Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 266 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711887--3371-2716738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 266 1 ECKSTEINS Hllllllllllllllllllllllii!ii:iii>:im:i.i!f...... ■ FAMILIEN-PENSION Raitauratlon, Kallaahau« / TBgltch 3-Uhr>Ta* SEMHERIMG ISttUtltlSttB"43 Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.- aufwärt«. Zentralheizung, fließendes Warm¬ und Kaltwasser in jedem Zimmer. / Auskunft unter Telephon U-27-8-21 respektive deutschen Kreisen auch jenseits der Grenze, wobei allerdings oft ein übertriebener Ton angeschlagen wurde. Ist doch bisnun an den Grundpfeilern der Kulturautonomie wenig gerüttelt worden, und es ist zu hoffen, daß der Bildungsminister Herr KeuinS schon Gelegenheit gefunden hat, die Kulturinstitutionen der Minderheiten schätzen zu lernen. Hat er sdch doch auch dagegen verwahrt, seinen Kurs als chauvinistisch zu werten. Jedenfalls scheint Herr KeninS in manchen innerjüdischen Dingen klarer zu sehen als gewisse jüdische Kreise. Es lag ihm daran, in der Frage der Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Klarheit zu schaffen. Dein Chef des jüdischen Bildungswesens unterstehen nämlich Schulen mit folgenden Unterrichtssprachen: Hebräisch, Jiddisch, Deutsch und Russisch. Außerdem besuchten bisher jüdische Kinder reindeutsche Schulen. Verständlich, wenn es einem lettischen Minister nicht einleuchtet, daß er den Juden zu deutscher oder russischer Assimilation verhelfen soll! Wenn schon, so mögen sie doch dem lettischen Kulturkreis zugeführt -werden und, nicht den starken östlichen oder westlichen Nachbarn! Also fragte der Minister beim Chef des jüdischen Bildiungswesens, Herrn Landau, in aller Form an, welches die jüdischen Nationalsprachen seien, um einen authentischen Beleg für weitere Maßnahmen zu haben. Der Befragte — selber „Nationaldemokrat" (wie sich in Lettland, die früheren Assimilanten nennen), gleichzeitig Direktor einer jüdischen Schule mit russischer Unterrichtssprache — wußte sich nicht recht zu helfen, , Also antwortete er auf dde Frage nach der nationalen Sprache Uberhaupt nicht, teilte nur mit, daß die Juden in Lettland jiddisch, deutsch, russisch und hebräisch sprechen. . Diese „Antwort" erregte in der jüdischen nationalen Gesellschaft einen Sturm. Protestvorsammlungen wurden , im ganzen Land abgehalten, Delegationen besuchten den Minister, die Demission des jüdischen Bildungschefs wurde, und wird verlangt. Schließlich muflte. auch Herr Landau in einem zweiten Schreiben dem Minister mitteilen, Jiddisch und Hebräisch könnten in Lettland als jüdische Nationalsprachen angesehen werden. Aber auch diese Antwort konnte die in sich uneinige jüdische Gesellschaft nicht zufriedenstellen. Die Jiddischisten kamen mit ihren Sonderforderungen, und das unerquicklichste Bild ergab sich, als bei einer Beratung, an der fast nur zionistische Gruppierungen teilnahmen, die Revisionisten den Antrag einbrachten, Hebräisch als nationale Sprache des jüdischen. Volkes zu bezeichnen, aber als Sprache der Kulturautonomie in Lettlaind auch Jiddisch anzuerkennen, Erst nach stundenlanger Diskussion wurde diese Resolution angenommen, wobei sich aber die zionistischen Linken an der Abstimmung nicht beteiligten, weil ihnen der Vorschlag z u „extrem hebraistisch" war. Wie dem auch sei, der Minister hat die Situation erfaßt, und man kann dem allmählichen Umbau der fremdsprachigen jüdischen Schulen zu solchen mit Hebräisch, Jiddisch oder auch — ganz nach dem Willen der Elternschaft. mit Lettisch als Unterrichtssprache entgegensehen. Hoffentlich kommt dies dem hebräische© Schulwesen