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Die neue Welt · 1932-09-23 · Heft 262 (23.9.1932) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 262 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 26* Aus Deutschland 4er »Neues Weh« ff» Denftdafond c FiKafredaktioN und Mmfofftrattoat Bt*Hu, Charlottcnburcj % loaAfnHfalewfralW fV Das Trammerfeld des deutschen Zionismus Zum Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung in Frankfurt a. M. Aus Frankfurt wird uns über den Delegiertentag der Z. V. f. D. geschrieben: Frankfurt, 19. September. Das äußere Bild, In den Kreisen des deutschen Zionismus erwartete man von vornherein von dem Frankfurter Delegiertentag nichts Bedeutsames. Außer gewissen Auseinander Setzungen über die Beziehung des deutschen Zionismus zur antisemitischen Bewegung war nichts reif zu einer Aussprache. Blumenfeld hatte zwar in einem Artikel vor dem Delegiertentag künstlich die Bedeutung des Dele giertentages zu konstruieren versucht, aber ohne Erfolg. Schließlich fehlte auch auf dem Delegiertentag jede Opposition. Die Revisionisten waren ausgeschieden, die Gruppe Kareski-Kolenscher blieb ebenfalls fern. Die Ueberreste der Radikalen in der Person des Herrn Dr. Goldmann legten Wert auf Bußebezeugungen, indem sie sich reumütig zum herrschenden Kurs des deutschen Zionismus bekannten. Alles übrige ist eine Einheit. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um Linke, allgemeine Zionisten oder um den deutschen Misrachi handelt. Alle sind beeinflußt von britschalomistischen Tendenzen und stehen bewußt oder unbewußt unter sozialistischem Einfluß. Die Beziehung durch die Dele gierten war weitaus geringer als sonst, eigentlich war nur der engere Kreis um Blumenfeld vertreten. Die Reden Am Sonntag vormittag mußten die Zuhörer eine ganze Reihe von Reden über sich ergehen lassen. Die Rede M. Ussischkins war ungemein sympathisch, ein klares Hinneigen zur revisionistischen Auffassung, ohne daß dieses Wort gebraucht worden ist. Er begründete die Ethik der jüdischen Forderung gegenüber einem 70-Millionen-Araber-Volk, die von Gibraltar bis Damaskus siedeln. In diesen ungeheuren. Raum 16 Millionen' Juden hineinzureden, sei höchstes ethisches Ziel. Schließlich könne kein kleines kulturelles" Zentrum, nicht Sprache und Kultur allein, die 'Judenfrage lösen. Er wandte sich gegen Kommunismus und gegen die Theorien eines kulturellen Zentrums. Wie ein Schwerthieb wirkte auf die Versammlung die Forderung, Kleingläubige mögen aus der Organisation verschwinden. Führung durch diese. Elemente sei ein Verbrechen. Aber Ussischkin war auf diesem Delegiertentag ein Prediger in der Wüste. Von diesem „Geiste" war in der folgenden Rede NaChum Goldmanns nichts zu verspüren. Seine Rede über die Judennot in der Welt war eine glänzende oratorische Leistung, die den Delegiertentag mitriß. Seine innerzionistische' Stellungnahme zeigte jedoch, daß Goldmann wieder eine' seiner vielen Wandlungen vorgenommen hat. Er, der noch zu Beginn des Krieges den „Sinn des Militarismus" verherrlicht hatte, er, der „Radikalzionist", überschlug sich in Angriffen gegen den Revisionismus, „dessen verrücktgewordener Nationalismus es einem schwer mache, jüdischer Nationalist zu sein". Der Revisionismus sei der dernier cri und die ähnliche Bewegung in seiner Art bestialisch. Er sprach dann gegen die sogenannten Auswüchse des zionistischen Nationalismus, auch dann, wenn sie von Palästina kämen. Zum Schluß kamen originelle Bekundungen zu religiösen Idealen und das Bekenntnis, daß wir Zionisten Bannerträger des Liberalismus seien. Besonders