Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 270 (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 DIE NEUE WELT Nr. 27Ö Nimmt eine rassische, religiöse oder ethnische Minderheit eine der im Friedensvertrag aufgestellten Schutzbestimmungen, z. B. den vorstehend näher erörterten Schutz der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung oder finanzielle Leistnngen des Bandes oder eines Landes für Erziehung«-, Religions- oder Wohltiitigkeitszwecke in Ansprach, so kann hieraus weder der Minderheit im ganzen noch einem Ihr angehörigen österreichischen Bundesbürger irgend ein Nachteil, insbesondere in bezng anf die Aemterfähigkeit, die Zulassung zu den verschiedenen Berufsand Erwerbstätigkeiten oder zn öffentlichen Schulen, erwachsen. Jedem Versuche einer solchen Benachteiligung könnte mit den vorstehend angeführten innerstaatlichen nnd internationalen Rechtsmitteln begegnet werden. Es ist eine keiner nfiheren Begründung bedürfende Selbstverständlichkeit, daß die vorstehenden Feststellungen über den Rechtsschutz der Minderheiten in Oesterreich im allgemeinen ausnahmslos auch auf die jüdische Minderheit in Oesterreich Anwendung finden.** Diese klare, eindeutige Entscheidung des berufensten, objektivsten Fachmannes und Gelehrten von Weltruf läßt nicht den geringsten Zweifel bestehen. Wer jetzt noch das Schlagwort: „Minderheitsrecht ist minderes Recht, Bedrohung der Gleichberechtigung!" wiederholt, spricht bewußt bösartigen Unsinn! RUNDSCHAU Judenrein! Es Ist noch nicht lange her, daß sogenannte jüdische Gruppen, Gesellschaftskreise, Vereinigungen im Deutschen Reich die Notwendigkeit, ja Unvermeidlichkeit ihrer Eingliederung in die deutsche Sphäre mit nicht erlahmender Hartnäckigkeit zu erkämpfen versuchten. Die zahllosen Abschüttlungsversuehe deutscherseits, die sich in den letzten Jahren bis zu moralischeu und phyischen Fußtritten steigerten, halfen nichts. Immer wieder wurde das deutsche Volk daran gemahnt, daß die „jüdisch-deutsche", historische Schicksalsgemeinschaft zu milderer Behandlung verpflichte, daß die deutschen Juden auf Grund ihrer Leistungen auf allen Gebieten das Anrecht haben, Schulter an Schulter mit den „anderen" deutschen Stämmen am Aufbau des neuen Deutschland mittätig zu sein. Besonders die Assimilanten um den Centraiverein konnten sich in Loyalitätskundgebungen und bis ans Ende des Rückenmarks reichenden Anbiederungen nicht genugtun. Kaum entstand eine Partei, bei der ihr ein Unterschlupf zu winken schien, boten sie sich ihr als Mitkämpfer an. Kaum war in einer Partei eine antisemitische Parole unsichtbar geworden, als sie, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens und ihre diversen Mitgänger, die Gelegenheit als günstig ansahen, .diese Partei >ihrer Treue bis. übers;Graib. hinaus zu versichern. Wer erinnert sich nicht beispielsweise an den Eifer, mit welchem., die deutschen Assimilanten für die. 31 a.a t «r Partei die Trommel rührten* jene P&rtei.-in der alles!, was für die sogenannte staatserhaltende Demokratie sei, Platz finden könne! Endlich, so hieß es, werde jeder gute deutsche Jude sich hier politisch, kulturell und Sozial ausleben können. Man weiß, wie kläglich diese Chamaleon-Partei bei den letzten Reichstagswahien zur sammenbfaoh, ohne Hoffnung, jemals ihre Auferstehung zu feiern! Nicht besser ging es den deutschen Ässir milänten in den anderen Lagern. Welches Gesicht auch immer die israelitischen Liberalen, Demokraten, Nationaldeutschen zeigten, in einem, Punkt gingen sie konform: in der. Bekämpfung der nationalen judenheit, in der Schmähung und Verleumdung des Zionismus. Sie argumentierten hiebei