Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 258 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. m *\ Aus Deutschland 4fÜ* .«■* iiWiuM Wehe «hr P«rt«<M—d # Mttaht^ktfoi «od Adminfottal^in Berti«, Chmwlottomburg % UmMmUttiMmti* H* RiiiitiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH Das Schicksal der deuisdien Judenheit Georg Kareskfs Rede In Genf Unter den Reden, die auf der Genfer jüdischen Weltkonferenz gehalten wurden, nahm die des Direktors Georg Kareski, des gewesenen Präsidenten der Berliner Judengemeinde und Führers der Jüdischen Volkspartei, eine besondere Stellung'ein. .Denn sie beleuchtete die Situation Deutschlands, das — im wesentlichen durch das jüdische Problem — im Brennpunkt des Weltinteresses steht. Die Situation ist schon dadurch paradigmatisch, daß unter dem 60-Millionen- Volk der Deutschen bloß ein Häuflein von 550.000 Juden lebt. Kareskis Referat weist drei Momente auf: die Stimmungsgewalt des deutschen Antisemitismus; die Notwendigkeit eine© jüdischen Umschichtungsprozesses; die Bejahung des jüdischen Weltkongresses. Kareski stellte zunächst fest, daß die rechtliche Lage der deutschen Juden zurzeit noch unangetastet sei, und warnte vor Uebertredbungen momentaner Gefahren. Alber man wisse nicht, wohin das Anschwellen der nationalsozialistischen Bewegung führen werde und wie man ihr begegnen könne. Der Vorwurf, daß eine Redhe von wirtschaftlichen Skandalen an jüdische Namen anknüpfe, treffe nicht den Kern der Sache; es seien Ausnahmserscheinungen, die von der großen Masse der deutschen Juden bedauert und mißbilligt würden. Aber andererseits wäre es ein Trugschluß, die Stimmungegewalt des Judenhasses durch edne Art „Schuldbekenntnis" abschwächen zu wollen. „Die nationalsozialistische Bewegung", führte Direktor Kareski aus, „ist annähernd parallel gewachsen mit der wirtschaftlichen Verelendung in Deutschland. Und da möchte ich gleich vor einem neuen Trugschluß warnen, nicht etwa zu glauben, daß in dem Moment, wo wieder ein wirtschaftlicher Aufstieg beginnt, ein ebenso starkes Abflauen der antisemitischen Welle zu verzeichnen sein wird. Davon kann keine Rede sein. Der Mittelstand in Deutschland ist zusammengebrochen, aber wenn die Nichtjuden diese Dinge leichter tragen können als wir, so beruht dies.auf unserer Sozi olo gis ch en, wirtschaftlichen Struktur, die nicht dem allgemeinen Durchschnitt entspricht, sondern viel einseitiger orientiert ist. Das deutsche Judentum der Vorkriegszeit war ein Mittelstandsjudentum und da der ganze Mittelstand zusammengebrochen ist und das Rad der Geschichte nicht rückwärts gedreht werden kann, so heißt das, daß das deutsche Judentum in seiner Totalität zusammengebrochen ist. Nur bei uns besteht die ganze Volksmasse aus einem Trümmerhaufen, wenn es nicht gelingt, sie in neue, wirtschaftliche Formen umzugießen. Zu diesen Dingen kommt ein bewußter Ausselialtungsprozeß aus . dem wirtschaftlichen leben. Die Existenz der jüdischen Beamten ist bedroht, das ist um der Menschen willen und um unserer Rechtsstellung willen zu bedauern; aber was viel tragischer ist, das ist der Zusammenbruch der jüdischen Mittelstandsexistenz." Kareski wies im weiteren Verlauf seiner Rede auf die Notwendigkeit hin, damit rechnen zu müssen, daß selbst bei einem wirtschaftlich normalen Leben in Deutschland nach 10 bis 20 Jahren die jüdische Situation sich hier nur