Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-11-04 · Heft 268 (4.11.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 268 (4.11.1932)
Date
1932-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711889--3390-2716759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 266 Verteidiger Dr. Natan Korkes ■führt seine Kanzlei Wien, I., Seilergasse Nr. 16 Telephonnummern R-20*4>95 und R-27-3-34 Erbauliches von den »m'ditnationalen« Juden Zum Kampf um die Wiener Juden gern ein de Endlich ist das „Programm" der gegen den Zionismus und gegen das Bekenntnis zum jüdischen Volk gebildeten Kampfgemeinschaft der antizionistischen Kapitalisten und Sozialdemokraten erschienen und auch der Name dieser famosen Gemeinschaft ist bekannt geworden. Er lautet: „NichtnationaleList e." Dieser Name allein bildet ein Unikum. Die Herren geben der Wählerschaft bekannt, was sie nicht sind. Sie vermeiden es, der Wählerschaft zu sagen, was sie sind. Sie haben gewiß wichtigste Gründe dafür. Wie sich der ganz eigenartige Umstand, mit verhülltem Gesicht vor die Wähler zu treten, auswirken wird, muß abgewartet werden. Normalerweise ist anzunehmen, daß Wähler mit gesundem Sinn für bürgerlichen und politischen Anstand diesen Schwindel ablehnen müssen. Die Herren „nichtnationalen Juden" haben wirklich recht, wenn sie anonym bleiben wollen. Denn wie sie auch nur ein wenig ihre Maske lüften und sich der Oeflentlichkeit zeigen, gibt es einen Skandal oder eine Blamage. Ihre erste Versammlung im Continental-Saal war beides. Dank einer größeren Zahl erschienener Zionisten war der Saal halbvoll. (Bei der einige Tage früher abgehaltenen zionistischen Wählerversammlung mußte er bereits vor Beginn wegen Ueberfülung gesperrt werden.) Dafür waren Gäste anwesend, die sonst jüdischen Versammlungen fernbleiben. Christliche Mitglieder des sozialdemokratischen Schutzbundes. Mit welcher Absicht diese beigezogen waren, ward allzubald klar. Kaum vor von seilen der Zionisten ein Zwischenruf vernehmbar geworden, da stürzten sich diese „christlichen Ehrengäste" auf die Zionisten, um sie zu verprügeln und zu versuchen, sie mit dem Rufe: ,,'raus mit den polnischen Saujuden!" aus dem Saale zu drängen. Jetzt weiß man wenigstens, was „nichtnational" heißt. Man ruft rauflustige, christliche Sozialdemokraten — verhetzt sie und läßt sie dann gegen jüdische Wähler los. Es war kein Ehrenabend für die „Nichtnationale Liste". Und auch die österreichische Sozialdemokratie war durch ihre Schutzbündler in einer Art vertreten, auf die sie nicht allzu stolz sein sollte. ■ ' * Im Programm der „Nichtnationalen Liste" findet sich folgender Passus: „Hier (bei den Nichtnationalen) Festhalten an der Jahrtausende überdauernden jüdischen Tradition, das Beharren auf dem Boden der durch Erziehung überlieferten ethisch-religiösen Grundsätze — dort (bei den Zionisten) die Verdrängung der Religion durch Ueberwuchern des nationalen Gedankens " Wer besorgt bei den Nichtnationalen das heilige Geschäft des Festhaltens an der tausendjährigen jüdischen Tradition und der Wahrung der ethisch-religiösen Grundsätze? Vor allem der getaufte und sozialdemokratische Nationalrat Dr. Dauneberg, in dessen Büro der Bund zwischen „Union" und „Werktätigen" geschlossen wurde. Dann die „Werktätigen" selbst, die in den frühern Vorstand einen Vertreter entsendet hatten, der vordem konfessionslos und Funktionär der „Freidenker-Vereinigung" war, die in ihren Versammlungen Tauf juden sprechen lassen, die jetzt als Spitzenkandidaten einen verflossenen Kommunisten Moskauer Färbung, Herrn Leo Rath, präsentiert. Richtige Schützer der religiösen Tradition! Dann die „Union" selbst, die der Judengemeinde eine Reihe von Präsidenten, Vizepräsidenten und Vorstehern gegeben hat, deren Familien längst aus getauft sind. Ihre Bilder hängen im Sitzungssaale der Judengemeinde. Die „Union", deren Mitglieder letzthin die Aktion begonnen haben, in Wien eine Reformgemeinde zu bilden, welche statt des Sabbats den Sonntag feiern, Zion und die hebräische Sprache aus dem Gottesdienste ausmerzen und dafür Schallplattenkonzerte einführen will. Wes Geistes diese Herren auch sonst sind, beweist ein Schreiben, das sich