Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 271 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 271 DIE NEUIS WELT Seite 5 Iß DTOIBWICZ Wien XX. in Wien II. Verlobte Wien, im November 1932 öffentlicher Stelle undenkbar ist. Würde sich aber der Fall doch ereignen, er fände gleich seine Rüge und die Maßregelung des Beamten wäre die unvermeidliche Folge. Wie ganz anders im „Jüdischen National h e i m". Der Vorsitzende des Gerichtes fand es nicht für nötig, zu rügen, der jüdische Richter fand es für richtig, an der Verhandlung weiter teilzunehmen, der jüdische Rechtsanwalt und B erater der Jewish Agency fand es für überflüssig, zu replizieren, der Repräsentant der Jewish Agency, Doktor A r 1 o s o r o f f, fühlte das Bedürfnis, auf die Presse beschwichtigend einzuwirken, wenn möglich, die Kritik zu unterdrücken, der Präsident der jüdischen Advokatenvereinigung Palästinas, Dr. S m o r a, fand es mit der jüdischen Ehre vereinbar, mit Herrn Elliot anzuknüpfen, statt sich an die Spitze der Protestbewegung zu stellen. Von der Jewish Agency war nichts anderes zu erwarten. Das ist ihre Politik. Sie will es sich mit der englischen Bürokratie nicht verderben, um keinen Preis. Herr Harry Sacher verhinderte es seinerzeit, daß Jehoshua Chankin und Ussischkin vor der Shaw- Kommission erscheinen, denn diese Herren konnten den Engländern und Arabern saftige Wahrheiten sagen. Das Vorgehen Sachers wurde „glänzend" gerechtfertigt durch den Bericht der Shaw-Kommission, den Bericht Hope Simpsons und das Weißbuch. Und so wird auch Herr Dr. Arlosoroff recht behalten: Herr MacDunell, der Chief Justice, bleibt, Herr Elliot bleibt und die Pauschalbeleidigung der Juden bleibt. Aber auch Herr Eliash bleibt Berater der Jewish Agency in Fragen jüdischer Ehre und Herr Dr. Smora bleibt ehrenwerter Präsident der jüdischen Advokatenvereinigung Palästinas . . . Eine kleine Erinnerung taucht in mir auf. Sie stammt aas dem Jahre 1920, als ich meine ersten Schritte in Palästina tat. Nach den Pessac.hunruhen 1920 kam eine militärische Untersuchungskommission nach Jerusalem. Die Verhandlungen waren öffentlich. Wir drängten uns zur Eröffnungssitzung. Da legte ein uniformierter Engländer die Hand auf meine Schulter und sagte: „Drängen Sie nicht, Sie sind nicht in einer Synagoge!" Er sprach's und verschwand. Kaum hatte ich den Verhandlungssaal betreten, bemerkte ich denselben Herrn auf der Tribüne, Befehle erteilend und die Herren der Kommission informierend. Es war dies der berüchtigte Colonel Scott, oberster Justizbeamter, von dessen antisemitischen rÄ 1.1 üren . die damalige Zionistische Kommission viel auszustehen hatte. Kaum hatte ich die Identität festgestellt, so rannte ich schon zum Amtshause der Zionist Commission und forderte vom damaligen Sekretär, Herrn Eliash, die Einreichung einer Beschwerde gegen Scott. Er weigerte sich, worauf ich es persönlich und privat tat mit dem Resultat, daß Scott binnen 24 Stunden seine Demission gab und.diese von General Bols angenommenwurde. Wäre es nach der Methode Eliash und der Jewish Agency gegangen, wäre Scott vielleicht noch heute Justizminister in Palästina... In Wien pflegt man in solchen Fällen zu sagen: Schön schaun m'r aus! Während diese Zeilen geschrieben werden, kommt die Nachricht, daß Herr Elliot vor dem Oberrichter und den Advokaten seine Aeußerungen bedauert und zurückgezogen hat. Die Herren der Agency und die Advokaten ihres Gefolges halten die Sache danach für erledigt. Ist sie es? Glaubt man durch Flickwerk die Tatsachen zu vertuschen, daß die englische Beamtenschaft des jüdischen National h^ims von antijüdischen Vorurteilen und Gefühlen erfüllt ist? Werden sich auch die Juden Londons, welche Herr Elliot in offener Gerichtssitzung und in Ausübung seines Amtes als gewohnheitsmäßige Versicherungsbetrüger und