Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 260 (9.9.1932)
- Date
- 1932-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nt. 260 DIE NEUE WELT Seite Ii Der Augenblick ist günstig! Privatinitiative und Investitionskapital für Palastina Von Emanuel N e w m a n (Jerusalem) Fortsetzung und Schluß der in der Nummer 258 begonnenen Besprechung und Inhaltsangabe des Referates Newmans auf der A.-C.-Sitzung. Mit Recht betont Newman, daß das von ihm entwickelte Programm erweitert und ausgebaut werden kann. Schon bevor die Anfänge des entsprechenden Apparats geschaffen werden konnten, wurden gewisse Teile des Programms verwirklicht. Für überaus wichtig hält Newman die Haltung der jüdischen Presse in Bezug auf Palästina und befürwortet den reichen Ausbau der Palästina-Nachrichten mit Vermeidung jedes sensationellen Charakters, damit der wirtschaftliche Fortschritt des palästinensischen Jischuho die Aufmerksamkeit erlange, die er verdiene. Diesbezüglich äußert sich Newman: „Wir haben systematisch begonnen, die Presse dafür zu gewinnen, den hoffnungsvolleren und konstruktiven Aspekten der Lage in Palästina mehr Raum zu geben. Diese wichtige Arbeit ist noch in ihren Anfängen und muß beträchtlich ausgebaut werden. Eine gewisse Besserung in dieser Richtung ist bereits bemerkbar, aber wir können uns nicht zufriedengeben, solange breite Kreise des jüdischen Volkes nur unbestimmte und phantastische Vorstellungen über die tatsächlichen Zustände in Ercz Israel haben. Der Wille, in Palästina zu siedeln oder Kapital im Lande anzulegen, kann nur wachsen, wenn der Grund sorgfältig vorbereitet worden ist. Jeder Fortschritt in dieser Richtung ist darum von größter Bedeutung. Das beschränkteste Wissen ist unbegrenzter Unkenntnis vorzuziehen. Zentralinstitut für landwirtschaftlichen Kredit Ein Fortschritt wurde auch hinsichtlich gemeinsamer Beratungen der Leiter der verschiedenen wirtschaftlichen Institutionen in Palästina erzielt. Der Plan der Einrichtung eines Zentralinstituts für langfristigen landwirtschaftlichen Kredit ist ausführlich diskutiert und die Möglichkeit gemeinsamer Aktion beträchtlich gefördert worden. Die Verhandlungen werden fortgeführt und es ist zu hoffen, daß die bereits auf diesem Gebiete arbeitenden Organisationen gemeinsam zu der Errichtung eines solchen Instituts schreiten werden. Gegenwärtig wird die Möglichkeit, die Pfandbriefe einer solchen Bank in England und Amerika unterzubringen, ernst geprüft.; Aehnliche Besprechungen sind im Gange, um die Koordination, wenn nicht schließlich Zusammenlegung getrennter Organisationen auf anderen Gebieten vorzubereiten. Es wäre aber verfrüht, darüber im einzelnen zu berichten. American Economic Committee Im Hinblick auf die ungewöhnlich günstige Lage — die wirtschaftliche Stabilität Palästinas bei gleichzeitiger schwerer Depression in anderen Teilen der Welt und der dringende Wunsch einer immer wachsenden Zahl unseres Volkes, bessere Lebensmöglichkeiten zu suchen — muß unmittelbare Aufmerksamkeit der Frage zugewendet werden, wie den Bedürfnissen künftiger Siedler mit Eigenkapital entsprochen werden kann. Die beiden größten Menschenreservoirs für Palästina sind offenbar Polen und Amerika. Im ersteren Land gibt es eine bedeutende Bewegung für die Auswanderung nach Palästina sowohl im Mittelstand wie unter den Chaluzim. In Amerika dagegen blieb diese Bewegung bisher so gering, daß sie beinahe als nicht vorhanden zu betrachten war. Es ist daher um so befriedigender, daß im letzten Jahr ein beträchtlicher Fortschritt in dieser Richtung erzielt wurde. Wir haben eine besondere Körperschaft, das American Economic Committee for Palestine, geschaffen, das sich eine systematische ■ Propaganda- und Aufklärungstätigkeit