Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 267 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711888--3381-2716749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
j Nr. 267. DIE NEUE WELT Stitai : seiner Frau anzunehmen und zum katholischen Glauben überzutreten. Er erwies sich immer mehr als „guter Katholik" und tat viel für die Kirche, bis er zur Würde eines päpstlichen Geheimkämmerers und „Großkomturs des Silvesterordens" gelangte. Nooh 1918 soll er jederzeit Zutritt zum Großen Hauptquartier und eine eigene Fernsprechverbindung mit Spa gehabt haben. Mit Anbruch der neuen Zeit wurde er Spitzenkandidat der neuen Zentrumspartei in Köln. Die Fama erzählt, dafl er in seinem „Palais" am Sachsenring in Köln eine kleine Hauskapelle mit Altar, Kreuz, Weihrauch und Kerzen hielt, in der ein Hauskaplan ständig die Messe las. Seine ehemaligen Paravent-Feste sollen heute noch in bester Erinnerung gewisser Kölner Gesellschaftskreise sein. Der „V. B." weist darauf hin, daß sich Hagen seine Schwiegersöhne aus den Kreisen des höchstenAdels holte, und meint, dies werfe ein bezeichnendes Licht auf die mit den Auffassungen einer früheren Zeit in krassem Widerspruch stehenden Begriffe von der Blutehre eines gewissen Teiles des deutschen Adels. Damit erhalte dieser Fall eine „über den Tod des Kölner Bankiers hinausreiohende Bedeutung bis ins dritte Geschlecht und darüber..." Ofiistav ffnvemann will die Musikhochschule „judienrein" machen Die Berliner „Welt am Abend" bringt Enthüllungen über das Treiben . des Professors an. der Musikhochschule Gustav Havemann, der es sich-zum Ziel gesetzt hat, die Berliner Hochschule judenrein zu machen. Nachdem seine Angriffegegen seinen ihm künstlerisch und pädagogisch hoch überlegenen Kollegen Karl Flesch, dem die Berliner Musikhochschule Weltruf verdankt, mißlungen waren,- kamen Fleschs. beide Assistenten Max Roßtal und Stephan Frenkel an die Reihe. Havemann machte eine Eingabe an die Direktion der Hochschule wegen s ofortiger Entlassung aller Juden aus dem Lehrpersonal. Havemann sicherte sich die Gefolgschaft einiger Lehrkräfte der Hochschule, so z. ß. Prof. Max Trapps, Wikarskis und des Pianisten Paul Schramm. Unter dem Einfluß Havemanns stünden auch Männer wie der Direktor der Berliner Linden-Oper, Prof. Hörth, und der Leiter der populären Konzerte des Philharmonischen Orchesters, Prof. Prüfer. Jetzt versucht Havemann, den deutschen Tonkün&tlerverband in den Schoß des nationalsozialistisches »Bund für deutsche Kultur" zu führen. Ritual mordlegende in England Das Londoner „Hibbert Journal" (brachte .vor eineiiger Zeit einen Artikel von Ray Knight über „Falsche B i b e 1 ü b e r s e t z u n ,g". In einer Fußnote zum Artikel stellt Ray KinAght die Behauptung auf, daß die These vom Vorhandensein eines jüdischen Ritualmordes von heutigen Gelehrten gestützt wird. Er wies insbesondere auf das Buch „J o s e p h u s Uiad die Jude n" des AmeiÄaners Dr. F. J. F o a k e s- Jackson hin. Daraufhin richtet» ~Qi\ Foakes-Jackson an den Herausgebe* des ,/Habbest Journal" eine Zuschrift, in der er seinem tiefsten Bedauern Ausdruck gibt, daß er von Knigiht mit der Ritualmordbeschukligiung gegen Juden in Verbindung gebracht worden war. Er halbe in seinem