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Die neue Welt · 1932-10-07 · Heft 264 (7.10.1932) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 264 (7.10.1932)
Date
1932-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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187 Titl. Universitätsbibliothek Wie«. I. Preis 35 Groschen lalirgaitg # tttUaq, den 7* Oktober 193t Nr. 204 V.b.b. DIE NEUE WELT R E V U E BBZUQ8BEDIN0UN0EN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20. Ranziähria S16j7;Po|m monaMtch Zloträ- ----- ------ - - h Kt 8.-, vierteljährig Kc 15.-$ jntoslawteii monatlich Dinar 14.-, viertel ähriß Dinar 40.- 120."VwtÄnd monatlichf TÄark vierteljährig Mark 3.-: Bauarten monatlich Lewa,40.-, vlerteHährtg Eb Lire 5.«-. vierteljährig Lire 14.-; Schweix and die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs IM. viertel- Techechoslowakei monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei IL Lewa 120.-; Italien monatlich {ährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER ROBERT STRICKE!* Redaktion tt.Verumitun*Wien IX, Universitätsstr. 6-8,1'el. B-48-504 — Ersdteint jeden freHag Die DAMPFBÄDER für Damen und Herren im DI AN AB AD sind weltberühmt und unerreicht an Größe und Eleganz der Räume, Zahlt und Ausstattung der Bassins, Komfort und Hygiene Die angenehmste und gesündeste , GEWICHTSABNAHME BILLIGE ABONNEMENTS auch kombiniert mit SCHWIMM-und WELLENBAD HÖHENSONNE -BESTRAHLUNG gegen S 1.— Zuschlag Beiende Juden, die — sdueßenv** - , Was im benachbarten Deutschland zur alltäglichen poetischen Kost gehört, ein Spektakel auf den Straßen mit anschließenden Attacken gegen Kopfe und FenstersoiiöIBeh, das beginnt sich auch in der österreichischen Republik, in der Hauptstadt Wien einzubürgern. Der nationalsozialistische Gäutäg am letzten Sonntag stand im Zeichen dieser Erscheinung. Durch das zufällige Zusammentreffen mit dem Rosch Haschana hatten die Juden Wiens die Demonstration der Hakenkreuzler. ihren Aufmarsch und ihre Heerschau, mit besorgnisvoller Erregung begleitet. Denn der Ruf „Juda, verrecke!", mag er auch in den letzten Monaten seine offizielle Intensität eingebüßt haben, summte ihnen häuptsächlich wegen der ihm folgenden „handgreiflichen" Reflexe in den Ohren. Wie schon hinlänglich oft gesagt, haben wir Zioaisten keine Veranlassung, ob des zwischen den österreichischen Rechts- und Linksparteien bestehenden Machtkampfes das Wort zu ergreifen. Es liegt im Sinne unserer seit jeher bekundeten Haltung, keinerlei ideologische Abschätzungen der herrschenden Parteien Oesterreichs vorzunehmen; unsere nationaljüdische Politik hat diesen Weg niemals verlassen. Aber wir sind österreichische Staatsbürger mit allen Pflichten und Rechten, die uns diese Staatsbürgerschaft auferlegt und zuteilt. Nun hatte jedoch die Kundgebung der österreichischen Nationalsozialisten in den Straßen Wiens .'nach althergebrachter Sitte auch ihre „jüdische" Seite. Die sozialdemokratische Partei verfiel nämlich auf die Jdee, den hakenkreuzlerischen Gautag mit viertägigen Gegendemonstrationen durch ihren Republikanischen Setlützbund und ihre zivilen Anhänger begleiten zu lassen, so daß Wien plötzlich zum Schauplatz eines braun- und blaublusigen Korsos wurde, eines Korsos, der sich bis in die jüdische Leopoldstadt verpflanzte. Und so kam es vor und in. einem jüdischen Bethaus zu i s t ti-.r m i s c h e n E x z e s s e n, wobei betende Juden, denen mitten in der:Andacht selbstverständlich nichts, ferner lag als eine Parteinahme gegen oder für die verschiedenen Demonstranten, zum Ziel blutiger Attacken wurden. Daß die nationalsozialistischen Zeitungen aus den; angegriffenen Juden angreifende Juden, aus dem Bei-' . haus — ein „jü disches Mord nest" machten, kaiin uns nicht