Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 271 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 371 DIE NEUE WELT to Vertreibt das Gespenst aus der l'üdisdien Gasse! Zur Wahl in die Wiener Judengemeinde — Anhänger ohne Programm - Rothschild und Marx — Aufrechte und feige Juden — Eine groteske Angsfehe — Verantwortungsvolle Entscheidung Im politischen Schicksal einer Gemeinschaft tritt gewöhnlich dann eine Wendung ein, wenn der zur Entscheidung drängende Tatbestand so deutlich und klar geworden ist, daß Ihn auch der einfache Mensch auf der Gasse begreift. Die Notwendigkeit eines neuen Entschlusses in bezug auf die Gestaltung der Wiener Judengemeinde liegt in der Luft. Das „Verdienst'*, es diesmal dahin gebracht zu haben, gebührt denjenigen, die bisher als Majorität die Leitung dieser Gemeinde innehatten — den sogenannten konservativen Herren von der Union österreichischer Juden. Aber wie immer sich die Wiener Judenschaft in den letzten Jahren zu den Bewahrern ihres Kultusgutes gestellt haben mag — heute ist es den Wiener Juden zum Bewußtsein gekommen, daß sie eine Wendung herbeiführen können. # Das stolze, aufrechte Judentum hat sich zur eindeutigen „Zionistischen Liste" zusammengeschlossen. Ohne Schielen nach rechts oder links hat diese Wahlliste ihr Programm verkündet. Man braucht heute den Zionismus nicht erst vorzustellen. Diese große Bewegung hat in allen Teilen der Welt den jüdischen Massen die Augen geöffnet und ihnen die verlorengegangene Würde, den Mut zu jüdischem Leben wiedergegeben. Theodor Herzls aus Wien ausgegangenes Wort „Wir sind ein Volk, wir sind ein Volk" hat alle Kulturvölker gezwungen, den Zionismus als die einzige legitime Kristallisation des jüdischen Volkswillens anzuerkennen. Denn alle Kulturvölker begriffen die Bedeutung der zionistischen Lehre: Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in Palästina, W i e d e r a u frichiung des jüdischen Volkes in allen Ländern der Zerstreuung! Zionismus bedeutet tagliches Arbeiten am Judentum, bedeutet die unaufschiebbare Befreiung der jüdischen Massen von der Judenii ot. Und dieses Arbeiten hat auch seine Früchte getragen. In Palästina entsteht ein neues Judentum voll Kraft, Stolz, blühendem geistigem und wirtschaftlichem Eigenleben; in den Ländern der Zerstreuung, wo der Abfall vom Judentum wie eine Seuche um sich gegriffen hatte, eine neue, stolze, hoffnungsfreudige, die Ehre des jüdischen Menschen verteidigende Jugend. Von London bis New York, von Charbin bis Pretoria hat alle denkenden Juden ein heiliges Feuer ergriffen, und die Welt steht staunend vor dem Wunder, das durch die zionistischen Kräfte geschaffen wurde. Was die Judenheit in den letzten Jahrzehnten an geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, ist dem Zionismus zu verdanken. Darüber besteht keine Meinungsverschiedenheit. Alle führenden Persönlichkeiten der Gegenwart sympathisieren mit der aufbauenden Kraft des Zionismus. * Die Wiener Juden aller Schichten, Berufe und Stände, soweit sie. ihr Volk aus Schmach, Elend und Verwirrung zu einem schöneren, lichteren, ghettobefreiten Dasein emporführen wollen, haben sich in die „Zionistische Liste" eingegliedert. Die „Zionistische Liste'*, das ist das positive Judentum. Jeder vernünftige Mensch müßte glauben, alle Juden sollten glücklich darüber sein, daß ihnen eine große, fruchtbare Idee erstand, berufen und geeignet, mit dem geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Schwebezustand ein Ende zu machen. Jeder vernünftige, aufrechte, ehrliche, das Gebot der Stunde verstehende Jude! Aber auf dem Weg zur Befreiuung — wir wollen ernst bleiben! — steht eine