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Die neue Welt · 1932-10-07 · Heft 264 (7.10.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 264 (7.10.1932)
Date
1932-10-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 264 DIE NEUE WELT Seifa S 1 Elisabeth Bergner in Der träumende Mund mit Rudolf Förster Regie: Paul Czinner Täglich: Busch-Kino, II. / Kärnfn«r»Klito91. Burg-KIno, I. / Rotenturm-Klno, I. Haydn Kino, VI. / Helmat-KIno, IX. mmmmmm Ein Matador-Flltn im Vctleih der „Mondial" wmmmmm Schande und nach Erkämpfung von Recht. Es war Zolas Zeitgenosse, diesen großen Kämpfer um zwei Jahre überlebend: Theodor Herzl. Auch Herzl hatte sein „j'accuse'4 geschrieben, zwei Jahre vor Zola — den „Judenstaat". Auch durch ihn offenbarte sich eine jüdische Verantwortungsgemeinschaft, eine solche aber, die aus einem andern Punkt zu verstehen war: Kann die Schmach der Judennot getilgt werden? Auch e r machte vom Juden Dreyfus nicht viel Aufhebens. In seinem „Judenstaat" kommt das Wort Jude nicht vor. Er kämpfte nicht für den Juden, sondern für das ganze jüdische Volk. Und darum war das über alle Länder der Galuth reichende Gefühl, das in der jüdischen Verantwortungsgemeinschaft seinen Ausdruck fand, ein positives, aktives, fruchtbares; es war das sichtbare Sich-zusammenschließen zu einer Aufgabe, die nicht nach Lösung akuter antijüdischer Spannungen seinen Inhalt und Sinn verlor. Es war der politische Zionismus und «eine Kristallisation im .' udenstaal 50 Jahre nach Zolas Tod findet die Fixierung dieser historischen Perspektive wieder aktuelle Berechtigung. Das „J'accuse', mit dem das liberale Judentum allerorts den Weltantisemitismus von Zeit zu Zeit vor die Schranken des Weltgewissens zitiert, beantwortet der Zionismus Herzls täglich mit dem Aufbau des jüdischen Palästina. —or. Enthüllungen Holsteins über Deutschlands Rolle in der Affäre Dreyfus — Fürst Bülow gab aus Furcht »vor den Antisemiten im Reichstag eine aus weichende Erklärung Zur Zeit der Affäre Dreyfus erwartete die Welt Von einer klaren Erklärung der deutschen Regierung eine Erledigung der unglücklichen Affäre, aber erst im Jänner 1898 grab im Reichstag, dessen Präsident damals Albert von Levetzow war, auf eine Anfrage des Abgeordneten Richter der Staatssekretär eine unvollständige Erklärung ab. Verschwiegen wurde es insbesondere, daß der deutsche Militärattachö in Paris von Schwartzkoppen mit dem französischen Major Esterhazy, dessen Schuld Dreyfus zu tragen hatte, in Verbindung stand. Jetzt veröffentlicht die „B. Z. am Mittag" unter anderen Briefen des verstorbenen einst einflußreichsten deutschen Diplomaten Holstein einen Berlin, 25. Dezember 1897, datierten Brief an Holsteins Cousine, der die folgenden Stellen enthält: „Neulich sah ich, zum erstenmal seit langen Jahren, Levetzow mal wieder, und zwar beim Reidiskanzler. Es handelte sich um eine Interpellation über den Fall Dreyfus, die sehr zum Ruhme Deutschlands gelaufen wäre, denn wir sind in der Lage zu erklären, daß wir nie direkt oder indirekt mit Dreyfus zu tun hatten." „Diese Erklärung hätte voraussichtlich zum Sturze der jetzigen, in Petersburg angenehmen, französischen Regierung geführt. Aber — AI bertchen wollte nicht interpellieren (!). Ich vermute, es war von seiner Seite Furcht vor den Antisemiten. Für Deutschland war das aber gar keine antisemitische, sondern eine nationalnützliche Frage. — Na, es ist jetzt vorbei, die Gelegenheit nämlich." Wahlen