Joseplius-Buoh nichts weiter behauptet, als daß schon au Josephus" Zeiten die Ritimilmordbesohuldigiunig zuerst gegen die C ih r i s t e n, dann von den Christen gegen die Juden erhoben worden war. Keineswegs habe er behauptet, daß sich diese Beschuldigung auf irgendwelche Tatsachen stützen konnte. Auf Gr.und dieses Briefes hat „Hibbert Journal" Herrn Ray Knight aufgefordert, seine Behauptung zurückzuziehen. Kmdght veröffentlicht in der letzten Nummer des „Hibbert Journal" die folgende Erklärung: „Im Hinblick darauf, daß die Behauptung, betreffend den Ritualmord unter den Juden, auf Seite 596 des „Hibbert Journal" vom Juli 1932 durch Beweise nicht zu belegen ist, ziehe ich im Einvernehmen mit dem Herausgeber die betreffende Bemerkung zurück." Die kanadische Bundesregierung gegen die antisemitische Propaganda Der Pr emierminister der kanadischen Bundesregdertuaig teilte dem jüdischen Deputierten E. F. Singer, der eich bei ihm über die Duldung der antisemitischen Propaganda durch die Pr ovinzregierung im Quebeck und die Behauptung des Vizepräsidenten des Provinizpanlaments vom Ontario, A rmand La vergne, von der Existenz eines jüdischen RituaJmordes beschwerte, mit, daß die Bundesregierung von Kanada entschlossen sei, die antisemitische Hetze in Quebeck auszurotten, wenn die Provinzialregierung dies nicht selbst tun sollte. Die Erklärung des Bundesregierungschefs ist eine deutliche Desavouierung der Provinzialregierung in Quebeck, die die seit Jahren vom der französischen Presse der Provinz betriebene antisemitische Hetze duldet. Das Hakenkreuz in Holland „Het Volk", Organ der sozialdemokratischen Partei Hollands, teilt mit, daß sich im Haag unter der Leitung von Major a. D. D i e m e r v. W i 11 r o d a ein Zweig der Hitlerschen SA. in Deutschland gebildet hat mit dem Ziel, die deutschen Kolonien in Holland ENGL. ABONNEMENT Monatlich S 60 1 Herbst-Anzug 1 Winter- „ 1 Frühjahrs- „ 1 Sommer- „ 1 Herbst-Ueberrock Weitere Abonnements zu S 80.-, 96.-, 108.- Abonnementdauer 2 Jahre (mit Auflösungsrecht) Bezugsberechtigurig nach Bezahlung von zwei Monatsbeiträgen Die gelieferten Kleider sind nicht zu retourniereri Pflege der Kleider im Abonnement inbegriffen Wirklich erstklassige englische Stoffe und Zubehöre mit zweijähriger Garantie 0 f f\ KÄRNTNERSTRASSE 9 Wm ■ II EINGANG: 1, WEIHBURGGASSE NR. 1 H ^mUM Tel. R-28-1.8G Mezzanin HEILIG . auf der Grundlage des Nationalsozialismus und. des A n ti s e mitis m u s zu organisieren. Das Braune Haus der holländischen SA. befindet sich in der Körte Houtstraat im Haag. Da die SA.-Leute Waffen tragen, hat die holländische Regierung an sie eine Warnung ergehen lassen. Die Wiener Universität ge* schlössen Auf Grund der blutigen Vorfälle wurde die Wiener-Universität heute Mittwoch, den 25., mit allen ihren Instituten für unbestimmte Zeit geschlossen. Wie an anderer Stelle bereits berichtet, war es zu antijüdischen Exzessen seitens hakenkreuzlerischer Studenten gekommen, wobei 19 jüdische Studenten verletzt wurden, hievon 12 an der Universität, 2 am Anatomischen und 5 am Physiologischen Institut. Die jüdischen Organisationen Wiens beraten über entsprechende Malinahmen gegen den antisemitischen Terror an den Hochschulen. Traurige Lage der Juden in Charbin Aus