jämmerliche Gespensterschar, Ritter von der traurigen Gestalt, die normalerweise längst in die Rumpelkammer gehören sollten: die Herren von der „Oesterreichischen Union" mit ihren Kompagnons, den „Werktätigen Juden". * Die Ziele der „Zionistischen Liste'' sind in ihrer positiven Eindeutigkeit der ganzen Welt bekannt. Die Ziele der genannten Kompagnieschaft sind es weniger. Im politischen Leben gilt es als Selbstverständlichkeit, daß zuerst ein Programm da ist und dann Anhänger für dieses Programm gesucht werden. Die Union plus Werktätige haben diese natürliche Erscheinung au! den Kopf gestellt: Es sind Anhänger da, für die erst ein Programm gesucht wird. Gefunden wurde es allerdings nicht. Deshalb begnügten sich diese Herren mit der reizenden Parole: „Nichtnationale Liste." Aber auch das ist schließlich ein Programm. Nichtnational heißt: „Wir sind kein Volk, wir haben keine besonderen jüdischen Bedürfnisse, uns gehen die Juden in den anderen Ländern einen Schmarren an, die „Pöltschen" gehören nicht nach Wien, wo der alte Steffel uns, den einheimischen Deutschesterreichern, ein gemütliches „Servas" zuruft, wir sind brave Stamme «de titsche, und wenn jüdische Studenten an den Hochschulen verprügelt werden, dann sagen wir: „Es ist nicht schön, weil es dem Namen der deutschen Kultur schadet." Wahrlich, ein schönes, nichtnationnles Programm! Damit kann man in die jüdische Gasse gehen. * Wir wollen weiter ernst bleiben. Die Herren von der Union, treue Sachwalter ihrer Programmlosigkeit, haben, wie das jüdische Wien weiß, eine anderen, nichtnationalen Reiter hinter sich aufs Roß gesetzt: die sogenannten „Werktätigen Juden". Den Zionismus braucht man nicht erst vorzustellen, den kennt die ganze Kulturwelt. Die „Werktätigen Juden" kennt sie weniger. Bleiben wir ernst! Bitte ruhig zu bleiben, nicht zu lachen! Es sind die israelitischen Ableger der österreichischen sozialdemokratischen Partei, die ihre untertänigen Jünger zum Einbruch in die alte Wiener Judengemeinde ausgeschickt hat. Und so sitzen sie nun im trauten Verein: Die konservativen Grofibourgeois mit dem Rothschild-Embleme und die sonst freidenk e r i c h e n Sozialrevolutionäre. Ein Panoptikum, das in der Welt politischen Irrsinns seinesgleichen sucht. Während die gesetzestreuen Juden dafür sorgen, daß ihre Kultuswähler, ihre frommen Glaubensgenossen koscheres Fleisch, die traditionelle Bar Mizwnh, ein ritunlgerechtes Begräbnis, einen von der Lehre Mosis erfüllten Religionsunterricht bekommen, sorgen die Herren Werktätigen, getreu ihrem Hausprogramm, dafür, daß alle Macht des Staates in die Hände des Freidenkertums übergehe. Also kein koscheres Fleisch, keine Bar Mizwah, kein rituelles Begräbnis, keine mosaischen Glaubenslehren — denn das wäre ein Verrat an ihrem sozialistisch-freidenkerischen Programm, Raslere dien besser! Nimm ja, soll ihre Kandidatur überhaupt einen in der jüdischen Gemeinde zu kämpfen für das sie Sinn haben, haben. v Nichtnationale Liste! Das ist ihr Stolz. Der nationalbewußte Professor Albert Einstein — ein Niemand! Der nichtnationale Herr Lenk-Löwy — ein Genie! Der nationaljüdische Professor Siegmund Freud — ein minderwertiger Mensch! Der nichtnationale Herr Schläfrig — ein aufgeweckter Wahrheitssucher! Oberrabbiner Prof. Perez Zwi Chajes s. A. — ein Apikores! Der nichtnationale Herr Leo Rath von den Kommunisten — ein Glaubensfanatiker! * Wir wollen ernst bleiben. Die Verwaltung der Wiener jüdischen Gemeinde ist eine viel zu verantwortungsvolle Sache. Die ernste Betrachtung verlangt noch eine bezeichnende Feststellung. Wir wollen den „Konservativismus" der Union österreichischer Juden nicht anzweifeln. Es