Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 270 (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. 27Ö Palästinensisch-rumänische Handelserleichterungen Der wirtschaftliche Verkehr zwischen Rumänien und Palästina hat sich in den letzten Jahren stetig ansteigend verstärkt. Prozentual aber ist die Einfu.hrsteigeru.ng aus Palästina größer Ate die Erhöhung der Ausfuhr aus Rumänien dahin. Während bis zum Jahre 1930 der Wert der jährlich aus Palästina nach Rumänien eingeführten Waren im Verhältnis von 10 :1 sta-nd, verbesserte eich das Verhältnis zugunsten Palästinas und dürfte im Jahre 1932 an 10: 2 herankommen. Die rumänische Nationalbank hat sich veranlaßt gesehen, dieser Entwicklung durch Festsetzung von Ausnahmebestimmungen für den ruinündscli-palästinensischen Handelsverkehr im Rahmen der staatlichen Devisenzwangsbewirtsohaftung Rechnung zu tragen. Den vereinigten Bemühungen des rumänischen Instituts für Exportförderung und des unter Leitung von Dr. A. Mibashan stehenden Palästina- Wirtsohaftsinstituts ist es gelungen, die Leitung der Nationalbank zur Festsetzung eines freie n D e v is e n c 1 ea ri n gs im rumänisch-palästinens*'schen Verkehr im Verhältnis von 5:1— also unter Berücksichtigung der gesteigerten Einfuhr aus Palästina — zu bewegen. Durch die Maßnahme der Nationaibank wird die durch die Devisetisperre bedingte Hemmung der rumänisch-palästinensischen Wirtschaftsbeziehungen beseitigt. Große Strnßenbanten in Tel-Awiw Die Stadtverwaltung von Tel-Awiw beschloß die Vergebung von Straßenbauten in vielen Teilen der Stadt um den Betrag von 11.000 Pfund. Die Entwicklung der jüdischen Orangenzucht Emanuel Neuman, Mitglied der Exekutive und Leiter des Wirtschaftsdepartements der Jewish Agency, teilt mit, daß im vergangenen jüdischen Jahre 17.000 Dunam palästinensischen Bodens von Juden mit Orangen bepflanzt worden sind. Im laufenden jüdischen Jahre werden weitere 3 0.0 00 Dunam jüdischen Bodens in Orangenhaine umgewandelt werden. Das Doppelgesidif Sowejtrußlands Von M.Migdal (London) Nicht, alle Ausländer, die Rußland besuchen, unterliegen dem Einfluß der offiziellen Weisung des „Intourist", der Gesellschaft, die den Fremden das zeigt was ihnen das sowjetrwssische Pared«ies vorzaubern soll. Ein nüchterner, klarblickender, unvoreingenommener Engländer, der gewesene Labour-Abgeordnete Smith, gibt dem Londoner Publizisten M. Migdal eine nacht unter dem Einfluß der offiziellen Propaganda stehende Darstellung von Sowjetrußlands doppeltem Gesicht. Wir geben die wesentlichen Partien dieser interessanten Darstellung im nachstehenden wieder: Der Tanz des Rubels Ganz SowjetruBland trägt eine Mask e .— <Me Regierung, die Beamten, das Volk. Man sagt und schreibt, das Eine und man meint und will das Andere. Alle Dinge haben ein doppeltes Gesicht: eines innen, eines außen Di« Doppelgesichtigkeit ist ungeheuer. Die offizielle Maske lächelnd zufrieden, Während das Herz bitter weint. Die beste Illustration hiefür ist der Tanz de« R u b ei s. Der offizielle Kurs ist 7 Rubel für 1 Pfund. Die Staatsbank wechselt nicht anders. Aber im „Torgsin* (Konsumgenossenschaft) kann man für dasselbe Pfund Sachen kaufen, die auf dem offenen Markf 30 bis 40 Rubel wert sind. Primat erhält man für t Pfund 40, 50, 70 und sogar 100 Rubel. In einem Kiewer Restaurant sind offiziell folgende Preöse angegeben: Ein Fischgericht 10, ein Paar gekochte Eier 6 Rubel usw. Gleichzeitig