wundernehmen. Wir. wissen ja, dall ihre deutschen Kollegen zehn Dutzend Friedhof Schändungen auf das Schuldkonto der Juden setzen; wollten. Aber inmitten der hetzerischen Übertreibungen von; rechts und links ertönte da« Wort von den jüdischen: Marxisten, die die zu den Exzessen angewachsene Spannung verschuldet hätten. Jüdische Marxisten! Dieser Begriff ist in den Strafleu Wiens und in einem Teil der Presse das Material, mit dem die Leidenschaften der nichtjüdischen Bevölkerung entzündet und zur Explosion verführt werden. Wer erinnert sich nicht z. B. an die Wahlplakate der sozialdemokratischen JPartei, die sich durch das Andie-Wandl-Malen einer Pogromgefahr einen Zustrom jüdischer Stimmen zu sichern verstand, vorgebend, sie allein werde die Juden Wiens vor Entrechtung und Schädigung ihrer staatsbürgerlichen Existenz schützenl Man sah tatsächlich am sonntägigen Gautag der österreichischen Nationalsozialisten sozialdemokratische Schlitzbündler durch die Straßen bummeln, aber von einem Schutz der Juden könnte keine Rede sein. Die Juden Wiens haben sie nicht gerufen, sie haben ihrer nicht bedurft. Es war ein .anderer, natürlicherer Schutz vorhanden, der jüdische Selbstschutz, die „Haganah", die strenge Bereitschaft hfelt und ihre Aufgabe an allen Punkten und in jedem Mdtß erfüllte. Wie die jüdischen Parteigänger der österreichischen Sozialdemokratie sich in diesen kritischen Tagen verhielten, darüber lassen sich nur Vermutungen' anstellen. Wieweit sie mit den „Austromarxisten" auf Gedeih und Verderb marschieren, bzw. in welcher Art sich ihre diesbezügliche Haltung auf die Interessen der Wiener Juden auswirkt, gehört in ein besonderes Kapitel. Jedenfalls aber muß "im Zusammenklang init dem natioalsozialistischen Gautag die von mancher Seite propagierte Anschauung, das österreichische. JJ^kenkreuzlertum sei ein; „minderwertiges Gemerigsei", gründlich revidiert, werden. Man konnte, wie Beobadii;^ unier' -ikn'^aiilipäärachierend!^:,,- Nationalsozialisten 'zähl*: .rjßiehe' Manner und Frauen »sehen» dieydeff 0 p. II <| e t e Ii Schicht angehören, Menschen aus Intelligeuzkreisett mit durchaus ernste? Haltung, Vertreter akademischer und hochgestellter .Berufe, die im staatlichen Leben ge- Uoion der Zionisien-Revuionuten Mittwoch, den 12. Oktober 1993* y„9 Uhr abends, im Herzl-Saal duVif bartdirtelm«, II., Untere Augartenstraße 38 Versammlung Gegenstand: Wir und die Kultuswahlen t; Referenten: Oberbaurat Robert Stricker Hanns Kandl Regiebeitrag 20 g Freie Aussprache! wiß eine Rolle spielen oder spielen werden. Es ist widersinnig, vpr solcher Tatsache die Auge zu schließen, vor der Tatsache, daß Bildung und brutalster Haß sich vereinen können, wenn es sich um Juden handelt, daß mit dem Worte „Nazi-Buben" die Sache nicht erledigt ist. Und man. konnte, wie Beobachter feststellten, den polizeilichen Organen' den Widerwillen anmerken, mit denr sie gegen die nationalsozialistischen Demonstranten amts« hiäqdelten —' ein.-Beweis, daß hier die Pflicht zur Objektfvi% night mehr die nötige fe^lgk^i^^zeig'gl^li^in^ £ympio~rae, die den wahren Sachverh^ als die Kräftmeierischen Posen der österreichischen Sozialdemokratie, die unter ihren Flügeln die Interesses« der Wiener Juden schützend begräbt. Totentanz um lOOO Dollar Saul Raßkin: „Wo ist das Grab?" Ein Denverer Jude: „Das Grab?" Saul Raßkin: „Wissen Sie nicht, daß er bei Ihnen in Denver gestorben ist?" Ein Denverer Jude: „Gestorben schon, aber ndcht begraben!" Eine New Yorker jüdische Tageszeitung, schreibt? „Eine Schande und ein Skandal, anders kann man den Vorfall nicht bezeichnen. Der Mann, der nicht nur ein großer jüdischer Künstler war, sondern auch die Kunstgewerbeschule „Bezalel", das in der ganzen Welt anerkannte Institut, geschaffen hat, dieser Mann hat