spricht jedoch durchaus nicht für ihre konservative Haltung, wenn sie von ihren 18 bisherigen Kultusräten sage und schreibe Ii nicht mehr kandidieren. Die Werktätigen sind noch r a d i k,a 1 e r geartet. Von ihren bisherigen drei Kandidaten erscheint diesmal kein einziger mehr auf der Liste. Waren vielleicht die 11 Unionisten nicht genug rothschildtreu? Waren vielleicht die drei Werktätigen nicht genug antikapitalistisch? Ueberlassen wir die Antwort auf diese Fragen den Wählern. V» Ja, die Antwort der Wähler. Sie sehen auf der einen Seite das stolze, selbstbewußte, nationale Judentum, das nicht erst eine Kultuswahl zum Anlaß nimmt, um die jüdische Gasse zur Arbeit am jüdischen Volk aufzurufen, sondern diese Haltung immerwährend betätigt; dos sich nicht unter fremden Schutz begibt, sondern sich ihn im eigenen Lager errichtet. Sie sehen auf der anderen Seite ein feiges, assimiliertes „nichtnationales Judentum", das sich mit einem wesensfremden, volksfeindlichen, fremden Schlagworten dienenden Element assoziiert hat. Die Ehe auf Probe, (Jie die Herren von der Union mit den sozialdemokratischen Werktätigen eingegangen sind, ist keine Liebes, ehe, ist auch keine Vernunft ehe — sie ist eine Angstehe. Der Lahme soll dem Blinden über den schmalen Steg helfen. Und beide rechnen nur mit der höchst fragwürdigen Kunst, den jüdischen Wähler dumm zu machen. Der dumme jüdische Wähler soll ihnen einen breiten Weg in die Judengemeinde ebnen. * Belm Wähler liegt die Entscheidung. Der aufrechte, volksbewußte Jude kann seinen Stimmzettel zum Instrument machen, mit dem er das „nichtnationale" Gespensterpaar Union-Werktätige aus der jüdischen Gasse vertreibt. o. r. #HANS A « RAUSCHGIFT mit Garda Maurus, Truda v. Mole, Lud« Haflfdt, Affted A4mT, Raoul Aslan, P«t«r Letrt Buch: Ph.L.Mayiingu.Fr.Zeckendorf /.Musik: H.O. Borgjnami Produktion: Bruno Duday / Regie: Kurt Ccrton Ab heut«: Gartenbau Kino. I. Ufa-ToD-Kioo, II. Wiemeile-ßim, IL Stafa-Kioo, TU. KolraiHiiio, \l Em Muster-Kandidat Unter den Rednern und Kandidaten der ..Nichtnationalen Liste" ißt wohl ein gewisser Leo R*töi derjenige, der im Wahlkampfe zur Wiener Judengeincindc die unverschämtesten Lügen gegen die Wiener Zionisten zum besten gibt. So leistete «r sich -vor einigen Tagen in einer Versammlung die Behauptung, daß die Wiener Zionisten die von der Kttltusgemeinde für Palästina bestimmten Subventionsgelder in die eigene Kasse stecken. Es ist wohl der Gipfelpunkt der Frechheit, wenn ein Mensch mit der Vergangenheit dieses Herrn Leo Rath eich untersteht, von „Geld behalten" au reden. Nachstehendes Schreiben charakterisiert diesen neuen Stern am Wiener jüdischen Himmel. Den Herren Baron Rothschild, Börsenrat Glück, Dr. Ticho ist zu diesem frisch erworbenen politischen Bettgenoßficn herz?- liehst zu gratulieren. * Aus Anlaß der Wiener Kultuswahl am 4 Dezember schreibt ein Wähler der „Neuen Welt": „Die meisten Kandidaten der ,Ni cht nationalen Liste' sind zu vornehm, um in Wählerversammlungen zu sprechen. Die Mehrzahl von ihnen hält es nicht für notwendig, sich der Wählerschaft persönlich vorzustellen. So kommt es, daß immer wieder nur einige wenige auserwählte Jüdische Demokraten' als Versammlungsredner der Nichtnationalen auftreten. Unter ihnen schlägt unstreitbar der .Sekretär' Leo Rath den Rekord. Er ist zu den beliebtesten Sprechern der nichtnationalen Liste anvanciert, denn er versteht as ausgezeichnet, die Zionisten zu beschimpfen, zu verdächtigen und in hemmungsloser Weise üiher ihre Kandidaten herzufallen. Da Herr Leo Rath bisher der jüdischen Oeffentsichkeit nicht bekannt war, so soll die Wählerschaft rechtzeitig erfahren, mit wem sie es