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Die neue Welt · 1932-10-14 · Heft 265 (14.10.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 265 (14.10.1932)
Date
1932-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 265 Öffi NEUE WELT Seite 3 } Ein Tonfilm wie „Madame sucht Anschluß" u. Willy Forst in Liane K*™«» ARKADIEN mit Hedwig Bleibtreu, Ingeborg Orahn und Albert Paulig / Buchs Walttr Rilioh / Musik; Robert Stolz / Regie: Karl HarU (Schöpfer der Meisterwerke „Berge in Flammen" und „Gräfin von Monte Christo") Uraufführung ab heute: Opern-Kino I. Imperial-Kino I. Löwen-Kino Iii. Maria-Theresien-Kino VII. Flieger-Kino IX. Monopol: Koppelmann & Co., Wien VII. ^^aaaBMiBMBBHBMaMMaaBMMHaaHMBaa. klärungen ab, die so zu deuten waren, daß er seine antisemitische Vergangenheit abgeschworen hat Während seiner ganzen Ministerzeit enthielt er sich auch direkter antisemitischer Taten oder Aeußerungen. Immerhin war auch seine neue politische Phase durch einen gewissen verhaltenen Antisemitismus gekennzeichnet. Bezeichnend ist, dafi vor einigen Wochen die ihm unterstehenden Standgerichte zwei jüdische Kommunisten, gegen die die Anklage nichts anderes vorbringen konnte, als dafi sie versucht hatten, die kommunistische Partei zu reorganisieren, zum Tode verurteilten und die Regierung ihnen die Begnadigung verweigerte und sie hinrichten ließ, während die mitangeklagten nichtjüdischen Kommunisten mit Gefängnisstrafen davonkamen. In seinen der Presse gegebenen programmatischen Erklärungen hat Ministerpräsident Gämbös — offenbar auch mit bezug auf die Juden — erklärt, daß er jeden gleicherweise als Ungarn betrachtet, der mit ihm und den dazu Berufenen an der nationalen Aufbauarbeit mitwirken will. ¥ Hitlers „Völkischer Beobachter" begrüßt den neuen ungarischen Ministerpräsidenten Julius Gömbös als einen Mann der Frontgeneration und schreibt: „Jahrelang stand er an der Spitze der r a s e e nschützlerischen Bewegung, das in Ungarn herrschende Judentum haßt und fürchtet ihn, und wenn er auch in den letzten Jahren ihren Presseangriffen nicht ausgesetzt war, so ist dies darauf zurückzuführen, daß die Juden in Ungarn alles angreifen, nur die Armee wagen sie nicht zu kritisieren, weil es sie sonst den Kragen kosten würde." Palästinas Industrie/ Handel und Pflanzungswirtsdiaft bedroht Ein Alarmruf an die »Neue Well« Aus Tel-Awiw schreibt ein Industrieller an den Herausgeber der „Neuen Welt": Tel Awiw, 30. September. „In schwerer Besorgnis berichte ich Ihnen über ein folgenschweres Geschehnis in Palästina. Als noch Sir Spencer Davis Finanzminister (treasurer) der Palfistina-Regierung war, machte sein Stellvertreter, Herr Johnson, den Vorschlag auf Einführung einer Einkommensteuer, um, wie er ausführte, die Steuerlast von den Fellachen zu nehmen und sie den Städten aufzulegen. Es war schon damals jedem klar, dafi eine solche Steuer in erster Linie die Juden hart treffen muß. Der damalige Vertreter der Zionistischen Exekutevi und Jewish Agency, Colonel Kish, bekämpfte daher diesen Plan und er fiel. Vor wenigen Monaten wurde Sir Spencer Davis abberufen und seine Stelle als treasurer bekam eben Herr Johnson. Dieser holte sofort seinen gefallenen Vorschlag wieder hervor und fand beim neuen Hochkommissär, dem Chef der Regierung, ein geneigtes Ohr, Der Hochkommissär berief den jetzigen politischen Vertreter der Jewish Agency in Palästina, Herrn