Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 264 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 264 DIE NEUE WELT Sefte f 1 Pflicht halten, zu folgen, wie bitter es auch sein mag. Ein Ideal ist ein Ideal, ein Programm ist ein Programm, besonders bei der Jugend, und besonders bei uns Juden. Und würdest du so handeln, woi.l du dich für aufrichtigehrlich hälts, welches Recht hast du, daran zu zweifeln, daß sie, die linken Chaluzim, ebenso handeln würden? . . . Ein „entsprechendes" Element mufl man nach Palästina schicken, darüber gibt es kein Wort zu reden. Und eines der passendsten Elemente für die Kolonisation ist der junge Mann und das junge Mädchen mit den leeren Taschen. Keiner leugnet, daß in diesen zwei tiega» tiven Eigenschaften (keine Erfahrung, kein Geld) ein gewaltiger positiver Gehalt steckt: Frische, Mut, Bereitschaft zu Opfern für ihren Glauben. Aber zuerst muß man fragen, worin der „Glaube" besteht Es gibt Chaluzim und Chaluzim. Das Redt* auf hebräfedie Sprache Jerusalem, 30. September. Der High Cömmissioner von Palästina, General Sir Artur Wauchope, empfing am 26. September Herrn Israel Amikam, den Vorkämpfer der Gleichberechtigung der hebräischen Sprache mit den anderen offiziellen Sprachen des Landes. Amikam berichtete dem High Commissionor über eine Reihe von Fällen der Zurücksetzung der hebräischen Sprache, namentlich der Nichtbeförderung mit he bräischen Buchstaben geschriebener Telegramme durch die palästinensischen Telegraphenämter. General Sir Artur Wauchope erklärte, er sei Uber zeugt davon, daß der Beförderung von mit hebräischen Buchstaben geschriebenen Telegrammen, die an Orte gesandt werden, in denen es jüdische Beamte gibt, keine Schwierigk ei t e n mehr entgegenstehen werden. Es werden sich, fuhr der High Cömmissioner fort, solche Schwierigkeiten auch in jenen Orten überwinden lassen, in denen es jüdische Beamte nicht gibt. Er versprach Herrn Amikam, die Angelegenheit vor den Rat der Regierungsexekutive zu bringen. Israel Ami kam, ein früherer Angestellter des Departements für Post- und Telegraphenwesen der Palästina-Regierung, hat vor längerer Zeit der Perma-. oenten> Mandatskommission des Völkerbundes eine Petition betreffend Zurücksetzung der hebräischen Sprache im öffentlichen Leben Palästinas unterbreitet, über die die Kommission in ihrer Tagung im Oktober 1931 verhandelte. Berichterstatter war der damalige deutsche Vertreter in der Mandatskommission, Herr R u p p e 1, der sich die Argumente des Petenten zu eigen machte und etwa die folgende Schlußfolgerung zog: Die Permanente Mandatskommission hat die vom J0. Mai 1931 datierte Petition des Herrn Israel Amikam und das mit Schreiben vom 8. Juli 1931 übermittelte Memorandum der englischen Regierung zu diesem Gegenständ geprüft. Die Kommission erachtet* es nicht für angemessen, dem Völkerbundrat einen diesbezüglichen Vorschlag zu unterbreiten, aber sie vertraut darauf, daß die Mandatarmacht von Zeit zu Zeit die Angelegenheit neu prüfen wird, um festzustellen, ab die technischen und finanziellen Schwierigkeiten, die bisher die Palästina-Administration daran gehindert haben, die Weitergabe von mit hebräischen Buchstaben geschriebenen Telegrammen zu gestatten, noch bestehen. Die Kommission erwartet, daß die Mandatarmacht sie, wenn die Frage definitiv erledigt sein wird, hierüber informiert. Die Mandatskommission stimmte Ruppels Schlußfolgerung einmütig zu. Die „Protokolle der Weise« vou Zion44 im Wohlkampf München, 3. Oktober. Daß die Nationalsozialisten entschlossen sind, die antisemitische Note im jetzigen Wahlkampf stärker zu betonen, zeigt der Bericht des „Völkischen Beobachter", für den Hitler als Herausgeber