sich bei seinem Volk nicht einmal den Lohn von 4 Ellen Erde auf ein Grab erdungen ... Und wo ist das geschehen? In Amerika!" * Als vor einem halben Jahr die Meldung kam, der Bildhauer und Kunstlehrer Boris Schatz, der Begründer der Jerusalemer Schule „Bezalel", sei im Alter von 70 Jahren in Amerika gestorben, gingen Trauer durch die jüdische Welt und Würdigungsartikel durch die jüdische Presse. Man erfuhr damals, daß Boris Schatz eine Propagandareise durch die Vereinigten Staaten unternahm, um sein Schmerzenskind „Bezalel" zu retten: durch Sammlung von Geld bei den großen jüdischen Mäzenen und durch Verkauf von ^Bezalel"- Arbeiten, Mitten in dieser" aufreibenden Tätigkeit, in der sein Sohn ihn unterstützte, starb Boris Schatz, der Künstler, der große Mitarbeiter an der Renaissance des Judentums. Man hörte damals auch, daß sein Leichnam nach Erez Israel überführt und an der Stätte seines Wirkens, seines Lebenstraums, bestattet werde. Das war vor einem halben Jahr. Boris Schatz war verstummt und auch die Kunde um ihn. * Ein in Amerika lebender jüdischer Künstler, der Maler Saul Raßkin, begab sich auf die Reise durch die nprdamerikanischen Staaten, um das Grab des ver-i storbenen Boris Schatz aufzusuchen. „Dreieinhalb Monate", so erzählt Raßkin im New Yorker „Tug", „fuhr ich über Berge und Täler, bis ich endlich nach Denver' im Staate Colorado kam, im Glauben, hier eiuen kleinen' Hügel, das Grab des verewigten Künstlers, zu finden. Man stelle sich vor: sein Leben für Erez Israel hin- Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgett« liehen Notizen stad durch ein beigefügtes £ bezeichnet, gegeben und tausende Meilen weit von der Heimat, allein, ohne einen einzigen nahen Freund oder Menschen, gestorben! Die Ausstellung des „Bezalel", die Böri» Schatz tyer veranstaltete, war eine Quelle von tragischen Erlebnissen und ein Ruck zur Katastrophe, die das Ende brachte " * ■ ' l Und Saul Raßkin erzählt weiter: „Gestorben, aber nicht begraben", antwortete mir ein Denverer Jude. „Was heißt das, nicht begraben?** „Ganz einfach", hieß es, „die Leiche liegt in einem Hinter st übchen einer Leichenbestattungis-. anstatt, liegt und wartet." Meine Hände erstarrten, im Kopf wurde es mir kalt und wirr. Was soll das bedeuten: Boritz Sehatz' irdische Hülle liegt und wartet? Und ich lief hin in die Bestattungsanstalt und ersah die schreckliche Wahrheit Auf einem Tisch im Hintertrakt liegt, mit einem weißen Tuch bedeckt, der tote Körper von Boris Schatz. Er liegt mit dem Bart aufwärts, ein grauweißer Mann, bleich von Alter und Leiden, und , wartet stumm und geduldig. Er wartet, bis man ihn nach Kre« Israel überführt, weil er dort, nur dort, zur ewigen Ruhe bestattet werden soll. * Also, die sterblichen Reste des großen Künstlers, der sein Leben der jüdischen Kunst geweiht hat, warten auf die-Ueberfahrt nach Palästina. Weshalb müssen sie warten?. Auch auf diese Frage erhalte ich eine Antwort. Die Ueberführung nach Palästina kostet 1000 Dollar und diese 1000 Dollar sind nicht aufzubringen; Vergebens reist der Sohn des verstorbenen Schatz durch die Vereinigten Staaten, klopft bei den zahlreichen Do I Ia rm i 11 i o n ä r e n an, die „b e k a n n 11 i c h" soviel Hers haben für jüdische Ehre und „Würde, soviel Verständnis für die Notwendigkeiten des jüdischen Aufbaues in Palästina, es entstehen Komitees mit Präsidenten und Vizepräsidenten — bisher sind insgesamt 100 Dollar aufgebracht worden. Und inzwischen liegt die Leiche von Boris Schatz in der dunklen Kammer der Bestattuugsanstalt in Denver offen auf einem Tisch, das Geld für einen Sarg ist noch nicht beisammen . . ." So ungefähr erzählt der Maler Saul Raßkin. * Der New Yorker „Tug" fügt hinzu: „Wo ist das

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