Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 269 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 269 DIE NEUE WELT Seit« f i die Antwort nicht schuldig. Er unterbrach die Verhand lung und fällte kein Urteil. Und jetzt, angesichts der ungeheuerlichen Pauschalverleumdung, reagierte auch der jüdische Jischuw, der sich bisher scheinbar mit der antisemitischen Haltung der englischen Beamtenschaft abgefunden hatte. Der jüdische Jischuw als solcher wies die unerhörte Verdächtigung des Kronanwalts empört zu rück und forderte, daß gegen ihn Klage wegen Kollek tivverleumdung erhoben werde. Die Vereinigung jüdischer Anwälte Palästinas nahm einstimmig •Ine Resolution des Inhalts an, daß die Aeußerung Elliots eine Beschimpfung der Juden darstelle und daß Elilot nicht die Eignung besitze, die Funktion eines Krön anwalts in Palästina auszuüben. Die Resolution wurde der Palästina-Regierung mit der Forderung zugestellt, Elliot von seinem Posten zu entfernen. Der Verband der Allgemeinen Zionisten Palästinas hat sich ebenso wie die gesamte hebräische Presse mit dieser Resolution solidarisch erklärt. Also einmütige Empörung und Entrüstung ob des Kronanwalts Elliot, der sein Herz auf der Zunge offen zur Schau trug! Hier verfing nicht mehr die Phrase von der Einfühlungsfähigkeit, von der Psyche des britischen Kolonialbeamten, von einem psychologischen Mißver ständnis. Der Anwalt der britischen Krone hat seine antijüdische, antisemitische Haltung kein mungslos deklariert. Man erinnere sich nur bei dieser Gelegenheit an den Fall B ent wich. Als. dieser jüdische General anwalt ganz plötzlich auf Urlaub, geschickt wurde, ohne von diesem Urlaub jemals wieder zurückzukehren, versuchten die offiziellen zionistischen Stellen diesen Schritt als „usuelle bürokratische Maßnahme" zu bemänteln. Die zionistische Opposition, die seit Jahr und Tag auf den antisemitischen Kurs der Palästina-Regierung aufmerk sam gemacht hatte, sah hierin etwas anderes — einen offenkundigen antijüdischenAkt. Sie wies so lange auf diesen wunden Punkt hin, bis der damalige Kolouialmina'ß.ter . T h o m a s in höchsteigener Person sich zu dem Geständnis bequemte, daß der jüdische Generälanwalt Norman Bentwich aus — rassischen Gründen abgesägt worden sei. Zuerst wird der jüdische Generalanwalt beseitigt, dann . wagt es ein britischer Kronanwalt, den jüdischen Jischuw schmählich herauszufordern. Wer wagt heute noch, an die Loyalität der britischen Beamtenschaft in Palästina zu glauben? Die Warnung der zionistischen Opposition hat nun ihre Berechtigung erhärtet. Die antisemitische Haltung der Palästina-Regierung — eine'brennende Wunde im jüdischen Land! Jtidi'sdier Friedhof? — Ausgeschlossen! Es gibt einen proletarischen Sang, der von einem heiligen Grab in Breslau erzählt, von dem Grab, in welchem die sterblichen Reste Ferdinand Lassalles ruhen. Fast 70 Jahre sind vergangen, seitdem der Begründer der deutschen Sozialdemokratie und Lehrer der internationalen Arbeiterschaft nach einem an wissenschaftlichen, agitatorischen und politischen Wirken reichen Leben in Breslau begraben wurde. Deutsche Häkenkreuzler, die bekanntlich in der Schändung jüdischer Grabstätten geübt sind, haben auch Lassalles Grab nicht verschont: ein. Hakenkreuz auf dem Grabstein bezeugt ihre Kunst des Besüdelns. Eine offizielle Meldung erzählt von dieser Tat auf dem jüdischen Friedhof in Breslau. Die gesamte Presse, soweit die deutsche und sozialistische Zunge reicht, brachte in der Vorwoche diese Meldung, an der selbst die kritischeste