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Die neue Welt · 1932-09-23 · Heft 262 (23.9.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 262 (23.9.1932)
Date
1932-09-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 262 DIE NEUE WELT Seite 5 Sturmangriffe gegen die revisionistische Front Die Presse verleumde! und denunzier! Wenn man nicht wüßte, dafl es außer den Zionisten- Revisionisten in der Zionistischen Organisation die verschiedenartigsten Elemente mit den verschiedenartigsten Programmen, wie Allgemeine Zionisten A und B, sozialistische Zionisten, misrachistisch-religiöse Zionisten, Radikale Zionisten und binationale „Zionisten", gibt, könnte man aus der Lektüre der Presse dieser Gruppen einen eigentümlichen Eindruck gewinnen: nämlich den, daß die Zionistische Organisation aus den revisionistischen Judenstaatszionisten und einer einheitlichen Gruppe ihrer Gegner besteht. Der Generalangriff, der nach der V. Weltkonferenz der revisionistischen Union in Wien wie auf ein Signal gegen den Revisionismus eingesetzt hat, scheint die angeführten Elemente zu einem Block zusammengeschweißt zu haben. Ob diese „Entente cordiale"1 nun besteht oder nicht — gegen den Revisionismus besteht sie sicherlich. Und ob sie in ihren Kampfmethoden besorgtes Zureden oder derbes Verleumden anwendet — das eine ist jedenfalls sicher, daß ihr, der Entente cordiale, die Angst vor der revisionistischen Welle, vor der aufstrebenden, alles mitreißenden Judenstaatsbewegung, die Haltung diktiert. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, daß das größte Weh ihnen die Tatsache verursacht, die unerbittlichen Revisionisten könnten ihren legitimen Schnorrbüchsen schaden, wenn die revisionistische Propaganda für die Anwendung von Staatsmethoden in der Periode des Aufbaues zum Durchbruch käme. Vor allem der linkssozialistischen Subventionsclique und der parnossebedachten Beamtenschaft ist der Schreck in die Glieder gefahren, von Straßburg über Berlin, Prag, Wien bis Erez Israel. Tribüne Juive", das Straßburger Keren- Hajessod-Organ, versucht die Aufmerksamkeit auf sich 'zu lenken, indem es nach der uns bekannten Methode witet um sich schlägt und in einer nahezu pogromistischen Art die revisionistische Weltkonferenz und den Revisionismus glossiert. Wenn wir diesem Blättchen die Ehre des Zitierens antun, so geschieht das nur, um den Juden zu zeigen, zu welchen Mitteln sogenannte „zionistische" Blätter greifen, um den zionistischen Revisionismus zu diffamieren. Das Straftburger Blättchen schreibt nämlich in seiner „Der Zirkus Renz in Wien" betitelten Betrachtung den Satz hin: „Der rechte Flügel, hauptsächlich Palästinenser unter Führung des unseligen Achi-Meir, einer der Provokateure der Unruhen im August 1929, will von der Z. O. (Zionistischen Organisation) überhaupt nichts wissen . . .*' Nach dieser brutalen und schamlosen und antisemitischen und verleumderischen Denunziation wird die „Tribüne Juive" nahezu grotesk. Sie schreibt nämlich am Schluß: „Um so hemmungsloser werden die Herren aber jetzt weiterkämpfen. Auf unsere Kosten." Da die Revisionisten ihr Budget nicht aus dem Keren Hajessod beziehen, so kann mit dem Klageruf „Auf unsere Kosten" wohl nur die Angst vor der Einschnürung der Beamtengehälter gemeint sein. Die zionistischen Landesorgane in Prag und Wien sind nicht ininder besorgt. Aber sie bemitleiden nicht sich, sondern zerbrechen sich die Köpfe der Zionisten-Revisionisten. Und sie warnen sogar. Die beiden zionistischen Lokalblätter lassen einen Keren-Hajessod-Reisenden aufmarschieren, der den Mut hat, die Grenze der gesetzlich zulässigen Dummheit zu überschreiten, indem er u. a. den Revisionisten und vor allem Jabotinsky selbst einen Kursus über „Klassen- und