Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 269 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 369 DIE NEUE WELT Sei** 5 Wahlen in das jüdische Domkapitel oder in so etwas ähnliches statt und es geht gegen die Kapitalisten. (Schreiend:) Was heißt Kapitalisten, was heißt Proletarier, in dieser schweren Zeit Zwietracht tragen, in unser Volk! Ueber alle Gegensätze hinweg, sind wir ja alle, vor allem und ausschließlich Deutsch e!" (Erregt ab.) Sekretär: „Ich habe ja immer gesagt, bei der Chassene kommt nichts heraus. Wir hätten uns mit diesen jüdischen Ausbeutern eben nicht emlassen sollen." Ein Redakteur der „Roten Wahrheit" tritt ein, zum Sekretär; „Schrecklich ist das, ich habe schon wieder keinen Leitartikel für die morgige Nummer der „Roten Wahrheit". Lauter Sachen, die wir nicht bringen können. Das Beste ist noch dieser (liest): ,D i e Not des Israelitentums und deren Abhilfe.' (Fortfahrend:) ,Aber da heißt es, daß der Antisemitismus nur darauf zurückzuführen ist, daß es zu viele Israeliten gibt, und er macht den Vorschlag, den Antisemitismus durch möglichst strenge Geburtenkontrolle zu bekämpfen. Aber das können wir ja wegen unseren alten Mitgliedern nicht bringen, denn erstens braucht der Herr Bundespräsident Soldaten und zweitens: Geburtenbeschränkung! Wenn die vornehmen Damen der Union ein derartig ordinäres Wort hören, so fallen sie mir in Ohnmacht." Sekretär: „Sie haben doch im Einlauf einen Artikel über „Kaiser Josef und die Union deutschösterreichischer Juden", bringen Sie den als Feuilleton, um die Leute auszusöhnen." R e d a k te u r: „Aber das geht doch nicht, bei einem Kaiser meutern mir wieder die Genossen, Durch so etwas bringe ich die ganze, so mühsam zusammengestoppelte Einheitsliste in Gefahr." Sekretär: „Vielleicht kann man die beiden Themen irgendwie verbinden?" Redakteur: „Wie verbinden? Ueber ,Karl Marx und die Union deutsch österreichisch'er Juden* habe ich ja vorige Woche geschrieben, über ,Lenin und die Union' vor 14 Tagen. Ich sage Ihnen, es ist fürchterlich, immer aufpassen müssen, daß es nicht zwischen den beiden Gruppen zu einem Krach kommt. -Diese Wähler sind ja so entsetzlich blöd." S ek r e t ä r (ironisch lächelnd): „Blöd? Finden Sie!" Redakteur (gleichfalls lächelnd): „Ich glaube, Sie haben recht. Sie sind gar nicht so dumm." Sekretär (nachdenklich): „Ich glaube, wir worlen sie hereinlegen, aber zum Schluß werden wir die Hereingelegten sein." Eine sonderbare Kampagne Von Dr. H. Rosenblum (London). Die zionistischen Ereignisse der letzten Wochen lassen keinen Zweifel mehr darüber aufkommen, daß wir es mit einer gutdurchdachten Kampagne zur Wiederherstellung des alten zionistischen Regimes zu tun haben. Wollen wir uns mal die einzelnen Phasen dieser Kampagne ins Gedächtnis zurückrufen. 1. In New-York, Warschau, London, Berlin und einigen "anderen punkten (Riga usw.) ist ein flammender Ruf nach anti-revisionistischer Rache erschollen, der sich da und dort der gleichen Argumente und sogar der gleichen Phraseologie bedient. Dabei wird mit einer offenkundigen und mehrmals dementierten Lüge manövriert: die revisionistische Weltkonferenz hätte angeblich den Beschluß gefaßt, der revisionistischen Disziplin gegenüber der Disziplin der zionistischen Organisation den Vorrang zu verleihen. Von einem Mißverständnis kann hier kaum die Rede sein. Eine „Ungenauigkeit" dieser Art könnte vielleicht nur einem schlecht informierten Provinznestchen, nicht aber den führenden Stellen des offiziellen Zionismus unterlaufen. Was hier geschieht, ist zielbewußte Brunnenvergiftung. Es gibt eine zentrale Hand, die den Dirigentenstab führt und die Musiker mit Noten versorgt. 