Dr. Arlosoroff, zu sich und befragte ihn um seine Meinung. Dr. Arlosoroff, bekanntlich ein Mitglied der sozialistischen Linken, gab seine Zustimmung im Namen der Exekutive. Als die Mitglieder der Palästina-Exekutive E. New man (Allgemeiner Zionist) und H. Farbstein (Misrachist) vor einigen Tagen nach Palästina zurückkehrten, erhielten sie von der ohne ihr Wissen, also widerrechtlich erteilten Zustimmung Dr. Arlosoroffs, die ein Verbrechen am Jischuw bedeutet, Kenntnis. Um sich den Rücken zu decken, berief Dr. Arlosoroff für heute eine Sitzung der Exekutive ein, welcher auch das zufällig hier weilende Mitglied der Londoner Exekutive B. Locker (Sozialist) beigezogen wurde. Die Abstimmung ergab 4 : 2, d. h. Arlosoroff (Poale-Zion), Locker (Poale-Zion), Senator (früher Poale-Zion jetzt Vertreter der „Nichtzionisten"!), Hexter (Nichtzionist) gegen Newman (Allgemeiner Zionist) und Farbstein (Misrachi). In der Debatte sagte Dr. Arlosoroff: ,Auf die Industrie wollen und werden wir das Land nicht aufbauen. Wir haben sie nicht nötig.' Farbstein und Newman kämpften vergebens gegen dieses sträfliche Attentat auf die jüdische Sache. Farbstein verließ ganz verstört die Sitzung. Diese Zustimmung der Salonsozialisten und Nichtzionisten zu einer Einkommensteuer wird mit einem Schlage die Zuwanderung von Kapital nach Palästina sperren und Arbeitslosigkeit schaffen. Sie bedeutet einen neuen Vorstoß im Sinne des Programms der Linken, wonach Palästina nur ein Boden für sozialistische Experimente ist, welche mit dem Gelde der jüdischen «Bourgeoisie' bezahlt werden. Die Vertreter des Industriellenverbandes, der Handelskammern und der Orangenpflanzer versammeln sich heute, um zu beraten, wie der schwere Schlag, der mit Hilfe der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency gegen das jüdische Volk geführt werden soll, abzuwehren ist. Immer wieder Haupttreffer der Klassenlotterie bei der „Gluck* stelle Stein" an der //Hohen Brücke" Alle im amtlichen Plane vorgesehenen Haupttreffer der Klassenlotterie wurden wiederholt von Kunden der „Glückstelle Stein" gewonnen, und zwar oftmals die Riesenprämie von S 500.000.— sowie der allererste Haupttreffer von S 300.000.—, ferner 100.000.—, 80.000.—, 60.000.—, 40.000.—, 20.000.—, unzählige Male die Treffer ä S 10.000.—, 8000.—, 6000.—, 4000.—, 2000.— usw. In der Hauptziehung der 27. Klassenlotterie wurde wieder der Haupttreffer von S 80.000.— von Kunden der „Glückstelle Stein", Wien, L, Wipplingerstraße 21, an der „Hohen Brücke" (Filiale: X., Favoritenstraße 101) gewonnen, ferner viele Gewinne von S 20.000.—, 10.000.—, 8000.—, 6000—, 4000.—, 2000.—. Die „Glückstelle Stein" hat in kurzer Zeit 4mal die Riesenprämie und 26mal größte Haupttreffer, insgesamt über 22 Millionen Schilling, ihren glücklichen Kunden ausgezahlt. Zweimal wurde sogar in derselben Lotterie sowohl die große Prämie, als auch der größte Haupttreffer bei der „Glückstelle Stein" gewonnen. Das alte Sprichwort: „Ueber die ,Hohe Brücke' führt der Weg zum Glücke!" bewährt sich immer wieder aufs neue. E Die Bemessung der Einkommensteuer soll auf Grund von Bucheinsicht oder Schätzung erfolgen. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, der weiß, dafi da jeder Willkür Tür und Tor geöffnet ist. Ar a bis che Beamte werden über das Wohl und Wehe der Juden entscheiden. Dazu haben wir hier eine Agency sitzen! Wir Juden zahlen schon mehr als 50 Prozent aller Zolleinnahmen und Bodensteuern. Nun sollen wir noch eine Einkommensteuer zahlen, damit die Regierung die arabischen Fellachen mit jüdischen Geldern fördert. Warum soll sie es nicht wagen, wenn Doktor Arlosoroff, der Vertreter der Zionisten, seine Zustimmung gibt? Große Aufregung hat es hier hervorgerufen, als jetzt bekannt wurde, daß die Herren Dr. Arlosoroff, Hexter und Dr. Senator bereits in einer Sitzung am 5. Juli Herrn Johnson ihre Zustimmung zu seinem Plane erteilt haben. Dr. Senator sagte, daß die Steuer weder den jüdischen noch den arabischen Arbeiter treffen werde, sondern nur die »reaktionäre Bourgeoisie' (wörtlich). Ich glaube, es ist höchste Zeit, die Zionistische Organisation aufzurufen und die Oeffentlichkeit zm alarmieren gegen Herren, die dem jüdischen Volke einreden, dafi sie hier sitzen, um für ein jüdisches Nationalheim zu wirken!" i Wir bringen dieses Schreiben ohne jeden Kommentar. Nur zwei Feststellungen. Der Schreiber hat der „Neuen Welt" schon oft Berichte zukommen lassen, die sich immer als einwandfrei erwiesen haben. Die Frage der Einkommensteuer in Palästina ist keine rein wirtschaftliche und rein sachliche» sondern eine hochpolitische. Da die Juden weder in der Regierung noch1 in den Steuerämtern vertreten sind, sind sie der Willkür englischer und arabischer Beamten wehrlos preisgegeben. Nur allzu leicht kann diese Besteuerung in eine Vernichtung des jüdischen Handels und Gewerbes ausarten. Jedenfalls müssen jetzt die verantwortlichen Faktoren der Zionistischen Organisation Rede stehen. Jüdisches Museum oder Jüdisches Panoptikum? Das Projekt eines jüdischen Museums in Tel-Awiw hat durch die jüngste Europareise des Bürgermeisters Meir Dizengoff erhöhte Aufmerksamkeit erfahren. In den verschiedenen Kulturzentren fanden sich Menschen bereit, bei den Vorarbeiten mitzuhelfen, und tatsächlich entstanden allerorts Komitees die nützliche Arbeit verbürgen. Wenn man die Sachlage unvoreingenommen. prüft, kommt man zu dem Schluß, das Museum befinde sich im Stadium des Konzepts. Entscheidende, unabänderliche Schritte sind noch nicht getan worden. Bisher waltete allein das Bestreben Dizengoffs, den Aktionsradius seiner Tätigkeit als Bürgermeister zu erweitern; dem animalischen Wachstum seiner Stadt — sagen wir — Sinnbilder von Ewigkeitswirkung, „geprägte Form" entgegenzuhalten. Die Freunde des von Dizengoff angeregten Museums waren optimistisch. Sie vertrauten auf die Geberfreude der Kunstenthusiasten (Sammler und Mäzene) und auf den Kunstverstand derer, denen die museale Arbeit in Tel-Awiw selbst anvertraut werden soll. Zweifel an dem Niveau des Museums oder an der Sache an sich gab es nicht. Das einzige, was dem kontemplativen Charakter der europäischen Mitarbeiter ein wenig wider den Strich ging, war das Tempo, in welchem Dizengoff sein Projekt verwirklicht sehen wollte. Unser aller optimistisches Hochgefühl rennt nun die Skepsis grundsätzlichen Charakters an, die der bekannte Wiener Kunsthistoriker Prof. Max E i s 1 e r in Form eines Offenen Briefes an Dizengoff („Menorah" Nr. 9/10, 1932, Wien, L, Zelinkagasse 13) bekundet. Professor Eisler, auf Grund seiner Erfahrung und seines Wirkens gewiß legitimiert, zum Museumsprojekt Stellung zu nehmen und gehört zu werden, nimmt das seinerzeit von Tel-Awiw in die Welt gesetzte Expose zur Grundlage seiner Betrachtung. Ja, mehr noch: er interpretiert