Brandstifter bezeichnet hat, mit schalen Erklärungen zufriedengeben? Tribüne Eine böswillige Verleumdung Der Herausgeber der „Neuen Welt" hat von der „Union der bulgarischen Zionisten-Revisionisten" folgende Zuschrift erhalten. Sofia, 17. November 1932. Der Nr. 269 Ihrer w. Zeitung entnehmen wir zu unserer größten Ueberraschung, daß der Londoner „Jewish C h r o n i c 1 e" vor zwei Monaten eine Meldung aus Sofia brachte, wonach die bulgarischen Zionisten-Revisionisten anläßlich einer Wahl in Sofia die kommunistische Liste gegen die Liste der allgemeinen Zionisten unterstützthätten. Ferner erfahren wir, daß, obwohl diese falsche Meldung, welche uns bisher unbekannt blieb, später zurückgezogen wurde, das Organ der Wiener Poale Zion, „Der jüdische Arbeiter", dieselbe auffrischt, um die Oeffentlichkeit irrezuführen. Die Union der Zionisten-Revisionisten Bulgariens hält es daher für ihre Pflicht, eine Erklärung in dieser Angelegenheit abzugeben, und ersucht Sie, sehr geehrter Herr, um Gastfreundschaft in Ihrer w. Zeitschrift für folgende Zeilen: Im laufenden Jahv fanden in Bulgarien dr<?i indische Wahlen statt: 1. Der jüdischen Schulräte, 2. der Kultusvorstände und 3. der Delegierten zum Landestag der bulgarischen Juden. Bei den ersten zwei Wahlen haben die Revisionisten die offiziellen zionistischen Listen vollauf unterstützt und nur bei der dritten Wahl sah sich die Union der Zionisten-Revisionisten gezwungen, eine eigene Liste aufzustellen, nachdem die Verhandlungen mit den allgemeinen Zionisten und der Poale Zion zwecks Aufstellung einer gemeinsamen zionistischen Liste an der starren und hochmütigen Haltung dieser beiden Gruppen gescheitert sind. Dabei hatte es die revisionistische Union abgelehnt, sogar mit der Gruppe der „Toschawim", einer nichtzionistischen Vereinigung, welche sich aber als zionistenfreundlich hinstellt, eine Koalition zu bilden, trotzdem sie dadurch wahltechnisch gewonnen hätte. Das Ergebnis dieser Wahlen hat klar und deutlich bewiesen, daß der Revisionismus die Herzen der Judenheit in Sofia, welche die Hälfte des ganzen bulgarischen Judentums ausmacht, in vollem Maße besitzt. Bei den Sephardim gewannen die Revisionisten drei Mandate gegen vier der vereinigten Allgemeinen und Poale. Bei den Eschkenasim vermochte die revisionistische Liste beide Mandate für sich zu gewinnen, gegen eine unbedeutende Zahl Stimmen für die gemeinsame gegnerische Liste. Unser Erfolg hat unsere Gegner hart getroffen und ganz aus der Fassung gebracht. Sie suchten ihrer Wut in Form einer Anklage der revisionistischen Kandidaten wegen „Disziplinbruchs" an das Parteigericht der Sofioter Zionistischen Organisation Ausdruck zu geben. Die „Angeklagten" erklärten jedoch das Gericht, welches ein solches der allgemeinen Zionisten und der Poale Zion ist, nicht als zuständig und damit fand der „Prozeß" sein Ende. Die sinn- und schamlose Behauptung, daß die bulgarischen Revisionisten eine kommunistische Liste unterstützt hätten, beweist nur, daß im Kampfe gegen uns keine besseren Waffen als Verleumdung und Verhetzung geblieben sind. Aber das jüdische Volk kann nicht mehr getäuscht werden. Die Wahrheit bricht sich Bahn. Der Revisionismus schreitet vorwärts und zieht immer größere Schichten des jüdischen Volkes an sich, im Zeichen des wahren Herzl-Zionismus. Mit Judenstaatsgruß für das Zentralkomitee der Union der Zionisten-Revisionisten in Bulgarien: Vorsitzender: A. Radsiwilowski, Sekretär: S. Arditti. Zum Ableben des Landesrabbiners für Tirol und Vorarlberg, Dr. Josef Link Der Ken Innsbruck,, des Brith Tr.ura.pelclor schreibt der „Neuen Welt*': Der Verlust Dr. Links ^bedeutet für die Kultus- ■gemeinde,' Innsbruck.', efn&i^- schweren Schlag. Seinem Wirken ist es 'zu danken/ daß die Assimilation hier nicht weitere Kreise-ergriffen, hat. Den größten Erfolg erzielte