Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 267 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711888--3377-2716745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18*;tittsbib\iotUek TH1. Univets^»tsm Wien. Preis 35 droschen Jahrgang 6 freitag, dien 28* Oktober 1918 Nr* 267 V« b« b« Zeitung durch Verleger versendet. REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20, ganzjährig S16.— } Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lira 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schwelt und dl« übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.30, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 HERAUS G E BER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätssir. 6-8, 7el. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Wahl zur Wiener Kuliu§gemefnde Versammlungskalender der „Zionistischen Liste" I. Bezirk: Donnerstag,, den 27. Oktober, 20 Uhr, Cafe Excelsdor, L, Rotenturmstraße, Vertrauensmänner- Versammlung. Referent: Dr. Sal. Wolf. II. Bezirk: Donnerstag, den 27. Oktober, 20 Uhr, II., Praterstraße 13, Vertrauensmännerversammlung. Prater (Jungstraße): Samstag, 29. Oktober, Vertrauensmännerversammlung. Referent: Dr. F. Finkelstein. III. Bezirk: Montag, 51. Oktober, 20 Uhr, Bethausverein, III., Radetzkystraße, Wählerversammlung. — Mittwoch, den 2. November, Cafe Ilion, Löwengasse 39, Wähler Versammlung. IV und V. Bezirk: Jeden Montag ab 21 Uhr Vertrauensmännerversammhing im Terrassencafe, V., Märgaretenplatz. VI. und VII. Bezirk: Montag, den 51. Oktober, halb; 21 Uhr, Cafe Mariahilf, Mariahilferstraße 89 a, Vertrauensmännerversaramlung. Die Vertrauensleute treffen aich außerdem allabendlich im Phönix-Lokal, VI., Mariahilferstraße 3. IX. Bezirk: Dienstag, den 1. November, halb 21- Uhr, Cafe" City, IX., Porzellangasse 1, Vertrauensmänner Versammlung. ' . XX. Bezirk: Samstag, den 29. Oktober, 20 Uhr, Sektionsheim, XX., Jägerstraße M, Vertrauensmänner- Versammlung. ' . Montag, den 31. Oktober, 20 Uhr. Sektionsheim, XX., Jägerstraße 30, I. Stock: Große Wählerversammlung. . Reduer: Obenbaurat Ing. Robert Stricker, Dr. Josef ■; Low..§,nj^,t,zt.:P,ivI^A&&XV^w-- v;*-;. -.? Von der kapitalistisch-sozialistischen Einheitsfront gegen den Zionismus — Tiefer geht es nicht mehr — Ein Geistes- und Sittenbild „Wenn man sich schon im Schlamm wälzt — dann bis über.die Ohren!" Von diesem Grundsatz ausgehend, haben die nichtzionistischen Vertreter in der Wiener Kultusgemeinde einen gegen die Zionisten gerichteten Schlachtenplan für die kommenden Gemeindewahlen aufgestellt, der von allen Hemmungen des Reinlichkeitsgefühls und politischer Anständigkeit frei ist. Die Vertreter des Bank- und Börsenjudentums, der Industrie, des Großhandels usw. sind zu den getauften und ausgetretenen Führern der österreichischen Sozialdemokratie gelaufen und haben sie um Hilfe gebeten, um Hilfe gegen die Zionisten, damit diese nicht die jüdische Kultusstube besetzen. Die Angerufenen haben sich als ebenso hemmungslos erwiesen wie die .Bittsteller, sie haben gnädig zugestimmt. Im roten Rathaus, im Büro des getauften Juden und Nationalrates Dr. Danneberg, wurde der Pakt zwischen antikapitalistischer und freidenkerischer Sozialdemokätie und der konservativ-kapitalistischen „Union" geschlossen. Im roten Wiener Rathaus wurde schon manch absonderlich-ungleiches Brautpaar ehelich verbunden. Aber den Schlager der Kuriositätensammlung wird wohl .die Kopulation des. Brautpaares Schotte nr,ing-Wietzeile bilden. Merk würdig, wie einigend der Zionismus wirktl Im politische^ uud wirtschaftlichen Leben führen die nunmehr verbundenen Elemente den wütendsten Kampf. Die Sozialdemokraten rüsten gegen,die „jüdischen Ausbeuter" und -die .jüdischen Fabriks- und Bankherren geben den "He i m w e h r 1 