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Die neue Welt · 1932-11-18 · Heft 270 (18.11.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 270 (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 270 DIE NEUE WELT Seite J 1 Rektor, Professor Brockelmann, der nun im Saale erschien, gelang es nicht, sich Gehör zu verschaffen. Als die Studenten eine drohende Haltung gegen Prof. Coli*und den Rektor einnahmen, ließ der Rektor die Polizei kommen. Die Beamten räumten zunächst den Hörsaal. Die Tumulte wurden aber immer größer, so daß erhebliche Polizeitrupps in das Universitätsgebäude gebracht werden mußten, um die Ruhe einigermaßen herzustellen. Um Ii Uhr begann Prof. Ernst Cohn das zweite Kolleg. Der Rektor und ein Polizeioffizier betraten mit ihm zusammen den Hörsaal. Die Nazistudenten erhoben dabei ein solches Geschrei, daß weder der Rektor noch der Polizeioffizier zu Worte kommen konnten. Der Hörsaal wurde erneut geräumt, und als das Gejohle nicht aufhörte, mußten die Studenten auch die Korridore verlassen. Prof. Ernst Cohn beendete sein Kolleg vor einigen ruhig im Hörsaal zurückgebliebenen Studenten. Schon während dieser zweiten Vorlesung Ernst Cohns kam es vor der Universität zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und antisemitisch demonstrierenden Studenten. Als gegen Mittag Cohn das. Universitätsgebäude verließ, wurden er und der ihn begleitende Polizeioffizier beschimpft, und tätlich belästigt. Ein jüdischer Student wurde schwer verprügelt. Prof. Cohn wurde unter starker polizeilicher Bedeckung aus der Universität bis in die Nähe des Rathauses geleitet. Die Studenten folgten johlend und antisemitische Lieder singend im Zuge. An der Bannmeile vor dem Rathaus wurde die Straße gegen die Demonstranten abgeriegelt. Einigen, hunderten Nationalsozialisten gelang es trotzdem, durch die Sperrkette zu kommen, Prof. Cohn zu beschimpfen und tätlich anzugreifen. Schließlich konnte der Verfolgte in einer Kraftdroschke nach seiner Wohnung gebracht werden. Professor Ernst Cohn, der noch unter dem depri- Brsetf aus Tel-Awiw, November 1932. Ein hervorragender Wirtschaftsführer Palästinas schreibt der „Neuen Welt": Die Frage drängt zur Entscheidung, ob die sozialistische palästinensische Arbeiterpartei (Histadruth) noch ein zionistischer Verband ist pder nicht; ob das jüdische Volk noch verpflichtet ist, durch Hergabe von Geldern diese Feinde des jüdischen Nationalheimes weiter zu züchten. Ich will hier nicht auf die landwirtschaftlichen Siedlungen der Kwuzoth näher eingehen. Wer die Verhältnisse in diesen Siedlungen kennt, weiß, daß sie nichts mit Zionismus zu tun haben. Klassenkampf, Kommunismus wird gepredigt; Kinder verweigern ihren Eltern die Uebersiedlung nach Erez Israel, weil sie als Kommunisten, als Klassenkämpfer hier keine „Burganim" (Bourgeois) haben wollen. Ich will mich hier mit dem Kampf der Histadruth gegen die jüdische Industrie beschäftigen. Wer die Geschichte des Zionismus der letzten 10 Jahre kennt, weiß, daß die offiziellen zionistischen Stellen gegen die Entwicklung einer jüdischen Industrie im Lande waren und sind. Man wollte unter sich sein, sozialistische Edelmenschen züchten, machte der jüdischen Industrie auf Schritt und Tritt Schwierigkeiten, versuchte sie zu entmutigen, verhinderte die Gründung einer Industriebank, verwendete die für diese Bank bestimmten 10.000 Pfund für andere Zwecke — hingegen ließ man der Arbeiterbank 40.000 Pf. St aus Keren Hajessod-Geldern zugehen. Es würde den Umfang eines Zeitungsberichtes überschreiten, wollte man den heroischen Kampf der palästinensischen Industriellen in den letzten 10 Jahren schildern. Die Industrie setzte sich durch, beschäftigt heute Tausende von Arbeitern, ist neben der Plantagenwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Aber gerade diese