gibt man den Arbeitern in einigen Fabriken Mittagessen (allerdings schlechte«) um 60 KopeKeu ... Der Rubel tanzt Sein Wert ist illusorisch, weil es hier zwei Welten gribt: die wirkliche und die offizielle. Die Kategorien Sowjetrußland ist ein Land von Klassen und Schichten. Eine jede hat ihren besonderen Wert in der Gesellschaft und wird dementsprechend bebandelt — es gibt eine. Reu.be von A be t u f.u n g e n. Genau so existieren Abstufungen in bezug auf die Städte. Moskau, Leningrad, Charkow gehören zur ersten Kategorie. &ie erhalten das Beste vom Besten. Pia Provinz, städte stei^n an zweiter. StoMe. , Hier einige der Schichten: a) Die Armee mit der Polizei und Tscheka; b) die fünf Millionen Beamte; c) die Industriearbeiter; d) die Bauern in den Kollektiven; e) die städtischen Arbeiter; f) die ausländischen Fachleute; g) die Touristen. Es gibt auch Kreise, von denen jeder einen speziellen Wertrang hat Ein Arbeiter bekommt durchschnittlich 100 Rubel pro.Monat, aber de, man vielfach nach dem Resultat bezahlt,, verdienen manche Arbeiter mehr, Es reicht nicht aus Man hungert durch. Man bemüht sich, üb«r das Minimum hinaus zu verdienen. Der Tiichtigere und Flinkere ißt auch mehr. Eine Mahlzeit im Tag! Früher hatte man stets auf die Kooperativen gebaut Die ganze Leb eas mi t tel ve r t ei lun g ging PFOLGREICHtTER K L A V I £ R- UNTERRICHT MIISTERtCHUlt S 2.- KORRBPETITION S 1,- ueauNosa eiEOSNHEiT Unter „staatlich geprüfte Konzertpianistin" an die Adm. d. Bl durch die Kooperativen. Ihr Netz umschlang ganz Rußland; sie waren fast der einzige und wichtigste Kanal der Lebensmittelverteilung. Jetzt gehen die Kooperativen ein. Sie haben keine Ware. Ihre Stellagen stehen leer. In den Auslagekästen sieht man Galanteriewaren. Die Bevölkerung muß die lebensnotwendigen Dinge privat, auf dem freien Markt einkaufen, wo sie tO- bis Hmn! teurer sind als in den Kooperativgeschäften. Man drückt jetzt zwar beim privaten Handel ein Auee zu. aber alle sind in Angst, niemand hat Vertrauen, das Papiergeld hat keinen Wert und die Waren uud Produkte werden immer knapper. Soeben hat man begonnen, die Industriearbeiter in den Fabriken überhaupt zu verköstigen. Sie bekommen eine Mahlzeit im Tag. Man kann sagen, daß in Rußland jeder Mensch durchschnittlich einmal im Tag ißt. Was er ißt, das ist eine andere Sache. Der Triumph des Kommunismus ist der Fünfjahrplan: Eine Mahlzeit im Tag! Der private, halb illegale Handel und die Verteilung der Waren durch den privaten Unternehmer wachsen immer mehr in ihre Rolle hinein. Die Regierung würde es nicht ungern sehen, wenn der Bauer seine Produkte dem privaten Handel zuführen würde, aber er hat nicht viel zu verkaufen und Angst, daß man ihn am Kragen erwischt. Die Kooperativen — es gibt deren hunderte und tausende — sehen aus wie gerade bankrott gewordene Geschäfte, in denen schlechte, unbrauchbare Waren geblieben sind. Uebrigens sind jetzt in Rußland alle Waren und Produkte von minderer Qualität. Tm privaten Handel sind sie besser und sehen appetitlicher aus — allerding kosten sie auch um vieles mehr. Die Wohnungspolitik Die W. o h n u n g s v e r h ä 11 n i s s e sind schlecht. Man wohnt eng, schmutzig, gedrückt. Man baut zwar neue Häuser, aber die Bevölkerung, wächst schneller. Durchschnittlich lebt jetzt in Rußland eine,Familie in ein e m Z i m m e r.;Das ist die Basis der Wohnungspolitik. Die neuen Häuser mit zwei bis drei Zimmern für