e r n und Hakenkreuz- Kern: Geld; für Waffen gegen die „rote Revolution". Aber wenn . es gegen den, Zionismus, gegen auf richtigstolzes. Judentum geht, 'da finden sie sich und genieren sich' nicht; Arm in. Arm vor der Öffentlichkeit zu paradieren. Hereinspaziert, ihr Herren. Juden, in die kapitalistisch-sozialistisch-konservätiy-freidenkerische Einheitsfront!. Nur. kein Schamgefühl ( Rein in den Schlamm ~ bis über die Ohren... * - •i : ■ ' . . . , Aber die sensationelle Nachricht von der rotgoldenen Koalition ist bereits, übertroffen durch eine viel, viel sensationellere. Jubelnd verkünden die unionistischen und sozialdemokratischen Verfechter der antizionistischen Einheitsliste: Rothschild tut mit! Der Vertreter des Hauses Rotschild paradiert mit den rotpn „Werktätigen" auf der Liste! Es ist ein jahrzehntealter Brauch, dem Vertreter des Hauses Rothschild — gewöhnlich ist es ein höherer Rotschildscher Beamter — einen Platz im Kultusvorstand einzuräumen. Man war eben bestrebt, zwischen den Institutionen der Judengemeinde und dem durch seine großzügige Hilfsbereitschaft gekennzeichneten Hause Rothschild eine enge Verbindung herzustellen. Auch lag darin eine Anerkennung der gut-jüdischen Tradition der Familie Rothschild. Dieser Vertreter — so rufen die Herren der sozialistisch-kapitalistischen Liste in die Oeffentlichkeit — tut wacker mit. Natürlich mit Zustimmung des Chefs des Hauses Rothschild. Ist er doch sein Vertreter! Sie frohlocken: Jetzt hat das Rot der neuesten Kultusliste den richtigen, goldglänzenden Unterton bekomcnen! Wo Danneberg und Rothschild mittun, da muß der Sieg sein. * Der Chef des Wiener Hauses Rothschild ist Herr seiner Handlungen. Aber wenn er und sein Haus politisch hervortreten, dann hat die Oeffentlichkeit, vor allem die jüdische Oeffentlichkeit ein Recht, klares Bekenntnis zu fordern. Sie hat das Recht, zu fragen, ob die Ausschrotung des Namens Rothschild bei den kommenden Wahlen erfolgen und mit Wissen und Willen des Chefs des Hauses erfolgen wird. Sie kann Aufklärung fordern, wieso es kommt, daß der mit konservativ-jüdischen Traditionen verbundene Name Rothschild ziim Schild für die ' entjudenden Tendenzen der Sozialdemokratie wird. Soll die für die Juden so verderbliche Legende, daß das jüdische Großkapital allen klassenk&mpferischen und,. r%ligionsfeindlichen Tenderizen Vorschub leistet,' eine Stärkung erfahren, durch Hinweis auf diese famose Koalition? * Wir wissen nicht, ob die Behauptung, daß der Vertreter Rothschilds auf der antizionistisch-kapitalistischsozialistischen Liste steht, eine vollzogene Tatsache be- Billigstes und bequemstes Winter-Weekend ■ im Dianabad SAMSTAG und SONNTAG nur S 1.50 für DEN GANZEN NACHMITTAG 12-7,7 Uhr WELLEN-SCHWIMMBAD FAMILIENBAD Sommer-Temperatur —■ Warme Brausen Hohensonsae-lSestoahliiiig S Vorzügliches Restaurant und Büfett inhaltet, denn die Namenslisten sind noch nicht veröffentlicht. Jedenfalls aber können, wir dem. Chef des Wiener Hauses, ^ineii. Gfrt nennen, wo er. sich den letzten Rat.'hole^'kannr.li.')?a.n9 sitzt,der ehrwürdige Patriarch B aro n E dm und Rothschild. Ein' Mann, dessen Name im Judentum gesegnet wird. Der Vater des jüdischen Palästina, ein Jude, von glühendstem, jüdischem Nationalgefühl und tiefster Frömmigkeit beseelt. Er wird dem Chef des Wiener Hauses sagen kommen, wo sein Platz im jüdischen Leben ist und wo sein Platz nicht ist. nra Die Wiener Todesfälle //Es ist lebensgefährlich ♦ ♦ ♦ Erizbischof Dr. Inn itaer wiederholte kürzlich in einer Ansprache an die Studentenschaft die Grundsätze, die er seinerzeit als Rektor den Akademikern wiederholt vorgehalten hatte: Studium, Verpflichtung zu möglichst großer AI 1 gern ei nbild um g, ethische Haltung.