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Die neue Welt · 1932-10-28 · Heft 267 (28.10.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 267 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kr. 267 DIE NEUE WELT 1 Recht, jene Arbeiterorganisationen zu bekämpfen, wefc% gegen den Klassenkampf in Palästina sind.) Also ist nichts anderes übrig geblieben, als eine zweite Histadruth zu gründen, und sie wird auch offiziell im Frühjahr 1933 gegründet werden. Wie groß sie sein wird, wird von verschiedenen Umständen abhängen. Bisher war die Verteilung der Zertifikate in den Händen der „Linken" und ihrer bürgerlichen Förderer, so daß fast alle jungen Einwanderer sich aus dem „linken" Lager rekrutiert haben. Jetzt muß sich, wenn man den Beschluß des letzten Kongresses betreffs der Einwanderungsämter ehrlich durchführen wird, der Zustand wesentlich ändern. Ueberdics sind in Palästina noch andere Arbeitergruppen vorhanden, nicht nur revisionistische, die nicht in die alte Histadruth hineingehen; es hängt nun davon ab, ob sie in die neue „nationale" Histadruth hineingehen werden. Vorläufig ist die Zahl nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist das Prinzip — daß das Monopol der alten „klassenkämpferischen" Histadruth, die ganze jüdische Arbeiterschaft zu leiten, durchbrochen wird. Dieses Monopol ist schon lange durchbrochen worden, ganz einfach durch die Tatsache, daß ein Teil der jüdischen Arbeiterschaft ihr nicht angehört und das tut, was er für richtig hält, ohne dessen Befehle oder Erlässe zu beachten. Jetzt aber bereitet man sich vor, diesen Zustand auch offiziell zu bestätigen. Und die neue Histadruth wird versuchen, sich immer stärker und stärker zu entwickeln, bis in Palästina eine große Gruppe von Arbeitern geschaffen sein wird, die ein Instrument sein will für nationale Kolonisation und nicht für. den Klassenkampf jüdischer Proletarier gegen jüdische Arbeitgeber. * Eine der unvermeidlichsten Formen solch einer Selbständigkeit wird stets die sein, daß, wenn die Histadruth irgendwo einen Streik erklärt, die nationalen Arbeiter nicht verpflichtet sind, sich an einem solchen Streik zu beteiligen. Selbstverständlich ist es, insolange noch kein oberstes Organ für die obligatorische Arbitrage besteht, ganz gut möglich, daß die nationalen Arbeiter ebenfalls gezwungen sein werden, ihre Interessen durch einen Streik zu schützen. Das aber werden sie allein, sie selbst beschließen, von ihrem eigenen Standpunkt aus, und sich nicht von einer Körperschaft diktieren lassen, welche die Herrschaft einer Klasse anstrebt und nicht die jüdische Mehrheit in Palästina., Und ich kann ihnen versichern, daß große, sehr große Kreise der zionistischen Bewegung und nicht ausgerechnet „kapitalistische" Kreise, sondern der arme kleine Mann, der sich im Schweiß seines Angesichts abrackert, sich damit nicht mehr imponieren lassen. Ja, in Europa und Amerika ist der Begriff „Streik" schon lange kein Heiligtum mehr. Es ist mit diesem Begriff im Verlauf der letzten zwanzig Jahre dasselbe geschehen, wie mit dem Begriff „Proletariat*: zu Ende der Zauber, zu Ende der Heiligenschein. In früheren Zeiten war der Proletarier der Aermste der Armen, der Schutzloseste aller Schutzlosen, das erbärmlichste Beispiel menschlichen Elends; und das einzige Mittel, seinen Hungerlohn um einen halben Groschen zu erhöhen, war ein Streik. Damals zogen wir alle den Hut vor dem Proletariat und Vor einem Streik, und einen Streik brechen galt damals als gemeinherzlose Handlung. Jene Zeiten sind aber schon lang vorbei. Das Proletariat ist inzwischen einer der mächtigsten Teile der Gesellschaft geworden