verontwortlich zeichnet, über eine am 27. September im Münchener Zirkus Krone stattgefundene Wahlkundgebung, in der der Nürnberger Antisemit Julius Streicher als Hauptredner auftrat Schon in der Ueberschrift heißt es mit Bezug auf Reichskanzler von Papen: „Lächelnd schwenkte er die rote Mappe . . . die Juden als Drahtzieher." Ueber den Verlauf der Versammlung und diie Rede Streichers heißt es in der Nummer des „Völkischen Beobachter" vom 29. September: „Atemlos still wird es im Zirkusrund, al« Pg. Streicher dann darangeht, hinter die Kulissen der heutigen Politik zu leuchten, als er die Drahtzieher aufzeigt, in deren Händen auch Herr von Papen nur ein unbewußter Akteur ist. Von Treitschkes Wort, „Die Juden sind unser Unglück", geht er aus und haarscharf und mit überzeugender Eindringlichkeit weißt er die Rolle nach, die das auserwählte Volk auch in der Geschichte unserer Tage spielt. Satz für Satz holt er hervor aus den 1897 auf dem Basler Judenkongreß verfaßten Protokollen der „Weisen von Zion" und führt den Versammelten vor Augen, wie alles in Erfüllung gegangen ist, was sich das Judentum damals als Ziel setzte. Wie sich das Schicksal der russischen und der deutschen Monarchie erfüllte, die kein Ohr hatten für die ihnen gewordenen Warnungen; wie die Presse heute zu einem großen Teil genau in dem Sinne arbeitet, wie man es damals beschloß, wie auch die Regierungen der Staaten htfute großenteils genau so aussehen, wie es sich das Judentum wünschte. Jetzt ist es noch Zeit, die Dinge zu erkennen und den Schlüssel zur Rassenfrage in die Hand zu nehmen. Und mit einem flammenden Appell schließt der Redneri „Theorie und Praxis der Kolonisation." Der Schluß dieses Referats von Dr. S. S o s k i n erscheint wegen Raummangels in der nächsten Nummer. wmmmmmmmmmmmmmmmmmHmmmmmma ,Das Ziel heißt Deutschland! Macht Deutschland frei von Gift und Unrat, von all dem Fremden und FremdrassigenI Weg mit HSndlertum und Krämergeist! Sieh, die großen Geister der Führer aus Deutschlands Vergangenheit kommen herein in dieser Stunde und mahnen dich. Ein Volk erlösen, heißt den Willen des Herrgotts er füllen 1" Mächtig gepackt ist ein jeder im weiten Raum; viele sahen zum ersten Male den Vorhang weggezogen von der Tragödie ihres Volkes. In stürmischem Beifall tut sich ihr Dank kund." Das Zentrum stimmt antisemitisch Berlin, 3. Oktober. (J. T. A.) In preußischen parlamentarischen Kreisen hatte es bei allen Parteien großes Aufsehen erregt, daß am letzten Dienstag im Hauptausschuß des Landtags mit Hilfe der Zentrumsvertreter ein nationalsozialistischer Antrag angenommen wurde, der dahin geht, daß die Staatsregierung dem Landtag alsbald eine genaue Aufstellung vorlegen sollte über die beschäftigten Ausländer und Juden, sowie Uber diejenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1918 erworben haben. In der preußischen Zentrumsfraktion selbst ist man mit der Haltung der Parteivertreter im Hauptausschuß durchaus nicht einverstanden. Man „entschuldigt" die Zustimmung der Zentrumsabgeordneten zn dem Antrag damit, daß diese sich von den Nationalsozialisten hätten überrumpeln lassen und der politischen Tragweite ihrer Haltung sich im Augenblick der Abstimmung nicht bewußt gewesen seien. Bedauerlicherweise habe der in Kulturfragen maßgebende Zentrumsabgeordnete Dr. Lauscher an der Sitzung nicht teilnehmen können, sonst wäre die Haltung der Zentrumsvertreter sicherlich eine andere gewesen. Wie die J. T. A. erfährt, wird bei der endgültigen Abstimmung im Plenum des Landtages die Stellungnahme des Zentrums zu dem antisemitischen Antrag einer Revision unterzogen und dieser dann abgelehnt werden. Die Legende vom „Judenwucher'* in Polen Die