auf die letzte Versammlung der unionistischen Reform juden bezieht: Es lautet: „An die Redaktion der .Neuen Welt*. — Ich bringe Ihnen folgenden Vorfall zur Kenntnis: Als während des Vortrages der Frau Montague ein harmloser zionistischer Zwischenruf fiel, wandte sich ein oben sitzender, sehr eleganter Herr, der mir später als Professor für interne Medizin Dr. P. genannt wurde, um und schrie: ,So ein Trottel, frecher Saujud!' Meine empörte Zurückweisung dieses Ausdrucks beachtete der Herr Professor nicht, dafür erboste er sich später neuerdings, als ein zionistischer Student in Winterrock das Podium betrat. Der Herr Professor nannte das grobe Verletzung des Anstandes gegenüber einer Engländerin. Meine Bemerkung: »Vielleicht hat der Student nicht die 30 Groschen Garderobeugebühr', ärgerte den Herrn Professor und ve/ianlaßte ihn zur wütenden Antwort: .Dann soll er zu Hause bleiben.4 Ich bringe diesen Vorfall zur Kenntnis, weil ich glaube, daß er für die geistige und seelische Einstellung der liberalen Herrschaften bezeichnend ist.. Hochachtungsvoll E. Kreitler." Das alles zusammengenommen ist: Festhalten an DIE NEUfi WELT der Jahrtausende alten jüdischen Tradition, Wahrung der ethisch-religiösen jüdischen Grundsätze, liebevollste Pflege des jüdischen Kultus, und wie es noch so schön im Programm heißt. Kann wohl das Festhalten an jüdischer Tradition schlagender bewiesen werden, als durch die Rufe: „'Raus mit den Polnischen. 'Raus mit den Sau juden!" * Grüß mich nicht unter den Linden . . . Das Organ der österreichischen Sozialdemokratie „Arbeiter-Zeitung*", bringt folgende Verlautbarung: „Kultuswahlcn. Im Dezember findet die Neuwahl des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeiinde statt, die sich im Zeichen eines heftigen Kampfes vollzieht. Gegen die Zionisten, die den Vorstand erobern wollen, wendet sich eine »Nichtnationale Liste der jüdischdemokratischen Arbeitsgemeinschaft', deren Programm unter anderem auch die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für die Kultusgemeindewalilen, die Modernisierung der sozialen Fürsorge und die Demokratisierung der Verwaltung der Kultusgemeinde zum Inhalt hat. In dieser Liste erscheinen auch sozialdemokratische Parteimitglieder als Wahlwerbcr und für sie tritt auch die Vereinigung werktätiger Juden ein, die bei politischen Wahlen für die Sozialdemokratie Propaganda macht. Aber auch auf anderen Listen erscheinen Sozialisten. Es ist selbstverständlich, daß die Sozialdemokratische Partei mit diesem Wahlkampf nichts zu tun ha t. So < wie gemäß unserem Programm Religion Privatsache ist, ist auch die Beteiligung an Wahlen in einer Religionsgesell- Dor HBhapunkt der Saison HeisteisdiwiMr Johnny Weißmüller in dem größten und sensationellsten Dschungelfilm schalt Privatangelegenheit der Genossen, die sich von irgend einem Gesichtspunkt aus, dafür interessieren. Die Partei selbst lehnt grundsätzlich jede Beeinflussung konfessioneller Wahlen ab. Es hat daher niemand das Recht in diesem WahLkampf im Namen der Sozialdemokratischen Partei zu sprechen und im Namen der Partei für seine Liste zu werben. 'Es ist auch selbstverständlich eine Verleumdung, wenn behauptet wird, daß Wenn sonst von „blutigen Arbeiterkrawallen" in irgendeinem Lande berichtet wird, handelt es sich in der Regel um Verzweiflungsausbrüche notleidender Arbeiter oder Arbeitsloser, welche gegen die Unternehmer oder die Behörden gerichtet sind. Die letzten blutigen Arbeiterkrawalle in Palästina aber, welche die „Neue Welt" berichtet hat, tragen ganz anderen Charakter. Sie sind nicht der Verzweiflung und Not entsprungen, sondern dem Uebermut und der Herrschsucht einer Gruppe von^Arbeiterführern. Sie sind nicht gegen Unternehmer und Behörden und sonstige „Ausbeuter" gerichtet, sondern gegen Arbeiter. Nicht gegen Lohndrücker und Streikbrecher, sondern gegen ehrliche Arbeiter, die sich politisch nicht beherrschen lassen wollen. Die im „Irgun" revisionistisch organisierten Arbeiter Palästinas wollen der einerseits klassenkämpferisch, anderseits gegen den Judenstaatsgedanken eingestellten sozialdemokratischen „Histadruth" nicht angehören. Aus diesem Grunde, und nur aus diesem