zugute, das besonders, in den letzten Jahren dank den Anstrengungen der Revisionisten, und des Lehrerverbandes „Hamore" gewachsen ist. Allerdings muß hoch viel Erziehungsarbeit unter der Elternschaft selbst geleistet werden, die es nur schwer wsgreift, daß man auch in hebräischer Sprache etwas „fürs Leben" lernen kann. Einstweilen wird in lettischen Zeitungen der jüdische Knabe bewitzelt, dessen Vater jiddisch, dessen Mutter deutsch, dessen Schwester russisch, . der selbst aber hebräisch spricht ... - ... Ist so der offizielle Kurs des lettisch-bürgerlichen Kabinetts nicht glattweg als antisemitisch anzusprechen, so ist doch die allgemeine Stimmung im Lande antijüdisch. Lettische Geschäfte, die mit jüdischer Konkurrenz kämpfen» bedienen sich in der Reklame mit Vorliebe antisemitischer Motive^ Und nun wirkt auch das Beispiel Deutschlands so ansteckend, daß »ich aueh in Lettland nationalsozialistische und ähnliche Gruppen etabliert haben, die sich bis zu gemeiner Pogromhetze versteigen. Allerdings hat die Regierung gegen sie scharf Front gemacht, besonders wejl die lettischen Nationalsozialisten weitgehende Verfassungsänderungen vorhaben, die der demokratischen Mehrheit gar nicht genehm sind. Etliche Ausgaben der antisemitischen Zeitung wurden beschlagnahmt, und nun ist der Ton des „Ugunskrusts4* (Feuerkreuz) salonfähiger geworden, (Uebrigens hat das „Feuerkreuz", das dem Hakenkreuz ähnlich gieht, in Lettlaad au und für sich keinen antisemitischen Beigeschmack. Es ist ei^n Element nationaler 'Ornamentik, das als Kampfsymboi die Flügel' der lettischen Aeroplane und als militärische Auszeichnung die Heldenbrust der Krieger sdiflnückt.) Diese „Feuerkreuzler" debütierten unlängst auf dem Fußballplatze. Die Rigaer „Hakoah"-Mannschaft kämpfte zum zweiten Male mit der „U. S." (Universitäts- Sport) um den Meistersehaftstitel der zweiten Klasse, der den Eintritt in die erste Klasse bedeutet. Als sich nun die jüdische Elf den Letten überlegen zeigte, versuchten die „sportfairen" Kollegen der „U. S." den Abschluß des Spieles zu verhindern, indem sie aufs Feld stürzten und eine allgemeine Schlägerei in, Gang brachten. Dieser „Trick" half aber nicht und den Sieg errang die „Hakoah" mit 2:1. Straßenkeilereien mit. kräftigem jüdischen Widerstand wurden dann durch Polizei unterdrückt. Die lettischen Nazis und Feuerkreuzler scheinen aiber bisher keinen nennenswerten Anhang in der Velksma«se gefunden zu haben. Sie rekrutieren sich vor- Die Idee, einen Judenstaat in Madian an der Westküste Arabiens zu gründen, findet sich, wie im ersten Teil des Aufsätze« „Madian" ausgeführt, in einer 1891 erschienenen Schrift niedergelegt, die den deutschen Privatmann Paul Friedmann zum Verfasser hatte. Dieser deutsche Jude rüstete im Jahre 1891 ein Expeditionsschiff, „Israel", aus, das tatsächlich eine Gruppe von jüdischen Siedlern nach Madian brachte. Ihr Schicksal sowie das Ende dieses Projekts wird im nachfolgenden auf Grund von Dokumenten behandelt.. Das Schiff „Israel" beförderte Friedmann, seine Reisebegleiter und 30 judische Arbeiterfamilien nach Suez. An der Spitze der Halbinsel Sinai, in Schermoje, schlugen sie ein Lager auf. Die, Kolonisten befanden sich hier unter der strengen Zucht des Leutnants v. Seebach und zweier Unteroffiziere. Sie mußten jeden Tag militärische Uebungen mitmachen, den Boden bearbeiten usw. Kurz darauf zog Friedmann mit einigen Leuten dach Madian, tun dort die Vorarbeiten durchzuführen. Die ersten Kolonisten waren mit dem Boden, mit dem Land zufrieden und Briefe gingen von Madian nach Rußland, Galizien usw. und forderten Verwandte und Bekannte auf, nach Madian, dem