eine Familie werden in erster Linie. Beamten, Offizieren und Parteiführern zugewiesen. Das ist natürlich: die privilegierten Klassen müssen versorgt werden. Wo sind die Traktoren? Auf dem Gebiet der T n d u s t r i e hat man dem Anschein nach viel geleistet. Aber die Resultate sind ent- Der ewige SAulskandal Die Revolte der verelendeten Lehrerschaft — Sie belagert die zionistische Exekutive Aus Jerusalem wird berichtet: . Der Waad Leumi hat eine Erklärung veröffentlicht, daß er nicht in der Lage sei, das Schulnetz der Jewish Agency in seine Verwaltung zu übernehmen, da er die Forderung der Lehrer nach sofortiger Auszahlung der Gehälter für vier Monate des Jahres 1932 nicht erfüllen könne; die Jewish Agency hatte definitiv entschieden, daß diese Gehalt&schuld erst im Verlauf von fünf Jahren zur Begleichung gelangen soll, Ferner erklärt der Waad Leumi, er könne den Lehrern für das Jahr 1933 nur das Gehalt für neun Monate garantieren. Die Lehrerschaft weigert sich entschieden, diesen Vorschlag zu akzeptieren. Infolge dieser Differenzen zwischen Waad Leumi und Lehrerschaft können die Schulen nicht wieder eröffnet werden. Unter der jüdischen Elternschaft in Palästina herrscht große Bestürzung über die Fortdauer der Schulkrise, die man schon beendet glaubte. * Mehr als hundert Lehrer der in diesem Schuljahre noch nicht eröffneten hebräischen Schulen der Jewish Agency drangen am 9. November morgens in die Büroräume der Jewish Agency ein, stellten Posten vor die Ausgänge und erklärten, daß sie es nicht erlauben werden, daß ein Mitglied der Exekutive der Jewish Agency das Gebäude verläßt, bevor nicht die rückständigen Gehälter für die Monate Mai bis August 1932 bezahlt worden sind. Von den Mitgliedern der Exekutive befand sich im Gebäude der nichtzionistische Schatzmeister Dr. Werner Senator. Die Führer der eingedrungenen Lehrer verweigerten Dr. Senator die Erlaubnis, sich zum Frühstück in seine Wohnung zu begeben, es mußte ihm das Essen aus einem benachbarten Restaurant gebracht werden. Am Abend wechselten die Lehrer die Wachen und erklärten, daß sie das Gebäude besetzt halten werden, bis die Gehaltsfrage entschieden sein wird» und täuschend. In die Augen springend ist die ungeheure Verschwendung von Arbeitskraft, Material und Zeit Deberall lagert MateriaJ, überall lungern Menschen, leb besuchte eine Fabrik, die im Rahmen des Fünfjahrplans Traktoren herstellen sollte, einen Traktor jede Stunde . . . Etwas klappte hier nicht. Alles war vorhanden: Bäder, Bibliothek, Spielsaal — nur kein Traktor. Die Angst der Intellektuellen Die Intelligenz lebt ärger und schwerer als der Arbeiter. Wenn der intelligente Mensch sein Leben fristen will, muß er mindestens zwei Stellen bekleiden. Auch die Frau muß arbeiten, von einer Schule in die andere, von einem Büro ins andere laufen. Von schöpferischer Arbeit ist unter solchen Umständen nicht die Rede. Man kommt einfach nacht dazu. Der Hunger drückt. Man plagt sich, aber man hält die „Generallinie" ein. Meistenteils schweigt man, besonders vor Fremden. Es ist fast unmöglich, aus einem russischen Intellektuellen ein Wort herauszupressen. Man hat Angst. Irh sah Menschen, die drei Posten hatten und nicht das Nötige für den Lebensunterhalt verdienten. Hunger in Sicht Einen traurigen Eindruck machen die Felder i« Rußland und in der Ukraine. Ich wollte die mächtigen Traktoren sehen, aber ich konnte sie nicht finden. Wo sind sie? Man