dann ändern würde, wenn man sich entschließt, Ersatz zu schaffen für die jüdische Einzelexistenz durch Aufbau eines jüdischen Genossenschaftswesens. Hiebei sei der gewaltige Unterschied zu berücksichtigen, ob in einem Staate von ungefähr 15 Millionen Menschen 1 Million Juden vorhanden ist, oder ob in einem Lande von über 60 Millionen Menschen 550.000 Juden wohnen. Der Gedanke einer jüdischen wirtschaftlichen Autarkie, der in den Ländern jüdischer Masseneiedlung vielleicht eine gewisse Berechtigung haben mag, kommt für die deutschen Juden nicht in Frage. Und wir wissen, daß uns in unserer Situation nur die bescheidene Aufgabe übrig bleibt, mit den Resten unserer wirtschaftlichen Kraft einen kleinen Teil unserer Menschen zum Wiederaufbau zu helfen, während, wie ich fürchte, der großen Masse unserer Menschen, in Deutschland wenigstens, Hilfe kaum gebracht werden kann. Das ist die wirtschaftliche Situation der deutschen Juden. Die Frage, ob unter diesen Umständen ein Eintreten der Juden, die als „Jüdische Volkspartei" ein Drittel der deutschen Judenheit umfassen, für den jüdischen Weltkongreß richtig sei, beantwortet Kareski mit einem eindeutigen Ja. „Wenn es überhaupt etwas gibt, was uns aufrichten kann in den tragischen Monaten, das Bewußtsein, daß auf der Welt 15 Millionen Menschen leben, wie wir, mit denselben Zielen, mit denselben Hoffnungen und daß, wozu die Juden eines einzelnen Landes vielleicht zu schwach sind, der Gesamtheit möglich sein wird, nämlich wertvolle und möglichst große Teile unseres Volkes hinüberzuretten in eine bessere Zukunft." Zum Schluß wendete 6ich Kareski jenen deutschen Juden zu, die es nicht laut sagen wollen, daß sie Juden sind, den Assimilanten, denen er zuruft: „Heute noch habt ihr die Möglichkeit, in eurer Presse und in euren Versammlungen zu schreiben und zu reden, heute noch habt ihr die Möglichkeit, schönes, weißes Papier zu bedrucken, ohne daß die es lesen, für die es bestimmt ist. Aber niemand weiß, wie lange ihr noch diese Möglichkeit haben werdet, und dann wird es auch für die Assimilanten nur eine Möglichkeit geben, zu der Welt zu sprechen, nämlich durch den jüdischen Kongreß." Von solcher Warte gesehen, war die Genfer Konferenz der Auftakt zu einer Vereinigung der Weltjudenheit. Dynmitanschlag gegen eine jüdische Siedlung Auf dem Gute der „Jüdischen Landarbeit G. m. b. H." in Groß-Gaglow bei Cottbus, wo die erste vom Reichsbund für jüdische Siedlung initiierte jüdische Ijand wirtschaftliche und gärtnerische Siedlung errichtet wird, wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August ein Dynamitanschlag verübt. In der Bevölkerung der Umgebung, die ausgezeichnete Beziehungen zu den jüdischen Siedlern unterhält, herrscht lebhafte Empörung über den Anschlag. Der Täter dürfte Von auswärts gekommen sein und ist gleich nach der Tat -wieder verschwunden. Der Neubau der Siedlung wurde vollständig zerstört. Das ganze Haus stürzte unter heftigen Detonationen in sich zusammen. Von den Tätern fehlt jede Spur. Es handelt sich also um den Neubau, der am 21. Juni des vorigen Jahwes unter Beteiligung der führenden jüdischen Körperschaften feierlich eingeweiht wurde. * Berliner Kriminalbeamte haben in Groß*Gaglow die Ermittlungen nach den Urhebern des Anschlags auf die jüdische Siedlung aufgenommen. Im Schutte deä, zerstörten Siedlungshauses wurde eine Zündschnur ge-' funden. Mehrere