mit der Fiktion, daß die. deutschen Zionisten ein wesensfremdes, staatsfremdes Element seien, das nichts mit dem deutchen Patriotismus verbindet, während sie, die jüdischdeutschen Staatsbürger, seit jeher für die Ehre und Würde des deutschen Volkes eingetreten seien und daher legitimiert, an Deutschlands Schicksal gemeinsam mit ihren anderen deutschen Brüdern mitzuarbeiten. Das deutsche Volk entschied anders, entschied gegen die Assimilanten. Im neuen Reichstag sitzt kein einziger Jude! Das, was jüdischen Stammes ist, hat sich von diesem längst schon losgelöst — entfremdet, getauft, aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten! Der neue deutsche Reichstag ist judenrein. Die Deutschen haben die Eingliederung der jüdischen Assimilanten nicht zugelassen, haben den würdelosen Eindringlingen die kalte Schulter, die geballte Faust, das lange Messer gezeigt. Der „judenreine" Reichstag in Deutschland ist ein Beispiel für das Scheitern jeder Assimilation, ein Beispiel für die unumstößliche Wahrheit des Zionismus. Was ist „unverschämt"? Die antisemitischen Ausfälle des englischen Kronanwalts in Palästina Elliot, welcher vor Gericht die englischen Juden beschuldigte, ihre versicherten Häuser gewohnheitsmäßig in Brand zu stecken, sind bekanntlich vom gesamten palästinensischen Jischuv einmütig zurückgewiesen worden. Unter dem Druck des jüdischen Protestes und der würdigen Haltung des jüdischen Richters Frumkin mußte der britische Gerichtsbeamte den Rückzug antreten. Die Judenheit der Welt hat die Kollektivbeschuldigung nicht auf sich sitzen lassen und öffentliche Abbitte erzwungen. Auch die in der A n g 1 o - J e w i s h Association vereinigten englischen Juden hatten; Gelegenheit, sich bei ihrer vorwöchentlichen Tagung mit dem Fall EHiot zu beschäftigen. Das Wort ergriff Herr Leonard Stein, der Vorsitzende der Exekutive der Anglo-Jewish Association. Er war glücklich, daß „nach der formalen Entschuldigung seitens Elliot'' die Angelegenheit ad acta gelegt wurde, indem er erklärte, man müsse die Sache nunmehr auf sich beruhen lassen; Schwamm drüber! Gottseidank, die formale Entschuldigung genügt, die Sache ist erledigt! Nur kein Aufhebens machen, wenn ein britischer Staatsanwalt die Juden verdächtigt, beleidigt, verleumdet! Die amerikanischen Juden allerdings dachten anders. Sie sahen in der antisemitischen Attacke Elliots nicht bloß eine Beleidigung derjenigen, die im Rahmen des Prozesses gemeint waren, sondern eine schändliche Verleumdung der Judenheit, die im Scheinwerferiicht des palästinensischen Prozesses an den Pranger, gestellt werden sollte. Und sie reagierten darauf. Der American Je wish Congress, die Vertretung der Juden* Amerikas, an deren Spitze der mutige zionistische' Führer Rabbi Stephen Wiese steht und von der die Initiative zur Einberufung des „Jüdischen Weltkongresses" ausgegangen 'ist, erhob beim englischen Botschafter in Washington Vorstellungen und verlangte Aufklärung dieses unerhörten Vorgehens eines von England ernannten palästinensischen Beamten. Sie gab einfach dem natürlichen Gefühl ihres . S o I i d a r i t ä t swillens klaren, würdigen, gerechten Ausdruck. Jeder, nationalbewußte Jude müßte wohl ob dieses Vorgehens des American Jevyish Congress Genugtuung empfinden,, müßte dem uner.schrQckenen Dr. Stephen Wise für.. seinc.Haltung.-Dank, wissen .jeder?, nationalbewußte Jud?, jeder Zipnist.; ^:t..-..