Festigung der industriellen Unternehmungen im Lande ist der Histadruth nach dem Zusammenbruch des „Solei boneh" ein Dorn im Auge: heißt es doch, daß die kapitalistische Wirtschaft im Lande sich durchsetzt. Was den offiziellen zionistischen Aemtern, wo an leitender Stelle Histadruthleute sitzen, nicht gelungen ist, soll nun die Histadruth auf einem anderen Wege erreichen; Es soll den industriellen Unternehmungen durch Streiks die materielle Basis untergraben werden, da die Industrie sich von den Schlägen der letzten Jahre noch nicht soweit erholt hat, daß sie längere Streiks wirtschaftlich bestehen kann. Ich werde hier einige Beispiele anführen, aus denen sich der Leser ein Bild machen kann, wie von diesen Leuten „Binjan Haarez" verstanden wird. Es ist in den letzten Wochen zu gleicher Zeit eine ganze Reihe von Streiks arrangiert worden, die alle den Endzweck hatten, den Unternehmer materiell zu vernichten und ihn in eine von der Histadruth geleiteten Kooperative hineinzuzwingen. Es besteht nämlich hier im Lande die merkwürdige Tatsache, daß dieselbe Histadruth, die die Streiks arrangiert, gleichzeitig als Arbeitgeber auftritt, indem sie Korporativen gründet, die als Konkurrenz der bestehenden Fabriken auftreten. Die mit dem Geld der Burganim geschaffene Arbeiterbank finanziert diese Kooperative. Natürlich ist die Histadruth dadurch in der Lage, einerseits dem bürgerlichen Arbeitgeber durch die Koomierenden Eindruck der tumultuarischen Vorgänge steht, erklärte Pressevertretern: „Ich habe mich entschlossen, meine Vorlesungen am heutigen Freitag abzusagen, obwohl ich noch bis in die gestrigen Abendstunden willens war, unter allen Umständen meiner Pflicht zu genügen. Mein jetziger Entschluß ist mir außerordentlich schwer gefallen, ich will aber meiner Vaterstadt (Ernst Cohn ist gebürtiger Breslauer) die Wiederholung der gestrigen schmachvollen Vorgänge ersparen. Mein Entschluß ist ferner herbeigeführt worden durch eine Intervention S. Magnifizenz des Rektors Prof. Brockelmann, der gestern in unerhört tapferer Weise für meinen persönlichen Schutz eingetreten ist." Auf die Frage eines Journalisten, ob er seine außerordentlich schnelle Karriere dem Kultusminister Grimme oder irgendeinem Parteibuch verdanke, erwiderte Ernst Cohn: „Keineswegs! Ich habe Minister Grimme weder jemals gesprochen noch gesehen. Ich habe mich nie für irgend eine Partei betätigt, gehöre keiner Partei an und bekenne mich im übrigen in meinen Anschauungen seit meiner Studentenzeit zur bürgerlichen Mitte." * Der „Breslauer Waffenring", der nicht nur die nationalsozialistische, sondern auch die gesamte reaktionäre Studentenschaft in sich vereinigt, sandte an die preußische kommissarische Regierung eine Entschließung, in der er sich mit den Radaukundgebungen gegen Prof. Ernst Cohn solidarisch erklärt, die Entfernung Cohns von seinem Lehramte fordert, anderenfalls droht, „unbeirrt die Maßnahmen gegen Dr. Cohn zu ergreifen, die jedem Feind des nationalen deutschen Studenten tu ms gebühren". Sollte der „begründeten Entrüstung" der Studentenschaft nicht Rechnung getragen werden, so werden weitere Protestkundgebungen in den Räumen der Universität stattfinden. Palästina perativen Konkurrenz zu machen, andererseits hetzt sie die Arbeiterschaft in den privaten industriellen Unternehmungen zu Lohnforderungen und Streiks auf. Vor zirka zwei Monaten brach in der Eisengießerei und Maschinenbauanstalt Paamon (50 Arbeiter) ein 'Streik aus. Die Ursache war folgende: Dem Gewerkschaftssekretär der jüdischen Metallarbeiter war von einem der Inhaber des „Paamon" verboten worden, während der Arbeitszeit in den Maschinenraum zu kommen und sich mit den Arbeitern zu unterhalten; ehr Verbot, das in Europa eine Selbstverstädlichkeit ist. Vier Wochen nach diesem Verbot traf der Inhaber dieser Fabrik denselben