Ciharbin wird gemeldet: Die jüdische Bevölkerung der Stadt Charbin ist außerordentlich beunruhigt :duroh die sich ' Muf ende Zahl von Entführungen jüdischer. Personen diUirch chinesieeih© Bandi t en. Letzthin wurde wiederum das dreijährige Kind des Juden Subotowski, Geschäftsführers einer amerikanischen Autöfirma, von Banditen entführt, die 20.000 Dollar Läsegeld venlangen, die Subotowski nicht aufzubringen in der Lage ist. Besonders tragisch ist der Fall der jüdischen Fleischerfamilie Grünberig. Vor vier Wochen wurde Grünberg von Banditen geraubt und gemartert, weil seine Familie nicht in der Lage war, das verlangte Lösegeld von 5000 Dollar zu beschaffen. Schließlich bot sich Grünbengs Frau als Geis el für ihren Mann an, damit dieser freigelassen werde und selber für die Aufbringung des Lösegeldes sorge. Die Banditen willigten ein. Als dann Grüniberg die verlangte Summe den Bandieten überbrachte, weigerten sich diese dennoch, die Frau freizugeben, und verlangten für sie ein besonderes Lösegeld. Man fand in der Nähe des Banditenlaigers von Frau Grünberg geschriebene Zettel, in denen sie die g r a iu e n v o J .1 e n M a r t e r n schildert, denen sie unterworfen ist. Grünberg, der das Lösegeld für seine Frau nicht aufbringen kann, ist völlig zusammengebrochen. In den letzten Tagen wurde die jüdische Gemeinde von Charbin durch die Entführung des jüdischen, A r iz t e s Eliasson in Aufregung versetzt. Es gelang Eliasson aber, zu entkommen. Da Charbin jetzt zum Schutz gegen Banditen von einem hohen Stacheldrahtaaiun umgeben ist iund der jüdische Friedhof außerhalb des Zaunes gelegen ist, iliegen seit einiger Zeit jüdische Leichen umb e e r dig t. Die, jüdische Gemeinde ersuchte die Beihörden, ihr zu gestatten, ein verschiließbares Tor in den Zaun einzubauen, damit die Toten der Erde übergeben werden können. In Charbin herrscht C<h o 1 e ra ep id emi e, die besonders unter Russen und Chinesen zahlreiche Opfer fordert. Vom Juden starben bisher nur zwei an Cholera. Diese geringe Sterbeziffer ist auf die prompten sanitären Maßnahmen in den jüdischen Krankenhäusern zurückzuführen. Alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde w.urden geimpft, täglich werden mehr als 1000 Juden ärztlich untersucht. Jiddisch und Hebräisch als die Sprachen der Juden in Lettland anerkannt Der seit Monaten bestehende Konflikt zwischen den jüdischen Führern und den Unterriohtsibediöi'den Letlands, betreffend die Rechte des Jiddischen und des Hebräischen im lettländisehen Schulwesen, wurde durch den Beschluß des Unterrichtsausschusses des Parlaments gemäß dem Jiddisch und Hebräisch als nationale Sprachen der Juden ftinerkannt werden und als Unterridhtsgegenstände für jüdische Schulkinder obligatorisch sind, beendet. Der Konflikt war dadurch verschärft worden, daß der Direktor des jüdischen Unterrichtsdepartements in Beantwortung einer Aufjage des Unterrichtsministens erklärt hatte, daß auch Russisch und D e u t s c h zu den Umgangs- und Unterriebtssprächen der Juden gehören. Durah diese Antwort war die Auszahlung der staatlichen Unterstützung an das jüdische Schulwesen gefährdet, weil nach dem Gesetz nur solche Minderheitsschuilen staatliche Unterstützung erihaiten, in denen in der Sprache der