Grunde, sollen sie von jeder Arbeit ferngehalten werden. Verhetzte Arbeiter der „Histadruth" stürmen Kolonien und Fabriken, wo Arbeiter des „Irgun" eingestellt sind, und überfallen die Arbeiter. Dutzende revisionistische Arbeiter wurden verletzt, darunter einige schwer, Daß es diesmal ohne Todesfälle abging, ist nur . dem Zufall und der e n g 1 i s c h e n Polizei zu danken. Es ist klar, daß eine Fortdauer dieses Zustandes das Ansehen der zionistischen Sache und den Aufbau des jüdischen Nationalheimes aufs schwerste gefährden muß. Den zionistischen Behörden und den zionistischen Zeitungen erwächst daher die unabweisliche Pflicht, gegen den blutigen Terror anzukämpfen. Nicht im Seite f Hier wurden über 22 Millionen Schilling an Klassen» lotteriegewinnen in kurzer Zeit an glückliche Kunden ausgezahlt 4 mal die große Prämiel 26 mal größte HaupttrefferI Bestellen auch Sie noch heute per Postkarte Ihre Glückslose Vs Los 6.- »/4 S 12— V, S 48.- bei der GLÜCKSTELLE STEIN WIEN, I., WIPPLINGERSTRASSE 21 °»..Hol». Md.i filiale: Wien, X.« Favorilenstrats« 101 die Partei in diesem Wahlkampf mit materieller Unterstützung irgend welcher Art für die Nichtnationale Liste eingreife." * Die Erklärung der „Arbeiter-Zeitung" kommt reichlich spät und sehr aufrichtig ist sie auch nicht. Tatsache ist, daß das perverse Wahlbündnis zwischen der „Union", der Organisation des Bank- und Börsenjudentums, und den o f f i z i e 11 sozialdemokratischen „Werktätigen Juden", durch den sozialdemokratischen Nationalrat und Finanzreferenten der Stadt Wien, Dr. Danneberg, perfektioniert wurde. Tatsache ist, daß dieser getaufte Herr unmöglich doch von „irgend einem", konfessionellen „Gesichtspunkte" aus sich um das Zustandekommen eines Bündnisses gegen die Zionisten bemüht hat. Und Tatsache ist, daß sozialdemokratische „Schutzbündler" ~ noch dazu christliche — in den Kultus wahlen-Vers am ml u n g e n der „Union", gegen Zionisten und auch gegen die Genossen von der Poale-Zioh losgegangen sind und sie bedroht und beschimpft haben. Der Grund für die Erklärung scheint darin zu liegen, daß sich Sozialdemokraten, die auf politischen Anstand halten, gegen die unlauteren Machenschaften der getauften Juden in der Sozialdemokratie und ihre Einmischung in jüdische Angelegenheiten, empört haben. Interesse einer Partei! Im Interesse des jüdischen Palästina und des jüdischen Weltrufes! Wie aber verhalten sich diese verantwortlichen Faktoren? Die Leitung der Zionistischen Weltorganisation schweigt. Zionistische Blätter aller Schattierungen bringen kritiklos Berichte, welche die „Histadruth" direkt zu weiteren blutigen Terrorakten ermutigen müssen. Den Rekord in entstellender und parteiischer Berichterstattung leistet sich aber diesmal die „Jüdische Telegraphenagentur" (J. T. A.) Sie unterschlägt alle Aeußerungen der Aufregung und Entrüstung über die Gewalttäter in Palästina und anderswo und bringt eine Sammlung aller Aeußerungen und Zeitungsstimmen, in welcher die v e rfolgten Revisionisten als „Streikbrecher" und „Zertrümmerer" der Arbeiterorganisation beschimpft werden. So leistet sie sich folgende Meldung aus New York: „New Nork, 23. Oktober. (J. T. A.) „United Hebrew Trades", die Organisation der jüdischen Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten von Amerika, protestiert in einer einmütig gefaßten Resolution gegen die „S t r e i k b r e c h e r t a k t i k" der revisionistischen „Nationalen Gewerkschaft" in Palästina. Der Revisionismus, heißt es in der Resolution weiter, nimmt in der letzten Zeit den Charakter des Faschismus an. Die jüdische Arbeiterschaft Amerikas erklärt ihre Solidarität mit der Histadruth Haowdim, dem jüdischen Arbeiterverband Palästinas. Die jiddische Tagespresse Amerikas befaßt sich eingehend mit dem jüdischen Arbeiterkonflikt in Palästina. Die jiddisch-sozialistische Tageszeitung „Vorwärts" („Jewish Daily Forward") bringt einen Artikel ihres Re* daktionsmitgliedes H. Lang, der gegen die Rcvi« Unhaltbare Zustände Zu den blutigen Arbeiterkrawallen in Palästina — Die Hetze gegen die revisionistisches Arbiter — Die unverantwortliche Haltung der Presse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.