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Die neue Welt · 1932-10-07 · Heft 264 (7.10.1932) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 264 (7.10.1932)
Date
1932-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT VNr. W geschehen? In Amerika! In einem Land mit fast « Millionen Juden,'unter denen es so viele MillionÄre gibt, so viele reiche Menschen, die in der Lage Wären, einen Beitrag zu leisten für die Summe, die man zur Ueberfiihf ung« von Boris Schatz nach Eres Israel benötigt Nicht zu vergessen, daß Boris Schatz nicht etwa ein einsamer Künstler irgendwo in einem versteckten Winkel gewesen ist, sondern mitten im jüdischen Leben, und seine Arbeit ein Teil der nationalen Renaissance in Palästina." Und zu einem gewissen Teil des amerikanischen Judentums gewendet: „Wo sind die Menschen, die das jüdische Bewußtsein und den jüdischen Stob: wecken? Und wo sind die Menschen, die einen warmen Winkel in ihrem Herzen für das jüdische Palastina haben?" Dieser Schmerzensausruf gilt, wie gesagt, eurem gewissen Teil des. amerikanischen Judentums. Vielleicht gar den Herren von der erweiterten Jewish Atfency? Jenen Herren, die im April 1.929 mit einer goldenen Feder einen Vertrag unterschrieben und die Verpflichtung; übernommen haben, ihr goldenes Herz dem jüdischen Palästina zu weihen? Millionen Dollar gehen alljährlich aus jüdischen Agency-Taschen nach Moskau — fürBiroBidschan. Au« .welchem Departement deerweiterten Agency- Herren? Wir haben seinerzeit von den reizendsten Departements gelesen: für Radio, Gefängnis, Seelentherapio und andere Belange. Wäre der Fall Boris Schatz nicht gar so tragisch, könnte man der erweiterten Agency empfehlen, ein Departement für Leichentransporte nach Palästina einzurichten . . . o. r. Jörn Hakippurim Jom Hakippüritn pocht wieder an unsere Tür. Welch magische Kraft wohnt ihm inne? Wie sehr fühlt sich jeder Jude in seinem Bann gefangen? Es ißt ein Gottesruf zur Einkehr, er will uns ein Wegweiser sein für das kommende Jahr, Heimkehr zu Gott und zum IcK Feierstunden der Selbstbesinnung sollen nicht in unklaren Stimmungen zerfließen. Man lest eich nichj vom Alltag los, um ungewandelt wieder in ihn einzugehen. Unterstellen wir uns also dem Ruf dieses hochheiligen Tages, vertiefen wir uns in seine Mahnungen in und Lehren, auf daß wir, innerlich gestärkt, den We§ ■"dui^w 'Jdlbr'anliefen "tähnbu;'''''' ' •Nach altsynagogalem Brauch wird am Jörn Hakipphrim beim. Minchagebet, als Haftarah das B u c h Jona Wetterharte Menschen fürchten keinen Regen, keinen Stürm, keine Anstrengung, denn sie vewenden ständig?ur PfUge und zur Stählung ihres Körpers den '! ' vielfach bewähl ten FRANZBRANNTWEIN «ilt Menthol Kräftigt durch tägliche Einreibungen (Massagen) Muskeln und Sehnen, erhöht Elastizität und Ausdauer, ertüllt mit verjüngender Fri-ehe Ebenso wertvoll zur Mund* und Haorpll«g« in j«d«m besseren Qeschülie ertiBltllch Verlangen Sla ausdrttoklfoh ,,D I A N A" und ......nenmen Sie nur ,.0IANA*! i Mlnderwvrtive' NtebahmnnK«n Bind eeerglsch zurückzuweisen gelesen. Man weiß, daß der Prophet Jona den göttlichen Befehl erhalten hat, nach Ninive zu gehen, um dortselbst den Untergang der Stadt zu verkünden} und daß Jona versuchte, dem göttlichen Auftrag zu entgehen. Als der Versuch mißlang, erhielt Jona abermals den gleichen Auftrag. Wir werden wohl sicherlich annehmen können« daß die«« Erzählung zu den unverständlichsten der Heiligen Schrift gehört Mit Fug und Recht muß gefragt werden: Wie konnte Jona, der „ein Mann Gottes" war, den Gott zu seinem Sendboten erkor, auf den Gedanken verfallen, sich dem göttlichen Auftrag entziehen zu wollen? Hiebei drängt sich auch noch ungestüm das Befremden darüber auf, daß der Ewige den Propheten Jona ein zweitesmal mit der gleichen Mission betraute. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß der Ewige selbst ihm darob nicht gegrollt habe — ein Umstand, der um so mehr auffällt, als Gott gerade gegenüber denen, die ihm nahestehen; besonders streng vorgeht und von ihnen restlose Pflichterfüllung fordert „Durch jene, die mir ' nahestehen, will ich geheiligt werden"; heißt es im Gbttcsbuch. „Der Allgepriesene, gelobt sei Sein Name, zieht den Gerechten bis auf Haaresbreite ins Gericht", betonen' mit Nachdruck unsere Weisen. Allein« all das erscheint in einem andern Licht, wenn wir uns darüber klarwerden, unter welchen poli- Neuerßffnet« 180 PWPKCHE b. DiflTETIttHE KOCHE Wien ll< I. Sperlgasse I, <ir. Sperlgasse I Sämtliche Speisen werden, mit Naturbutter zubereitet. Ein Versuch wird Sie von meiner guten Küche und Bedienung überzeugen. Angenehmer Autenthalt tischen Verhältnissen Jona gelebt und gewirkt hat. Wir kommen;hjier zu einem puderen;;;Ergebnis, .wenn, wir den Beweggrund zu diesem seltsamen Schritt des Propheten kennenlernen w eine Deutung,; die unseres Wissens bisher von keinem Bibejkommentator versucht wurde; Jona lebte Hin Reich Israel unmittelbar vor dessen Untergang durch das, Reicjj. Assyrien „miit< seiner Hauptstadt Ninive. Mit der, Beantwortung der ersten Frage ist - die Lösung der zweiten, das Motiv ,der 'Handlung, gegeben. Nur die außergewöhnUche unbegrenzte Liebe zu seinem Volk, der er altes ändere unterordnete, veranlaßte Jona,, dort , haltzumachen; wo es sich um den Gehorsam giegen, Gpjtt ^ad^^)v^rj^nnte;;4oe^..d^i;^rqr phet mit seinem Seherauge, .welche Gefahr dem Reich Israel von Assyrien dVohte, und er wollte unter keinen Umständen eine Handlung begehen, die dazu beitragen könnte, das assyrische Reich auf das Unheil, das ihm duretfij^ aufmerksam zu machen. Und auch' zuletzt konnte er seinen Schmerz über die Schonung Ninives, zu der er durch seine Verkündigung beigetragen hatte, nicht unterdrücken, indem er ausrief;. „Und nun, Ewiger, nimm doch meine Seele von mir, denn ich ziehe den Tod dem Leben vor!" Und diese erhabene Liebe war es, die .den Propheten Jona vor dem Mißfallen Gottes schützte. So erkennen wir den tiefen Sinn, der der Anordnung unserer Weisen zugrunde, liegt den tiefen Sinn der Jom Hakippurim-Haftarah. Gerade die Geschichte des Propheten Jona zeichnet uns den Weg für unsere Haltung in religiös-volklicher- Beziehung: Völkeswohl über allem! Zumal in unseren Tagen, da Wellen von Haß über uns zusammenschlagen und da die Bereitsdiaft am Dienst fürs Volk, für Gott und Religion so stark erschüttert worden ist Jom Hakippurim sei uns der Tag der Einkehr, des Willens zur Einigkeit, des.Gefühls der Zusammengehörigkeit, des gemeinsamen Handelns zur Gesundung unseres nationalen Seins. Rabb. Prof. Dr. Bernhard Templer. Jüdische Verantwortung^ gemei'nsdiaft Zolas „J'accusc" und Herzls „Judensteat" Wien, Anfang Oktober. Um das Jahr 1900 hing in hunderttausenden jüdischen Stuben ein gerahmtes Tableau, das fünf photographierte Bildnisse zeigte; keine Männer der jüdischen Geschichte, keine Rabbinen und Gelehrten, keine Familienporträts. Es waren Figuren, die ein militärischer Strafprozeß in Frankreich in da» Licht des Tages gestellt hatte: der Major Alfred Dreyfus und sein Bruder Mathieu, der Verteidiger Maitre Labori, der französische Oberst Piquart und der Romanschriftsteller Emile Zola. Menschen