Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 265 (14.10.1932)
- Date
- 1932-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 265 DIE NEUE WELT Seit« f ist somit nur der Weg gangbar, Gärtnereien zu pachten, sie mit einem erfahrenen Gärtner zu versehen und Chaluzim als unbezahlte Lehrlinge in der Kunst der Gärtnerei usw. zu unterweisen. Besondere Gesellschaften müssen für diesen Zweck gegründet werden, die solche Lehrstellen schaffen würden. Wenn nicht alle noch verfügbaren Mittel des Keren Kajemeth für direkte Kolonisation beansprucht würden, wäre es angezeigt, für die Hachscharah bedeutende Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ist eine Tätigkeit, die uns in den Ländern der Diaspora, zufällt und die uns niemand abnehmen kann. Wir haben aber das allergrößte Interesse, daß nur gut fachlich vorbereitetes Menschenmaterial nach Palästina einwandert, das zunächst qualifizierte Arbeit leisten kann und, später mit Erfolg, unter Gewährung von langfristigen Krediten seitens staatlich finanzierter Siedlungsbanken, kolonisiert werden kann. Daß parallel mit der fachlichen Ausbildung auch eine allgemeine Erziehung der Jugend in nationaler Hinsicht zu geschehen hat, erwähne ich nur nebenbei. Nach Lage der Dinge kommt heutigen Tages auch die Vorbereitung für städtische Berufe in Frage. Fachkenntnisse jeder Art, die im Handwerk und in der Industrie von Wert sein können, müssen vor der Uebersiedlung nach Palästina erworben werden. Der Bedarf an gelernten Arbeitern wird mit der steigenden Tendenz für städtische Kolonisation "größer werden. Die Palästina- Aemter müssen, von dem Departement für städtische Siedlung bei der zionistischen Exekutive und von den jüdischen Handelskammern in Palästina auf dem Laufenden des jeweiligen Bedarfs gehalten werden. Auch in diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß wir für absehbare Zeit das Schwergewicht unserer Tätigkeit auf die Städte verlegen müssen. Es hilft nicht: wir müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen. Durch Fahrlässigkeit unserer Führung ist die landwirtschaftliche Kolonisation gegenwärtig in eine Sackgasse geraten. Sie kann nur langsam Fortschritte machen. Eine Reihe von Vorausssetzungen muß erfüllt werden, bevor wir die Ansiedlung von Tausenden auf dem Lande bewirken können. Die Alijah darf aber nicht stillstehen. Darum muß gegenwärtig der Weg gegangen werden, der Eine umfassende Informationsschrift über die grosse Bewegung Im Zionismus_ Vcrfasst von Robert Stricker Herausgegeben von der Union der Zlonlsten-Revisionisten Oesterreichs / Preis 20 g / Erhältlich b. Verlag „Neue Welt", Wien II, Untere Augartenstr. 35 noch offen ist. Dies ist die städtische Kolonisation. Ich brauche nicht hervorzuheben, wie schwer es gerade mir fällt, der die landwirtschaftliche Kolonisation zu seinem Spezialgebiet gemacht hat und stets den Gedanken vertritt, daß die ländliche Siedlung an erster Stelle zu stehen hat, gegenwärtig für die Bevorzugung der städtischen Kolonisation zu plädieren. Sieht man aber, wie gering die bisherigen Ergebnisse der ländlichen Siedlung als Folgeerscheinung der bislang angewandten Methoden sind und wie drohend die Gefahr der Entfernung vom Ziel statt ihrer Erreichung ist, so muß man sich sagen, daß gegenwärtig die Alijah, die Einwanderung welcher Art auch immer, das höchste Gebot der Stunde ist. Freilich dürfen wir die Schaffung eines gesunden jüdischen Landvolkes in Palästina nicht aus dem Auge verlieren. Wir .müssen die jüdische Mehrheit in Stadt und Land erreichen. Nur so wird Palästina jüdisch. Es