und jetzt kämpft es nicht um Luft zum Atmen und um Brot zum Essen, sondern um die Herrschaftüber die anderen Klassen; und der Streik ist ein Mittel geworden, das man sehr oft zum Zweck, die Herrschaft zu erringen, benützt. Ein Proletarier ist heute nichts Besseres und nichts Aergeres als jeder andere Mensch jeder anderen Klasse, und ein Streik nichts Besseres und nichts Aergeres als zum Beispiel sein Gegenteil — die „Aussperrung". Es kann sein, daß der Streik gerecht ist, wie es auch sein kann, daß die Aussperrung gerecht ist, und es kann sein, daß beide ungerecht sind. Das muß jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. So ist jetzt die ethische Situation sogar in den alten Ländern, wo die Wirtschaft schon eine Wirtschaft ist und wo die Nationen keine Angst haben zu verschwinden, wenn sogar ihre Wirtschaft kaputt gehen sollte. Wenn sogar die Hälfte aller Fabriken in Deutschland oder in Italien zugrunde gehen sollte, so wird Deutschland doch deutsch bleiben und Italien italienisch. Eine ganz andere Sache ist unsere Kolonisation in Palästina. Erstens ist hier die Wirtschaft zu drei Vierteln noch nicht mehr als ein Experiment, das sich unter ungeheuren { Schwierigkeiten seitens der Natur, der Regierung und der arabischen Umgebung entwickelt. Innere Schwierigkeiten, wie Streik und Aussperrung, die eine deutsche oder italienische Wirtschaft leicht ertragen kann, drohen die schwachen Anfänge inPalästinazuvernichten, Und zweitens—jede neue Fabrik, jede neue Orangenpflanzung in Palästina ist, solange sie jüdische Arbeiter heranzieht, eine neue Position für jüdische Einwanderung und ein neuer Schritt zu jüdischer Mehrheit. Noch wichtiger: Das ist das einzige Mittel, einmal zu einer jüdischen Mehrheit zu gelangen. Darum ist ein Streik, eine Aussperrung wirklich ein Verbrechen gegen das jüdische Volk. Und darum muß man vor allem einen Zustand schaffen, wo das obligatorische Schiedsgericht herrscht und Streik und Aussperrung moralisch unmöglich sein werden. Aber besonders heute, wo diese Arbitrage noch nicht existiert, muß ein ordentlicher Zionist sich siebenmal überlegen, bevor er Anteil an einem Streik nimmt, oder bevor er zur Aussperrung greift. Vielleicht gibt es da irgend ein anderes Mittel, um zu einem Einvernehmen zu kommen? Vielleicht kann der andere Teil hier nicht nachgeben, ganz einfach, weil der Arbeitgeber keinen Verdienst hat oder weil die Arbeiter bei einem solch niedrigen Lohn nicht existieren können? Und wenn ihm sein Gewissen sagt, daß der Streik oder die Aussperrung ungerecht ist, darf er sich nicht an der Ungerechtigkeit beteiligen, wozu noch kommt, daß in allen Fällen das jüdische Volk und seine zionistische Hoffnung hier einen Schlag auf den Kopf erhalten. * Genau so ruhig, wie ich die Dinge bisher behandelt habe, will ich zu allen Juden in Palästina und in der Galuth sagen, daß die heutige Herrschaft der Histadruth unvermeidlich nicht nur zu einem Spiel mit der F a u s t im Jischuw führt, sondern noch ärger — zu einem Spiel mit dem Messer und vielleicht noch weiter. Einmal sagte ich es schon — im Jahre 1929, nach einer Sitzung der Assefat Hanifcharim in Tel-Awiw, wo einhundert „linke" Delegierte sich auf die zwölf Revisionisten geworfen, mehrere von ihnen mit Fäusten und Füßen geschlagen und sie an den Haaren (buchstäblich!) gerissen haben. Damals allerdings gab es keine Verwundeten in den Spitälern. Jetzt gibt es schon Verwundete — nach dem „Klassenkampf" in Frumins Biskuitfabrik in Jerusalem. Möge ich bei Gott ein falscher Prophet sein, aber mit Verwundeten wird die Sache nicht abgehen, wenn man dulden wird, daßdie Histadruth ihre Hegemonie