jener Generation werden sich der Erschütterung erinnern, die unter dem Namen „Dreyfus-Affäre" halb Europa. erfaßt hatte — bis plötzlich Zolas Brief an den Präsidenten der. französischen Republik, das seither sprichwörtlich gewordene „Jaccuse", den Atem vieler Millionen Menschen, Juden und Nichtjuden, stocken machte. Zola, bisher als Verfasser sozialer Romane bekannt, klagte das französische Militärgericht;an, den unschuldigen Dreyfus wegen Hochverrats verurteilt zu haben, um die eigenen Schurkereien zuvertuschen. „Dreyfus kann nicht unschuldig z u r ü c k k o m m e n, o h n e daß der ganz e Genieraistab als schuldig, verurteilt erscheint!" Auf der einen,Seife ein jüdischer Offizier, auf der andern Frankreichs Stolz und Ehre: das Heer; und gleichzeitig die Bildung der beiden Fronten: Dreyfusards und Anti-Dreyfusards! . Was damals dumpf gefühlt wurde, ist seither — 33 Jahre nach dem Erscheinen des ,J'accuse'* und 30 Jahre nach Zolas Tod — klare Erkenntnis geworden: Jüdische Verantwortungsgemeinschaft! Während der Prozeduren des Kriegsgerichts und all der militarjuristischen Verfahren, die bis zu Dreyfus' Freispruch führten, während der längen Jahre der Ungewißheit .über Dreyfus' Schuld oder Schuldlosigkeiten, während der unerbittlichen anti jüdischen Hetze der monarchistisch-klerikalen Kreise in Frankreich, fand sich die,gesamte Judenhe^t in dem Bingen;ob Dreyfus'. Schicksals zusammen, das . aus ei n.e.m;Punkte .zu verstehen.; war^ .Ist der- J u d e ^Dreyfus ein Verräter, £Kanner. „e^. senr^ Jsi nicht s e i n Verrat eine Schmach für aj 1 e Juden? Zola mächte vom Juden Dreyfus nicht viel Aufhebens. In seinem „Jaccuse" kommt das Wort Jude überhaupt nicht vor. Zola' kämpfte für die Würde der französischen Republik, nicht für den Freispruch eines unschuldig gebrandmarkten Juden. Und während er durch die Straßen von Paris schritt, das über die Schande Frankreichs empörte Blut in seinen Schläfen hämmerte und schließlich den Appell an den Präsidenten der Republik, an ganz Frankreich gebar, offenbarte sich plötzlich die Existenz eines über alle Länder der Galuth reichenden Gefühls, das wir oben Verantw.ortungsigemeinschaft genannt haben; Es war ein negatives, passives, unfruchtbares Bewußtsein;, es war ein unterirdisches $ich-zusammenschließen angesichts einer Gefahr, verurteilt,, bei Lösung der Spannung sich zu verlieren; es war ungefähr derselbe Zustand, den wir heute angesichts des,Weltantisemitismus bei zahlreichen jüdischen Gemeinschaften feststellen können. , Aber während Emil Zola durch die Straßen von . Paris eilte, mit der Formulierung seines „J'accuse" beschäftigt, brannte das Herz eines anderen Mannes in. Paris voll Glut, Erbitterung und fieberischer Selbstreinigung nach Erlösung von Kadimah Zur Feier den hundertsten Semesters Von Dr. Moses Landau Als der Verein „Kadimah" im Frühling 1883 sein erstes Semester eröffnete, glaubte niemand,' daß damit auch für das jüdische Volk eine neue Aera angebrochen •war. Allerdings gab es Menschen, die von der historischen Mission der „Kadimah" überzeugt waren, und das waren ihre Gründer, die Studenten Nathan Bim* bäum, Maurice Schnirer, Israel Niemzo witsch und Dr. Rüben Bi'rer. Man konnte es aus ihren stolzen Reden vernehmen, daß sie sich berufen fühlten, ein neues Judentum zu schaffen. Schon der Name „Kadimah". den Perez Smolerisky dem neuen Verein gab, deutete die Richtung ihrer Bestrebungen an: „Nach O s t e n" (Palästina) und „V o r w ä r t s'\ Der Verein hatte sich drei Ziele gestellt: t. Bekämpfung der Assimilation, 2. Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur und 3. Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Der stolze Aufruf, den der erste Präses der „Kadimah", stud. med. Maurice Schnirer, erließ, lautete. „Stammesgenossen! Seit achtzehn . Jahrbunderten, seitdem das jüdische Volk seine Selbständig' keit verloren hatte, ist es unaufhörlichen Verfolgung gen ausgesetzt, deren Ziel der Untergang des Judentums ist. In diesem Bestreben werden unsere Feinde leider nur zu sehr von unseren Stammesgenoseen selbst unterstützt Der Indifferentismus im Innern des Judentums wetteifert mit den Feindseligkeiten von außen in der Bemühung, dieses Ziel zu erreichen. Unseren Feinden gegenüber können, wir uns nur defensiv verhalten; dem Indifferentismus aber muß, entgegengewirkt werden. Dieser Aufgabe hat sich der in Wien neugebildete akademische Verein .Kadimah' unterzogen, der den Zweck hat, die geistigen Güter des Volkes zu erhalten und zu pflegen. Denn nur aus den reichen Schätzen der jüdischen Literatur wird die Jugend Liebe zum jüdischen Volk lernen und nur aüs den unerschöpflichen Quellen der Geschichte des Judentums wird sie nüUlicb« und fruchtbringende Lehren für die Zukunft des jüdischen Volkes ziehen können. Zur Erlangung dieses erhabenen Zweckes bedarf der junge Verein der moralischen und materiellen Unterstützung aller, in deren Brust noch ein jüdisches Herz schlägt. Stammesgenossen! Reicht uns Eure hilfreiche Hand in der festen Ueberzeugung, daß Ihr zu einem großen und erhabenen Zweck beigetragen habt, zur Regeneration der jüdischen Nation." Obwohl die Mitgliederzahl der »Kadimah" anfangs nur gering war, erregte doch die Gründung dieses Vereines in der ganzen jüdischen Welt gewaltiges Auf» sehen. Instinktiv fühlten viele die große Bedeutung dieses Vereines für das gesamte Judentum. Viele jüdische Zeitungen aus der ganzen Welt berichteten darüber. Der „Israelit" in Lemberg nahm zur „Kadimah" in folgenden Worten Stellung: ' „Die Bildung eines abgesonderten jüdisch* akademischen Vereines ist wohl ein charakteristisches Zeichen unserer Zeit, wo die Völker sich nach Rasten und Abstammung absondern.,« ...So soll die Burscherischaft ,Silesia* in Wien alle jüdischen Akademiker ausgeschlossen und den Beschluß gefaßt haben, zut Wahrung des germanischen Arierblutes nicht bloß jüdischen Studenten, sondern selbst getauften Juden bis ins dritte Ge- ' schlecht die Aufnahme zu verweigern. Die natürliche Reaktion war die Gründung der .Kadimah*. und wahrlich, die Juden besitzen eine nationale Ge- , schichte und Literatur, die den Vergleich, mit keiner anderen zu scheuen braucht... ... Wie der Petersburger .Woschod4 berichtet, hat der Verein gegenwärtig 25 Mitglieder, darunter Ko ryphäen der Literatur." (30. März 1883.) Herrliche Worte über den Verein „Kadimah" hat wohl der große jüdische Historiker Gr ätz in einem Brief an die „Kadimah" gerichtet: „Wenn Junglinge mit akademischer Bildung sich in solcher Weise des Judentums annehmen, dann steht es wahrlich nicht schlecht um das selb e." Die „Kadimah" veranstaltete literarische Abende, auf denen Über verschiedene jüdische Themen debattiert wurde. Von ungeheurer Bedeutung waren die Jahr für Jahr öffentlich veranstalteten Ma kkab Werfest e, die in der ganzen Judenheit einen großen Eindruck zu hinterlassen pflegten. Die Festredner warfen immer wieder die Judenfrage auf und behandelten sie mit so großer Sachkenntnis, daß sie immer den Beifall der Zuhörermenge fanden. So wurden die Makkabüerfeate das stärkste Propagandamittel für die Verbreitung

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