es mit derart unentrinnbarer Gewissenhaftigkeit, als wäre jenes programmatische Rezept, das, wie gesagt, unzähligen „Interessenten" vor einem Jahr etwa auf den Schreibtisch flog, unumstößliches Dogma und als wäre das Tel-Awiwer Komitee die einzige und darum auch letzte Instanz in Dingen des Museums. Bei seinem Unternehmen gibt sich Prof. Eisler Mühe, Tendenzen, die vielleicht in Augenblicken ausschweifender Begeisterung und Schaffensfreude peripher auftauchten, als prinzipiell, im Wesen der Museumswächter begründet, anzunehmen, um so einer verfehlten Ordnung das positiv Anzustrebende entgegenzustellen. Schlimmes, das Allerschlimmste soll verhütet werden! Nachdem Prof. Eisler gewisse Aeußerungen Dizengoffs und der jüdischen Presse, die sich als ein M useum jüdischer Kultur deuten ließen, ad absurdum geführt hat und vom Museumsplan „reinen und strengen Charakter" verlangt, das also, was selbst oberflächliche und dilettantische Naturen nicht bestreiten oder in Frage stellen durften, wendet er sich der Kunst zu, die den größten Teil des Museums einnehmen soll. Er geht zu Gericht'mit der Scheidung der einzelnen Sektionen, wie „Moderne Kunst" und „Biblische Darstellungen", warnt davor, gewissen Uebersichtsprinzipien zuliebe wesentlichere Zusammenhänge zu zerstören, und vor allem davor, die Kunst hinter die Sache zu setzen, „Eine durch die Werke der Maler und Bildhauer veranschaulichte Lektüre des jüdischen Lebens", so lesbar sie auch sein mag, ist kein Kunstmuseum. Und schließlich streift er den Quell allen Uebels: das fortwährende — Hinüberwechseln, Es sind ernste, verantwortungsbewußte, einem reichen, kunstwissenschaftlichen Leben entsprungene Warnungen. Prof. Eisler macht aber in seinem Offenen Brief auch positive Vorschläge. Die Kunstabteilung wünscht er beschränkt zu sehen auf Werke von Künstlern jüdischer Herkunft und einwandfreier Qualität und schlägt gewissenhafteste Auslese vor, so daß Erez Israel einen Schatz im Haus . habe, der einen „verläßlichen Maßstab an die Hand gibt für ein jüdisches Weltbild der Kunst". Ferner spricht er sich dafür aus, daß eine Abteilung von Werken jüdischen. Gegenstandes aus nichtjüdischen Händen vorderhand fallengelassen werde. Und schließlich soll die Welt der Bibel in schönen großen Photos in einem besonderen- Raum (in Wechsel rahmen) ausgestellt sein. Wogegen Prof. Eisler sich wehrt, das ist: Durcheinander, Ueberschätzung des grob-stofflichen Charakters, Mangel der Beachtung von Qualität. Was er als Hauptprinzip angewendet wissen will, das ist: Strenge Sichtung und Klassifizierung, Beschränkung auf Werke jüdischer Künstler, höchstes künstlerisches Niveau, Man muß gestehen, daß Max Eislers Prüfung der Sachlage klärend, aufklärend wirkt -und die vom Tel- Awiwer Schreibtisch in die Welt gesetzte Museumsidee „zu einem Objekt öffentlicher Auseinandersetzung" machen könnte. Dizengoffs vollblütiger Schaffensdrang wird vor solcher Kritik ebensowenig haltmachen wie der Wille seiner Mitarbeiter, der jüdischen Kunst in Tel- Awiw ein Heim zu geben. Zweifel am Gelingen wird Max Eislers Offener Brief gewiß nicht hervorrufen; höchstens fürsorgliche Bemühung, auf daß nicht an* Stelle eines jüdischen Museums ein jüdisches Panoptikum entstehe. Aber diese Befürchtung ist nicht einmal vom gestrengen Professor Eisler ernstlich gehegt worden, Oskar Rosenfelds

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