2. Ganz auffallend ist ferner die Gleichzeitigkeit, mit der die Restaurationskampagne überall eingesetzt hat. . Nach , einem Jahr deprimierten Schweigens — plötzlich Konzentration und fieberhafteste Bewegung im Lager der weizmannistischen Aufständischen. Fünf — sechs Städte haben, sich irgend einem Geheimkommando fügend, auf einmal die Losung des anti-revisionistischen Pogroms ausgestoßen. Der Hinweis auf die revisionistischen Konferenzbeschlüsse, die angeblich die „Volksempörung" hervorgerufen hätten, ist selbstverständlich nichts als leere Ausrede: die erste Herausforderung an die gesamte Opposition kam aus Amerika noch vor Beginn der Wiener Konferenz. Weizmanns Getreue haben dort ihren Zug gegen alle „Ungläubigen" — vor allem gegen die, potenziellen Freunde des Revisionismus, die Brandeis-Gruppe — angetreten, ehe noch der Termin der Revisionistenkonferenz Uberhaupt festgesetzt war. Die forcierte Hetze des sogenannten „Warschauer Z. K." datiert ebenfalls seit der Sitzung des Aktions-Komitees, da die Wiener Konferenzbeschlüsse noch nicht geboren waren. Die angebliche „Primatreac-lution" der Wiener Konferenz wurde erst später in die Debatte geworfen, offenkundig auf jemand* Signal hin. 3. Dieser „Jemand" sitzt in der Great Russell Street. Die Resolution der English Ziönist Föderation auf Abi rechnung mit den Revisionisten ist, wie hier bekannt, mtf unmittelbares Eingreifen Prof. Bro- Monatlich S 60 1 Herbst-Anzug 1 Wintert1 1 Frühjahrs- „ 1 Sommer- „ I Herbst-Ueberrock Weitere Abonnements zu S 80.-, 9«.-, 108- ENGLABONNEMENT Abonnementdauer 2 Jahre (mit Auflösungsrecht) Bezugsberechtigung nach Bezahlung von zwei Monatsbeiträgen Die gelieferten Kleider sind nicht zu retournieren Pflege der Kleider im Abonnement inbegriffen Wirklich erstklassige englische Stoffe und Zubehöre mit zweijähriger Garantie HEILIG & CO. KÄRNTNERSTRASSE 9 EINGANOx I, WIIHBURGGASSE NR. 1 Tal. R«28-1-86 Mexsanin d e t z k y s, der sich an der erwähnten Sitzung der E. Z. F. beteiligt hatte, gefaßt worden. Herr Brodetzky soll sogar eine noch schärfere Textierung der anti-revisionistischen Resolution gefordert haben als diejenige, die von der Federation gefaßt wurde; er wollte nämlich, daß in der Resolution die Forderung nach Ausschluß der Revisionisten aus der Z. O. klar umschrieben werde. Dies wurde von der Federation als „zu weitgehend" abgelehnt Niemand wird wohl so naiv sein, zu glauben, daß sich Brodetzky in seiner diesbezüglichen Banntätigkeit auf London und England beschränkt habe. 4. Eine so folgenschwere Hetze hat Herr Brodetzky sicherlich nicht ohne vorheriges Einvernehmen mit einigen seiner Exekutivkollegen entfachen können. Und in der Tat: Berl Loker steht ihm zur Seite. Unseres Wissens führt sein Organisationsdepartement seit Wochen gegenüber dem neugegründeten revisionistischen Sonderverband eine in ultimativer Sprache gekleidete Provokationspolitik, die das offenkundige Ziel hat, den Sonderverband auf irgend eine Weise in. Mißkredit zu bringen. Eine weitere Arbeitsmethode des Organisationsdepartements besteht darin, daß es Anfragen verschiedener Landesverbände bezüglich dessen, ob