in die Wiener ludengemeinde Im Zeichen Theodor Herzls Am 4. Dezember sollen die Wiener Juden ihre Vertretung wählen, den Gemeindevorstnnd. Die Zahl der Juden, die an Wahlen zur Judengemeinde mit wenig wohlwollender Gleichgültigkeit vorübergehen, ist eine ganz große. Ist es doch den wahlwerbenden Parteien bisher nicht gelungen, auqh nur insgesamt fünfzig Prozeut der Wahlberechtigten zur Urne zu bringen. Was ist diesen Unwilligen und Gleichgültigen die Judengemeinde? Eine alte, verstaubte Einrichtung in einer Seitengasse, von welcher unangenehme Steuervorsehreibungen ausgehen, die man aufsuchen muß, um Hochzeiten und Begräbnisse zu bestellen und zu bezahlen. Viele Jahrzehnte hindurch war die Besetzung der Vorstandsposten der Wiener Judengemeinde die Angelegenheit einiger Familien und halbpolitischer Tischgesellschaft en. Einen Kampf um die Judengemeinde gibt es erst seit Theodor Herzl. Er war es, der die Wichtigkeit dieser einzigen, den Juden gesetzlich zuerkannten Interessenvertretung und Repräsentanz erkannte, ihre große Bedeutung, im Guten und Schlechten. Er gab die Parole aus, in nationaljüdischem Geiste um die Judengenieinde zu kämpfen und sie zur Volksgemeinde zu erheben, mit der großen Aufgabe, die staatsbürgerlichen, nationalen und religiösen Rechte der Judenschaft und des einzelnen Juden zu wahren, der Abermals der aller erste Haupttreffer der Klassenlotterie mit einem Sdtelhammer-Los gewonnenf Der erste Haupttreffer der am 4. ds. abgelaufenen österreichischen' Klasserilötterie im Betrage von S 30<K00(h — wurde abermals wie schon so oft mit einem vom Bankhause Sdhelhammer & Sdiaflera Wien, I., Steohansplatz Nr. 11 verkauften Los gewonnen und an acht glückliche Gewinner zur Auszahlung gebracht. Wieder waren es acht durchwegs kleine Leute, die je */s des Schelhamnier-Glücksloses Nr. 82122 besaßen, und zwar: Ein arbeitsloser Baupolier, eine verarmte Kawfmannswitwe, ein Vertreter, der mühsam sein Brot verdiente, zwei kleine Beamte und drei Angehörige des Arbeiterstandes, die de« Haupttrefferglückes teilhaftig wurden. Fünf der Gewinner sind in Wien und drei in den Ländern ansässig. Nicht wahllos hat Fortuna das Glück verteilt. Die acht Gewinner von je S 37.500.— haben alle auf ihr Glück schon sehnsüchtig gewartet und werden mit diesem Betrage ihre derzeitige Lage verbessern oder sich eine neue Existenz gründen. Außerdem wurden im Laufe dieser Lotterie noch viele Gewinne von 20.000, 10.000, 8000, 6000, 4000 und 2000 Schilling mit Schelhammer-Losen gewonnen. LILIAN HARVEY WILLY FRITSCH WILLI PORST in EIN BLONDER TRAUM fiMiiiiniitiiiiiiiififiiiiiiiiiiiifiiiw f In QroBtilm dar erlch-Pommar-Produktlon dar Uta von Walter Relsch und Billie Wilder Mutlkt W.R. Heymann Ragtet Paul Martin Produktionsleitung des Films: Ebern. Klagemami^ TugHch. s C A L A feindlichen Umwelt eine geschlossene Judensohaft entgegenzustellen, vor allem aber der großen Gefahr der Entfremdung der Jugend zu begegnen, dia jüdische Jugend fest, unlöslich an die jüdische Gemeinschaft zu bindenI Heute tritt die Bedeutung der Herzlschen Worte klarer in die Erscheinung als je, und klarer als je erweist es sich heute nach fünfundzwanzig Jahren, daß Theodor Herzl nicht für seine Zeit gesprochen hat, sondern für alle Zeiten. Von außen her ist ein konzentrierter Angriff gegen das Judentum im Gange, dem die politische und wirtschaftliche Vernichtung des einzelnen Juden und der Judenschaft zum Ziel gesetzt ist. Man