zu tarn hat. Herr Leo Rath stammt aus Kolomea, was ihn nicht hindert, ruhig zuzuhören, wenn in den Versammlungen seiner Liste gegen die „Zugereisten" losgeschimpft wird. In seinem wechselvollen Leben verschlug ihn das Schicksal vor Jahren nach Czernowitz; dort schloß er sich den Jiddischisten' an und war ein Kämpfer für die nationale Autonomie der Juden; Jetzt bekämpft, er die Jüdischnationalen. Nach dem Krieg taucht Leo Rath in Wien als Kommunist auf, wird Mitglied der radikalen Gruppe Dr. Wertheimer, Kor Ltschöner und Fia 1 a und zieht über die sozialdemokratischen Verräter der Arbeiterklasse! zu Felde. Jetzt präsentiert er sich der Wählerschaft als werktätiger jüdischer Sozialdemokrat, nachdem es ihm glücklich gelungen ist, als bezahlter Funktionär bei einer sozialdemokratischen Organisation uarfceaczukommen. Als Sozialdemokrat bringt er jetzt dife Koalition mit der bürgerlichen Union zustande und kandidiert auf einer Liste mit dem Vertreter des Ha u.aas R,athschild. Herr Leo Rath ist, wie dieser Meine AuBsdunitt aus seinem Leben zeigt, ein Kridatar seiner politischen Ueberzeugung. Daß er es auch sonst nicht anders hält, mag folgendes beweisen. Herr Leo Rath hat sich, bevor er sein Lebensschiff mit Geschick in den Hafen der sozialdemokratischen P a rtei Versorgung lenkte, auch kaufmännisch betätigt. Der große Erfolg, der ihm durch seine Anpassungsfähigkeit En der Politik zuteil wurde, blieb hier allerdings aus. Im Jahre t925 appellierte der sonst unbeugsame Herr Leo Rath zum erstenmal an die Nachsicht seiner Gläubiger und führte einen sogenannten außergerichtlichen Ausgleich beim Cieditorenverein (Aktzahl 25.767 aus dem Jahre 1925) durch. Im Jahre 1926 liest man in den Wiener Zeitungen — allerdings nicht im Versammlungskalender —, <luß über das Vermögen des Herrn Leo Rath mit Beschluß des Landesgerichtes in ZRS. Sa 636/26 das AusgleichsvR'fahren eröffnet wurde. Schon im Jahre 1928 ruft sich Herr Leo Rath seinen Gläubigern wieder in Erinnerung. Mit Beschluß des Laudesgerichtes in ZRS. Sa 355/28 erfolgt die neuerliche Eröffnung des gerichtlichen Ausgleiches. Wenn die Herren der Union, denen diese Tatsachen nicht unbekannt waren, dennoch keinen Anstand genommen haben, mit Herrn Leo Rath auf einer Liste zu kandidieren, so soll ihnen in Erinnerung gerufen weiden, daß diese nachsichtige Milde bei ihnen nicht immer anzutreffen war. Als seinerzeit die bekannte Metalllfirma Jakob Neurath infolge eines unvorhergesehenen Umschwunges der Konjunktur auf dem Kupfermarkt in Schwierigkeiten geriet, zog der Chef dieser Firma, Herr Siegmund Bondy, der dem Unionklub angehörte, die selbstverständliche K^jt-. sequenz, sein Mandat als Kultusvorsteher zurückzulegen. Als im Vorjahr die Firma des Kultusvorstehers Buchwald nach 40 jährigem Bestände infolge der hereingebrochenen Wirtschaftskrise den gerichtlichen Ausgleich anmeldete, wurde Herr Buchwald vor« seinen Parteifreunden bemüßigt, auf sein Vorstehermandat ml verzichten. Für Herrn Leo Rath, der in einem Zeitraum vom drei Jahren dreimal seinen kaufmännischen Verpflichtungen nicht nachkam, gilt natürlich ein anderes Maß- Ja, noch mehr, damit Herr Leo Rath, wenn er in den Kultusvorstand einzieht, nicht etwa wiederum zti wackeln beginnt, hat man vor ihn einen Advokatea und hinter ihn den Inhaber eines Ausgleichsbüros auf die Kandidatenliste gestellt. Die Wiener Judenschaft hat 36 Vorsteheretellen zu vergeben. Wenn die Union und die Werktätigen glauben, daß sie aas ihren Kreisen keine geigneteren Männer der Wählerschaft für den Kultusvorstand empfehlen konnten, dann werden sich die Wähler schon selbst den dazugehörigen Reim zu machen wissen, —e a. *