Gewerkschaftssekretär abermals während der Arbeitszeit im Frabriksraume. Der Aufforderung, den Maschinenraum zu verlassen, wollte der Gewerkschaftssekretär nicht nachkommen, worauf er von dem Inhaber der Firma Paamon etwas unsanft aus dem Fabriksgebäude hinausbefördert wurde. Dieser Angriff auf seine Hoheit den Herrn Gewerkschaftssekretär veranlaßte den Arbeiterrat der Fabrik, die Arbeit sofort einzustellen und in den Streik zu treten. Einer Aufforderung seitens der Inhaber, die Arbeit aufzunehmen, wurde nicht Folge geleistet, worauf sämtliche Arbeiter entlassen wurden. Einige Arbeiter der Firma wollten sich dem Streik nicht anschließen und weiterarbeiten. Es waren dies revisionistische und unorganisierte Arbeiter; sie wurden von Histadruth-Leuten mit Eisenstangen blutig geschlagen und mußten von der Rettungsgesellschaft aus dem Fabriksgebäude abgeführt werden. Ein Versuch, weitere revisionistische und unorganisierte Arbeiter einzustellen, wurde durch Massenaufgebot von Histadruth-Leuten und blutige Ueberfälle verhindert Der Streik dauerte acht Wochen. Der Waad Leamt wurde als Schiedsrichter angerufen, und ein links gerichtetes Mitglied des Waad Leumi als unparteiischer Schiedsrichter bestimmt. In diesen Verhandlungen vor dem Waad Leumi kam die Absicht der Histadruth klar zutage. Sie wollte die Firma Paamon, die die fachmännisch bestgeleitete Fabrik im Lande ist, in eine Kooporative hineinzwingen. Als sie merkte, daß dies aussichtslos sei, forderte sie 1500 Pf. St. Entschädigung, weil ihre Arbeiter angeblich ausgesperrt worden seien. Urteil: Pf. St. 1,5 Geldstrafe für die Arbeitgeber, Pf. St. 1,5 Geldstrafe für die Arbeitnehmer: dies das Urteil eines links gerichteten Schiedsgerichtes. Also wegen Pf. St. 1,5 Geldstrafe acht Wochen Streik und 1100 Pf. St, Lohnverlust für die Arbeiter, in der Hoffnung, es könnte gelingen, ein privates Unternehmen zu vernichten und in eine sozialistische Kooperative umzuwandeln. Einige Unternehmer aus Polen und Oesterreich haben in den letzten Jahren in Palästina eine Trikotagenindustrie geschaffen. Seit einem Jahr setzte eine starke europäische und' hauptsächlich japanische Konkurrenz ein, die diesen Fabrikanten das Leben sauer macht. Rohstoffpreise fallen, Fertigprodukte werden billig von der europäischen und japanischen Konkurrenz auf den Markt geworfen. Im Ausland werden die Löhne überall gekürzt: die palästinensische Arbeiterschaft tritt in diesem Moment mit Forderungen von Lohnerhöhungen an die Arbeitgeber heran. Da jetzt in dieser Branche Saison ist, wird versucht, durch Streikandrohungen auch diese Verteidiger Dr. Natan Korkes ■führt seine Kanzlei Wien, I., Seilergasse Nr. 16 Telephonnummern R»20-4-93 und R»27>3-34 Fabriken lahmzulegen, wodurch den Fabriken selbst und auch dem Lande (es handelt sich um Exportfabriken) schwerer Schaden zugefügt wird. Ein ganz besonders krasser Fall sind der Streik und die blutigen Ueberfälle in der Biskuitfabrik Frumin. Diese Biskuitfabrik ist die einzige ihrer Art im vorderen Orient und hat sich dank der Tüchtigkeit der Besitzer sowohl in Palästina als auch im Auslande .einen Markt geschaffen. Sie beschäftigt 100 Prozent jüdische Arbeiter, hat sich aber niemals um deren Parteizugehörigkeit gekümmert Bei Neuaufnahme einer Arbeiterin lehnte der sozialistische Teil der Arbeiterschaft die Zusammenarbeit mit dieser Arbeiterin ab, wenn sie nicht einen Brief von der Histadruth bringe, wonach sie in dieser Fabrik arbeiten dürfe. Frumin erklärte den Arbeitern, er stehe auf dem Standpunkt des Fabrikantenverbandes, daß es seine Pflicht sei, nur jüdische Arbeiter einzustellen, sich aber um deren politische Gesinnung nicht zu kümmern. Daraufhin Streik. Man ließ den angerührten Teig stehen, verließ die Fabrik und zwang unter Anwendung von Gewalt auch die nichtsozialistisch organisierten