handelt sich somit nicht um eine Abkehr von der Forderung des Primats der ländlichen Siedlung in unserem Aufbauprogramm, sondern nur um eine vorübergehende, hoffentlich nur kurze Zurückstellung der landwirtschaftlichen Kolonisation von Leuten, die nicht über eigene genügende Mittel verfügen, bis nicht die Voraussetzungen für Boden- und Kreditbeschaffung erfüllt sind. Selbstverständlich kann und wird die Niederlassung auf dem Lande von Leuten mit ausreichenden eigenen Mitteln und parallel damit von jungen Arbeitern nicht nur nicht zurückgestellt, sondern muß in jeder Weise gefördert werden. Das oberste Gebot ist: den Zeitfaktor nicht aus dem Auge lassen und Juden ins Land bringen, damit sie sich dort eine dauernde Existenz schaffen und uns dem'Ziel der Umwandlung Palästinas in ein Judenland näherbringen. Madian Bin Beitrag zur Gesdu'dite des Zitmtemm Von Josef Frankel Vorliegende Arbeit stützt sich insbesondere auf bisher unveröffentlichte Dokumente des Wiener Staatsarchivs (Faszikel Türkei XVIII). Im Jahre 1891 erschien in Berlin als Manuskript gedruckt ein kleines, 18 Seiten starkes Büchlein mit einer lithographischen Tafel „Das Land Madian". Eine trocken-sachliche Schilderung dieses Ländchens. Daten über Wirtschaft, Klima und Bevölkerung. Madian, ein Teil des Midian der Bibel, zieht sich an der Westküste Arabiens hin, von A k a b a h bis zur Hafenstadt El Widsch. Die Gesamtbevölkerung betrug im Jahre 1891 etwa 23.000 Einwohner auf zirka 20.000 bis 24.000 Quadratkilometer, also ein Bewohner auf 1 Quadratkilometer. In Aegypten, welches ein ähnliches Klima wie Madian hat, wohnen auf früchtbarem Lande über 300 Menschen auf 1 Quadratkilometer. Madian, ein Streitobjekt zwischen der Türkei und Aegypten, war in jener Zeit eine ägyptische Provinz, während die Hafenstadt El Widsch unter türkischer Herrschaft stand und von einem türkischen Zivilgouverneur verwaltet wurde. Die Oberaufsicht über Madian führte ein ägyptischer Major, der Kommandant der Heggarforts, welcher alljährlich auf einige Monate dorthin kam, und die arabischen Gouverneure in Akabah und Mweilah waren ihm unterstellt. Für die Sicherheit im Ländchen sorgte eine Garnison von 27 Mann. Während Aegypten mit geringem Verständnis dieses Gebiet verwaltete, zogen sich die Türken durch ihr rohes Gewaltsystem und durch ihre unfähige Wirtschaft den Haß der Einwohner zu. Liest man das Büchlein, so gewinnt man den Eindruck — und sicherlich war dies die Absicht des Verfassers —, daß in Madian erfolgreiche Kolonisation betrieben werden kann. Ein Land ohne Bewohner, mit vielen Möglichkeiten. Der Autor spricht nicht direkt aus, daß hier eine Judenkolonie, ein Judenstaat errichtet werden soll. Nur zweimal wird das Wort „Jude" gebraucht. Er | meint, daß man in Madian wohl nicht mit Unrecht die Christen verabscheue, aber auch das Wort „Jahud" in verächtlicher Weise gebraucht. Aber die Madianer kennen die Juden nicht und würden gegen jüdische Einwanderer keine Abneigung haben. Schließlich eine historische Betrachtung: Madian war zur Zeit Salomonis und seiner nächsten Nachfolger ein Teil des jüdischen Reiches... In einem Bericht des Berliner Polizeipräsidium s an den Reichskanzler und Minister für auswärtige Angelegenheiten, General der Infanterie von Capyivi, aus dem, Jahre 1891, wird als Autor dieser anonymen politischen Schrift der Rentner Paul Friedmann, am 26. April 1840 zu Königsberg geboren, Protestant, bezeichnet. In anderen Dokumenten wieder a 1 s Jude, mit einem Jahreseinkommen von 21.600 bis 25.200 Marfe, Obgleich Nichtjude« sagt dtr PoUzeibericht, zeigt