weiter mit physischen Machtmitteln verteidige. Die Leidtragenden werden lange noch die nationalen Arbeiter sein, weil sie vorläufig noch eine kleine Minderheit sind. (Deswegen wagt man, sie zu attackieren — den Attackierenden ist solch eine bequeme Proportion wie 100 :12 sehr angenehm); nachgeben aber werden sie nicht, und jeder versteht, daß sie in den Interessen für den Zionismus nicht nachgeben dürfen. Sie wollen Leiden ertragen und ins Spital gehen, oder vielleicht noch weiter, aber sie wollen die Herrschaft einer Körperschaft brechen, welche sie für den Aufbau eines jüdischen Staatswesens schädlich halten. Ich mache aber die Gesellschaft warnend darauf aufmerksam, daß sie, die nationalen Arbeiter, nicht lange die einzigen bleiben werden, die man mit jüdischen Fäusten in Palästina zulieb dem Klassenkampf schlägt. Ueber das „weiche Herz der jüdischen Bourgeoisie" habe ich schon einmal auch bitter gelacht, beim Festsaal 220 Sitzplätze Vortragssaal zirka 150 Sitzplätze für Veranstaltungen, Versammlungen, Vorträge, Konzerte, Konferenzen usw. gegen mäßiges Entgelt zu vergeben Auskünfte: Verbandshelm II., Untere Augartanstr. 38 Lesen derselben Zeitungsspalten. Das welche Herz duldet in Palästina eine Erscheinung, die jede Freiheit im Jischuw und im Zionismus unterjochen will, sogar die Freiheit, das jüdische Land zu bebauen; und man duldet nicht nur, sondern füttert sogar diese Erscheinung mit u n z ä h 1 i g e n hunderttausenden Pfunden, die aus den Taschen eben dieses weichherzigen jüdischen Mittelstandes fließen; Und wenn man jetzt die nationalen Arbeiter schlägt, so tut man es deshalb, weil sie nicht damit einverstanden sind, daß der jüdische Fabrikant in Palästina ganz einfach als Ausbeuter betrachtet und behandelt werde: sie wollen ihn betrachten und behandeln als Bruder-Pionier, mit dem man Unterhandlungen führen muß, aber keinen Klassenkampf. Wer nicht blind ist, muß danach verstehen, daß nach dem ersten Schritt zwangsläufig auch! der zweite kommen wird. Der Appetit wächst beim Essen, auch der Appetit zu herrschen, auch der Appetit, mit der Faust zu herrschen. Wenn man sich daran gewöhnen wird, den Arbeiter zu schlagen, weil er den Arbeitgeber eben auch für einen Menschen hält, und wenn man sieht, daß man nach der Schlägerei derselbe „Prominente" geblieben ist, bei der Gesellschaft und beim zionistischen Kongreß, wird man natürlich zum zweiten logischen Schritt übergehen und die Faust gegen das wirkliche Objekt des Klassenkampfes benützen '— gegen den Arbeitgeber höchstpersönlich. Eine Uebertreibung? Fragt nur in Palästina jeden Fabrikanten und jeden Kolonisten unter vier Augen, ob das Uebertreibung ist. Teuer wird der zionistische Mittelstand für sein weiches Herz bezahlen und noch teurer die zionistische Hoffnung« Unhaltbare Zustände Blutige Arbeiterkampfe In Palästina - Revisionistische Arbeifer von sozialistischen über» fallen und schwer verlebt - Die Diktatur des Klassenkampfes — Gefälschte Berichterstattung \ bei denen es eine Anzahl Verletzte gab un4 auch mehrere Verhaftungen von der Polizei vorgenommen wurden. Ursachen der Streitigkeiten sind Differenzen in der Frage des Arbeitsnachweises und der Umstand, daß gewisse Arbeitgeber revisionistische Arbeiter bevorzugen und die Revisionisten die Streikparolen der „Histadruth" nicht respektieren. Der Magistrat von Tel-Awiw verhandelte zwischen den streitenden Gewerkschaften und erreichte es, daß zwischen den Streitenden für die Dauer eines Monats eine Art „Waffenstillstand" geschlossen werde, Die revisionistischen Arbeitgeber stimmten dem Abkommen zu. Bis zum Ablauf dieser Frist hofft man, daß eine Einigung in den