aber muß an dieser Rede hervorgehoben werden die unverantwortliche Neutralität gegenüber dem Kommunismus. Goldmann bedauert, daß keine Synthese zwischen Kommunismus, der aufstrebenden Bewegung, und dem Zionismus zustande gekommen sei. Die Wirkung dieser Proklamation war so stark, daß später in einer Generaldebatte der linke Jugendführer, Dr. Enzio Sereni, scharf gegen diese kommunistenfreundliche Haltung Goldmanns zu polemisieren gezwungen war. Die Rede Blumenfelds brachte nichts anderes als eine Wiederholung schon vorliegender Aeußerungen in der „Jüdischen Rundschau". Anstatt den deutschen Zionismus endlich dem deutschen Judentum näherzubringen unter Aufgabe seiner volksfremden intellektuellisierenden Einstellung, brachte diese Rede bloß Theorien. Von praktischen Forderungen blieb nichts übrig als die Forderung nach jüdischer Schule. Auf innerzionistische Dinge ging Blumenfeld nicht ein. Damit war eigentlich die Spannung des Delegiertentages gelöst und es legte sich eine bleierne Langweile auf die nun folgende Beratung. Die zweite Garnitur des deutschen Zionismus Bileski, Landauer usw. marschierte nunmehr auf und es wurde nichts Neues gebracht. Einzelne Redner versuchten Stimmung durch immer neue Angriffe gegen den Revisionismus zu machen, jedoch auch diese Versuche blieben in dem Auditorium wirkungslos. Diese Versuche ließen den als Scharfmacher bekannten linken Zionisten Alfred B e r g e r nicht ruhen und in seiner Rede erfolgten nun ganz tolle Angriffe gegen die revi sionistische Bewegung. In einer unglaublich rohen Weise wagte er, den Revisionismus mit der Hitler Bewegung zu vergleichen. Man müsse den Kampf gegen diese Art von Nationalismus beginnen. Man hätte nur das Recht, gegen die Nazis zu kämpfen, wenn man auch ebenso energisch gegen unsere eigenen Hitleristen vorginge. Der Delegiertentag mit dem Anblick der braunen Uniform (Bethar) sei unerträglich. Man müsse diese braunen Uniformen austreiben. Die Parole gegen den Klassenkampf käme ihm eigenartig bekannt vor. Sie sei nichts anderes als ein blödes Gerede. Diese Worte riefen natürlich ungeheure Erregung hervor und es kam im Laufe des Delegiertentages deshalb zu Zusammenstößen, über die weiter unten gesprochen werden wird. An dem Abend des ersten Tages kamen die großen Reden des Herrn Prof. Dr. Brodetzky, Dr. Ruppin und Herrn Hoff Jen. Dr. Ruppin hielt eine nüchterne, gut aufgenommene Rede. Auch diese Rede war eine Verherrlichung der liberalen Assimilation vor 100 Jahren, die nötig gewesen sei und historisch einen Faktor zur Erhaltung des Judentums darstelle. Es sei bedauerlich, daß jetzt nicht eine Synthese zwischen Kommunismus und Zionismus möglich sei. Die starke Kampfeinstellung sei zu bedauern. Auch dieser Geist war der Geist des deutschen Zionismus, und Herr Prof. Brodetzky bemühte sich in seinem politischen Referat, das in seiner Länge und Inhaltslosigkeit ermüdend wirkte, jenem Geiste gerecht zu werden. Prof. Brodetzkys Referat Er kam auf die Aeußerungen Sir John Hope Simpsons zu sprechen, der selbst habe erklären müssen, daß der Zionismus nicht aufzuhalten sei. Interessant war die Enthüllung des Märchens vom landlosen Araber. Man habe 4500 Ansprüche der dislozierten Pächter erwartet; insgesamt seien aber nur 2700 Ansprüche festgestellt und in Erwägung gezogen, worden. Von diesen 2700 Ansprüchen seien nun die Hälfte bearbeitet, man habe aber nur 18 Prozent zugelassen. So erfreulich dies war, so unerfreulich war alles andere. Es war eine Rede ä la Weizrnann, jedoch ohne dessen Rhetorik. Wieder wurde die unverzeihliche Torheit begangen, mit