er doch großes Interesse für. Unterbringung der aus Rußland ausgewiesenen Juden, geht aber „eigene Wege", nicht die des Baron Hirsch, und hat sich dem unter Hirsch gebildeten internationalen Komitee nicht angeschlossen. Paul Friedmann macht große Reisen, war oft im Orient, und wo man ihn kennt, erfreut er sich eines guten Rufes. So lautet der Bericht des Berliner Polizeipräsidiums an den Reichskanzler. Paul Friedmann entstammte tatsächlich einer angesehenen, vormals jüdischen Familie Deutschlands. Er selbst war getauft,, weilte längere Zeit als Ingenieur in England, machte viele Reisen, hielt sich in Aegypten, Madian, Palästina auf, zeigte immer großes Verständnis für die nationalen Interessen der Juden und verwendete sein großes Vermögen in selbstloser und uneigennütziger Weise für die Judenklonisation in Arabien. Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kannte er nur ein Ideal: „Einen Judenstaat in Madian". In Madian? Madian liegt hart an Palästina, welches'damals von der mißtrauischen Türkei streng abgesperrt wurde. Er dachte daran, die Judenkolonie Madians in einem günstigen Zeitpunkt auf Palästina auszudehnen. Von den assimilatorischen Zylinderjuden als Missionär verschrien, von Diplomaten als Wirrkopf mit phantastischen Ideen verhöhnt, von der Presse verfolgt und scließlich sogar von einem der Kolonisten als Mörder angeklagt, hatte es Paul Friedmann schwer. Eines aber soll unterstrichen werden: Alle seine Gegner mußten schließlich zugeben, daß Friedmann ein anständiger Mensch war, reine Hände hatte, einen lauteren Charakter und von dem selbstlosen Wunsch beseelt war, den Juden zu helfen. Friedmann hatte noch vor Veröffentlichung seiner Broschüre Schritte eingeleitet, um seinem Plan mehr Gewicht zu verleihen und staatliche Hilfe für seine Judenkolonisation zu erlangen. Wo auch immer er weilte, überall versuchte er Verhandlungen mit Staatsmännern zu führen. In London hatte er Unterredungen mit dem Unterstaatssekretär für Indien, in Kairo mit politischen Persönlichkeiten Deutschlands, Oesterreich - Ungarns, Aegyptens, der Türkei. Ja sogar den Baron Hirsch, dessen Kolonisationspläne er ablehnte, suchte er auf, um ihn für Madian zu gewinnen. In Krakau weilte er in Begleitung eines preußischen Sekondleutenants, Lothar von S e e b a c h, um Besprechungen mit der Leitung jüdischer Institutionen zu führen und jüdische Emigranten anzuwerben. Die Auswahl des Menschenmaterials war schwer. Er suchte gesunde, starke, stramme Männer für die erste, also mühevollste Arbeit. Er fand auch passende Leute, zumeist Handwerker aus Ungarn, Alexandrien, Rußland, Galizien, die er, mit Frauen und Kindern, vertragsmäßig zur An-' Siedlung in Madian verpflichtete. Drei Richtlinien hatte er aufgestellt, wie man aus den Verträgen mt den Juden ersehen kann. Um einen „Judenstaat" errichten, eine großzügige Kolonisation in Madian mit Erfolg betreiben zu können, wollte er vor allem staatliche Unterstützung erlangen. Dann mußte jeder Kolonist den Waffendienst erlernen, militärische Uebungen mitmachen und sich einer spar« tanischen Disziplin unterwerfen. Drei Grundsätze der Kolonisation: Staatshilfe, organisierter militärischer Selbstschutz, eiserne Disziplin. * Im April 1891 verhandelte er in Wien mit der „Alliance Israelite", die natürlich seinen „phantastischen Vorschlag ablehnte, und hier ging er mit väterlicher Sorgfalt und großer Opferwilligkeit daran, die Expedition zu organisieren und zu rüsten. Er kargte nicht mit Geld. Kostete ihn doch sein Versuch zweimalhundertausend Goldkronen. Kauste alles in großen Mengen und