Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 268 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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6a& 3 DIE NEUE WELT Nr. 266 yfev RENATE NULLER ' WIE SAG' ICH'I 1 MEINEM MANNS mit Georg Alexander und Ida Wüst, Otto Wallburg Buch: Heinz Gordon nach einer Idee von Dr. H. Rosenfeld und P. Andam / Musik und Texte: Theo Mackeben und Ftllx loachimson / Produktion: Oünther Stapenhorst / Regie: RIINNOLD SCHUNZtl Täglich im: ■Kino. I. Ofa-Ton-K!DO. II. «t-Hto, y. . Stafa-Hlno. VII. Holosseam-Hino. IX. se4ne/B,ez£e)nmge.n. zur. jüdischen Gemeinschaft noch nicht gelöst hatte, bei dieser Wahl nicht mehr kandidiert' . . " N - '.' / '• Von 'besonderem Interesse ist die Frage, wie sich diejenigen" "Wählef verhalten werden, die bei der letzten Wahl für das Zentrum gestimmt haben. Hier muß nach meiner Ansicht zwischen zwei Sorten von Zentrumswählern unterschieden werden. Es gibt jüdische Wähler in Deutschland, - die nicht aus einer augenblicklichen politischen Konstellation heraus sich für das Zentrum entschieden haben, sondern auf Grund von Gesichtspunkten, die, unbeeinflußt von kleinen Fragen der Tagespolitik, für längere Zeiträume ihre Gültigkeit behalten. Für ..diese Wähler bedeutete die Entscheidung für das Zentrum die' Konsequenz aus der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Situation des deutschen Judentums. Vielleicht war es für viele dieser Wähler nicht eine ausgesprochene Liebesheirat, aber die Erfahrung lehrt, daß Vernunftsehen vielfach gesicherter und dauerhafter sind, wenn nur die Persönlichkeiten den guten Willen zu einem harmonischen Ausgleich besitzen. Die Wirtschaftsposition der deutschen Juden war und ist trotz aller Schwächung immer noch im Mittelstand basiert. Für diese Schichte ist das Zentrum, das mit Rücksicht auf die Zusammensetzung seiner Anhängerschaft weder eine sozialistische, noch eine ext rem-seh wer industrielle, noch eine einseitig-agrarische Politik machen kann, die gegebene Vertretung. Die Betrachtung der Parteigrundsätze und jahrzehntelange politische Erfahrung lehrt, daß die kulturellen jüdischen Bedürfnisse ausschließlich beim Zentrum eine unbedingt zuverlässige Wahrung finden können. Die Parteien der deutschen Linken können bei ihrem programmatischen Eintreten für die weltliche, konfessionslose Schule, bei ihrer Tendenz, die religiösen Bindungen'im öffentlichen Leben zu lockern, bezW. ganz 'zirbeseitigen, nur Gegner einer Kulturpolitik sein, die wirklich jüdischen Interessen dient. Das Zentrum dagegen sichert mit seinem leidenschaftlichen Kampf für die konfessionelle Schule auch dem deutschen Judentum die Grundlage für seine Jugenderziehung. Schließlich ist der Schutz der Rechtsstellung der deutschen Juden, wenngleich anerkannt werden muß, daß auf diesem Gebiete auch andere Parteien eine rühmliche Vergangenheit haben, programmatisch und praktischpolitisch beim Zentrum in zuverlässigen Händen. Die Erkenntnis dieser kurzfristig jedenfalls nicht wandelbaren Zusammenhänge hat einen Teil der deutschen Juden in die .Vernunftehe mit der deutschen Zentrumspartei geführt, und sie haben keinen Anlaß, diesen Entschluß zu bedauern. Die Zugehörigkeit zum Zentrum und die Mitarbeit in . seinen Reihen hat für keinen Juden irgend eine Verleugnung seiner jüdischen Eigenart und seiner besonderen Interessen zur Folge gehabt, und ich glaube, daß auch das Zentrum das Gefühl hat, durch den Zuwachs aus den jüdischen Reihen nicht nur eine numerische Bereicherung erfahren zu haben. Daneben gibt es auch solche jüdische Wähler, die das Zentrum nicht aus grundsätzlichen Erwägungen, sondern auf Grund einer vorübergehenden Konjunktur gewählt haben. Diese Juden fühlen sich durch das Zentrum bis zu einem gewissen Grade enttäuscht. Sie nehmen ihm übel, daß es mit den