begnügt sich nicht mehr mit der Zurückdrängung, man will die Vernichtung. Man beschränkt sich nicht mehr auf Mittel, die der „Zivilisation" noch. Rechnung tragen. Man bekennt sich offen zur brutalen Gewalt, zum Pogrom. Der konzentrierte Angriff trifft eine innerlich geschwächte jüdische Gesellschafi Die Wucht der politischen Attacke und das wirtschaftliche Elend haben zermürbend gewirkt. Verzagtheit macht sich breit, Verzweiflung, die in der Flucht aus dem. Judentum das einzige Heil sieht. Insbesondere unter der Jugend, Unter diesen allerschwcrsten Bedingungen findet die Wahl der Führung der Wiener Judengemeinde statt. Vielleicht bringt dieser Umstand die Wähler zur Erkenntnis von der Wichtigkeit dieser Wahl und rüttelt sie aus gefährlicher Interesselosigkeit und Verzagtheit auf. Um so mehr, als diesmal die Frage an die Wählerschaft klar gestellt werden wird: Soll die Führung der Gemeinde im Sinne liberaler und sozialdemokratischer Assimilation vor sich gehen, welche im Vertuschen, im Ausweichen, in schwächlicher Nachgiebigkeit das Heil sieht, welche alle jüdischen Werte preiszugeben bereit ist, jeden Versuch der wirtschaftlichen und politischen Selbsthilfe ablehnt, die Jugend nicht nur widerstandslos gehen läßt, sondern sie bewußt fremden Organisationen zuführt und damit dem Abfall vom Judentum, die sich! in Zeiten schwerster jüdischer Not darauf beschränken will, Steuern einzuziehen und Friedhöfe und Bethäuser zu erhalten. Oder soll die Judengemeinde umgestaltet werden, wie Theodor Ilerzl es wollte, zu einer Organisation, welche auf allen Gebieten des jüdischen Leben« sammelnd und helfend wirkt, das Judentum nach außen würdig und wirksam vertritt, um die seelische und wirtschaftliche Not der Juden besorgt ist, die jüdische Jugend dem jüdischen Volke rettet und so das Judentum vor schmählichem Untergange, vor dem Zerfall bewahrt? So wird am 4. Dezember die Frage gestellt sein. Hoffentlich! wird der jüdische Wähler nicht den traurigen Mut finden« ihre Beantwortung abzulehnen, der Wahl fernzubleiben. Feiger Uebcrfall auf einen jüdischen Kaufmann in Krems. Aus Krems, Niederösterreich,, wird der „Neuen. Welt" berichtet: Der hiesige Produktenhändler Arthur Rcphan wurde am 27. September, gegen it Uhr abends, am Heimweg in der Stadt (Obere Landstraße) nächst dem Hotel „Z u r a 11 e n Post" von einer Horde von zirka 20 Hakenkreuzlern in heimtückischer Weise überfallen und blutig gesehlagen. Die feige Meute ließ ihn zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite Namen „Zion". So hatte Dr. Schnirer eigentlich den ganzen österreichischen Zionismus zusammengefaßt, noch bevor Herzl aktiv auftrat. Dadurch wurde eben Herzl bewogen, an die Spitze der schon fertigen jüdischnationalen Organisation zu treten. Unter Herzi war dann Dr. Schnirer Vizepräsident der zionistischen Weltorganisation, bis ihn sein ärztlicher Beruf' zwang, vom politischen Leben zurückzutreten. Dr. Rüben B i r e r war der Ap o s t eY der Wiener Zionisteu in Galizien und in der Bukowina. Er brachte den Zionismus von Wien dorthin und machte Galizien und die Bukowina zum Hauptzentrum des Zionsgedankens der ganzen Welt. Wie Dr. Schnirer als Organisator, so zeichnete sich Dr. Nathan Birnbaum als geistiger Führer und Redner aus. Nicht umsonst nannte man ihn den Vater des österreichischen Zionismus. Kaum zwanzigjährig, gründete er im Jahre 1885 eine jüdischnationale Halbmonatsschrift „Selbstenianzipation", in der er seine