Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 267 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711888--3378-2716746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seit» 2 DIE NEUE WELT Nr. 267 Verteidiger Dr. Natan Korkes ■führt seine Kanzlei Wien, I.» Seilerga'sse Nr. 16 T«lephonnumm«rn R-20*4*9S und lt«2?*344 hätten und daß er für das Leben der drei j üdischen Vertreter, nicht garantieren könne. Hierauf erbot «ch der Rektor, die Vertreter durch 20 Pedelle ins Freie geleiten zu lassen, ein Anbot, das die Herren als entwürdigend ablehnten. Nun saßen die drei jüdischen Vertreter da, gefahrumdroht, in der Universität eingeschlossen, von den Sturmtrupps d^r Ha-kenkrenaler belagert, gefangen. Immer wieder erschienen die Pedellen mit dem gleichen Kriegsibuilletin — es sei unmöglich, die drei ätudenteriv'ertreter vor der Faustjustiz der Hakenkfe>u,zler zu schützen. Und Kanzleidirektor Dr. Wagner sprach die klassischen Worte: „Es ist jetzt lebensgefährlich, die Universität durch die A\ila zu verlassen..." Man wird sich diesen Ausspruch des höchsten Universitätefumktionärs merken müssen. Der Rektor, der sich in der Vorwoche mit der «gerechten Empörung der deutschen Studentenschaft ob der unerhörten Vorfäille in Sinunering" identifizierte, hat sich selbst dem Hakenkreuzterror ausgeliefert. Die er rief, die Ungeister, wird er jetzt nicht los .•. , Nach fünfstündiger Gefangenschaft, nachdem das Präsidium der Jüdischen Volkspartei beim Polizeipräsidium Einschreiten gegen diese Verbrechen gefordert hatte, führte man die armen Sünder, die drei Vertreter der jüdischen Studentenschaft, über eine Geheimtreppe durch ein Hinterpförtchen ins Freie. Die Aula war.finster. Wie Schatten schlichen die Gefangenen hinaus. Ein Hintertreppenroman. Ort: Wiener Universität. Zeit: Gegenwart. Ein Hintertreppenroman, der an die mittelalterliche Mordfeme erinnert. Man muß kein Rechtskundiger sein, um zu erkennen, daß dieser Fall über die Form der bis zum Ueberdruß gekennzeichneten antisemitischen Ueberfnlle von Hakenkreuzlern auf jüdische Studenten weit hinaus geht. Es handelt sich hier nicht um mehr oder minder blutige Naziexzesse, sondern ganz einfach um das Verbrechen der Einschränkung der persönlichen Freiheit, um die gemeinste Art gelä h r I i c h e r Drohung,, um einen Delikt, zu dessen Ahndung das Gericht verpflichtet ist. Studenten werden in der Universität gefangengehalten, Hilferufe am Leben Bedrohter hallen durch die Aula — die Hüter des Gesetzes schweigen. Mit allem Nachdruck und im vollen Bewußtsein?jsa^liche%1Efinstes -muß -die. Forderung .gestellt werden:; Schluß mit r der Unverletzlichkeit - des, akademischen Bodens! Wenn die hakenkreuz- Soeben haben die Zeitungen die ersten Nachrichten über die Zusammenstöße zwischen Histadruth-Arbeitern und revisionistischen Arbeitern in Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa gebracht Einzelheiten über den Ursprung und den Verlauf dieser Schlägereien sind mir noch nicht bekannt. Desto besser — das kann dazu beitragen, daß ich über diese Angelegenheit in ruhigem Ton schreibe. Ueber die „Schlägerei" selbst, das heißt über die Gewohnheit, Parteikonflikte mit der Faust zu losen — eine Gewohnheit, die sich in Palästina offenkundig eingebürgert hat, will ich zum Schluß reden. Beginnen will ich mit dem Inhalt des Konflikts. Die revisionistischen Arbeiter in Palästina sind vorläufig in einer Gewerkschaft vereinigt, die den Namen „Irgun Ovdej Hazohar Betar" trägt Der „Irgun" geht nicht hinein in die große Gewerkschaft der „linken" Arbeiter, die unter dem Namen „Histadruth" allgemein be*- kannt ist. Im Zusammenhang damit, daß in Palästina noch andere Arbeiter vorhanden