Vernunft und das beschwerteste Gewissen nichts aussetzen konnte, in vollem Wortlaut. Was war denn daran zu korrigieren, zu zensurieren? Und doch gab es jemand (in Oesterreich!), dem der Wortlaut nicht recht in den Kram paßte. Der Wortlaut? Nein! Der Friedhof? Neinl Also was denn nur? Der jüdische Friedhof. Das Organ der österreichischen Sozialdemokratie, die Wiener „Arbeiter-Zeitung", buchte mit Genugtuung die neue Schandtat der deutschen Häkenkreuzler, aber das mit dem jüdischen Friedhof ging ihr wider den Strich. Sie meldete schamhaft: „Der Grabstein Ferdinand Lassales auf dem Friedhofin Breslau . .." Das Wort „jüdisch" hätte vielleicht die zarten Ohren der jüdischen Führer der österreichischen Sozialdemokratie verletzt. Jüdisch leben — davon kann gar nicht die Rede sein. Nein. Aber auch nicht einmal jüdisch begraben sein. Nicht gedacht soll dessen werden! Der wohlhabende jüdische Seidenhändler Lassalle in Breslau besaß einen Sohn Ferdinand, der der Begründer und Führer der deutschen Sozialdemokratie wurde und auf dem jüdischen Friedhof bestattet ward. Auch bei uns in Oesterreich gibt es wohlhabende jüdische Seidenhändler, deren Söhne dn den sozialdemokratischen Reihen führend zu finden sind. Sie besitzen zwar nicht den Mut und Glauben Ferdinand Lassalles, machen aber diesen Mangel dadurch wett, daß sie sich um keinen Preis auf einem jüdischen Friedhof begraben lassen und daß sie ihre israelitischen „werk« tätigen" Anhänger zur Eroberung jener Gemeinde ausschicken, die ausschließlich jüdische Gräber besorgt. Hakenkreuze auf dem Grabstein des sozialdemokratischen Heros Ferdinand Lassalle auf dem Jüdischen Friedhof in Breslau, das Organ der österreichischen Sozialdemokratie, die ihrem Ahnherrn das jüdische Grab nicht gönnt, und „werktätige" Juden, die in der Wienet Kultusgemeinde schmarotzen wollen — wahrlich, ein pikantes Kapitel aus der jüdischen nationalsozialistischsozialdemokratisch-werktätigen Zeit f Aus dem arabischen Kuriositätenkabinett Unsere Brith-Schalom-Herren in Palästina und in der Galuth haben seit eh un<^ je Losungen betreffs des friedlichen Zusammenlebens von Juden und Arabern ausgegeben. Nicht selten haben sie die Eingliederung in die arabische Umwelt unter Aufgabe aller nationalen und sogar kulturellen Aspirationen propagiert; ja, es kam so weit, daß einzelne aus Mitteleuropa stammende Hei Iß-Verkünder für die Erlösung der jüdischen Seele durch „Schlafen unter Beduinenzelten" schwärmten. In den Chor der Friedensprediger reiht sicli nun auch der gewesene Vizekönig von Aegypten Abba« Hiiini ein. Der zionistische Leser kennt Abbas Hilmi im Zusammenhang mit der panarabischen Bewegung und auch als den Mann, der den Plan eines Kantonalsystems für Palästina in die Welt setzte und später, als dieses Projekt eich selbst ad absurdum führte, alles ableugnete, den Kopf in den arabischen Sand steokte. Dieser arabische Politiker hatte kürzlich eine Unterredung mit einem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur. Wenn man dem Gespräch in der WJedergabe der J. T. A. folgt, erfährt man zunächst alles Lobenswerte über die jüdische Tat in Palästina aus dem Munde des Panarabers. Die Juden, sagt er, haben in Palästina viel geleistet und durch ihr methodisches Vorgehen auch den Lebensstandard des arabischen Elements gehoben. Aber wie immer man das jüdisch-arabische Problem ansehen mag, so gibt es nur eine Lösung, eine einfache Lösung: die Juden sollen in Palästina Ar aber werden . . . Araber und Juden seien orientalische Völker, und die Wissenschaftler