Awrumele Von Gedale Axelrad Awrumele ist kein Ortsnarr, auch kein Schmarotzer, der von der Mildtätigkeit seiner Mitmenschen lebt. Die Bäokersleute, goldene Menschen, behandeln ihn wie' ihr eigenes. Die vollen Semonelkörbc sind für ihn eine eüße Last und in frommer Ergebenheit trägt er sie jeden Morgen aus. Seine Leute sind mit ihm zufrieden, auch die Hausfrauen laben ihn; weiß er doch, wem er Mohnkipfel oder Salzstangel, wem Kaisersemniel oder „Eierbegel" zu liefern hat. Schön ist Gottes Welt und es verlohnt sich, in ihr zu leben. Nach einer durchgearbeiteten Nacht in der Bäckerei ruhen gut die müden Glieder im Sommer auf dem frisch eingelagerten Heu des Dachbodens und im Winter in der warmen Backstube zu schlafen — könnte sich auch der Kaiser wHinschen. Dreimal im Tage dankt und lobt er den Herrn, daß er Wohlgefallen in seinen Augen gefunden habe, er betet für seine Leute, die ihm jedes Jahr vor Sukkoth ein Paar weiche Juchtenstiefel kaufen, die selbst dem strengsten Frost trotzen können. N»ur an den hohen Feiertagen bei den „AI taschluchenu Tes zikno" werden «eine Augen feucht und mit tiefer Inbrunst betet er „Verstoße mich nicht auf meine alten Tage und beim Schwinden meiner Kräfte verlasse mit nicht, o Herr!" Awrumele hat Vertrauen, er weiß, daß ihn der AU» Gesellschaftsfragen" hält and indem er, Herr Otto Abele«, den palästinensischen Arbeitern zuruft, auf der Hut zu sein — vor Jabotinskys dilettantischer Art, soziale Fragen zu betrachten. Der Keren-Hajessod-Reisende, ein neuer Typ des Streiters für den Klassenkampf! Auch der Delegiertentag der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" stand zum Teil im Zeichen des Generalangriffes auf die Revisionisten. Wir haben einiges darüber berichtet. In der heutigen Nummer ist darüber mehr zu lesen. Aber man kann auch aus der C. V.-Zeitung, dem Organ der reichsdeutschen Assimilationsjuden, über diesen Delegiertentag etwas erfahren. Die uuentwegten, militanten, zionistenfresserischen Assimilanten sind diesmal, heute endlich, mit den „Zionisten" ä la Kurt Blumenfeld und Artur Ruppin und Alfred Berger zufrieden. Denn der Zionismus dieser Revisionisten-Bekämpfer hat sich bereits die Sympathien des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erworben und ist mit folgender Belobung (C. V.-Zeitung, Nr. 38 vom 16. September 1932) bedacht worden: „Aus der Aussprache und den übrigen Referaten verdienen besonders die scharfe Abgrenzung Alfred Bergers gegen den Revisionismus, die Aufforderung Lubinskis, dem C. V. die bisher im Bewußtsein der Oeffentlichkeit nahezu unbestrittene Aktivlegitimation in der Behandlung der Angelegenheiten der deutschen Judenheit zu nehmen, und die überlegenen, großzügigen Ausführungen Ruppins, der Gerechtigkeit gegenüber den einseitig verurteilten Begriffen Assimilation und Emanzipation forderte, Erwähnung. Ruppin erkannte die Verdienste des Liberalismus um die Erhaltung des Judentums an und forderte auf, das Trennende zu streichen, und jeden Juden willkommen zu heißen, der das Judentum erhalten wolle." Die deutschen Zionisten, sie nennen sich so, machen den Eindruck, als ob sie, die Bannerträger des Brith Schalom, seitens des Assimilationslagers Zuzug bekommen hätten. Im Kampf gegen den Revisionismus werden sie vielleicht nicht wählerisch sein. Sdhulfer an Schulter mit ♦ ♦ ♦ Daß die sogenannten Radikalen Zionisten in der Hetze gegen den Revisionismus nicht abseits stehen können, wird diejenigen nicht wundernehmen, die zionistische Verhältnisse kennen. Unsere Linken experimentieren in Sozialismus, unsere Allgemeinen machen Politik, unsere Keren-Hä'jessod-Reisenden wollen Geld sammeln, unsere Radikalen aber — halt! Herr Jizchak Grünbaum hat bei den polnischjüdischen Massen bekanntlich