese Einladungsform mit jener vergleicht, die z. B. zum Besuch Sokolows verwendet wurde, wird man gleich den Unterschied und den Untergrund merken. Es ist der Versuch, die amerikanischen Delegierten des letzten Kongresses zu desavouieren, die gegen Dr. Weizmann gestimmt haben. Ein Versuch, über den Kopf des Kongresses einen „Führer des jüdischen Volkes" zu proklamieren. Ein Manöver, eine Keren- Hajessod-Kampagne Tür abseitige, politische Zwecke auszunützen. Verlaßt euch nur auf Herrn Lipsky: dieser amerikanische „Politikus" kennt seine Leute. Ich gönne Dr. Weizmann die Ehrungen, die ihn in Amerika erwarten. Seine Arbeit für den Keren Hajessod ist gewiß lobenswert. Aber das Spiel hinter den Kulissen, die Hetze gegen den Revisionismus, das Ausnützen nicht zur Sache gehörender Momente, um mit dem politischen Gegner abzurechnen — wie reimt •ich das mit dem „fair play" und mit bestimmten Anstandsgesetzen des politischen Lebens? Möge Herr Dr. Weizmann frei hinaustreten in die Oeffentlichkeit und angesichts des ganzen Volkes sich als der wirkliche Anführer im Kreuzzug gegen den Revisionismus darbieten — wie auch gegen den jetzigen Präsidenten der Zionistischen Organisation! Möge er sich mit den Parteien verbinden, die ihn stützen! Möge er aufrichtig mit einem Programm und mit einer Kampfparole heraustreten! Es ist nützlich, den Vorhang vor den zionistischen Kulissen zu heben. Einige werden enttäuscht sein, andere mißmutig, Aber es reinigt die Luft und gibt die Möglichkeit, die Gründe gewisser Erscheinungen zu verstehen. Und jetzt wird der Vorhang wieder geschlossen. An die Tür wird der frühere Text geklebt: „Eintritt für Unbeteiligte — verboten!" Wirt$dtaft§krei§e und Kuhii§wahlen Von Industriellem Josef Jolles, Obmann des Verbandes der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden in Wien. Wenn ich mich heute als Obmann eines unpolitischen Verbandes ganz dezidiert für die Wahl der „Zionistischen Liste" öffentlich ausspreche, so tue ich es nicht darum, weil ich etwa ein Gegner einer anderen Parteirichtung bin, sondern ich tue es aus der inneren Ueberzeugung heraus, daß die Zionisten durch eine fast vierzigjährige und rühmliche Tätigkeit ein grandioses Werk für das Judentum aufgebaut haben, welches sogar von unseren ärgsten Feinden respektvoll anerkannt wird. Die Zionisten sind es, die in allen jüdischen Lebensfragen, gestützt auf ihr positives, aufbauendes Programm, berufen sind, die Erhaltung des jüdischen Volkstums zu sichern und bleibende schöpferische Werke zu schaffen. Die Tätigkeit und Erfolge der zionistischen Bewegung überall in der Welt manifestieren die bewundernswerte Kraft und Fähigkeit, jüdisches Leben auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete zu erwecken und zu stärken. Die Aufgabe, die sich der Zionismus gesteckt hat, ist eine so hohe und für das jüdische Leben so wichtige, daß sich niemand, der das Judentum bejaht, ihrer letzten Endes wird entziehen können. Wenn ich mich heute für die zionistische Sache einsetze und zionistisch wähle, so höre ich damit gewiß nicht auf, österreichischer Patriot zu sein, wie es uns die Bekämpfer der zionistischen Liste weismachen wollen. Die ständig zunehmende Entwicklung in Palästina, wo, im Gegensatz zu anderen Ländern, ein erfreulicher Aufschwung wahrzunehmen ist, veranlaßt viele Staaten, ihre Handelsbeziehungen zu diesem Lande wesentlich auszubauen. Auch für uns, undt Jsiehtman das ^Bild im Sucher ^^automatisch kj* wird jede Auf- J^f nähme scharf, <^Diese und andere Vorzüge machen die Voigtländer- Brillant 6 6 zu einem Geschenk von bleibendem Wert ERHÄLTLICH IN JEDER PHOTOHANDLUNC das muß nicht erst betont werden, ist eine engere Verknüpfung mit Palästina und von dort aus mit dem nahen Orient schon vom rein wirtschaftlichen Standpunkt eine mit großen Vorteilen für die österreichische Volkswirtschaft verbundene Möglichkeit. Aber auch die Tatsache, daß die Auswanderung nach Palästina von Juden, die sich freiwillig und aus Begeisterung dazu drängen, gefördert wird, kann wohl angesichts der ungeheuren Wirtschaftskrise in Oesterreich keinesfalls als u n p a t r i ot i s c h e Handlung bezeichnet werden. Bei Erwägung des höchsten Zieles, welches sich ein Mensch und ein Volk stellt, dürfen kleinere, persönliche Motive rücksichtslos übergangen werden, sonst gelangt man nicht zum Ziele. Eine Bewegung wie die zionistische kann heute nicht verneint und in ihrem Vorwärtsschreiten gehemmt werden. Wir sind verpflichtet, die Vertretung unserer Interessen in die Hände solcher Menschen zu geben, die jüdisch denke» und seit Jahrzehnten jüdisch handeln. Ich muß gestehen, daß ich mich aufrichtig geschämt habe und in einer großen Verlegenheit war, als ich erst vor einigen Tagen einem unserer populärsten