Nationalsozialisten über ein Arbeitsprogramm für das Parlament verhandelt hat. Sie sind schwer verstimmt über eine Rede des Führers der preußischen Landtagsfraktion in einem Landtagsausschuß, und schließlich hat auch die Haltung des hessischen Zentrums in der Schächtfrage Befremden erregt. Nach meiner Meinung mit Unrecht, denn niemand kann verlangen, daß mehr geschieht, als daß der Bedarf der jüdischen Bevölkerung an Koscher-Fleisch gesichert wird. Wird das Schächten auf die Versorgung dieses Bedarfs beschränkt, so ist das nichts, was die jüdischen Rechte verletzt, und es ist erheblich zu weit gegangen, wenn der nicht jüdischen Bevölkerung vorgeschrieben werden soll, in welcher Weise ihr Bedürfnis an Fleisch gedeckt wird. Aus der Ausschußrede von Herrn Dr. Lauscher haben die sozialistischen Redakteure der sogenannten demokratischen Presse eine ziemliche Staatsaktion gemacht. Was schert es sie, daß ein Mann wie Professor Lauscher bei zahlreichen, entscheidenden Debatten in geradezu vorbildlicher Rückhaltlosigkeit sich dem Antisemitismus entgegengestemmt hat? Wenn er den Standpunkt vertritt, daß er eine Bevorzugung der Juden bei gewissen staatlichen Instituten nicht wünscht, genau so wie er sich gegen eine Zurücksetzung der Juden wenden würde, so wächst die Entrüstung an gewissen Kaffeehäustischen im Berliner Westen ins Ungemessene. Dann erfordert nach Meinung dieser Präzeptoren das jüdische Interesse eine Zurückweisung der Lauscherschen „antisemitischen Randbemerkungen". Ist es nicht wirklich ein Grund für solche Juden, es als eine Bedrohung ihrer elementarsten Rechte anzusehen, wenn der Umstand kritisiert wird, daß an der Berliner StaatBoper von fünf ersten Kapellmeistern nur einer Nichtjude und vier jüdischer Abstammung sind? Und wenn auch diese vier durch Taufe oder Austritt ihre Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft längst gelöst haben, so erfordert angeblich das jüdische Interesse, diese vier „Juden a. D." als eine Art jüdisches Nationalheiligtum zu verteidigen. Schließlich sollen ja in früheren Zeiten selbst jüdische Persönlichkeiten schon einmal darauf aufmerksam gemacht haben, daß ein großes Volk in bezug auf seine kulturellen Belange empfindlich ist und nicht gerade entzückt davon, wenn seine Zeitungen und seine Bühnen und sonstige prominente Kulturinstitutionen überwiegend von solchen Menschen verwaltet werden, die sie als artfremd empfindet. Und nun zu dem letzten und hauptsächlichsten Vorwurf, zu den Verhandl ü nig en mitden Nationalsozialisten. Diese Kritik beweist wieder die Richtigkeit der alten, politischen Erfahrung, daß wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist. Niemand hat dem Herrn Reichskanzler'übel genommen, daß er versuchte, mit den Nationalsozialisten zu einer Verständigung zu kommen. Daß die Deutschnationale Volkspartei unter Hugenbergs Leitung seit Jahren in diesem Sinne arbeitet, nimmt ihr heute keiner dieser Kritiker übel. Daß die Deutsche Volkspartei unter Herrn Dingeldey seit Jahren der Wegbereiter des Nationalsozialismus aus freiem Willen gewesen ist, ist offenbar ebenfalls vergessen. Nur wenn das Zentrum versucht, durch eine Vereinbarung mit den Nationalsozialisten, der einzigen Partei, mit der zusammen eine Mehrheitsbildung möglich ist, die Arbeitsfähigkeit des Reichstages zu sichern und damit die Gefahjr der Wiederauilösung zu bannen, dann soll das ein Vergehen seinl .4 Ich verstehe nicht, wieVLeute, die die Verfassung schützen Wollen und auf;dem B;oden der De- Neueröffnets 1BO UEGETQRISCHE 0. DIÄTETISCHE KÜCHE ^^—^mrim^^w— Wien II, Kl»Sp$i$^ I Sämtliche Speisetr?*^^ zubereitet. Ein Versuch wirjd Si<$ vo^m^wtgMen Küche und Bedienung'üwteeug^^^ ___3 mm-__>_:__ m o £ r'ä ti e' bieioW wöllen$ atifs?