Dr. Link in dieser Beziehung bei der Jugend. Er konnte sich ganz in die Psyche der Jugend einfühlen, die in der Provinz in völlig unjüdischer Umgebung aufwächst. Diese so seltene Eigenschaft befähigte ihn, die Jugend vor der drohenden Assimilation zu retten. Er allein verstand es, der ihm anvertrauten Jugend Stolz auf ihr Judentum-einzuflößen. Er war es, der uns immer unsere Verbundenheit mit dem Weltjudentum vor Augen führte, so daß unser Horizont nicht auf die engen Grenzen einer provinziellen Kultusgemeinde beschränkt blieb. Das praktische Ergebnis seiner Erziehung war, daß die jüdische Jugend Innsbrucks national denkt, fühlt und handelt. Als treuer Anhänger Robert Strickers unterstützte er die zionistische Arbeit in dessem Sinne. Für den Betar hielt er einen vorzüglichen Geschichtskurs ab. Wir haben in Dr. Link einen aufrechten Juden und verständnisvollen Freund der Jugend verloren. Fast jeder von uns war ihm auch persönlich zu Dank verpflichtet. Auguste Weldler-Steinberg gestorben Vorige Woche ist in Zürich Frau Dr. Augusta Welldler-Steinberg nach längerer Krankb..:U gestorben. Die Verstorbene gehörte seit ihrer frühesten Jugend zu den aktivsten zioninistischen Arbeitern in der Schweiz. Als Gründerin und Organisatorin des Landesverbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina entfaltete sie eine reiche Tätigkeit, Eine Sehenswürdigkeit Wiens bildet die neueröffnete II., Gredlerstraße 2 (nächst dem Dianabad) Sie präsentiert sich nunmehr in prächtigstem Stil, so daß sie zu den schönsten unserer Stadt gezählt werden kann. Von den Architekten Fritz J u d t in a n n und Egon R i ß wurde hier ein interessanter Typ geschaffen, der das Problem ..Kaffeehaus und Konditorei" in ganz origineller Weise löst, so daß die C a f e - C o nflserie Karl Neumanu mit ihrer wunderbareen Portal- und Innenarchitektur als eine Zierde Wiens bezeichnet werden muß. Diese entzückende Neuschöpfung entstammt durchaus den Ideen Karl Neumanns, der Jedes kleinste Detail 'künstlerisch durchdachte, wobei ihm seine In langjähriger Erfahrung gewonnenen reichen Fachkenntnisse in hohem Maße zustatten kamen. Der vielen, vielen Stammkunden der beliebten Konditorei hurrt aber noch eine besondere Ueberraschung. da ihnen von jetzt ab auch ein Büfett von Sandwich- Pikanterieu erlesenster Art in zahlreichen Qourmand-Varlationen zur Verfügung steht, den Anhängerinnen der „schlanken Linie'' sicher hochwillkommen. Aber auch sämtliche Kaffeehausgetränke werden geboten sowie eine reiche Auswahl von Zeitungen und sonstiger Lektüre. Es wird sich um so mehr verlohnet), das Etablissements zu besuchen, in dem sich mondäne Eleganz und Wiener Gemütlichkeit in seltener Harmonie vereinen, als die den gegenwärtigen Verhältnissen angepaßten Preise die Caf6-Confiserie Neumann nunmehr erst recht zum Mittelpunkt der guten Gesellschaft machen werden, Kanaans Treuhandgeiellsdiafl Canaan Trutteeshlp Co., n^DDWDN man IV» Jerusalem a^ww liefert Informationen, Ideen, Vorschläge, Pläne, Programme, Kostenvoranschläge; besorgt die Gründung, Abwicklung, Leitung und Überwachung von Unternehmungen oder Geschäften in Erez Israel Vertreter für Österreich: Ludwig Gutmann, Wien I, Fittischmarkt 22, II., III., 56 Mündliche Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung organisierte die Schweizer Wizo, arbeitete für den Keren Kajemeth und für die zionistischen Jugendverbhnde. Während des Krieges war sie in Wien in der Redaktion der „ J ü d i s c Ii c n Z e i t u n g", dem Zentralorgan der österreichischen Zionisten tätig. Ihr Tod bedeutet einen überaus schmerzlichen Verlust. Ihren Angehörigen, in erster Linie ihrem Gatten Norbert W e 1 d 1 e r, wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Spinoza/ der Ungetaulte Zu seinem 300« Geburtstag Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Die