nationaldemokratische polnische Presse benutzt als eines der Hauptargumente ihrer antisemitischen Agitation die Legende, daß die Verarmung des polnischen Bauern auf seine Auswucherung durch Juden zurückzuführen ist. Diese Legende wurde auf Grund einer von einer Regierungskommissi o n durchgeführten statistischen Erforschung der Bauernverschuldnng griiudlich zerstört Das offizielle Organ des polnischen Wirtschaftsministeriums „Polska Gosdorcza" (Das wirt» schaitliche Polen), teilt nun das Resultat dieser Untersuchung mit Danach setzen sich 60 Prozent aller Gläubiger der ärmeren Bauern ans reicheren Bauern zusammen, lediglich 12 Prozent der Bauerngläubiger sind Juden. Aber auch diese sind in der Hauptsache nicht etwa Geldverleiher, sondern Kaufleute, die den Bauern Waren auf Kredit gegeben haben. Für Schulden an jüdische Kaufleute zahlt aber der Bauer keine Zinsen, so daß diese Verschuldung keineswegs zu seinem Ruin beiträgt Dag erwähnte Wirtschaftsorgau der Regierung sagt offen heraus, daß der reiche Bauer den armen Bauern auswuchert; es kommt vor, daß ein Bauer vom anderen 290 Prozent Zinsen im Jahre nimmt. Numerus clausus an den Mittelschulen Karpathorußland« Prag, 3. Oktober. Wie der J. T. A. aus Xarpathorußland berichtet wird, ist in diesem Herbst an den tschechischen'und ruthenischen Mittelschulen in Karpathorußland bezüglich der Aufnahme jüdischer Schüler ein ausgeprägter Numerus clausus" praktiziert worden. Trotzdem sich Hunderte jüdischer Schüler für niebtjüdische Schulen meldeten (das hebräische Gymnasium in Mukacevo ist überfüllt), wurden nur sehr wenige aufgenommen, an manchen Schulen kaum 1 Prozent. An. der tschechischen Lehrerbildungsanstalt wurden von 30 zur Aufnahmeprüfung zugelassenen Juden 5, an der ruthenischen Lehrerbildungsanstalt von über 30 jüdischen Werbern kein einziger aufgenommen. An der erstgenannten Anstalt gibt es unter 200 Schülern 10, an der letztgenannten fast gar keine Juden. Der Lehrberuf bleibt systematisch Juden verschlossen. Die Juden in der Sowjetregierang Nachstehend ein Kapitel aus dem soeben erschienenen Buche jDas rote Rußland" von Theodor. Se i b e r t Verlag Knorr und Hi'rth, Mühchen. — Der Verfasser, ein Nichtjude, hat jahrelang Sowjetrußland im Dienste großer deutscher Tageszeitungen bereist. Rund ein Jahrzehnt lang waren weite Kreise der nichtru&sischen, aber auch der russischen Welt davon überzeugt, daß die bolschewistische Revolution von den russischen Juden „g e m a c h t" worden sei und daß die Juden im S o w j e t s t a a t r e g i e r t e n. Erst der Aufstieg des Kaukasiers Stalin zur unumschränkten Macht hat diese Vorstellung in den Hintergrund treten lassen. Aber auch heute spukt der „jüdische Bolschewismus", besonders in den Köpfen jener merkwürdigen Leute, für die Wilhelm II., neben 99 Prozent aller anderen prominenten Europäer, ein Jude oder Judenstämmling ist. Die vielbeschriebene bolschewistische Judenherrschaft hat es nie gegeben. Lenin war nicht Jude, sondern Sprößling einer Familie des russischen Kleinadels; er hatte seiner Physiognomie nach, wie viele russische Aristokraten, etwas tatarische Blutbeimischung. Die bolschewistische Revolution aber war allzu sehr Geistesprodukt ihres Vaters .Lenin, als daß sie, im Widerspruch zur Art Lenins, jüdischnationalen Charakter hätte tragen können. Die Vorstellung vom Ueberwiegen des Judentums im frühbotschewistischen Rußland entstand natürlich nicht ohne jeden Anlaß. Tatsächlich hat das jüdische Element in der bolschewistischen Führerschaft bis vor wenigen Jahren einen Prozentsatz eingenommen, der in keinem Verhältnis zur allgemeinen Zahl der Juden im russischen Nationalitätenstaate stand. Diese Erscheinung erklärte