&eslm i pffichtgemäßen Handeln der Zeritrumspartei ihr einen Vorwurf machen. Von?diesen VeVhanjdlu|g^l|giÄ;; däsK W&rt> 'tfäsdie „Frankfurter *Zei4u%|;'' über sie gesagt hat, daß das Zentrum bei diesen" Verhandlungen geradezu aus staatspolitischer Notwendigkeit heraus gehandelt habe. Das Zentrum hat eindeutig und wiederholt erklärt, daß diese Verhandlungen nur dann zu einem Resultat geführt hätten, wenn es ihm gelungen wäre, seine grundsätzlichen Leitsätze in vollem Umfange zu sichern. Und wenn jetzt von den Nazis im Wahlkampfe versucht wird, über das Zentrum zu witzeln, weil es im Begriffe stand, sich bei diesen Verhandlungen düpieren zu lassen, so kommt im Hinblick hierauf die Erklärung sehr gelegen, die der Führer der Zentrarn^dejegation gestern in Frankfurt am Main abgegeben haj»''> Aus diesen Erklärungen geht eindeutig hervor, daß man im Zentrum entschlossen war, sich nicht bloß mit Zulagen der Nationalsozialisten zu begnügen, sondern daß diese Zusagen auch machtpolitisch hinreichend hätten untermauert werden müssen. Nichts ist geschehen, was das Vertrauen der Juden zur Wahrung der Leitsätze des Zentrums zu erschüttern berechtigt Mögen die jüdischen Wähler sich nicht irre machen lassen. Nichts wäre gefährlicher für die politische Stellung der Juden in Deutschland, als das Gefühl, daß große Massen der jüdischen Wählerschaft ihr politisches Hemd bei jeder Gelegenheit wechseln. Politisches Treibholz kann nur Gefahren, aber keine Sicherheit schaffen. De* jüdische Student in Wien Zwei „Erfolge" «M . Wien, 2. November. Wer die nationalsozialistische Presse liest, ihre Kommentare zu den auf ein Stichwort losgehenden Krawallen an den Wiener Hochschulen, könnte der Meinung werden, daß es sich hier um einen geistigen Konflikt von höchster Aktualität handelt Beansprucht doch die Deutsche Studentenschaft die Vorherrschaft, ja die alleinige Herrschaft über alles, was in den Bereich der Hochschulen an wissenschaftlichen, administrativen, rechtlichen Dingen gehört — und motiviert diesen Anspruch mit der Fiktion, daß die Hochschulen Eigentum des deutschen Volkes seien. Wir wollen den Gedanken, daß die österreichischen Hochschulen staatliche Institute sind, daß ihre Erhaltung *us den Steuern aller Staatsbürger bestritten wird, nicht näher ausführen. Denn es geht gar nicht um den Irrtum, dem sich die deutsche, d. h. hakenkreuzlerische, StudenUn* Schaft ergibt, sondern um die Tatsache, daß innerpolitische österreichische Kämpfe seitens der nationalsozialistischen Jugend im Rahmen der Hochschulen auf dem Rücken der jüdischen Studenten ausgefochten werden. Und inj weiteren kann gesagt werden: Der von der „Linkspresse" getrommelte Glaube an die Möglichkeit der A ü fk 1 ä r u n g, an die Durchschlagskraft vernünftiger rationalistischer Argumente hat Schiffbruch gelitten.-Die deutsche Jugend, soweit sie im hakenkreuzlerischen Lager steht, hat immer wieder den Gedanken der Völkerverständigung, des Pazifismus und jener schwer zu bezeichnenden Gesinnung, die den Gegensatz zum Nationalismus bildet, mit Knüppeln beantwortet. Jetzt, nach den blutigen Vorfällen der . letzten Woche, brüstet sich die von der entjudeten, halbgetauften oder ganz ausgetretenen Gesellschaft geführte „Linkspresse", einen großen Erfolg erzielt zu haben: nicht etwa in dem Sinne, daß sie das aggressive Hakenkreuz eines Besseren belehrt hätte, sondern in dem Sinne, daß endlich zur Abschaffung der — Kulturschande an den Wiener Universitäten entscheidende Schritte setan worden seien. Tatsächlich wurden Schritte getan, „respekteinflößende" Schritte. Mit satter Befriedigung konstatierte die „Judenpresse", daß die Vertreter des amerikanischen, polnischen und rumänischen Staates bei der Bundesregierung interveniert, bezw. den Rektor Mores gelehrt hätten. Der Zufall brachte es nämlich mit sich, daß bei . den letzten Ueberfälhn auch ausländische Hörer (Amerikaner, Polen und