sind, die sich nicht in , die „Histadruth" einkapseln lassen wollen, hat die revisionistische Konferenz in Wien beschlossen, eine unparteüsche Gewerkschaft (im kommenden Frühjahr) zu gründen, welche „Histadruth leumith" — (Nationale Gewerkschaft) heißen soll, im Gegensatz zu der alten Histadruth, welche auf dem Standpunkt vom Klasseninteresse . steht Der Gegensatz ist ein wichtiger, kein bloß ideologischer, sondern auch ein praktischer. Der ideologische Unterschied ist dem Leser wohlbekannt: Die „Linken" blicken auf den jüdischen Arbeiter in Palästina vor allem als auf einen Proletarier mit proletarischen Interessen, welche in ständigem Gegensatz zu den Interessen der Arbeitgeber stehen; die Aufgabe einer Gewerkschaft besteht darin, die Interessen der Proletarier zu beschützen; wenn es sich hiebei herausstellte, daß die Interessen des jüdischen Proletariers eine gemeinsame professionelle Organisation mit den Arabern erfordern, so ist es nicht ausgeschlossen, daß man dann eben einen jüdisch-arabischen „Irgun meschituf" schaffen wird — der, Gedanke hat viele einflußreiche Anhänger in den Kreisen der Histadruth, wird bei ihnen ständig populärer, und auf einem Gebiet -7 bei den Eisenbahnen — hat man ihn schon verwirklicht. Die revisionistischen Arbeiter sind gerade lerischen Studenten mit der Phrase kokettieren» daß der heilige Boden der Alma mater durch Polizeistiefel entehrt würde, so muß ihnen entgegengehalten werden, daß sie es sind, die mit ihren barbarischen Sitten aus der Universität eine Kneipbude, aus der Aula ein Prügelatelier gemacht haben. Nicht eine Säule des Parlaments brach, als seinerzeit Polizei dort erschien; nicht eine Säule der akademischen Hölle wird brechen, wenn Polizei erscheint, um endlich Ordnung zu machen. Die staatlichen Wacheorgane, die bis zum Ehebett vordringen, dürfen vor den Hochschulen nicht haltmachen, wenn hinter deren Toren Bürger des Staates blutiggeschlagen und am Leben bedroht werden. » Und nun ein Wort an die jüdische Studentenschaft! Immer wieder hört und liest man von Ueberfällen erheblicher nationalsozialistischer^ antisemitischer Gruppen auf einzelne jüdische Hörer, vor Terrorakten geschlossener Horden gegen jüdische Einzelgänger. Es. geht nicht an, daß einzelne Studenten jeweils einer Ueberzahl ausgeliefert bleiben. Will die jüdische Studentenschaft kein Prügelknabe bleiben, will sie ihr Recht auf Ruhe, Würde, Studium und Freiheit gewahrt sehen, dann muß sie ihm' durch geschlossenes, einheitliches Auftreten augenscheinlichen Nachdruck verleihen. Es darf nicht mehr vorkommen, daß sich der Heldenmut der großen Hakenkreuzscharen ans der gewiß nicht geringen Zahl national jüdischer Akademiker ein paar Sündenböcke herausholt, indes die anderen abseits stehen und das Schicksal des einzelnen jüdischen Kollegen beklagen. * W ei twt e%r n a t i p n ä l ts ö z i a 1 i S t i s c h e E xzes s e. Mittwoch, den' :'2%-: Oktober, kam es im Institut des Prof. Durig zu neuerlichen blutigen Angriffen Bei Herzleiden und Adernverkalkung, Neigung zu Gehirnblutungen und Schlaganfällen sichert das natürliche „Franz- Josef -Bitterwasser leichten Stuhlgang ohne Anstrengung. In Apotheken-' und Drogerien erhältlich. gegen jüdische Studenten, so daß die Vorlesungen abgebrochen werden mußten ■ ^. Inskriptionen an der Technischen Hochschule. Auf .Intervention des Jüdischen Höchschulausschusses wurden die Inskriptionen an der Tech- : naschen Hochschule bi^( inklusive "2%.' Oktober. verlän- . gert, und wenden,, in ^.Fällen, wo naengewiesenermaßen Behind.eran.gen. .vorlagen,..auch, 'über* -fc^ii Termin Mi- . aus vorgenommen. " . tr'V:<;;^'"/; 'r ' " ■ gegen diese Auffassung. ^Für sie ist der