Personen wurden vernommen, die Täter konnten jedoch noch nicht ausfindig gemacht werden. Auf ihre Ergreifung hat der Regierungspräsident von Frankfurt a. d. O, eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Die gleiche Prämie wurde für die Ermittlung der Urheber deä Sprengstoffattentats in Landsberg a. d. O. bestimmt. Sprengstoffanschlag ■ Am 17. August gegen 3 Uhr morgens wurde auf die bei Landsberg a. d. W. gelegene Villa des Rentiers' Alfred Mannheimer ein Sprengstoff ansdhlag verübt,, der allem Anschein nach dem im Obergeschoß wohnenden Landgerichtsrat Dr. Wilhelm Salinger galt. Der Sprengkörper fiel aber zu kurz vor dem Hause nieder. Der Luftdruck der Explosion war so stark, daß die Fensterscheiben der Villa und der umliegenden Gebäude eingedrückt wurden. Personen wurden nicht' verletzt. Der Täter muß den Sprengstoff von einem Fahrzeug aus geschleudert haben. Der „Völkische Beobachter** droht wieder mit Judenausweisung Der „Völkische Beobachter" veröffentlicht in seiner letzten Nummer das Faksimile eines „An unsere jüdischen Glaubensgenossen" gerichteten .Wahlflugblatts, in dem die jüdischen Wähler aufgefordert werden» für die kommunistische Partei zu stimmen. Das Flugblatt, das eine Statistik über Juden in öffentlichen Stellungen in Sowjetrußland enthält und „Jüdische Glaubensgemeinschaft Deutschlands" (eine Körperschaft dieses Namens existiert bekanntlich nicht) unterzeichnet ist, wurde bereits vor einiger Zeit vom Central-Verein als plumpe nationalsozialistische Fälschung entlarvt. Der „V. B." knüpft an die Veröffentlichung dieser Fälschung folgende Drohung: Wir werden ihren Haß belohnen und dafür sorgen, daß ihre Sympathien und ihre Liebe bald festere Formen annehmen. Daß diese ihre baldige Belohnung dann mit einer kleinen Reise gegen Osten verbunden sein wird, kann man ums weiter nicht verübeln. Das Leipziger Messeamt — judenrein Das Leipziger Meßamt hat eine Arbeits«. Vermittlung, welche für die Zeit der Messen Beschäftigung nachweist. Es ist in den letzten Jahren immer wieder aufgefallen, daß jüdische Kräfte, welche sich meldeten, kaum je beschäftigt wurden. Auf wiederholte Klagen ist nachgeforscht worden, und es hat Bich herausgestellt, daß das Leipziger Meßamt von den Bewerbern bei der Stellenvermittlung die Angabe der Konfession verlangt! Nach den in heutiger Zeit allgemein gemachten Erfahrungen bedeutet das lediglich den Willen, jüdische Kräfte auszuschalten, und wie die Beschwerden beweisen, ist es tatsächlich der Fall gewesen. Beschwerden beim Meßamt und bei seiner vorgesetzten Behörde, dem sächsischen Wirtschaftsministerium, haben keinen Erfolg gehabt Beide haben die antisemitische Tendenz bestritten. Das sächsische Wirt Schaftsministerium hat die Beschwerde freilich aus mehr formellen Gründen zurückgewiesen. Es steht auf dem Standpunkt, daß der Artikel 136 der Reichsverfasssung, nach welchem die Frage nach der Konfession verboten ist, sich nur auf Behörden bezieht und daß das Leipziger Meßamt im Sinne dieser Vorschrift eine Behörde nicht ist. Antisemitischer Terrorakt In der Nacht zum 10. August wurden gegen das Wohnzimmer des jüdischen Ziegeleibesitzers Weißenberg in Sersar bei Peiskretscham in Oberschlesien zwei Stielhandgranaten geworfen, die aber am Fensterkreuz abprallten und so ihr Ziel verfehlten. Berliner Nachrichten Regelmäßige Zusammenkünfte: Ab kommenden Dienstag