strittigen Fragen erzielt werden wird. Der Waffenstillstand ist auch unter dem Druck der Regierungsbehörden zustande gekommen. Der Stadtrat von Tel-Awiw hielt eine Sondersitzung ab, in der beraten wurde, wie dem weiteren Arbeiter-Bruderkrieg Einhalt zu gebieten wäre. In Haifa, wo es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Angehörigen der „Histadruth" und solchen der revisionistischen Gewerkschaft kam, ließ die Regierung eine Warnung plakatieren, in der schwerste Bestrafung für Störung der öffentlichen Ruhe angekündigt wird. Am schwerwiegendsten waren die Zusammenstöße in Jerusalem, wo eben erst nach dem Beispiel von Tel-Awiw ein einmonatiger „Waffenstillstand/* geschlossen worden war. Der schwerste Zusammenstoß ereignete eich in der Biskuitfabrik von Frumin, hier wurden sieben Personen, davon zwei schwer, verwundet Die Schwerverletzten sind Revisionisten! sie wurden ins Hadassa- Hospital überführt. Ursache des Kampfes war, daß revisionistische Arbeiter den von der „Histadruth" In dieser Fabrik proklamierten Streik nicht respektierten, sondern ihre Arbeit fortsetzten. Ein größeres Aufgebot von Polizei stellte die Ruhe wieder her und verhaftete 15 Personen. Bei den Kämpfen wurden auch zwei Polizisten leicht verletzt. In der Biskuitfabrik Frumln in Jerusalem kam es am 18. Oktober abermals zu Zusammenstößen zwischen In der „Histadruth" organisierten judisehen Arbeitern und Mitgliedern «der revlslo- Durch eine verantwortungslose Parteibürokratie verhetzte jüdische Arbeiter überfallen ehrlich arbeitende Volksgenossen, verletzen sie schwer und nur das Eingreifen der englischen Polizei rettet die von Juden Überfallenen Juden aus Lebensgefahr. In Palästina! Im jüdischen Nationalheim! Im werdenden Judenstaat! Die Ursache dieses Treibens? Die sozialdemokratische Organisation der palästinensischen Arbeiterschaft, „H i s t a d r u t h" genannt, will es nicht dulden, daß andere als ihr angehörende, unter ihrem Kommando stehende jüdische Arbeiter nach Palästina kommen und dort arbeiten. Palästina ist also nicht allen Juden gegeben, sondern nur den auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden! Der Mut zu dieser wahnwitzigen, den Aufbau des jüdischen Nationalheimes gefährdenden Gewaltpolitik stammt daher, daß die „Histadruth" — mit direkter Unterstützung der zionistischen Exekutive und unter Duldung seitens der „Allgemeinen Zionisten" — im Laufe der Zeit alle wichtigen Posten der zionistischen Organisation, ihrer Fonds, ihrer Instituttonen, Zeitungen usw. mit ihren Leuten zu besetzen wußte. Seither gibt es keine freie Meinung und Oeffentlichkeit im Zionismus, sondern nur eine von der,, „Histadruth" kontrollierte. Daher der Mut, mit Gewalt ein Monopol für sich zu schaffen, das es in keinem Lande derWelt mehr gibt. Ueberall bestehen neben den sozialdemokratischen andere Gewerkschaften, die anerkannt sind und frei arbeiten dürfen, durch das Gesetz wird die Oeffentlichkeit vor dem Terror irgend einer anderen Gewerkschaft geschützt. Nur im Zionismus, nur in Palästina gibt es ein Monopol der Klassenkampf-Bürokratie, welches von einer durch Agenten der „Histadruth" durchsetzten, in Stumpfheit und Gleichgültigkeit verharrenden zionistischen Allgemeinheit geduldet'und gefördert wird. * Die „Jüdische Telegraphen-Agentur (J. T. A.) meldet aus Palästina: In Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa kam es in den allerletzten Tagen wiederum zu heftigen Zusammenstößen zwischen in der „Histadruth" gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und Arbeitern der nationalen Gewerkschaft (Revisionisten),

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