hätten erklärt, daß die Juden arabischen Ursprungs sind; sie mögen daher zu ihrem Stamm zurückkehren, # Heinz Rühmann in seiner besten Lustspielrolie mit Tony van lyck, J. Tiedtk«, H. Speefmanns, O. Wallburg, F. Kampers Ein Film von Ph. L. Mayrlng und Dr. Fr. Zeckendorf nach der Komödie von Pred A. Angerraaycr. Musik H. 0. Bergmann Produktion und Regie: Allred Zeltler Ab Freitag, den 11. November : GARTENBAU-KINO, I. UFA-TON-KINC, II. WIENZEILE-KINO, VI. STAFA-KINO, VII. __KOLOSSEUM-KINO, IX._ nach Palästina kommen und Araber werden, wie die ganze übrige Bevölkerung des Landes. Die Juden brauchen eich in diesem Fall nicht auf das Mandat und die Balfour-Deklaration zu berufen, sondern können in ihr Land zurückkommen, aus dem sie vor Jahrhunderten vertrieben wurden. Es ist auch nicht nötig, ruft der biedere Abbas Hilmi aus, daß sie sofort Glauben und Sprache ablegen, wenn es auch im Sinne einer vö 1 Ilgen Assimilier ung and en Orient wünschenswert wäre. Unter dieser "Voraussetzung käme die Frage von Mehrheit oder Minderheit gar nicht in Betracht. Hereinspaziert, Juden, wieviele ihr auch seid, bringt recht viel Geld, Intelligenz und Kultur mit, biedert euch uns an, alles andere wird sich schon finden! Es lohnt sich nicht, hier erst zu explizieren, daß Abbas Hilmis Lösungsprojekt der palästinensischen Judenfrage im Widerspruch steht zum Sinn der historischen Entwicklung, im Widerspruch steht zu allem/was jüdisches volkliches Sein und Wesen bedeutet. Es hieße Orangen nach Palästina oder Brith Schalomisten auf den Skopus tragen, wollte man die Fälle anführen, die bezeugen, daß jeder Assimilierungsprozeß, wo und unter welchen Umständen auch immer er sich vollzog, schließlich zu jüdischer Katastrophe ausschlug. „ Abbas Hilmis „verführerisches" Projekt gehört ins Kuriositätenkabinett neben ähnliche Versuchezur Lösung des jüdischen Problems. o; r. Zur Lage in Palästina Zwei wichtige Erklärungen . . Ständig laufen aus Palästina erfreuliche Nachrichten ein, daß das. jüdisch-wirtschaftliche Aufbauwerk in vollem Gange ist;' Keine-Absatzkrise, keine Arbeitslosigkeit, tägliche Nqugründunge.n von landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen, rege Bautätigkeit usw. Die Wirtschaft ist in vollem, bestem Gange. Was ist's mit der politischen Lage? Hilft die Regierung oder behindert sie? Kanu man auch in politischer Hinsicht zufrieden, beruhigt sein? Darüber geben zwei wichtige Erklärungen, welche in den letzten Tagen erflossen sind, Aufschluß. Einerseits hat der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Nahum Sokolow, in einem Briefe an den Regierungschef von Palästina, General Wauchope, seine Ansicht über die Lage in Palästina dargelegt. Anderseits hat der Vizepräsident der Union der Zionisten-Rev.isionisten, M. Groß mann, vor einer Versammlung englischer Pressevertreter in London ein Bild der politischen Lage entworfen. Beide, von so verschiedener Seite erflossenen Erklärungen zeigen, daß die britische Palästina- Verwaltung noch weit davon entfernt ist, ihre Mandatsverpflichtung zu erfüllen, d. h. den Aufbau des jüdischen Nationalheimes aktiv zu fördern. Aus dem Briefe des Präsidenten Sokolow: Präsident Sokolow nimmt in seinem Schreiben auf die Versprechungen Bezug, welche der Ministerpräsident MacDonald in einem an den früheren Präsidenten der Jewish Agency, Prof. Weizmann, gerichteten Brief gemacht hatte, un4 führt u. a. aus: Hat der Brief des Premierministers eine gewisse beruhigende Wirkung auf die jüdische öffentliche Meinung ausgeübt, so griff