Gedanken über die neue Renaissauce des jüdischen Volkes niederlegte. Er war der unermüdliche Agitator und Verbreiter des jüdischnationalen Gedankens. Wenn er auch heute nicht mehr dem Zionismus angehört, so hat er sich doch gewaltige Verdienste um den Zionismus erworben. Diese drei Männer haben ein Stück Geschichte geschaffen. Eines muß gesagt werden: Ohne „Kadimah'\ ohne die Vorarbeit dieser Männer hätte Herzl niemals die Zionistische Weltorganisation schaffen können« , der jüdischnationalen Idee. Es fanden sich auch Männer, die im politischen, publizistischen, literarischen und öffentlichen Leben eine große Rolle spielten und mit allem Eifer die „Kadimah", später auch die anderen jüdischnationalen Vereine unterstützten. Die „Kadimah'* bildete eine Elitetruppe und ihre Begründer waren auch zugleich die ersten Persönlichkeiten, die die neue Richtung hervorgebracht hatte. Wenige Jahre hindurch war die „Kadimah" der einzige Verein mit jüdischnationalem Charakter, um den sich die jüdischnationale Studentenschaft und Absolventen scharten. Von dem jüdischen und nicht jüdischen Bürgertum verspottet und nicht ernstgenommen, verstand sie es doch, sich durchzusetzen. Die Studenten an der Universität waren in zwei Lager gespalten. Jn dem einen Lager standen die arischen, in dem anderen die jüdischen Studenten. Die sozialdemokratischen und katholischen Studenten waren damals noch nicht zahlreich. Bei den Liberalen fanden die jüdischen Studenten keinerlei Unterstützung. So sah sich die „Kadimah" gezwungen, auch mit der Waffe in der Hand an den Wiener Hochschulen für ihre Ideale einzutreten. Sie wurde im Jahre 1888 „schlagend" und zerstörte so die Legende von der jüdischen Feigheit. Das hatte aber für die „Kadimah" selbst sehr verderbliche Folgen. Die „Kadimah", der Verein mit großartigen Idealen, auf hoher geistiger Stufe stehend, wurde bald ein Verein der Raufbolde, gleich den anderen Verbindungen, Sie verflachte, Schnirer and Birnbaum wandten sich von ihr ab. Doch blieb die „Kadimah" der führende jüdischnationale Verein in der ganzen damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, Die anderen Vereine sind eigentlich aus der „Kadimah" hervorgegangen. Später, unter Her-zl, hatte die „Kadimah" noch einigemal Gelegenheit, hervorzutreten. Vor allem war sie es, die Herzls zionistische Wege begleitete. Die „Kadimah" war in der Folgezeit in zweierlei Hinsicht für den Zionismus von Bedeutung. Erstens durch ihre jüdischnationale Tätigkeit. Von ihrem Beispiel angezogen, erfolgten in aller Welt Gründungen von jüdischnationalen Vereinen. So wurde sie einer der Hauptfaktoren des neuen Gedankens. Anderseits war sie eine Schule für jüdischnationale Persönlichkeiten, aus deren Mitte dann die Hauptträger des Zionismus hervorgingen. Wohl die bedutendsten unter ihnen waren damals Dr. Maurice Schnirer, Dr. Rubin Birer und Dr. Nathan Birnbaum. Schnirer, der erste Präses der „Kadimah", entwickelte ein ungeheures organisatorisches Ttient. Er war der geborene Führer in allen zionistischen Unternehmungen, organisierte die verschiedenen Fesitabende, schaffte Geld, regte die Gründung anderer jüdischnationaler Vereine an. Er war auch der Gründer des Palästinavereines „Admath Jeschurun'\ übernahm später auch dessen Leitung, vereinigte dann im Jahre 1892 sämtliche Palästina-Vereine der österreichisch-ungariechen Monarchie tu einer Organisation unter dem

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