künftigen' Jüdenstaat, zu kommen, um hier als Bauern mädiänischen Boden zu bearbeiten. " ■•"•*•• i3 3 ■ Im Lager zu Schermoje entstand bald ein Konflikt. Die harte Arbeit, die strenge Zucht und militärische Disziplin behagtett vielen nicht. Em Kolonist namens Rosn o w i t s c h hatte die1 Vorschriften des Vertrages verletzt Er verweigerte den Gehorsam und wurde strenge bestraft. Gerne ergriffen einige 'Unzufriedene diesen traurigen Anlaß, um die Kolonisten im Lager aufzuhetzen und Unfrieden zu entfachen. Die Stimmung wurde immer gefährlicher. Paul Friedmann aber glaubte, daß ihm die Männer doch Gefolgschaft leisten werden. Er rief sie zusammen und erklärte ihnen,^ daß jeder, der ihn verlassen wolle, frei ziehen könne; Unvorschtigerweise gab er ihnen längere Bedenkzeit Diese Zeit nützten die Aufwiegler aus und hetzten die Leute dazu auf, Madian zu verlassen und Amerika öder England aufzusuchen. So kam es, daß am nächsten Tag 16 Kolonisten erklärten, das Lager von Schermoje verlassen zu wollen. Friedmann löste ohne weiteres den Vertrag und ließ sie ziehen. Natürlich wurden jetzt die Angriffe gegen Friedmann immer lauter. Besonders die ägyptische Zeitung „Phare d'Alexandrie" nahm ihn arg her. Er wurde sogar . auf Veranlassung des russischen diplomatischen Agenten unter der Beschuldigung des Mordes von dem deutschen Konsulargericht in Kairo angeklagt Rosnowitsch nämlich, der die Leute gegen die Führung aufhetzte, unter der Parole „Besser drei Tage ohne Brot in Rußland als einen Tag hier" wurde aus dem Kolonistenlager vertrieben und, fand unglücklicherweise in der Wüste den Tod. So kam es, daß die europäische und ägyptische Presse sich plötzlich allzuviel mit Friedmann beschäftigte. Alles Mögliche und Unmögliche wurde ihm in die Schuhe geschoben. Man war nicht .so sehr ob der strengen Zucht erbost als über das neue, unbequeme Wort vom .Jüdischen Reich". Kolonisation*.wie sie Baron Hirsch versucht hatte, kann nicht schade^, aber Kolonisation mit „fixen Ideen", phantastischen Utopien, nein, das konnte man nicht zulassen. Friedmann wurde schließlich als Mörder, als Irrsinniger hingestellt. . Er aber ließ sich nicht abschrecken. Seine Arbeit durfte nicht ruhen. Eine Expedition, wie die nach Madian, schrieb Paul Friedmann in einem Brief vom 10. Jänner 1892, kann nicht auf eiserne Disziplin verzichten. Glaubt man, in Schermoje so handeln zu können, als ob man in Wien auf dem Ring wäre? Pacta servandal Hier'gilt es, aus schwachen Elementen tüchtige Menschen zu machen, einen Stamm zu bilden, um den sich die jüdische Nation scharen kann ... * Jetzt trat eine Wendung e»n« Die Türkei witterte schon lange hinter den Friedimmnschen Plänen die Gefahr der Errichtung, eines JUdi&chen Reiches auf türk i s c h c m Boden. Sie begann Schwierigkeiten zu €BFOlGREICHtTIR K LAVII II- UNTERRICHT MllSTtfttCHUle S 2.- KORRIPETITION S UIBUNOSO ELlGENHElT Unter „Staatlich geprüfte Konzertpianiatin" an die Adm. d. Bl. läufig aus Studentenkreisen, die glauben, mit den Fäusten da nachhelfen zu können, wo das Gehirn nicht reicht. Soweit bleibt das lettische Volk, das ja erst jetzt seine Selbständigkeit erkämpft hat, den Prinzipien der Demokratie treu. Aber etwas ungemütlich ist es in Lettland doch geworden. machen. Auf der Jacht „Israel" befanden sich gegen 100 Gewehre, die Friedmann vom k. u. k. Reichskriegsmi nister ium in Wien erhalten hatte. Die türkische Seepolizei hatte es nun auf das Schiff „Israel" abgesehen. Hievon erfuhr die österreichische Gesandtschaft in Konstantinopel und berichtete an das k. u. k. Ministerium des Aeußern in Wien. In diesem Bericht meinte sie, daß es sich empfehlen würde, Herrn