der jüdischen Schwäche zu renommieren, die einen Widerstand gegen England unmöglich mache. Eine antibritische Politik sei Phrase. Er versteifte sich schließlich dazu, als englischer, Bürger der britischen Regierung das Kompliment zu machen, daß sie immer noch das meiste Verständnis für jüdische Dinge gezeigt habe. Hieraus kann man sich schon einen Vers machen auf den Weitblick unserer derzeitigen politischen. Führung. Wesentlichen Raum nahmen die i n n e r z i o n i s t ischeh Aeußerungen Prof. Dr. Brodetzkys ein. Er machte hierbei den alten Fehler, zu prophezeien. Seinerzeit konnte Prof. Weizrnann nicht warten und so kann Von den osljfiuisdien Organisationen Berlins Der Zentralverband Ost jüdischer Organisationen Berlins macht hiedurch auf folgende überaus wichtige Verfügungen aufmerksam: 1. Laut Verfügung des Polnischen Generalkonsulats müssen sich sämtliche männlichen polnischen Staatsangehörigen, die das 18. Lebensjahr erreicht haben, beim Generalkonsulat zwecks Registrierung melden. Außerdem sollen sämtliche polnischen Staatsangehörigen vom 23. bis einschließlich 50. Lebensjahr, soweit sie sich Ende des Jahres 1930, resp. im Jahre 1931 nicht registrieren ließen, bei der Militärabteilung des Konsulats zwecks nachträglicher Registrierung 'umgehend melden. Diese Registrierungsanträge können' mündlich oder schriftlich gestellt werden. Bei schriftlicher Anmeldung müssen sämtliche Personalien des Betreffenden wie auch Namen und Geburtsdaten der Eltern angegeben werden. 2. Alle ehemaligen rumänischen Staatsangehörigen, auch die aus Neu-Rumänien, welche durch nicht rechtzeitige Registrierung,, resp. durch den Nichtbesitz eines Nationalitätenscheines ihre Staatsbürgerrechte verloren haben, können laut Verfügung des Königlich rumänischen Justizministeriums sich nachträglich registrieren lasseh und dadurch ihre ehemaligen Bürgerrechte zurückerhalten. Gleichzeitig teilen wir mit,, daß die Heimatsbehörden jetzt neue Nationalitätenscheine ausstellen. Der Zentralverband ostjüdischer Organisationen Berlins, Berlin N 54, Rosenthaler Str. 55, Telephon Norden 5514, steht jedem zur unentgeltlichen, Beratung in allen Angelegenheiten auch des Rechtsschutzes unter Leitung eines Rechtsanwalts täglich von 9 bis 1 Uhr zur Verfügung. dies Prof. Brodetzky ebenfalls nicht, soweit der Zusammenbruch des Revisionismus erhofft wird. Er versteigt sich zu der Bemerkung, daß es sich hier um eine Minder* heit handle, die nichts anderes als Zerfall *u erwarten habe. Die Revisionisten hätten die nationale Disziplin: gebrochen, sie hätten somit unverantwortlich gehandelt. Von dieser Seite kämen nur leere Phrasen, die aber nicht der Ausdruck nationaler Stärke seien. Einst habe man Weizrnann Verräter geschimpft, heute würde man ■ in eigenen Reihen Verräter kennzeichnen. Der Stimmung des Delegiertentags entsprechend, wurden diese AeuBe« rangen dankbar aufgenommen und konnten vorübergehend die Interesselosigkeit des Auditoriums überwinden. Der zweite Tag der Verhandlungen brachte nur Belanglosigkeiten. An diesem Tage jedoch kam es zu den Zusammenstößen, über die schon kurz („Die Neue Welt", 16. September) berichtet worden ist. Die Zusammenstöße. Die Fortdauer maßloser Angriffe auf die Revi^ sionisten blieb natürlich auf die im Saale anwesenden Revisionisten nicht ohne Eindruck. Es entstand eine immer stärker werdende Erregung. Eine Möglichkeit, durch Erklärungen die Verleumdungen und Unrichtigkeiten von der Rednertribüne aus richtigzustellen, bestand nicht und so entschloß man sich zu einer Aufklärung durch Flugblätter. Schon am ersten Tage wurden von