-Die Wiener deutsche Studentenschaft hat sich, soweit sie um das Hakenkreuz geschart ist, diese Grundsätze nicht zu eigen gemacht. Unter der Duldung und teiiweisen Unterstützung der akademischen Behörde nimmt der Haikenkreuzterror seinen Lauf. Auf akademischem Boden fließt Blut. Und die Tore der Hochschulen schließen sich, weil — in Simmering zwei politische Parteien einander die Köpfe einschlagen. Bisher kannte man immer noch, mit deutlichem Abscheu vor den schäbigen Ueberfällen hunderter auf einzelne, von studentischen Keilereien sprechen, die in Rauflust, aufgehetzten Instinkten und rassischer Ueberhelhung ihre Ursachen haben. Der Dienstag des 2 5. Oktober 1932 hat aber ein anderes Gesicht gezeigt. Dieses Datum ist ein MerJestein in der Geschichte des Wiener akademischen Rowdytums. Ein Merkstein nicht etwa deshalb, weil ein jüdischer Akademiker mit Dolch und Schlaginstrument schwer verletzt und von der Rettungsgesellsohaft weggeführt werden mußte, ohne daß man Miene machte, den feigen Nationalsozialisten sicherzustellen, sondern deshalb, weil der Kanzleidirektor der Wiener Universität Dr. Wagin e r wegen eines anderen Vorfalles sich1 zum Geständnis bequemen mußte: „Es ist jetzt lebensgefährlich, die Universität durch die Aulazuverlasseu..." Zunächst einige Bilder aus* der Terrorchronik der Wiener Universität: Montag, den 17. Oktober, wurde der jüdische Student' Hersoli Weinstein im englischen Seminaraimmer von eingedrungenen Hakenkreuzlern blutiggeschlagen. Er brach bewußtlos zusammen und wurde ins Spital gebracht, wo eine polizeiliche Anzeige erstattet wurde. Der Assistent Dr. Führer sah zu und ließ // Alle im redaktionellen Teil befindlichen entüelt» Ucheo Notixen iind durch ein beigefügtes £ bezeichnet laut früherer Anordnung des Ordinarius Prof. Luiok den Saal sperren — allerdings erst nach geschehener Tat. Und die Hakenkreuzler wüteten in der Aul* weiter ... Am gleichen Montag wurden zwei jüdische Studenten, als sie die Bibliothek verließen, von zwei einer Hakenkreuizhorde angehörenden Akademikern barsch aufgefordert, sich zu legitimieren. Auf die Frage „Mit welchem Rechte?" stürzte sich die blutrünstige Gesellschaft mit Totschlägern, Gummiknütteln, eisernen Schlagringen, Ochsenziemern und Stöcken auf einen der beiden und beantwortete dessen Hilferufe mit den Worten „HabtV keine Rücksicht mit ihm! Der Jud muß erstochen werdein, die zwei Toten in Simmering müssen gerächt werden!" Mit Rufen und Schlägen ging es weiter, bis ein SA.-Mann sich dem sohwer Verletzten anschloß, der dann zu einer Hintertür gelangte. Unweit davon standen zwei Wachleute, die zunächst auf die Bitte des jüdischen Studenten, ihm einen Wagen auf die Unfallstation zu besorgen, nicht mit einem Blick reagierten, später zynisch erklärten: „Nehmen Sie sich halt einen Wagen auf die Unfallstation!" Ein gerade daherkommendes Lastauto brachte den Studenten auf die Unfallstation, wo seine Rißquetschwunden vernäht wurden. Einige Tage lang konnte der jüdische Student nicht aufrecht gehen, sondern mußte von zwei Helfern gestützt werden. Und nun ein Hintertreppenroman, wie ihn 6onst Kriminalschriftsteller zu erfinden pflegen: Dienstag, den 24. Oktober, suchten drei Vertreter des Jüdischen Hochs ch u la us sch u ss es beim Rektor Dr. Abel um eine Unterredung an. Um 1 Uhr mittags führte ein Pedell die Herren Doktor Kornmehl, Teich und Nagler zum Rektor. Auf einen Pfiff rotteten sich Hakenkreuzler drohend auf dem Weg durch die Aula zusammen und wichen zunächst zurück, als der Pedell erklärte, er werde jeden, der die Abordnung attackiere, anzeigen. Nach der Unterredung, die ungefähr drei Viertelstunden gedauert ha*tte, machte der Pedell die Herren vom Jüdischen Hochschulausschuß darauf aufmerksam, daß sich in der Aula die SS. und AS. der Nationalsozialisten, rund 250 an der Zatal, außaioimeogerottet