abermals Enttäuschung Platz, als die in dem Briefe auf den Fortschritt der jüdischen Arbeit in Palästina direkt Bezug habenden Versprechungen nicht in dem Maße verwirklicht wurden, daß sie der Tätigkeit der Palästina- Administration ihren Stempel aulgedrückt hätten. Der Jewish Agency ist bekannt, daß die Administration kürzlich an eine Schätzung des jüdischen Anteils an den öffentlichen Einkünften in Palästina geschritten ist und gewisse Maßnahmen ergriffen hat, um den jüdischen Anteiibei städtischen Arbeiten zu erhöMien. Leider ist, mit Ausnahme der Arbeiten am Haifa-Hafen, in der Beschäftigung jüdischer RFOLGREICHITER ■ Li \t I E UNTERRICHT MttSTMttttHHI S KORH1P1 TITION S 1.~ imuNosawuaiifttiiT Unter »Staatlich gtprnfteKoiu^taiirta« an dttAdm. aYBL Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten ein wahrnehmbarer Fortschritt kaum zu verzeichnen gewesen. Die Jewish Agency hofft, daß diese Angelegenheit in naher Zukunft geregelt werden wird, im Sinne einer Politik, die als mit den im Briefe des Premierministers enthaltenen diesbezüglichen Zusicherungen übereinstimmend angesehen werden kann. Die Tendenz der Bodengesetzgebung in Palästina und der administrativen wie richterlichen Praxis bei der Behandlung von Bödenstreitigkeiten ist nach wie vor eine solche, daß sie eine intensive und rationelle landwirtschaftliche Entwicklung widitiger Bodengebiete des Landes e r n s 11 i c h b e h i nd e r t, die Position des auf dem Boden Sitzenden — mag er noch so zufällig zu dem Boden gekommen sein — gegenüber dem gesetzlichen Eigentümer stärkt und das unberechtigte Ansiedele auf fremden Boden sowie die Geltendmachung eingebildeter Ansprüche auf Boden fördert. Die Jewish Agency wünscht nicht, daß dem Bearbeiter oder Pächter des Bodens der ihm zustehende gesetzliche Schutz vorenthalten werde, aber sie sieht in der Protection of Cultivators Ordinance und in der Land Disputes Ordinance Anlaß zu ernsten Befürchtungen. Was die Einwanderung betrifft, so nimmt die Jewish Agency mit Genugtuung davon Kenntnis, daß die Summe, über deren Besitz sich bestimmte Einwandererklassen auszuweisen haben, auf 500 Pfund gesenkt wird. Demgegenüber ist die Exekutive der Jewish Agency im Hinblick auf die im Jahre 1931 gewährten sehr kleinen Ar b eiter-Schedulen und die Tatsache, daß an Einwanderungswillige mit P r i v a t m i tteln immer noch sehr strenge Forderungen gestellt werden, der Meinung, daß es nicht nur für das Jüdische Nationalheim, sondern auch für das ganze Land von Vorteil sein würde, wenn die Frage der Regelung der Einwanderung und die bei der Einwanderung angewandte Maschinerie einer nochmaligen Prüfung im Lichte der der Mandatarmacht durch Artikel 6 auferlegten Verpflichtungen unterzogen werden würden. Die Jewish. Agency begrüßt durchaus die von Eurer Exzellenz ergriffenen Schritte, um die der öffentlichen Sicherheit — durch eine Reihe von Morden, wie sie im Verlauf des Jahres besonders im Norddistrikt vorkamen — drohenden Gefahren zu beseitigen und hofft, daß die Reformen und Aenderungen im Polizeidienst und in anderen Aemtern den Wunsch Eurer Exzellenz, allen Einwohnern des Landes Sicherheit zu gewährleisten,, erfüllen werden; dennoch ist es meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß der Anteil der Juden an der palästinensischen Polizei immer noch weit entfernt davon ist, als befriedigend angesehen zu werden. In der Einreihung von Juden in die palästinensische Schutzmacht ist nur eine sehr geringe Wendung zum Besseren zu verzeichnen gewesen; von den Vorschlägen