ein revisionistischer Sonderverband bereits formell existiert, unbeantwortet läßt, um die Lage des Sonderverbandes in den Ländern zu erschweren und seine Tätigkeit unmöglich zu machen. Nun ist es von vornherein klar, daß Herr Präsident S o k o 1 o w damit nichts zu tun haben kann, da er ja das erste Opfer eines eventuellen „Zürücksetzens'' der» Revisionisten und einer darauffolgenden weizmannistischen Restauration würde. Auch Farbstein und Newman stehen zweifelsohne abseits dieser Angriffsaffäre. Das bedeutet, daß wir es mit einem Komplott eines Teils der zionistischen Exekutive bei voller Unkenntnis seitens des anderen Teils, darunter des Präsidenten der Organisation, zu tun haben. 5. Nun taucht die Frage auf: Wer steckt dahinter? Schon rein logisch wäre hier eine einzige Antwort zu geben: derjenige Mann, dem das Ausscheiden der Revisionisten am nützlichsten ist. — Dr. Chaim Weizmann. Herr Dr. Weizmann, der noch bisher gewisse Illusionen bezüglich seiner Rückkehr zur Leitung gepflegt hat?«.? konnte sich nun überzeugen, daß es eigentlich auch ohne ihn geht, und daß seine Rückkehrchancen unter den gegebenen Umständen täglich an Realität abnehmen. Es wurde ihm im Laufe dieses Jahres klar, daß es nur eine Möglichkeit für seine Rückkehr gibt: Die Kaltstellung der Revisionisten. Diesem Ziel steuert er jetzt in Gesellschaft seiner Getreuen aus der Mitte der Exekutive zu. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Professor Weizmann in seiner diesbezüglichen Bemühung mit dem vollen Verständnis der anti-zionistischen Kreise in England rechnen kann. Die Parlamentsgefahr in Palästina ist noch keineswegs vorbei; — ganz im Gegenteil. Es wird fortgesetzt darüber diskutiert. Eine eventuelle „Beseitigung" der Revisionisten aus dem zionistischen Konzept würde dem weizmannistisch-anti-revisioniatischen Block auf dem Gebiete des Palästinaparlaments und dem der „jüdisch-arabischen Verständigung" weite Perspektiven eröffnen. Die der englischen Regierung nahestehende, antizionistische Zeitung Londoner „Near East and India" vom 20. Oktober d. J. schreibt in einem Leitartikel: „Ein spezieller Bevollmächtigter des Keren Hajessod hat in einem letzte Woche in East-London gehaltenen Vortrag folgende vielsagende Bemerkung gemacht: „An der Verlangsamung des Einwanderungstempos war die britische Regierung, seines Erachtens, keineswegs in erster, Linie schuld. Der Keren Hajessod hat kaum genügend Mittel, um seinen gegen- London experiance, staatlich geprüfter Lehrer (mit Universitäts- Dolmetschdiplom) erteilt englische Sprachstunden, auch außer Haus. War in England, mäßiges Honorar. Paul Stolzenberg, Wien, ix., Seegasse Nr. 19 wärtigen Verpflichtungen nachzukommen. Wie kann er sich unter solchen Umständen einer vergrößerten Immigration anpassen? Da die zionistischen Führer nicht offen zugeben wollten, daß das jüdische Volk auf dem Gebiete der Organisierung seiner Geldquellen versagt hat, versuchen sie die Fehler der britischen Regierung und den nicht zu leugnenden Antisemitismus gewisser Teile der Palästina-Administration als Mantel zu benützen, um die Unfähigkeit des Keren Hajessod zu decken." Es ist nicht zu verwundern, daß die Benützung solcher Mittel Beschwerden hervorrief, die darin gipfelten, daß der Zionismus seine geistige Seite infolge materieller Schwierigkeiten aus dem Auge gelassen habe. Nun ist es zu begrüßen, daß die zionistischen Führer im