sich aber sehr einfach daraus, daß das russische Judentum zur Zarenzeit die bei weitem am stärksten bedrückte Nationalität war und daß die j ti d isehe Intelligenz den revolutionären Parteien infolgedessen besonders viele Führer gab, die vermöge ihrer hohen politischen Geschicklichkeit sich auch entsprechend in Szeue zu setzen wußten. Der bolschewistischen Partei schlössen sie sich in besonders großer Zahl an, weil diese die einzige wahrhaft internationale, von großrussischen Vorurteilen nicht befangene Partei war. Historische, Objektivität.gebietet ai"-1'.festzustellen, daß die Greuel der Revolution vorwiegend jüdischen Bolschewiki in die Schuhe .ieben sind, wie es vielfach geschieht. Obwohl die Juden in den ersten Jahren des Bolschewismus zahlenmäßig fast Überall dominierten, ist es den breiten Massen des russischen Judentums um keln Haar besser ergangen eis allen tnderen Volksstämmen. Der bolschewistische Klassenkampf richtete sich genau so gegen den Jüdischen Hindier wie gegen den russischen und türkischen, die Kirchenverfolgung traf die Rabbiner und Synagogen nicht weniger schwer als die orthodoxen Popen und protestantischen Pfarrer, die christlichen Kirchen und Kathedralen. Um nun die theoretische Einstellung des Bolschewismus zum russischen Antisemitismus verständlich zu machen, ist es notwendig, einen Blick auf die Lage;des Judentums unter der Regierung der letzten beiden Zaren ztf werfen. Schon zur Zeit Alexanders III. hatte sich das Verhältnis zwischen Regierung und jüdischer Minderheit verschlechtert Bemühungen modernerer Staatsmänner wie z. B. des Grafen Witte, die Ausnahmsigesetze gegen die Juden langsam abzubauen, stießen auf offenen. Widerstand des reaktionären Beamtenklüngels und auf völlige Verständnislosigkeit, ja auf direktes persönliches Mißtrauen der Krone gegen die Loyalität des Reformators. Die Ausnahmsgesetze waren kraß genug: Die Juden durften sich nur in einigen westlichen Gouvernements (Polen, Weißrußland, Ukraine) ansiedeln, sie konnten kein Grundeigentum erwerben und nicht in den Staatsdienst eintreten; die Zahl der jüdischen Studenten an den Hochschulen durfte 5 Prozent nicht Überschreiten. Aber diese Zustände waren noch rosig gegenüber der Judenpolitik unter Nikolaus IL, in der zur formalen Entrechtung des Judentums auch andauernde und blutige Verfolgungen traten, die von der Regierung zur Zeit des Innenministers Plehwe sogar provoziert und gefördert worden sind. Der Zar hat diese Schandtaten zwar nicht ausdrücklich gebilligt, sie aber, wie wir aus handschriftlichen Aktenvermerke)» yissen, geduldet Da der Bolschewismus grundsätzlich alles umgekehrt macht wie es früher gemacht worden ist, war es selbstverständlich, daß er den Antisemitismus mit größter Entrüstung ablehnte und als eine der „scheußlichen Grimassen der allein Zeit" verpönte. Mit Lenins Tod tritt in der Einstellung der bolschewistischen Partei zum Antisemitismus eine A e nderung ein. Ganz allmählich beginnen die jüdischen Bolsch e w i k i von den weithin sichtbaren Posten zu verschwinden. Anfänglich hatte man den Eindruck, daß das lediglich eine Konzession an die Volksstimmung war; noch saßen ja in den Machtpositionen der Partei berühmte Juden wie S i n o w j e w und Kamenew, als Trotzki, R.adek und Genossen bereit8 in Opposition gegangen und in Ungnade gefallen waren. Als aber, um 1925/26, auch die Sinowjew-Kamenew-Gruppe in die oppositionelle Kampffront eintrat und das Bild des nach der Alleinherrschaft strebenden Stalin sich schärfer abzeichnete, nahm die Personalpolitik des Kreml einen geradezu antisemitischen Charakter an. Ich durchschaue heute noch nicht rcHit. * stehe, was Wirkung war — u- '"ifüiu i<,u,. ..-i-