zur Aufgabe gemacht hat und allen, die persönlich an dem Aufbau des nationalen Heims teilnehmen wollen, Auskunft und Rat erteilt. Das Muster eines Informationsbüros Das Economic Committee wurde mit Hilfe und unter Beteiligung der Zionistischen Organisation in Amerika errichtet, es ist aber eine völlig autonome Körperschaft, die unabhängig arbeitet. Sie besteht gegenwärtig aus etwa 80 Mitgliedern, die an der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas interessiert und technisch oder anderweitig für die Bearbeitung bestimmter Gebiete qualifiziert sind. Unter ihnen gibt es Techniker und Ingenieure ebenso wie Fabrikanten und Kaufleute von hervorragender Bedeutung. Ihre freiwilligen Dienste für die Durchführung von Untersuchungen und Forschungsarbeit auf bestimmten Gebieten stehen zur Verfügung des Komitees. Da dieser Ausschuß ziemlich groß ist, wird die Arbeit von einer kleinen Exekutive, geführt, die jede Woche zusammentritt. In dem zentralen Geschäftsviertel von New York wurde ein Büro eröffnet. Die Ausgaben werden aus besonderen Beiträgen von privater Seite gedeckt. Das Büro hat einen Direktor und zwei Assistenten. Es besitzt eine kleine, aber sorgfältig ausgewählte Bibliothek von etwa 800 Büchern, Broschüren und Manuskriptberichten über jeden erdenklichen Aspekt des wirtschaftlichen Werkes in Palästina. , Alle in diesen Dokumenten enthaltenen Auskünfte werden sorgfältig auf alphabetisch geordneten Karten aufgezeichnet. Der Index umfaßt gegenwärtig etwa 6000 Karten und wird im Laufe der weiteren Arbeit noch beträchtlich wachsen. Palästina-Reisende ebenso wie Personen, die beabsichtigen, einzuwandern oder die Lage im Land zu untersuchen, wenden sich in immer größerer Zahl an das Büro um Auskünfte. Unter den Auskunftsuchenden gibt es einige, die zu sehr wohlhabenden Kreisen gehören. In einem Fall hat ein reicher und erfolgreicher Fabrikant bereits mit der Errichtung einer wichtigen industriellen Unternehmung in der Nähe Tel-Awiws begonnen, in der beträchtliches Kapital investiert und Beschäftigung für eine bedeutende Anzahl jüdischer Arbeiter geschaffen werden wird. Der Direktor des New Yorker Büros spricht zunächst mit Leuten, die Auskunft wünschen^ stellt die Daten in jedem Falle fest — die geschäftliche Erfahrung des Betreffenden, sein Alter, Zahl der Familienangehörigen, technische Qualifikation, Geldmittel, seine Pläne oder Absichten hinsichtlich Palästinas usw. Jeder Bewerber wird dann von der Exekutive begutachtet, die ungeeignete Person ausgeschaltet und in den anderen Fällen entschieden, welche Dienste Komitee und Büro leisten können. Ein weiterer Fortschritt in der Entwicklung dieser Arbeit ist die Errichtung eines Informationsbüros in Palästina, dem ein Direktor und ein qualifizierter Assistent angehören. Das Palästina-Büro wird in enger Berührung mit der Exekutive der Jewish Agency und anderen Körperschaften arbeiten. Es wird dem Büro in New York die für die einzelnen Fälle nötigen Auskünfte übermitteln und außerdem allen zur Verfügung stehen, die als Touristen oder Ansiedler nach Palästina kommen oder das Land bereisen, um geschäftliche Möglichkeiten für sich zu finden. Die zunehmende Zahl derjenigen, die sich an den Wirtschaftsausschuß und seine Büros wenden, ist ermutigend. 