Rumänen) von den Wiener hakenkreuzlerischen Studenten blutiggeschlagen und am Leben bedroht wurden. Es ist wahr, daß die Gesandten dieser Länder sich Aufklärungen und Versprechungen geben ließen, daß die Sache wie eine diplomatische Aktion aussah, aber in der Praxis sieht es anders aus. Den guten Willen der diplomatischen Herren in Ehren — aber man vergesse nicht daran, daß erst kürzlich wieder in Polen und Rumänien antisemitische Hochschulkrawalle vermerkt werden konnten, daß in Amerika Tendenzen bestehen, den jüdischen Studenten aus den Hochschulen zu eliminieren. Wir unterschätzen im Grunde die Geste des amerikanischen, polnischen und rumänischen Gesandten nicht; denn wir sehen darin die Bestätigung vom Wert einer internationalen Aktion in Dingen der Judenfrage. Wenn wir das jüdische Problem als vor das Forum der Völker gehörig betrachteten und hinstellten, wenn der Zionismus diesen Grundsatz, als naturbedingt handhabte, lehnten ihn die Assimilanten aller Schattierungen von den liberalen Unionsjuden bis zu den extremen israelitischen Sozialisten hohnlächelnd ab. Diesmal überschreien sie einander in der Freude ob des „kolossalen" Erfolges. Und sie buchen noch einen weiteren Erfolg: die Aufstellung einer sogenannten Universitätswache, einer aus diversen Staatsdienern zusammengesetzten zivilen Ordnergruppe, die exzedierende Studenten anhalten und irgendeiner' Obrigkeit überliefern soll. Damit ist der Schein des guten Willens, etwas zu tun, und auch die Unverletzlichkeit des akademischen Bodens bis auf weiteres gewahrt. Die Rektoren, die ihre Sympathien für .die studierenden Krawallmacher oft genug bekundet haben, bleiben so weiterhin im Besitz der disziplinaren Gewalt. Selbst der größte Optimist wird gegenüber diesen zwei „Erfolgen" skeptr-h bleiben. Keinesfalls wird er annehmen kranen, daß sich der Uebermut der von den verschiedenen Instanzen verhätschelten nationalsozialistischen Studenten durch derlei Maßnahmen — jeweilige Interventionen ausländischer Gesandtschaften und Anhaltung einzelner knüppelschwingender Hakenkreuzler — eindämmen lassen wird, solange diese das Erscheinen jüdischer Studenten in den Hörsälen, Bibliotheken und Instituten als provokatorisch empfunden. Die jüdische Studentenschaft wird sich nicht damit abfinden, daß ihre akademischen Rechte, ihre Rechte auf Studium, Freiheit und Leben, von diplomatischen Pourparlers und von einer sogenannten „Schutztruppe" gegebenenfalls geschützt werden, ebensowenig wie die jüdische Bevölkerung Wiens daran denkt, irgendeine der bestehenden politischen Schutzbundorganisationen für sich in Anspruch zu nehmen. Nochmals sei mit allem Nachdruck auf Grund der bisherigen Erfahrungen und der Erfassung der gegenwärtigen Situation gesagt: Die nationaljüdische Studentenschaft darf sich nicht selbst durch einzelgängerisches Erscheinen auf der Aula in den Zustand eines Numerus clausus versetzen. Ihre numerische Stärke muß augenscheinlich in die Erscheinung treten. Und die jüdischen Staatsbürger des Landes, denen ausnahmslos alle Bürgerpflichten auferlegt sind, müssen gegebenenfalls den Anspruch auf ihre Rechte und die ihrer studierenden Söhne auf der S t r a ß e dokumentieren. Das im nationaljüdischen Lager stehende österreichische Judentum darf Würde, Ehre, Freiheit und Existenz seiner akademischen Jugend nicht fragwürdigen Beschützern anvertrauen; darf nicht darauf warten, daß man sich der blutjggeschlagenen jüdischen Studenten erst erinnert, wenn in der Hitze des Gefechtes auch ein paar ausländische Hörer von den Ochsenziemmern der Hakenkreuzler getroffen werden. Nette jüdische Frau geht zu Familie, auch zu alleinstehender Dame oder'Herrn als Stütze im Haushalt oder als Wirtschafterin. Uebei nimmt auch jer;e. Art von Wäsche zum Ausbessern. Zuschrften unter „Q. ß." an die Expedition des Blattes.