Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 258 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711879--3281-2716640- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 258 Gut und billig speisen Sie im Restaurant Roth II. Bas«, PraterstraO« 34 mmmmmmmum—mm Mittag- und Abend-Menüs. Suppen Braten nach Wahl oder Huhn, Gemüse Kompott, Mehlspeise. . $ 1.60 Suppe, Fleisch, Gemüse, Mehlspe*se.....S 1.30 Ein Judenfreund Zum Tode des Bundeskanzlers und Polizeipräsidenten Dr. Hanns Schober. — Wie Ich ihn kennenlernte Von Robert Stricker loh war mit dem Manne, dem die Aufrechterhält iung der Rühe und Ordnung in Oesterreich, und damit vielleicht in Mitteleuropa, eine lange und schwere Zeit hindurch anvertrauet war, sehr befreundet Die enge Beziehung zu diesem guten und hilfsbereiten Ehrenmanne gehört zu den besten, die ich in meinem politischen Leben hatte. Er stand den Juden vorurteilslos gegenüber, war insbesondere ein verständnisvoller Freund der zionistischen Bewegung und verfolgte die nationaljüdischen Bestrebungen aufmerksam und wohlwollend. Während des Krieges und naoh dem Kriege hat er in un2ähligen Fällen tatkräftig eingegriffen, wenn es sich darum handelte, ein an einzelnen Juden oder an der jüdischen Gemeinschaft begangenes Unrecht gutzumachen. Ich war in dieser Zeit vielfach mit der Vertretung der Interessen der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs betraut. Ich erinnere mich auch nicht eines einzigen Falles, in welchem mein Appell an das Gerechtigtsgefühl des damals so einflußreichen Mannes wirkungslos geblieben wäre. Er schützte und half, wo es nur möglich war. Die Umstände, unter welchen ich Präsidenten Schober kennenlernte, sind für sein Wesen so charakteristisch, daß ich sie nachstehend mitteile: Während des Krieges machte sich natürlich in Oesterreich Spionage- und Verschwörungsriechorci breit. Sie richtete sich selbstverständlich auch gegen Juden, besonders aber gegen Zionisten. Pazu hatten gewisse Redereien assimilatorisch-jüdischer Kreise, welche sich in Ueberpatriotismus nicht genugtun konnten und den Zionisten Mangel an Patriotismus zum Vorwurfe machten, nicht wenig beigetragen. Besonders das Armeeoberkommando erwies sich den gegen den Zionismus gerichteten Denunziationen zugänglich und ordnete wiederholt strengste Ueberwachung der zionistischen Soldaten im Felde an. Da ich damals die zionistische Organisation in Oesterreich, führte, war es. unausbleiblich, daß meine Person den Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit seitens gewisser Behörden bildete, um so mehr, als ich als Eisenbahningenieur bei einem sehr kriegswichtigen Amte in Verwendung stand. Im September 191? erhielt ich eine Einladung ins Polizeipräsidium. Dort empfing mich ein Herr sehr liebens- . würdig und stellte sich mir als Chef der Staatspolizei, Regierungsrat Schober, vor. Ohne Umschweife teilte er mir mit, daß er den Auftrag habe, bei mir eine Hausdurchsuchung vornehmen zu lassen. Zweimal bereits habe' er diesen Befehl erhalten und Vorstellungen dagegen erhoben. Nun sei der Befehl zum dritten Male eingelangt und er müsse gehorchen. Er kündigte mir ferner an, daß am nächsten Tage einige Herren „unvermutet" in meiner Wohnung erscheinen und dieselbe durchsuchen würden. Er sagte mir dann wörtlich: „Ich weiß, daß Sie nichts Hochgefährliches bei sich haben, aber vielleicht Dinge, die einem Schnüffler doch Anlaß für Verdächtigungen geben könnten. Bitte, richten Sie sich danach!" Man kann sich leicht vorstellen, wie überraschend diese Worte des Polizeigewaltigen auf mich wirkten. Ich fragte ihn, wie er dazu käme, solches Vertrauen in mich, den er zum ersten Male spricht, zu setzen. Lächelnd sagte mir Schober, daß er mich so gut kenne, Die Drei Erzählung von Mordechai Goldenberg Drei sind sie gewesen, und das ganze Städtchen wußte schon lange, daß alle drei verlorene Menschen sind, über die das Urteil schon gefällt ist. Sie haben nur mehr