sagt, daß 70 Prozent kaput sind und eich in Reparatur befinden. Ich fuhr tausende Meilen. Die Felder sind wüst Man sieht keine Menschen, kein Vieh, kein Pferd. Die Aecker sehen verwahrlost aus. Dort, wo schon etwas wächst, z. B. Zuckerrüben, ertriukt es in Mistgruben. Die Landwirtschaft befindet sich in katastrophalem Zustand. Die Bauern in den „Kolchosen" (landwirtschaftliche Kollektiven) hungern. Man kann annehmen, daß zu Beginn des Jahres 1933 in Sowjetrußland fürchterlicher Hunger herrschen wird. Die Juden, Biro Bidschan und Zionismus Die Lage der Juden ist nicht besser als die der anderen. In gewissem Sinne ist sie noch ärger. Die jüdischen Kolonien gedeihen nicht. B i rOrBidschan ist ein Durchfall. Man erzählt, daß dort jüngst wertvolle Metalle gefunden wurden Die klimatischen Verhältnisse sind aber derart, daß man dort nicht leben kann. Die Juden gehen in die Städte zurück — das Ist gewiß. Sie verlassen Kolonien und Siedlungen, weil sie. es dort nicht aushalten Einst lief man von der Stadt ins Dorf, jetzt läuft man vom Dorf in die Stadt. Weil die Stadt zu den privilegderten Schichten gehört Eine ganz einfache Sache. Der alte Typ ist verschwunden. Den Z i o n is m u s fühlt man nicht. Alles, was ich an Jüdischem sah, ,.war. offizielle Propaganda. Auch die Juden reden wicht. Es ist möglich, daß noch Juden der alten Zeit vorhanden sind und auch Zionisten, aber sie befinden sich in geschlossenen, gehedmen Zirkeln, wohin man schwer eindringen kann. wenn es auch Tage dauern sollte. Zu später Abendstunde wurde Dr. Senator erlaubt, das Büro zu verlassen, das Gebäude wird aber auch heute von den Lehrern besetzt gehalten. Die aus allen Städten und Kolonien in Jerusalem eingetroffenen Lehrer hielten eine Versammlung ab, in der die Frage der Gehaltszahlung und der Stellung der Schulen unter die Kontrolle des Waad Leumi beraten wurde. In den Kreisen der Eltern der Schulkinder ist man über die Zuspitzung der Schulkrise sehr deprimiert; die Hoffnung, daß die Schulen bald wieder geöffnet sein werden, scheint sich nicht erfüllen zu wollen. * Die hebräischen Lehrer hielten das Gebäude der Jewish Agency die ganze Nacht vom 9. zum 10. November hindurch besetzt. Als am Morgen des 10. November Dr. Werner Senator in sein Büro kam, versammelten sich die Lehrer vor der Tür seines Amtszimmers und drängten auf eine Antwort Im Verlauf des Tages träfen die zionistischen Mitglieder der Exekutive der Jewish Ageucy, H. Farbstein und Emanuel Newman, im Gebäude ein und gaben im Namen der Exekutive das Versprechen, daß eine Entscheidung, betreffend eine auch die Lehrerschaft befriedigende Regelung der Ge* hatlsfruge. innerhalb eines Tages getroffen werden würde. Daraufhin verließen die Lehrer das Gebäude und hoben die Wachtposten auf. Kronanwalt L. F. Elliot entschuldigt sich Der Kronanwalt für Palästina, L. F. Elliot, hat wie bereits mitgeteilt, bei Verhandlung eines Feuerversicherungsprozesses vor dem Jerusalemer Richter Frumkin die Aeußerung fallen lassen, es sei in England bekannt, daß Juden ihre Geschäfte versichern und sie dannin Brand stecken, um die Versicherungssumme einzustreichen. Richter F r u rak i n hatte nach dieser Aeußerung des Kronanwalts sofort die Gerichtsverhandlung unterbrochen und die Urteilsverkündung ausgesetzt. Der gesamte jüdische Jischuw war über diese Aeußerung des Kronanwaltes empört, sämtliche Memsen des Jischuw forderten, in Entschlse- AUS PALÄSTINA