jüdische Arbeiter in Palästina in erster, Linie nicht das Mitglied einer Klasse, sondern ein Pionier. Nach Palästina ist er gekommen, nicht um für seine Klasseninter-! essen zu kämpfen, sondern um zur, Erlangung: einer jüdischen Mehrheit beizutragen. Die Mehrheit schafft man damit,, daß man eine jüdische Wirtschaft aufbaut und immer mehr Juden ins Land bringt,, die aus dieser Wirtschaft ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. Deswegen steht in Palästina das Interesse der jüdischen Wirtschaft unzählig emal höher als das Interesse des Arbeiters oder des Kapitalisten. Das was gut ist für die Kolonisation, ist Grundgesetz; das was der Kolonisation Schaden bringt, ist verwerflich. Sowohl der Verdienst des Arbeitgebers, als auch der Lohn der Arbeiter müssen vor allem so eingerichtet werden, daß es die Unternehmung nicht schädigt', nicht die Konkurrenz-: fähigkeit im Land und im Ausland schwächt, nicht den weiteren Zufluß jüdischer Kapitalien abschreckt, aber auch nicht den weiteren Zustrom von Chaluzim. Mit anderen Worten: Arbeiter sind keine Arbeiter, und Kapitalisten sind keine Kapitalisten! In Palästina sind sie bloß Soldaten, von denen jeder seine Rolle im gemeinsamen Aufbauplan spielt: Der Plan ist entscheidend, ist alles, und die Gruppen, die Klassen und die Menschen sind nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Es geht hier nicht darum, zu sagen, welche von den beiden Anschauungen die richtige zionistische ist; aber das ist der Unterschied und er kann bloß dann verschwinden, wenn die „Linken" ihre Klassenidee aufgeben werden — denn daß die revisionistischen Arbeiter ihrer Gegnerschaft gegen die Klassenidee entsagen werden, dafür Ist keine Hoffnung vorhanden, Damit hängt auch ein wichtiger praktischer Unterschied zusammen. Es konzentiert sich besonders auf zwei Gebieten: „Arbeitsnachweis" und die Frage „Schiedsgericht oder Streik?" Der „Arbeitsnachweis" in Palästina ist jene Anstalt in jeder Stadt oder Kolonie, an die sich der Arbeitgeber wendet, wenn er Arbeiter benötigt, und die die arbeitslosen Chaluzim registriert und ihnen die Arbeit zuteilt; und im allgemeinen versorgt dieses Büro den Arbeiter und vertritt seine Interessen. In Palästina sind diese Arbeitsämter ein Kanaan* Treuhandgesellschaft Canaan Trusteethip Co., rPDDVWDN man iy» Jerusalem tsvvvv IM liefert Informationen, Ideen, Vorschläge, H Pläne, Programme, Kostenvoranschläge; IH besorgt die Gründung, Abwicklung, H Leitung und Überwachung von Unter- H nehmungen oder Geschäften in Erez Israel IH Vertreter für Österreich: Ludwig Cutmann, IH Wien I, Flelsdimarkt 29, ll.f III., 56 IH Mündliche Besprechung nach vorheriger ■ schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) H Vereinbarung Monopol der Histadruth. Es ist wahr, die Histadruth ist auch, wenigstens theoretisch, mit der Errichtung solcher Büros einverstanden, die im Einverständnis mit den Arbeitervertretern einerseits und den lokalen Arbeitgebern andererseits geschaffen werden sollen. Die revisionistischen Arbeiter aber sind der Ansicht, daß gerade diese wichtige Funktion — Zuteilung von Arbeit — keine private Angelegenheit zwischen Arbeitern, Fabrikanten oder Kolonisten ist; das ist Sache des ganzen Jischuw und des ganzen Volkes. In den zivilisierten Ländern werden solche Büros von den Stadtverwaltungen errichtet und verwaltet, in seltenen Fällen vöm Staat selbst: das heißt es sind „neutrale" Anstalten. Deswegen verlangen sie ein neutrales „Lesikoth Awoda" (Arbeitsamt) auch in Palästina: gegründet und verwaltet von den Organen des Jischuw und vom zionistischen Kongreß, mit gleicher Vertretung aller interessierten Parteien und mit einem Vorsitzenden, der weder