jeden Kredit verloren. Schade! Zu Hause in Warschau hätte er in Sejm und Stadtrat und Kultusstube Vieles schaffen können. Das Schicksal hat es anders gewollt. Es hat ihn, den ehemaligen zionistischen Oppositionellen und Kämpfer für einen nationalen Zionismus, in die weite Welt hinausgeschickt, die andere Perspektiven hat... Herr Jizchak Grünbaum reist jetzt in Antirevisionismus. Sein Auftreten in Wien, sein Referat „Warum sind wir gegen den Revision ism u s?" hat ihm den weiteren Steckbrief für seine Reise mitgegeben. Die Versammlung am Donnerstag, den 15. September, im Hotel Continental stand weniger unter dem Schutz des zionistischen Geistes als unter dem Schutz der Wiener Sicherheitswache. Die Veranstalter, die Wiener Radikalen Zionisten, hatten sich nämlich schon vor Beginn der Versammlung zwei Dutzend Polizisten und Kriminalbeamte ins Haus bestellt. Herr Grünbaum sprach lange, an die drei Stunden. Ein beträchtlicher Teil dieser Zeit wurde von tumultuösen Szenen konsumiert, die in der schier unbegreiflichen mächtige nicht verlassen wird, und was wäre er für ein Jude ohne „Betochen". Schwarze Wolken überziehen den Horizont. Frohe und lachende Gesichter verzerren sich. Eine erdrückende Luft, die die Kehle zusammenschnürt und wie lebendige Leichen in einem Massengraib lagern tausende Soldaten im Straßenschmutz. Mütter mit Säuglingen auf den Händen, Greise mit Pin/keln beladen, jammernde Kinder, vom tiefen Nachtschlaf herausgerissen, „evakuieren!" Wohin? Und Awrumele! Nein, er geht nicht. Da ist sein Bet-Hamidrasch, da ist seine Thora, mit der er bleiben will. Welche Macht kann ihn davon abhalten! Diese treue, warme Bäckerstube, die ihn vierzig Jahre vor Kälte und Frösten geschützt hat, darf nicht allein bleiben. Schwere Zeiten für Awrumele. Zu lauge währt Gottes Zorn, zu hart die Not und die Entbehrungen. Jeder Granateneiuschlag in der Backstube trifft Awrumele tief ins Herz. Er muß zusehen, wie seine geliebte Stube in Flammen aufgeht, ohne retten zu können. Müde, verhungert, gebrochen schleppt sich Awrumele im engen Beth-Hamidrasch-Gäßchen, mit zwei Kannen Wasser beladen, seine Kleider, zerfetzt, bieten längst keinen Schutz mehr gegen die grausame Kälte. Ein unbarmherziger Frost gräbt sich tief in die Fingerspitzen ein und Awrumele möchte vor Schmerz aufschreien, allein die Kehle ist ihm ausgetrocknet. Schwer geht sein Atem. Ein heißer Dampf steigt ihm aus dem Mund, der die Eiszapfen auf seinem weißen Bart auflöst und die Wassertropfen fallen ihm auf die Brust. ■■■■■■■■■■■■■■■MIIIIIIIIIIII^ JÜDISCHE ELTERN! i Kauf! Sdiulbüdter i für eure Kinder nur in | der jüdischen Buchhandlung || Hermann TUCHNER, 1 Wien II, ECKE Tabor- § Straße 52 | Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auf- |j lagen - anch antiquarisch - zu sehr mäßigen Preisen! Spesenfreie Zusendung überallhin II Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 g ■■■■■■■■■■■MHMlIlllllilliilllU^ Nervosität und Angst der Veranstalter vor „Sprengung" ihren Ursprung hatten. Schon der schüchternste Versuch eines Zwischenrufs seitens eines revisionistischen oder nichtrevisionistischen Zuhörers löste beim Podium und hei den Ordnern den Schrei nach der Polizei aus, die vom Gummiknüppel reichlich Gebrauch machen durfte. Aber scheinbar wurden die Sicherheitsorgane von den zahlreichen, mit dem sozialdemokratischen Drei-Pfeile-Abzeichcn geschmückten Genossen um ihre Tätigkeit beneidet; denn sie vor allem, die Drei-Pfeile- Träger, waren es, die immer wieder den Wirbel hervorriefen und in einer radikalzionistischen Versammlung Ordnung machen wollten. Eine der Pikanterien in der Jizchak-Grünbaum-Versammlung mit dem Thema „Warum sind wir gegen den Revisionismus?". Ernte weitere Pikautcrie mit nicht