der Revisionistischen Union Flugzettel in den Saal geworfen, in denen auf das Ziel des Zionismus (Judenstaat) hingewiesen wurde und die Delegierten aufgefordert wurden, nicht daran zu vergessen. Weiterhin forderte man Beendigung des Klassenkampfes und Wiederherstellung der Souveränität der zionistischen Bewegung. Am zweiten Tage jedoch kam es infolge der unglaublichen Rede Alfred Bergers zu starken Demonstrationen. Nach der Schlußrede Blumenfelds, daß der Delegiertentag geschlossen sei, wurden von revisionistischer Seite tausende von Flugblättern in den Saal geworfen, in denen man gegen die schmutzigen Kampfmethoden Einspruch erhob und Sauberkeit des politischen Kampfes forderte. Der Brith Trumpeldor verbreitete ein Flugblatt „Schämt Ihr Euch denn nicht?" Diese Flugblätter wurden zu Tausenden in den Saal geworfen und es entstand dadurch natürlich im ersten Augenblick Ueberraschung und Aufregung. Sofort stürzten sich Ordner und Angehörige der stark vertretenen Linksgruppen auf. die revisionistischen Flugblättverteiler und es kam zu Tätlichkeiten, die jedoch bald beendet waren. Nunmehr konnte in vollster Ruhe von der Versammlung stehend die Tikwah gesungen werden, Vorher hielt es Blumenfeld für zweckmäßig, „auf diese Art des Zionismus hinzuweisen". „Diese Leute brauche man .nicht auszuschließen, sie würden selbst ausscheiden." Diese Worte waren an sich schon eine Provokation, und als nach Beendigung der Tikwah die Linken es wagten, ihre Parteihymne, die T e c h e s a k n a, anzustimmen (übrigens mit Unterstützung des Misrachi und der Allgemeinen Zionisten), setzten sich die im Saale verbliebenen Revisionisten und blieben sitzen. Man empfand die Entweihung der Tikwah als eine Schande und fuhr mit der weiteren Verteilung der Flugblätter fort. In diesem Augenblick stürzten sich in roher Weise auf vereinzelte Revisionisten ganze Truppen der Linken, und es kam zu schweren Schlägereien. Die Revisionisten gingen nun mit Erfolg zur aktiven Gegenwehr über. In diesem Moment kam die Polizei und die Versammlung war aufgehoben. « Die Tagung der deutschen Zionisten bewies in ihrem Inhalt und ihrer äußeren Form den Charakter des deutschen Brith-Schalom-Zionismus. Es zeigte sich, daß der deutsche Zionismus aufgehört hat, eine Bewegung zu sein und nichts anderes als eine Erinnerung an einstige Größe darstellt. Praktische Fragen wurden nicht erörtert. Es gab nur ein unproduktives Theoretisieren. Von sozialistischer Seite wurde darauf hingewiesen, daß eigentlich nur der Sozialismus den Menschen zur Tat aufreißen könne. So blieb diesen Herrschaften nichts übrig, als aggressiv der revisionistischen Bewegung entgegenzutreten. Der Schatten der „Wiener Konferenz" war das Kennzeichen dieser Tagung. Der Unterschied zwischen beiden Tagungen war unverkennbar. i Das „Jüdische Wochenblatt" (Köln a, Rh.) schreibt in einem „Delegiertentag in der Weltkrise", betitelten Aufsatz über die Konferenz der deutschen Zionisten u. a.: „Das Ausscheiden der Revisionisten hat. die aggressivste Opposition ferngehalten und so, hatten die Differenzpunkte mehr akademischen Charakter... Der große Schwung einer mitreißenden Bewegung ist verschwunden, ist gewichen dem Rahmen einer Kolonisationsgesellschaft mit ideologischem Unterbau, bei dem das leidige, leider zu knappe Geld eine unangenehme Rolle spielt. Die jungen Kräfte im Zionismus, denen Tat über Idee, Ali ja über Programme geht, sind zu wenig in Erscheinung getreten." »Franz- Josef "«Bitterwasser ist von großem Nutzen bei Blutwallungen and Herzbeklemmung.

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