15 bis 20 Personen werden an einem Tag interviewt. Das Büro ist nicht genügend groß und tatsächlich in Gefahr, mit Arbeit überlastet zu werden. Es wird seinen Dienst erweitern müssen, wenn es in der Lage sein soll, dem wachsenden Interesse an Palästina zu entsprechen. Amerikanische Dollar-Millionen Die tropfenweise Einwanderung der amerikanischen Juden nach Palästina beginnt sich tatsächlich zu einem Strom zu erweitern. Im vergangenen Jahr sind viele Hunderte nach Palästina gegangen, ein großer Teil, um sich dort anzusiedeln. Wir haben zwar keine angemessene Statistik über* diese Frage, aber es besteht kein Zweifel, daß hinter ihnen Tausende stehen, die eine Uebersiedlung nach Palästina nicht nur in Erwägung ziehen, sondern Pläne entwerfen und sich bemühen, ihr Kapital in flüssige Form zu verwandeln. Nach den Fällen, die uns bekannt sind, zu urteilen, besitzt die große Mehrzahl dieser Juden ein Kapital von £ 1000 und mehr. Es ist keine zu optimistische Schätzung, wenn wir sagen, daß das Kapital, das auf diese Weise mobilisiert wird, Millionen Dollars beträgt. Die Wirkung, die der Zustrom dieser Kapitalien nach Palästina auf das wirtschaftliche Leben des Landes haben wird und bereits hat, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Es besteht die Absicht, im Laufe der Zeit di« Dienste dieses Komitees, besonders des Büros in Palästina, auch Ansiedlern aus anderen Ländern, die sich ihrer bedienen wollen, zur Verfügung zu stellen. Wir versuchen jetzt, die Errichtung ähnlicher Ausschüsse in anderen Ländern zu fördern. Die Landesgruppe der Jewish Agency in Polen und die Polnisch- Palästinensische Handelskammer, die sowohl mit der Exekutive wie mit dem von mir erwähnten Büro in Tel-Awiw in Verbindung stehen, haben bereits wichtige Arbeiten in dieser Richtung aufgenommen. Gründung von Spargruppen Ich habe bereits auf eine weitere Tätigkeit des American Economic Committee for Palestine hingewiesen, nämlich die Gründung von Spargruppen, um aus den kleinen Sparkapitalien ein neues Reservoir für Kapitalanlage aufzubauen. Es bestehen heute einige solche Sparverbände. Sie sind allerdings noch nicht zahlreich und am Anfang ihrer Entwicklung. Ihre Bedeutung liegt nicht in den bereits erzielten Resultaten, sondern in ihrer Arbeitsmethode, die überaus vielversprechend erscheint. Es besteht kein Grund, warum die Zahl dieser Gruppen nicht mit Hilfe von bezahlten und freiwilligen Kräften unbeschränkt vermehrt werden könnte, nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen zionistischen Welt. Jede solche Gruppe bedeutet nicht nur die jährliche Anlage von Tausenden von Dollars in Palästina, Sondern auch eine Zelle, von der ständig lebendiges Interesse an dem konstruktiven wirtschaftlichen Aufbau Palästinas ausstrahlt. „Wirtschaftsbewußtsein*' Ich habe wiederholt betont, daß diese Arbeit erst an ihrem Anfang steht. Ihre erfolgreiche Fortführung erfordert nicht nur, daß gewisse Fonds aus unserem Budget zur Verfügung gestellt werden, sondern hängt weitgehend ab von der Begeisterung, mit der zionistische Gruppen in der ganzen Welt sie aufnehmen werden. Sie muß ein integraler und lebendiger Bestandteil des täglichen Lebens der Zionisten werden. Es muß als Pflicht aller zionistischen Gruppen angesehen werden, nicht nur ihren Anteil an der Bereitstellung von Fonds und von Chaluzim, sondern auch ihren Teil an Anlagekapital und ihren Teil an kapitalistischen Ansiedlern aufzubringen. Die zionistische Welt, und durch sie die jüdische Welt, muß mit Hinblick auf Palästina „wirtschaftsbewußt" gemacht werden. Kenntnis der Bedingungen des Landes, seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten und Bedürfnisse muß weit verbreitet und Allgemeingut derjenigen werden, die bisher nur ein vages und sentimentales Interesse für Palästina zeigten. Dieses Programm, diese Tätigkeit, wenn sie ernstlich und gewissenhaft durchgeführt wird, kann nicht nur die Entwicklung jüdischen Lebens beschleun igen und die Möglichkeit für eine beträchtlich größere Einwanderung schaffen, sondern vermag überdies das zionistische Leben in der Diaspora zu bereichern und unserer Organisation neue Kraft und Stärke zu geben. Der Aufruf