Regierungschefs auf seine Frage, warum eigentlich unter den Juden anläßlich der Wahlen in die Kultusgemeinde keine Einigkeit herrsche, die Aufklärung schuldig bleiben mußte; konnte ich doch die Argumente der anderen Parteien nicht anführen, da sie zumeist weder sachlich noch positiv sind. Wie es mit der sonstigen Gesinnung eines jeden einzelnen Mitgliedes unseres Verbandes in allgemeinen politischen Angelegenheiten auch bestellt sein mag — wir haben uns bis heute anläßlich von Gemeinde- und Nationalratswahlen weder für die eine noch für die andere der allgemeinen politischen Parteien exponiert, und wir haben es prinzipiell vermieden, uns in ein politisches Fahrwasser zu begeben —, aber in rein jüdischen Fragen, wenn es sich um die Erhaltung und Stärkung unserer autonomen Kultusgemein d e handelt, sind wir heute unbedingt nur für die eine Parole: „Wählet die Zionistische Liste*!!!" K Ituswahleii/ Hakoah und jüdische Gasse Von Max Sdriffmann, Präsident des FußbalhKlubs Hakoah (Nach einem Gespräch) Wie ich aus täglicher Erfahrung ersehen kann, scheinen die Wahlen in die Kultus gemeinde das Interesse der Wiener Judenschaft in weit höherem Maße als bisher in Anspruch zu nehmen: nicht allein der regeren Wahlpropaiganda wegen, sondern auch durch den allgemeinen antisemitischen Druck, der «zur Einsicht zwingt, daß Selbstbesinnung und Zusammenschluß notwendig sind. Unter dieser Voraussetzung fragen wir uns, welche Stellung die jüdische Jugend in und zu diesem Wahlkampf einnimmt. Die Antwort ist rasch gegeben. Es muß nicht erst gesagt werden, daß die Jugend, abgesehen von ihrer sonstigen Einstellung,, in ihrem gesunden Instinkt iund in ihrem stets aufs Ganze gehenden Gerechtigkeitssinn einer Zwitterpartei, einer Mi s ch mas c h --Pa r t ei niemals ihre Stimme geben kann. Für eine Partei, die sich hilflos und verlegen „n i c b t n a t i o n a 1" nennt, wird sie absolut keine Sympathie haben können. Denn die Jugend verlangt ein mutiges, eindeutiges Sicihentscheiden. Sie macht sich die Rechnung: „Werktätigkeit" plus „Assimilation" Nichtnational. Aber nicht allein diese-Erwägungen sind es, die den jungen jüdischen Menschen veranlassen werden, am 4. Dezember die nationale „Zionistische Liste" zu wählen. Dem jungen jüdischen Menschen ist es bewußt, daß es ausschließlich die Zionisten gewesen sind, die unter den schwierigsten Umständen die jüdischgeborene Jugend dem bewußten, stolzen, aufrechten Judentum zugeführt und sie vor allen assimilatorischerniedrigenden Tendenzen bewahrt baben; daß es ausschließlich die Zionisten sind, die alles geleistet haben, was beute in der Welt als jüdischer Wert geachtet, geschätzt iund bewundert wird: bei uns in den Ländern der Zerstreuung und im neuen jüdischen Land Palästina. loh kenne beispielsweise einen Fall — einen unter vielen —, wo zwei Freunde, einzige Söhne wohlhabender Eltern, zu Vergnügungszwecken nach Palästina reisten und, von der Begeisterung mitgerissen, dort blieben, um in härtester Arbeit am Aufbau des jüdischen Nationalheims mittätig zu sein. Hier fanden sie endlich Halt, hier fanden sie ihren Lebenszweck und Lebenssinn. Nun ein anderer Fall: Ein junger- Mann, Sohn einst gutsituierter Eltern, klagte mir sein Leid. Der Vater hatte sein Vermögen verloren und der Junge, ein absolvierter Akademiker, stand vor dem Nichts, entwurzelt, losgerissen, ahne Existenz, und fern dem Judentum. Eine hoffnungslose Situation — solche Menschen müssen ohne nationales Bewußtsein untergehen. Mit großer Genugtuung kann ich sagen, daß die Hakoah, treu ihren jüdischen Idealen, sieh in den Dienst der nationalen Sache gestellt hat. So wie sie auf dem grünen Rasen ein Beispiel jüdischen Sportgeistes und jüdischer Spörtfreudigkeit gibt, ebenso wird sie sidi im Kampf um die Judengemeinde auf die Seite jener stellen, die in der „Zionistischen Liste" v#- einigt sind. Täglich erhalte ich Beweise ihrer mannhaften Gesinnung. Und wie könnte auch die Hakoah anders handeln, sie, die ihren Elan, ihre Kraft und ihr Anseilen aus dem Nährboden des nationalen Judentums zieht und das zionistische Wort vom Mnskeljudentum wahr zu machen hat! Meine tägliche Berührung mit dem kaufmännischen und sportlichen Leben gibt mir die Ueberzeugung, daß alle anständigen Juden sich für das wahrhaft echte jüdische Programm der „Zionistischen Liste" entscheiden werden. Die jüdische Gasse läßt sich nicht irritieren, läßt sich nicht bluffen. Und die jüdische Jugend vor allem, die Zukunft unseres Volkes, wird den Aesimilanten die ihnen gebührende Antwort geben. üdisdie Kaufleute, Gewerbetreibende und Angestellte! Vertrauet den Schutz eurer Interessen den mutigen jüdischen Führern der ZIONISTISCHEN LISTE - Listenführer: Dr. Desider Friedmann, Oberbaurat Robert Stricker, Dr. Josef Löwenherz