betreffenden Minderheit oder in lettischer Sprache unterrichtet wird. Von der nunmehr getroffenen Regelung sind die jüdischen Führer befriedigt. Sterbendes Judentum Der Statistiker Herbert Philippsthal (Berlin) schreibt im „Hamburger Fremdenblatt": Der rückläufigen Tendenz der Geburten, der Zunahme der Sterblichkeit, der Abnahme der Eheschließungen ist noch immer nirgends in Deutschland ein Halt geboten. Vorerst sind es nur die Zahlen allein, die uns zur Betrachtung nötigen. Die ungeheuren Folgen für das deutsche Judentum treten erst allmählich, nach Jahren, in Erscheinung und werden dann auch diejenigen aufklären, die vor diesen scheinbar nichtssagenden .Zahlen sich achtlos zeigen. , .„ . ■ Jüdische Geburten Jüdische Sterbefälle Städte 1929 1930 1931 1929 1930 1931 Berlin . « « 1222 1127 958 2714 2453 2568 Breslau , , , 165 184 144 428 . 368 332 München * . 76 62 57 145 160 145 Hamburg . . 202 168 152 294 318 340 Magdeburg . 25 22 18 56 18 22 Insgesamt . . 1688 1563 1329 3617 3317 3407 Dieser Geburtenschwund, den wir zahlenmäßig für drei Jahre an obiger Tabelle verfolgen können, zeitigt vielfache Auswirkungen, Der Besucih jüdischer Schüler an den verschiedensten Anstalten muß eine starke Minderung erfahren, im Berufsleben treten weniger J^lden auf, Eheschließungen nehmen ab u. v. a. Die jüdische Bevölkerungszahl an sich wird auch fallen, insbesondere im Hinblick auf die Sterblichkeitsziffern, die 1931 bereits mehr als das Doppelte der Geburtenziffern erreicht haben. Man schaue daraufhin obige tabellarische Zusammenstellung an. Sämtliche angeführten Städte sind der* vollkommen gleichen Tendenz ohne Ausnahme unterworfen, und da der Jude als Landbewohner bekanntlich nur wenig in Deutschland vertreten ist, muß das gezeichnete Bild für ganz Deutschland in bezug auf die jüdische Bevölkerung zutreffen. Ungemischte Ehen Mischehen Städte 1929 1930 1931 1929 1930 1931 Berlin , < , 896 1016 913 741 772 589 Breslau , « < 128 125 101 62 64 51 München . ■. 43 32 24 52 31 32 Hamburg . , 71 89 Magdeburg . 3 12 67 7 80 13 101 9 86 18 Insgesamt . , 1141 1274 1112 928 977 776 In den obigen fünf Städten mit rund 228.000 Juden im Jahre 1925 kamen im Jahre 1931 etwa fünf Ehen auf je tausend Menschen. Die Zahl der Eheschließungen hat also an sich schon einen außerordentlichen Tiefstand erreicht. Hier könnte man über das interessante Thema „Eheschließung und Wirtschaftslage" weitere Schlußfolgerungen anknüpfen, doch ist dies ja schon des öfteren hier behandelt worden, Die Zahld erMischehen hat sich im Jahre 1931 stärker als die der ungemischten Ehen vermindert, doch trifft es für alle Städte keineswegs gleichmäßig zu. München, Hamburg und Magdeburg zeichnen sich durch eine besonders hohe Mischehenzahl aus, die über der der ungemischten Ehen liegt. Daß besonders mehr jüdische Männer daran beteiligt sind, ist allbekannt. Es heirateten im Jahre 1929 1749 jüdische Männer, aber nur 1461 Frauen jüdischen Glaubens, für 1930 lauten die Zahlen 1903 und 1622 und für das letztverflossene Jaihr 1622 und 1373. _ Rückgang der jüdischen Geburten und Eheschließungen in Polen Ein Beispiel für die wahrhaft tragische Wirtschaftslage der jüdischen Bevölkerung in Polen »ind die. soeben vom Polnischen Statistischen Amt veröffout-