Friedmann, der sich gegenwärtig in Kairo aufhalte, einen Wink zukommen zu lassen, die diplomatischen Agenten in Aegypten zu veranlassen, Friedmann zu warnen. Was auch tatsächlich geschah. . * Die türkische Regieerung war lange Zeit darüber itti Zweifel, welche Großmacht hinter Friedmann stehe. Sie war überzeugt, daß er immer mehr Juden nach Madian bringen werde, daß von hier aus ein jüdisches Reich, einschließlich Palästinas, zu gründen geplant sei. Obwohl weder England noch Aegypten an einen Erfolg der Judenkolonisation glaubten, räumten sie Friedmann verschiedene Hindernisse aus dem Wege, um so mehr, da sie ihn für einen anständigen Schwärmer hielten und die türkische Regierung desorientieren wollten. Friedmann War es sehr recht, den Anschein zu erwecken, als stünde hinter ihm ein mächtiger Staat. Die Türkei nahm nun wirklich die Judenexpedition zum Anlaß, einen militärischen Einfall nach Madian zu inszenieren. Türkische Soldaten marschierten ein. Hiediurch schienen die Chancen Friedmanns verbessert, da die dortigen Araber die Judenkolonisation mit Freude begrüßten. Die Araber erwarteten den Einmarsch der Soldaten des befreundeten „Staates" Friedmanns, um mit ihnen die verhaßten Türken zu vertreiben. Friedmann legte Galauniform an und zog in Begleitung mehrerer Beduinenscheiks und Juden den türkischen Soldaten nach Dubbah entgegen, in der richtigen Voraussetzung, daß diese Soldaten noch keine genauen In-' struktionen ihrer Regierung erhalten haben konnten, wie sie sich den Judenkolonisten gegenüber zu verhalten hätten. Er glaubte auch, hiedurch das Selbstbewußtsein der jüdischen Emigranten und die Achtung der Beduinen vor den Juden zu steigern. Die türkischen Soldaten präsentierten das Gewehr vor Friedmann und den Judenkolonisten. Das wirkte. „Das sind keine Soldaten, vor denen sich die Juden fürchten müssen!" meinte Paul Friedmann. Die Leiter der Expedition arbeiteten nun einen Plan aus, wie man die türkischen Soldaten vertreiben könnte. Die Türken wollten trotz erhobenen Einspruches seitens der Bewohner Madians und der ägyptischen Regierung Dubbah nicht verlassen und Friedmann beschließt die Vertreibung der Türken im offenen Kampfe, Irrt Augenblick eine leichte Sache. Aber die Judenkolonisten weigerten sich, die Türken mit Waffen anzugreifen. Friedmann eilte nach Kairo, um Aegypten zu bewegen, mit Hilfe der Juden militärische Gruppen zu organisieren, um die Türken aus Madian zu verjagen. Unterwegs, in Suez, erfuhr er, daß der ägyptische Major Frith bereits den Befehl erhalten hatte, diese Aufgäbe durchzuführen. Aber es blieb schließlich nur bei dem Befehle. Unternomen wurde nichts. Jetzt setzten die Diplomaten und Politiker ein. Es folgten Verhandlungen, Sitzungen. Die Türkei fragte die ägyptische Regierung an, mit welchem Rechte sie eine Judenkolonisation in Madian gestatte, trotzdem ihr dieses Gebiet nur zur Administration überlassen worden war. Mukhtar Pascha, der Vertreter der Türkei, stellte Unter« Buchungen an, um festzustellen, was Paul Friedmann mit den Gewehren beabsichtigte und ob die Jacht „Israel" gepanzert sei. Seine Berichte und die der Gouverneure der benachbarten türkischen Provinzen steigerten die Beunruhigung des Sultans. Schließlich erfolgte eine türkische Demarche bei Lord Salisbury. Die Türkei blieb Sieger. Aegypten und England zogen ihre Hand von Friedmann ab. * , Damit war Friedmann lahmgelegt, sein Plan gescheitert. Er löste die Verträge mit den Juden und sie zerstreuten sich in alle Welt. Friedmann fand sich lange nicht ab und träumte weiter von der Verwirklichung Madian Ein Beitrag zur Ge9d.1d.te des Zionismus Von Josef Frankel : ■ ■ (Schlaf)) ■■