meisten Philosophen lebten nur für ihre Zeit und entwickelten ihre philosophischen Grundsätze unter dem Einflüsse dieser Zeitverhältnisse. Nur wenigen war es beschieden, historisch zu wirken. Eine Philosophie für a 11 e Z e i t e n hat Baruch Spinoza aufgestellt. Mit Recht feiern wird noch nach drei Jahrhunderten seinen Geburtstag. Konnte sich doch auch Goethe äußern, daß kein Philosoph ihn so gefesselt habe wie Spinoza, und daß die Meinung keines Buches so sehr mit der seinen übereinstimme wie die der „Ethik". Der geächtete „Freigeist" schuf eine Religion der Philosophen, die sich nur vom Standpunkt der Bibel aus erklären läßt. Nach wie vor der Verbannung aus dem Judentum diente ihm die jüdische Theologie als Grundlage seiner Arbeiten. Von diesem Boden ließ er sich nie verdrängen. Den ersten Anstoß zu seiner Substanzlehre, die in allen seinen Werken fluktuiert, gab ihm das dritte Kapitel des Exodus: „Wie soll dich, O Gott, Israel nennen?" „Ehje ascher Ehje." (Ich bin, der ich bin.) Das Wort „Ehje" wird durch sich selbst wiedergegeben. In der „Ethik" wird die Substanz dasjenige genannt, was in sich ist und durch sich, ohne den Begriff eines anderen Dinges, begriffen wird. Spinoza ist kein Gegner der Bibel, nur ihr Deuter. Die antianthropomorphistischen Anschauungen des Maimonides wurden nach dessen Tode mit dem Banne belegt. Um wieviel mehr mußte Spinoza zufolge seiner noch strenger gezogenen Konsequenzen diesem Schicksale verfallen. Die Nachwelt entschädigt den einen dadurch, daß sie ihn den zweiten Moses nannte. Wie mußte Spinoza bezeichnet werden? Hat, er doch das Bestreben, dieLauterkeitderjüdischenReligion zu betonen, mit Rambam gemein. Allerdings konnte er es diesem später nicht verzeihen, daß er mit seiner Aufklärungstendenz nicht offen herausrückte. Und er begann, ihn, den er als Talmudschüler so sehr verehrt hatte, als reifer Philosoph zu bekämpfen. „Ich bin jetzt dabei, ein Werk über meine Auffassung der Bibel zu schreiben. Die Freiheit, zu denken und zu sagen, was wir denken, diese will ich i n j e d e r Art und Weise, behaupten, da sie durch die übermäßige Autorität der Prediger und durch deren Vermessenheit unterdrückt wird", schreibt er an seinen Freund Oldenburg. (Bluwstein, Spinozas Briefwechsel und andere Dokumente. Leipzig 1923, pag. 40.) Spinoza lebte in der Zeit des Sabbatai Zwi, in einer Zeit, in der auch die holländischen Juden die Rückkehr nach Palästina unter Führung des vermeintlichen Messias erwarteten. „In aller Munde ist jetzt das Gerücht über die Rückkehr der Juden nach ihrer Heimat, nachdem sie zwei- bis dreitausend Jahre zerstreut waren. Wenige glauben daran, dochviele wünschen es. Was Sie darüber gehört haben und was Sie selbst denken, dies werden Sie wohl Ihrem Freunde mitteilen." (Oldenburg an Spinoza, ib., pag. 52.) Wir wissen leider nicht, was Spinoza auf die Frage Oldenburgs geantwortet hat. Im „Theologisch-politischen Traktat" aber lesen wir am Schlüsse des Kap. III folgendes: „Ja, ich würde unbedingt glauben, daß die Juden einmal, wenn die Grundsätze ihrer Religion ihre Geister nicht verweichlichen würden, bei gegebener Gelegenheit, wie nun einmal die menschlichen Dinge veränderlich sind, ihr eigenes Reich wiederum aufrichten werden und Gott sie von neuem erwählen wird." Der „abtrünnige" Amsterdamer Jude streifte die erstarrte Religion ab, glaubte aber an die Wiedererlangung der politischen Selbständigkeit der Juden. Dieses Glaubens wegen blieb er gegen alle Bekehrungsversuche von katholischer Seite taub, denn nicht Geld und Ehre, sondern Wahrheit suchte er. Individuen vom Schlage Heinrich Heines und auch so mancher Abtrünnigen unserer Zeit hätten von ihm lernen sollen. Schlug er doch die ihm angebotene Professur in Heidelberg aus, als ihm auch nur andeutungsweise nahegelegt wurde, sich taufen zu lassen.