in bester Qualität, sogar an Spielzeug für die Kinder dachte er. Er rüstete ein kleines Schiff aus, welches den stolzen Namen „I s r a e 1" trug. Hundert Gewehre wurden mitgenommen. Als Helfer nahm Friedmann den Wiener Arzt Dr. Ernst Landsmann, den preußischen Offizier Lothar von S e e b a c h, einen schottischen Privatsekretär und einen rumänischen Landwirt mit. Mit diesem Stab und einer Anzahl rusrischer und polnischer Juden, trat das Schiff „Israel" unter österreichischer Flagge die Reise nach Madian an. (Schluß folgt.) AUS PALÄSTINA. Die Palästina-Regierung will die Wiedereröffnung der hebräischen Schulen in Palästina erzwingen Jerusalem, 7. Oktober. Großes Aufsahen in der gesamten palästinensischen Oeffentlichkeit ertragt das Eingreifen der Pa 1 äs t ioa - R egie r ung in den gegenwärtig im hebräischen Schulwesen Palästinas herrsdheniden Konflikt. Die Paläsika-Regier.unig teilte der Exekutive der' Jewisih Agency ultimativ mit, daß sie entschlossen sei, dem hebräischen Schulwesen däe staatliche Subvention in der Höhe von annähernd 20.000 Pfund jährlich zu entziehen, falls die Schulen nicht noch in diesem Monat wieder eröffnet werden sollten. Die hebräischen Schulen in Palästina sind zu Beginn dieses Schuljahres nicht wieder eröffnet worden als Folge der Meinungsverschiedenheiten betreffend die Kontrolle über das Schulwesen, die zwischen den verschiedenen jüdischen Instanzen in Palästina bestellen. Die Jewish Agency hat das bisher von ihr allein kontrollierte hebräische Schulwesen unter die Verwaltung des Waad Leumi (Nationalrat) gestellt und schlug vor. daß der Waad die Verantwortung für die Aiufbrkigung des Schul-Budgets auf sich, nehme, zu welchem die Agency jährlich 4 0.0 0 0 Pfund beisteuern will. Verschiedene jüdische Instanzen aber, die auoh ihrerseits zum Budget beitragen sollten, wie z. B. de* Stadtrat von Tel-Awiw und der Verband jüdische t.Kolonisten, widersetzen sich der ausschließlichen- Kontrolle des Waad Leumi und fordern für sich eine Vertretung in der Sohul- . Verwaltung in einem' Ausmaße, wie es der Waad Leumi ihm ziii bieten nicht in der Laige zw sein behauptet. Bis ziur Beendigung dieses .Streitfalles, der gegenwärtig im Mittelpunkt der öffentliehen Erörterung des Jiscbuw steht, können die Schulen nicht wieder eröffnet werden, Die von der Palästina-Regierung der Jewish Agency gemachte ultimative Mitteilung wird als ein Versuch der Regierung, ihrerseits einen energischen Druck zwecks Lösung des Schulkonflikts und sofortiger Wiedereröffnung der Schulen auszuüben, gedeutet. Man nimmt au, daß der Schritt der. Regierung den von ihr gewünschten Erfolg halben wird. Der Mufti und Musa Kazim Pascha bezichtigen die Juden kommunistischer Umtriebe Jerusalem, 8. Oktober. Der High Commissioner General Sir Arthur Wauchope empfing am 4. Oktober, dem Tage vor seiner Abreise nach Geuf, den Mufti von Jerusalem Haj Amin el Huseeini, Vorsitzenden des moslemitisohen Obersten Rates, und Musa Kazim Pascha, Vorsitzenden der arabischen Exekutive, zu einer längeren Unterredung. öer High Commissioner besprach mit dem Mufti die aa-abdschen Bodenfragen. Während des Empfanges wurden auoh politische Probleme erörtert. Diesem Empfange der arabischen Führer beim High Commissioner ging . ein Sohreiben Musa Kazim Pasohas an Sir Arthur Wauchope voraus, in welchem gegen die Juden in Palästina die Beschuldigung erhoben wird, daß sie den Kommunismus. begünstigen und daß manche unter ihnen eine direkte kommunistische Tätigkeit entfalten.. In dem Briefe wird ferner behauptet, daß die Regiepiiag Palästinas die jüdischen