-,.:t.tuit........,. •» .... ". .. ■■• Jeder? Nein,,Her^ Leonard Stein empfand keine Genugtuung. Ihm ging , die Intervention des American Jewish Congress beim Vertreter der Mandatarmacht England in Amerika wider den Strich. „Was soll das bedeuten?" rief er bei der Tagung der Anglo-Jewish Association in London aus!. „Die amerikanischen Juden unter der Führung des Zionisten Stephen Wise wagen es, die Rechte des jüdischen Volkes gegen die englische Beamtenschaft Palästinas zu verteidigen? Wagen es, eine Beleidigung der Juden zurückzuweisen? Wagen es, sich mit dem jüdischen Jischuv in Palästina solidarisch zu erklären? Welche U n v erschamtheit! Was würde geschehen, wenn das Joint Foreign Committee beim amerikanischen Botschafter in London wegen des Numerus clausus gegen Juden, der an gewissen amerikanischen Universitäten besteht, Einspruch erheben sollte?4' So ungefähr machte sich Leonard Steins Empörung über das selbstverständliche Vorgehen des American Jewish Congre'ss Luft. Der Zionist D a i c h e s, der der Tagung der Anglo- Jewish Asociation beiwohnte, ließ sich nicht darauf ein, die in die Augen springende Absurdität des Vergleiches auch nur eines Wortes zu würdigen. Er erklärte einfach, er sehe nicht ein, weshalb der American Jewish Congress solche Vorstellungen nicht erheben sollte. Aber da stieß er auf Stein. Auf Leonard Stein. Auf den Herrn, der jahrelang Sekretär der zionistischen Organisation, Privatsekretär Prof. Weizmanns und dessen Schreibtischverwahrer war. Auf den „Zionisten" Leonard Stein, der jahrelang die Aufgabe hatte, jene Schriftstücke zu verfassen, welche der Verteidigung der zionistischen Rechte gegen die diversen antijüdischen Weißbücher des britischen Kolonialamtes dienen sollten. Herr Leonard Stein versuchte die Absurdität seines Vergleiches nicht zu verteidigen. Er sagte bloß: „Das Vorgehen des American Jewish Congress ist unverschämt lM ,,Unverschämt!" So charakterisiert ein, „Zionist" die Intervention der amerikanischen Judenheit in Dingen der jüdischen Ehre. Kein Wort mehr darüber. Nur die eine Frage: Wer ist unverschämt? Der judische Gouverneur von New York Die am 8. November in den Vereinigten Staaten von Amerika durchgeführten Präsidentschafts- und Gouverneurswahlen brachten der Demokratischen Partei einen überwältigenden Sieg Franklin D. Roosevelts, bisher Gouverneur von New York. Der bisherige Vizegouverneur des Staates New York, Herbert H. Lehman, wurde mit einer verhältnismäßig gleichen Mehrheit zum Gouverneur des Staates New York gewählt. Bei Magen-, Darmnnd Stoffwechselleiden führt der Gebrauch «des natürlichen „Franz-Josef "-Bitter wassere die Verdauungsorg^ne zu regelmäßiger Tätigkeit zurück und erleichtert so, daß die Nährstoffe ins Blut gelangen. In Apotheken und Drogerien erhältlich. Gouverneur Herbert H. Lehman, der sein tteues Amt am 1. Jänner 1933 antreten wird, war während des Weltkrieges O b e r s t im Generalstab der amerikanischen Armee und hat sich stets jüdischen philanthropischen und kulturellen Werken, namentlich dem großen Hilfs- und Aufbauwerk des American Joint Distribution Committee, dessen Präsidium er angehört, gewidmet. Er wurde im Jahre 1678 in New York geboren. Sein Vater, Mayer Lehman, war einer jener „Achtundvierziger", die mit Karl Schurz aus Deutschland nach Amerika auswanderten. Seine politische Laufbahn beganu er 1908. 1913 wurde er in die Kommission zur Neuschaffung der Bankgesetze berufen. 