zu intensiverer Anstrengung auf wirtschaftlichem Gebiet muß an unsere Mitglieder in der ganzen Welt ergehen. Theorie und Praxis der Kolonisation Referat, gehalten auf der V* Konferenz der Ziom'sieit-Revis onisfen am 30» August 1932 in Wien, von Dr» S* E. So§kin, Genf Ich muß gestehen: es ist ein etwas merkwürdiger Titel für ein Referat auf einer ^zionistischen Konferenz, die heutzutage — nach 50 Jahren praktischer Arbeit in Palästina — von uns, der Opposition, hier in Wien abgehalten wird. Und doch ist dieser Titel einer reiflichen Ueberlegung entsprungen. Er zielt auf die Feststellung hin, daß das, „was wir bislang praktisch" gemacht haben, graue Theorie ist. Wenn „Praxis" die Erfüllung gewisser, vorausbedachter, wohlüberlegter Pläne bedeutet, die sich dem sich selbst gesteckten Ziele nähert, und „Theorie" der Inbegriff von bedingungsweise realisierbaren, noch nicht völlig lebenswahren Ideen ist, so haben wir bis jetzt in Palästina sehr theoretisch gehandelt. Es geht somit in meinem Referat um eine Umwertung der Begriffe und Leistungen, um eine Revision letzten Endes. I. An ein paar Beispielen will ich erläutern, was ich damit meine. Zunächst unser jüdischer Nationalfonds, der Keren Kajemeth. Er entsprang dem Drang nach einer praktischen Leistung. Er wurde konzipiert, als der Beginn der Lösung der Bodenfrage. Als er vor 30 Jahren, zur Zeit der türkischen Herrschaft über Palästina, entstand, mußte er die Form einer jüdischen Institution erhalten, die durch Kauf Boden für die jüdsiche Siedlung erwarb, der nun Besitz des Volkes für ewige Zeiten zu verbleiben hatte. Es war die praktische Durchführung eines theoretischen Gedankens, der Forderung der Schaffung einer Bodenreserve für jüdische Emigranten. Zu jener Zeit mußte man sich auf diese, gewissermaßen Keimzelle einer Agrarreform beschränken. Es war ein durch die Verhältnisse bedingter Versuch, sagen wir ein Laboratoriums-Versuch einer Agrarreform. Es kam die Balfour-Deklaration und darauf das Mandat für Palästina. Man hätte erwarten müssen, daß man nun den Laboratoriumsversuch — in die Praxis umsetzen würde. Das will sagen — man würde mit einem konstruktiven staatsmännischen Plan zur Mandatarmacht kommen, um die für die Ansiedlung großer Massen erforderlichen Flächen schnell und zu erschwinglichen Preisen bereitzustellen. Und was hat der Keren Kajemeth geleistet! Durch das Mittel 30jähriger rastloser Geldsammlungen erwarb man zu immer höheren Preisen 320.000 Dunam, d. i. 320 Quadratkilometer von den 2700 Quadratkilometern der Gesamtfläche des Westjordanlandes und von den rund 6000 Quadratkilometern des Landes beiderseits des Jordans 1,2 bis 0,5 Prozent der Fläche. Trägt man dem Umstand Rechnung, daß weite Strecken des Landes vorläufig noch nicht anbaufähig sind, daß aber andererseits auch nicht der gesamte Boden des K. K. L. kultiviert werden kann, so erhöht sich der Prozentsatz des vom Z. N. F. erworbenen Bodens auf 1 bis 2 Prozent. Dies ist die Leistung von 30 Jahren l Ist das eine praktische Lösung der Agrarfrage? Nein, meine Damen und Herren! Das ist graue Theorie! Praktisch wäre in diesem Falle, wenn die Leitung der Zionistischen Organisation an die Lösung des Agrarproblems in der einzig möglichen staatlichen Form herangetreten wäre, nämlich durch Aufstellung eines das gesamte Land umfassenden und den besonderen Aufgaben des Mandats gerechtwerdenden Programms der Landbeschaffung. Ich habe nicht die Absicht, an dieser Stelle die Einzelheiten des Plans der Agrarreform zu wiederholen, die ich die Ehre hatte auf unserer vierten Konferenz in Prag vorzutragen, und werde mich nur auf den Hinweis beschränken, daß unser Programm die Bildung einer Landreserve für jüdische Emigranten und die im Lande