Interesse des Landes als Ganzem und des Zionismus im besonderen in ihren Aeußerungen gegenüber der Palästina-Regierung eine ehrliche Politik zu verfolgen begonnen haben." Eine zionistische Persönlichkeit an exponierter Stelle (offizieller Vertreter des Keren Hajessod) beschäftigt sich damit, ausgerechnet in London Argumente der antizionistischen Kamarilla zu liefern. Wäre das eine Zufallserscheinung — wir hätten ihrer wirklich keine Erwähnung getan. Die Tragödie besteht aber darin, daß wir es hier mit dem Ausdrucke eines Systems zu tun haben. Vielleicht mit einer der abstoßendsten Erscheinungen des jüdischen Daseins, das sich zu einem System organisiert hat. Hier ist ein schönes Beispiel für diejenige politische Arbeit, die unsere Repräsentanten führen. Die Resultate dieser politischen „Aufklärung" liegen auf der Hand. „Near East and India" hat es sich übrigens seit einer gewissen Zeit zur Gewohnheit gemacht, seinen Antizionismus durch Heranziehung von Kronzeugen aus dem offiziellen zionistischen Lager zu bekräftigen. Heute ist es der „spezielle Bevollmächtigte des Keren Hajessod", der es als seine Pflicht erachtet, den Herrn Passfield zu decken; gestern war es Sokolow mit seinem Nachdruck wie die „geistig e" und Geringschätzung der materiellen Seite des Zionismus; vorgestern war es Mr. Berkson von der Jewish Agency, der dem englischen Publikum die jüdisch-kolonisatorische „Impotenz" vorstellte. Wahrscheinlich werden diesen Kronzeugen des Kolonialamtes demnächst andere folgen. Einer der Herausgeber des „Near East" soll in einem Gespräch seiher Ueberraschung darüber Ausdruck gegeben haben, daß seine Zeitung von den Revisionisten als antijüdisch und antizionistisch bezeichnet werde. Er habe von „maßgebender zionistischer Seite" solche Aeußerungen bisher nicht vernommen. Er habe einige Dutzende von jüdischen 'Kronzeugen, die die Ansicht der Revisionisten widerlegen können ... Wann werden wir endlich solche „Kronzeugen" los werden? Revisionisten und Kommunisten — Eine Lügenmeldung der „Jewish Chronicle". Der Londoner „Jewish Chronicle", welcher einen leidenschaftlichen Kampf für Weizmann und gegen die Revisionisten führt, brachte vor zwei Monaten eine Meldung aus Sofia, wonach die bulgarischen Zionisten- Revisionisten anläßlich einer Wahl in Sofia die kommunistische Liste gegen die Liste der allgemeinen Zionisten unterstützt hätten. Dreizehn. Revisionisten seien deshalb aus der Zionistischen Organisation ausgeschlossen worden. Die sinnlose Nachricht wurde von einigen zionistischen Blättern übernommen. Kurze Zeit darauf mußte „Jewish Chronicle" seine Lügenmeldung zurückziehen. In Wirklichkeit hatten die Revisionisten bei jüdischen Wahlen eine eigene Liste gegen die allgemeine aufgestellt. Die meisten Blätter, darunter die Wiener „Stimme", brachten die Richtigstellung. Jetzt, nach zwei Monaten, bringt das Organ der Wiener Poale Zion, „Der jüdische Arbeiter", die alte Lügenmeldung unter dem Titel „Revisionistisch" kommunistischer Bund", ohne die Richtigstellung zu erwähnen. Die Aufwärmung der alten Lüge erfolgt noch dazu in einer Wahlnummer, die an tagende Adressen verschickt wird. Es ist wohl kein Z-ufall, daß die Lügenmeldung im Anschluß an den Bericht über die Kämpfe zwischen Poale Zion und Revisionisten in Palästina gebracht wird. Im planmäßigen Kampfe gegen den Revisionismusmus ist kein Mittel zu schleicht, Ist das Kampf oder Hetze?