der einen noch der anderen Interessengruppe angehört, sondern bloß die höchsten Interessen der Kolonisation und des Zionismus zu wahren hat. Zweitens ist die Histadruth der Ansicht, daß Streik auch in Palästina ein gutes Mittel im Kampf für Arbeiterinteressen ist; die Revisionisten aber halten dafür, daß es im Verlauf eines nationalen Kolonisätionsprozesses keine Streiks und keine Aussperrung gibt, daß eben diese beiden Arten des Klassenkampfes für die jüdische Wirtschaft schädlich sind, und daß das einzige entsprechende Mittel zum Schutz der gerechten Interessen beider Teile die obligatorische nationale Arbitrage (Schiedsgericht) ist. Deswegen verlangen sie, daß sowohl der JischuW, d. h. Assefat ^Hanifcharim, als auch der Ziönistenkongreß sich gemeinsam an der Gründung einer „Mössat eljoh leborerut le^mh''''(Oberste Instanz für-1 nationales Schiedsgericht) beteiligen Sollen, zusammengesetzt aus Vertretern aller Produktionsbranchen, unter dem Vorsitz unparteiischer Menschen; eben dieser Instanz sollen alle die lokalen Arbeitsämter unterworfen sein und eben diese oberste Instanz soll auch in jedem Fall eines Konflikts zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern einschreiten. Es soll obligatorisch sein für alle Juden, ob Arbeiter oder Arbeitgeber, sich an eben diese Instanz zu wenden und sich ihren Beschlüssen zu unterwerfen. Sowohl Streik wie Aussperrung, gleichgültig ob vor dem Urteilsspruch. der höchsten Instanz oder nachher, soll als „nationaler Verrat" betrachtet und mit allen Mitteln der strengsten gesellschaftlichen Aechtung bestraft werden. ' ' * Selbstverständlich müssen die Arbeiter organisiert sein; am besten ist vielleicht in jedem Land eine einzige Gewerkschaftsvereinigung, die alle Arbeiter ohne Pärteiunterschied umfaßt. Es ist aber auch kein Unglück, wenn sich in einem Land zWei oder mehr „Histadruth" bilden. In Deutschland zum Beispiel gibt es sowohl sozialdemokratische Gewerkschaften, wie katholische, kommunistische und noch einige andere, und doch hält man die deutsche Arbeiterschaft für eine sehr gut organisierte. Vor einem oder zwei Jahren begann eine Korrespondenz zwischen der Londoner Leitung der revisionistischen Weltunion und der Leitung der Histadruth in Palästina. Die Revisionisten haben folgende Anfrage gestellt: Wie stellt sich die Leitung der Histadruth für den Fall, daß die Gründung einer zweiten Histadruth vermieden werde, zu dem Vorschlag, daß die Histadruth zwei Prinzipien annehmen soll — erstens ein neutrales Arbeitsamt (Arbeitsbüro, Arbeitsnachweis) und zweitens Unparteilichkeit, die zum Ausdruck kommen soll in der Zusammensetzung der Leitung und In der Redaktion des offiziellen Organs „Dawar"? Länger als ein Jahr 20g sich die Korrespondenz hin, wenn auch im ganzen bloß drei Briefe geschrieben wurden — die erste Antrage der Revisionisten, die Antwort der Histadruth und die Antwort auf die Antwort; ein Beweis, mit welcher Vorsicht man die Briefe verfaßt hat; vielleicht auch ein Beweis, wie schwer es bei uns ist, höflich zu schreiben. Aber zu einem Einvernehmen ist man nicht gekommen. Die Histadruth hat geantwortet, sie könne nur dort eingehen auf ein Schiedsgericht zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, wo die beiden Seiten willig sind, sich zu einigen, aber nicht auf eine neutrale Arbitrage, an der sich auch „Menschen beteiligen sollen, die nicht einen Funken Verhältnis zur Sache besitzen" (das heißt Vertreter des Jischuw, des Kongresses und der Stadtverwaltungen); zweitens könne die Histadruth die prinzipielle Stellungnahme nicht ändern. (Das heißt Klassenkampf und das Die Herrschaft derfäüsl in Palästina Von Vladimir Jabotinsky V- ' ' '•- '