finden die regelmäßigen Zusammenkünfte der Berliner Revisionisten nicht mehr statt. Erste Zusammenkunft nach der Weltkonferenz wird noch bekanntgegeben werden. Zwölf Delegierte zur Weltkonferenz: Zur Revisionistischen Weltkonferenz in Wien wurden zwölf Delegierte gewählt, und zwar: Dir. Gh. Belilowsky, Dr. E. Ettisch, Dr. E. Fischer, M. Hirsch, In«. Leonid Kahan, Dr. Lachmann, Dr. Oelsner, M. Panzer, Richard Pelz, Dr. O. Rabinowicz, Dr. M. Schimmel, Hans Sternberg. Gesellschaftsreise nach Wien: Die vom Berliner Betax veranstaltete Gesellschaftsreise zur revisionistischen Weltkonferenz ist Mittwoch nachts von Berlin abgefahren. An derselben nehmen 16 Personen teil. Pogromsdiuld des literarischen Antisemitismus« In der soeben erschienenen Nr. 29 der Wochenschrift „Die Weltbühne" befaßt sich deren Bauptschriffcleiter Karl von Ossietzky unter der Ueberschrift „Antisemiten" sehr eingehend mit den „literarischen" Antisemiten Hans Blüh er und Wilhelm Stapel. Zu den Dingen, schreibt Ossietzky, von denen die republikanische Linie kaum mehr zu sprechen pflegt, gehört auch der Antisemitismus. Die Presse begnügt sich damit, seine Existenz zuzugestehen, ohne sich über seine Erscheinungsformen näher auszulassen; gelegentlich nur werden einige allzu knotige Exzesse niedriger gehängt. Im ganzen ist man bereit, wie so vieles anderet auch Israel still zu opfern. Die Menschen- und Bürgerrechte des Juden sind, wenn nicht angefochten, so doch wieder Gegenstand lebhafter Diskussion. Wieder ist es der Konterrevolution gelungen, das Thema aufzunötigen; sie hatte die Initiative und die Demokratie sucht nur dadurch, daß sie nicht mitmacht, dem Eindruck zu erwecken, als gäbe es die ganze Diskussion nicht.! Ossietzky unterzieht das neueste Buch Hans Blühers, „Erhebung Israels gegen die christlichen Güter", und Wilhelm Stapels Broschüre „Antisemitismus und Antigermanismus" einer eingehenden Analyse, bringt eine Reihe direkt judenhetzerischer Zitate aus beiden Schriften und fährt fort: „Hans Blüher und Wilhelm Stapel beschwören beide emphatisch, weder die physische noch geistige Mißhandlung der Juden zu versuchen, auch nicht deren bürgerliche Entrechtung. Die Herren vergessen den Zeithintergrund und welche Resonanz sie finden können. Heute braucht eich kein schwaohnerviger Skribler selbst zu bemühen. Ein gutgezieltes Wort genügt, um Hände in Bewegung zu brinigen. In dieser Zeit Hegt viel Blutgeruch in der Luft. Der literarische Antisemitismus liefert nur die immateriellen Waffen Z'um Totschlag. I Ossietzky zitiert einen Ausspruch Blühers, daß die Juden „zum Pogrom reizen und sich dadurch schuldig machen", und schreibt: „Totgeschlagenwerden ein Aktivposten? Jedenfalls ist der Jude schuldig, auch wenn er mit zerbrochenem Schädel auf dem Pflaster liegt, vom zehnfacher Uebermacht zut Strecke gebracht. Sollte es wirklich einmal zu Peinlichkeiten kommen, so hat Hasn Blüher für diesen Fall ja schlüssig dargelegt, daß der Jude sowieso verdammt ist; ihm ein Leid antun, bedeutet also nur, einen voca Gott vorgesehenen Tatbestand erfüllen." I „Diese literarischen Antisemiten", schließt Karl von Ossietzky, „müssen in einem argen Dilemma herumlaufen. Sie bewegen sich immer am Rande des Pogroms, sie naschen gleichsam davon, aber sie scheuen sich, so aktiv zu werden wie weniger intellektuell beschwerte Zeitgenossen. Warum so schüchtern, meine Herren? Geben