Arbeiter, die Fabrik zu verlassen. Frumin und der Fabrikantenverband forderten von der Arbeiterorganisation, daß die Arbeit sofort wieder aufgenommen werde und daß über die strittigen Fragen ein Schiedsgericht entscheiden solle. Das wurde von der Arbeiterorganisation abgelehnt, welche forderte, daß sich Frumin bedingungslos unterwerfe und die Forderungen der Arbeiterorganisation, wonach alle Arbeiter der Histadruth angehören müssen, annehme und nur 5 Prozent der Belegschaft aus Revisionisten bestehen dürfen, welche ebenfalls Anstellungsbriefe von der Histadruth haben müßten. Diesem Terror konnte und wollte sich Frumin nicht fügen. Er stellte revisionistische Arbeiter ein, worauf auch ein Teil der Arbeiterschaft, der unorganisiert war, zurückkehrte, so daß der volle Betrieb bei Frumin aufgenommen werden konnte. Hierauf erfolgten die blutigen Ueberfälle auf die revisionistischen Arbeiter, die aus den Zeitungen bekannt sind und deren gerichtliches Nachspiel noch nicht beendet ist. Die Fabrik Frumin ist mit national gesinnten Arbeitern in vollem Betrieb. Und nun, da die Histadruth sah, daß sie den Kampf im Fall Frumin verloren habe, geschah das Unerhörte. Die Arbeiterorganisation griff zu einem Mittel, das bisher nur von Arabern angewendet wurde! Sie verhängte den Boykott über die Erzeugnisse von Frumin. Der Fabrikantenverband machte die Arbeiterorganisation auf das Unerhörte und Gefährliche dieses Vorgehens aufmerksam. Da antwortete die Arbeiterorganisation mit einem jesuitischen Dreh: sie habe nicht den© Boykott über Frumin verhängt, da dies gesetzlich unzulässig sei, aber jeder klassenbewußte Arbeiter wisse, daß er Ware, hergestellt von Streikbrechern, nicht kaufen dürfe. Das wurde im „Dawar" (Organ der Histadruth) veröffentlicht. Diese Verhängung des Boykotts gegen eine jüdische Fabrik seitens einer sogenannten zionistischen Partei hat eine ungeheure Empörung beim ganzen Jischuw hervorgerufen. Dank dem Eingreifen der revisionistischen Arbeiterorganisation, konnte eine Bewegung zum Boykott gegen „Tenuva", die Verkauskooperative der Arbeiter, verhindert werden. Wohin der Weg der sozialistischen jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina führen soll, kann man aus einer Stelle der Rede von Ben Gurion auf der Arbeitertagung, die vor einigen Tagen stattfand, ersehen. Er sagte wörtlich: „Unser Hauptziel muß jetzt sein, die ganzen Behörden der zionistischen Organisation in unsere Hände zu bekommen." Wenn die bürgerlichen Zionisten wollen, wird dies niemals der Fall sein. Schon jetzt ist eine Bewegung im Gange, für den Kongreß alle bürgerlichen Parteien zusammenzuschließen, um die Vormachtstellung der Histadruth in der zionistischen Organisation zu brechen. Auch die Allgemeinen Zionisten, die bisherigen Handlanger der Linken, beginnen ihre Fehler zu erkennen. Die Revisionisten dürfen nicht im Schmollwinkel stehen, sondern müssen kämpfen, um die Position in der zionistischen Organisation zu erhalten, die ihnen zukömmt Kongreßboykott seitens der revisionistischen Partei wäre ein schwerer Fehler. Kongreßboykott hieße der Arbeiterpartei den ganzen Apparat ausliefern, d. h. auch keine nationalen Chaluzim ins Land, kein Einfluß auf die nationalen Fonds. Kongreßboykott seitens der Revisionisten hieße weitere Einwanderung von Chaluzim der Internationale, weitere Verwendung der nationalen Fonds für Zwecke der Internationale. Auf dem letzten Kongreß und auf der letzten Sitzung des Aktionskomitees wurde die Wichtigkeit der Mittelstandskolonisation für Palästina allgemein anerkannt und es wurden auch diesbezüglich Beschlüsse gefaßt. In Polen weigerten sich bekanntlich die Allgemeinen Zionisten, bei der Keren Hajessod-Kampagne mit den Revisionisten zusammen- Die Terrorherrsdiaft der Histadruth

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