melu groteskem, sondern traurigem Hintergrund! Der große hebräisch« Dichter aus Erez Israel Uri Zwi Grinberg verlangte vom Vorsizenden das Wort nach Grünbaums Rede und bekam — etwas anderes: einen Hieb gegen den Nacken von Ordnern und Polizisten, so daß er zusammenbrach. Wahrlich, eine radikale Versammlung! Radikal. Herr Jizchak Grünbaum befaßte sich mit Herzl und Jabotinsky. Er befaßte sich radikal mit ihnen. Herzls Zionismus sei kein organischer, sondern mechanischer, Jabotinskys Zionismus sei von der Emigrantenpsychologie getragen. Jabotinsky ist nach Grünbaum ein dreifacher Emigrant: aus Rußland, aus der Zionistischen Organisation, aus Erez Israel. Herr Grünbaum sagte beides, über Herzls Zionismus und über Jabotinskys Psychologie, in höchst gemütlichem Ton. Grünbaum, der radikale Zionist; Was Herr Grünbaum darüber hinaus noch erzählte, seine Liebeserklärung an die Linke, seine Charakteristisk des revisionistischen Legionismus und der revisionistischen Politik, über all diese so oft gehörten Banalitäten soll der Schleier der Vergessenheit gebreitet werden. Aber nicht darüber, daß Grünbaum und der radikale Zionismus sich wacker in die schändliche Hetze gegen den Revisionismus eingegliedert haben. Die Flucht der Juden aus Biro-Bidschan. Die vom Zentralexekutivkomitee der Republik Weißrußland nach Biro-Bidschan entsandte Kommission zur Untersuchung der Ursachen der jüdischen Rückwanderung aus Biro-Bidschan hat ihre Arbeiten beendet und einen Bericht erstattet, dem zu entnehmen ist: Die Rückwanderung der Juden aus Biro-Bidschan betrifft einen sehr hohen Prozentsatz der jüdischen E i n w a n d e r u n g in diesen Distrikt; diese Rückwanderung dürfte mit dem Herannahen des Winters große Dimensionen annehmen und zu einer Flucht ausarten, wenn die Behörden nicht sofort Schritte unternehmen, um den Eingewanderten Unterkunft zu verschaffen. Der Plan, 14.000 Juden im Verlauf dieses Jahres in Biro-Bidschan anzusiedeln, hat den Bau von Wohnhäusern vorgesehen, in denen alle Eingewanderten Unterkunft finden sollten. Der Hauserbau wurde nur zu einem ganz geringen Teil durchgeführt, so daß sogar für die Bauarbeiter selbst nicht genug Wohnraum vorhanden war und von den 600 Bauarbeitern 300 Biro- Bidschan deswegen verlassen haben. Der gesamte Häuserbauplan war fehlerhaft und ist nun zusammengebrochen. mmmmmmmmmmmmmmammmmammmmmmmmmmmmmmmmm$mmmmammmmmmmmmmMmtmt Die müden Füße können seinen schweren Körper nicht mehr tragen und drohen zusammenzubrechen. Die zwei Kannen entfallen seinen Händen und mit der Anstrengung seiner letzten Kraft erreicht Awrumele keuchend das Beth-Hamidrasch. Die heiße Luit aus dem Beth Hamid rasch strömt in Awrumeles gefrorene Glieder. Noch einmal strahlt voller Hoffnung sein Gesicht und seine tränenden Augen leuchten wieder auf. Er verspürt den Geruch frisch gebackener Semmeln. Seine angefrorenen Händö breiten sich aus, umarmen den glühenden Beth Hamidrasch-Ofen und mit lauter, fast schreiender Stimme ruft er in wilder Ekstase aus: „Heiliger Ofen, teuerer Ofen, Gott soll dir bezahlen, Gott soll dir helfen, sollst erleben Meschiach entgegenzugehen ..." Kaum ein Minjan Menschen begleiten seinen Sarg» kein Stein schmückt sein Grab. — Und so gedenken wir deiner zum 15. Todestag. Ruhe sanft 1 Ein Ferienlager von Wiener Jugendlichen in Hvar Der „Verband zionistischer Mittelschüler Oesterreichs" hat sein heuriges Sommerlager auf der dalmatinischen Insel Hvar bei Split abgehalten. In einem alten spanischen Fort haben sich 120 junge Menschen einen Staat geschaffen. Die Unterkunft scheint nicht so bequem zu sein wie im Hotel. Auch Bedienung gibt es nicht. Doch man höre nur einem dieser Lagerbürger zu! Mit welchem

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