1919, bei seinem Austritt aus der Armee, erhielt er eine der höchsten amerikanischen Auszeichnungen. Als die Demokratische Partei im Jahre 1928 den New Yorker Gouverneur Smith als ihren Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten aufstellte, nominierte sie Roosevelt für das Amt eines Gouverneurs und Lehman für das Amt eines Vizegouverneurs von New York. Smith fiel durch, aber Roosevelt und Lehman wurden gewählt. Zwei Jahre später, 1930, wurden Roosevelt und Lehman mit einer kolossalen Mehrheit wiedergewählt. Lehman bekam damals die größte Zahl Stimmen, die je ein Kandidat in New York auf sich vereinigte. Für gewöhnlich ist das Amt eines Vizegouverneurs politisch nicht besonders wichtig, aber (Lehman verstand es, ihm Bedeutung zu verleihen. Durch seine überragende Geschäftsführung und Unparteilichkeit hat er sich die Anerkennung aller Volksschichten errungen. Die Gewerkschaften luden ihn oft als Schlichter bei Lahnstreitigkeiten ein; durch seine sachlichen Schiedssprüche wurde mancher Streik vermieden. In der Lösung der1 Frage Wo hnungsnot hat er, Hervorragendes geleistet. Die New Yorker Presse nennt ihn den „Gouverneur der Taten". Neben seiner Betätigung als Vizepräsident der American Joint Reconstruction Foundation, des Joint Distribution Committee und anderer jüdischer Wohlfahrts- und K u 11 u ro.r g a n i s a ti o n e n interessiert er sich auch für das Palästina-Werk der jewish Ägency und ist Mitglied der Palestine Economic Corporation. * Herbert H, Lehman ist der erste Jude, der zum Gouverneur von •. New York...gewählt worden ist. . Im Jahre 1928 kandidierte Albert C. 011? n.g e r, damals Oberstaaatsanwalt von New York, ein Schwager Louis Marshalls, für die Republikanische Partei auf den Posten eines Gouverneurs von New York, er unterlag aber gegen den Demokraten Franklin D, Rooseyelt. Schon früher, 1912, kandidierte der jüdische Diplomat Oskar S. St raus, amerikanischer Botschafter . in der Türkei und in anderen Ländern, als Vertrauensmann des einstigen Präsidenten Roosevelt auf den Posten eines Gouverneurs des Staates New York, auch er unterlag im Wahlkampf. Hingegen haben in anderen Staaten Juden als Gouverneure gewirkt und wirken heute noch. 1803 wurde David E m a n u e l zum Gouverneur von Georgia, 1863 Michael Hahn zum Gouverneur von Louisiana, 1874 Edward Salomon zum Gouverneur von Washington, 1872 Franklin Mose zum Gouverneur von South Carolina, 1901, 1915 und 1917 — also in drei Perioden — Moses Alexander zum Gouverneur von Idaho, 1914 Simon Bamberger zum Gouverneur von Utah gewählt. Gegenwärtig gibt es außer Lehmau zwei jüdische Gouverneure: Julius M. Meier im Staate Oregon, Artur Seligman im Staate New Mexico. Das Amt des Gouverneurs von New York rangiert direkt hinter dem des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Für den früheren Gouverneur AI. Smith, wie für Franklin D. Roosevelt waren die Gouverneurposten in New York das Sprungbrett zu ihrer Nomi«. nierung als Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. Die große Mehrheit der Presse in den Vereinigten Staaten, die über die Wahl Roosevelts zum Präsidenten jubelt, äußert auch große Freude über die Wahl Lehmans zum Gouverneur und bringt isein Bild nebst Biographie und Würdigung seiner privaten und amtlichen Persönlichkeit. Professor Cohn Am Donnerstag, den 10. November, morgens, kam es an der Breslauer Universität zu schweren Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten gegen den aus Frankfurt a. M. nach Breslau berufenen Professor für bürgerliches und Handelsrecht Dir. Ernst C o h n, einen Gelehrten, der trotz seiner 28 Jahre wegen seiner grundlegenden Arbeiten weit über seinen bisherigen Wirkungskreis hinaus bekannt ist. Prof. Ernst Cohn sollte um 9 Uhr seine Antrittsvorlesung in Breslau halten. Schon nach seinen ersten Worten wurde er von nationalsozialistischen Studenten, die mehrere Bänke im Vortragssaale füllten, durch Gejohle und antisemitische Zurufe gestört. Das dauerte 'eine Viertelstunde lang, es gelang dem Vortragenden nicht, sich verständlich zu machen. Auch dem 9