gezählte Tage. i Sie waren noch unter den Lebenden, aber mit einem kalten, unheimlichen Schein auf dem Gesicht. Von allen benachbarten Gesunden trennte sie ein unsichtbarer, aber spürbarer Nebel, und wenn Bie nahekamen, ging von ihnen Grabesgeruch aus ... Gesunde schlugen sich zur Seite und nicht ohne Angst und einen gewissen Ekel verzerrte sich ihr Gesicht, wenn sie irgendwo die Drei trafen ... Ihr gemeinsames Unglück hatte sie zusammengeführt. Einen besonderen Kreis hatten sie sich geschaffen — den Totenkreis —der seine eigene Sprache und seine eigene Unterhaltung hatte. Der Wortführer war der Gebildete unter ihnen, Saul Pendler, edn junger Mann, der die Werke „More Nebuchim" und „Kusari" studiert hatte, edn talentierter Kopf, edn Aufgeklärter, mit bleichem Gesicht, langem Haar eines Philosophen und gestutztem Bärtchen. Er war der Typ eines freien jüdischen jungen Mannes, den man wie einen wertvollen Alabaster kauft, mit einem Scheffel Geldes, wie einen Edelstein, damit er sjcfe jg Mine Bücher, vertiefen könne, während seine als man einen Menschen nur kennen kann. Er habe meine politische Tätigkeit seit Jahren verfolgt-und halte sie für die österreichischen Staatsintere8sen höchst nützlich. Er betrachte überhaupt die Juden und mit ihnen die Zionisten als die besten Oesterreioher. Er halte es für unsinnig ufid gefährlich, die Juden zu schikanieren, nur um den antisemitischen Instinkten einiger hoher Herren Rechnung zu trage«, während wirklich unzuverlässige Elemente von eben diesen hohen Herreu protegiert werden. Er kenne die internationalen Beziehungen der Zionisten und glaube im Interesse Oesterreichs zu handeln, wenn er sich zu mir, dem Vertreter der österreichischen Zionisten, gut stellt. Soweit es auf ihn ankomme, werde er immer bestrebt sein, sich mit den Zionisten freundschaftlich zu verständigen. Damals sind wir Freunde geworden. Und der Polizeipräsident und Bundeskanzler Oesterreichs ist den Grundsätzen der früheren Chefs der Staatspolizei treu geblieben. Ich kenne wenige Nichtjuden, die derjudenfrage so aufrichtiges Interesse entgegenzubringen vermochten, wie Hanns Schober. Jüdische Frontkämpfer! Besuchet den Film „T a n n e n b e r g" Uraufführung: Busch-Kino, II., Burg- Kino, I., Kärntner-Kino, I., Rotenturm-Kino, I., Haydn-Kino, VI. Au§ Argentinien Die antikommunistische Bewegung in Argentinien hat in letzter Zeit immer mehr a n t isemitischen Charakter angenommen. In den letzten Tagen ist es mehrfach zu Ueberfällen auf jüdische Passanten und Angriffen auf jüdische Stadtviertel gekommen. Donnerstag abends wurde die Redaktion der linksgerichteten Wochenschrift „Liberdad" üiberfalleu und die Einrichtung demoliert. Im Anschluß daran kam es zu Ueberfällen in den jüdischen Stadtvierteln Baracos und Boca. Am Freitag wurden etwa 100 Juden einzeln überfallen und mißhandelt. Die Polizei war gegen die Ausschreitungen machtlos: Es mußte abends militärische Verstärkung zur Unterdrückung der Unruhen herangezogen werden. F a s c h istische Gruppen drangen auch in einzelne Kino- Theater in den jüdischen Vierteln ein und mißhandelten die Zuschauer, In der argentinischen Deputiertenkammer haben die sozialistischen Äbgeordne'ten eine Interpellation wegen dieser Ausschreitungen eingebracht, in der darauf hingewiesen wird, daß die faschistischen Terrorakte der letzten Tage in der jüdischen Bevölkerung lebhafte Beunruhigung und Furcht vor Pogromen ausgelöst haben. Eine jüdische Delegation hat im Innenministerium vorgesprochen und Maßnahmen der Regierung gegen die ständige Bedrohung der jüdischen Bevölkerung verlangt. Der Innenminister gab der Delegation gegenüber die Versicherung ab, die Polizei werde weitere Ausschreitungen mit allen Mitteln unterdrücken. Eine ähnliche Erklärung wurde vom stellvertretenden Innenminister in der Kammer abgegeben. Die sozialistische und fortschrittliche, Presse fordert die Regierung auf, Vorkehrungen zu treffen, um den Ausbruch ernsterer. Unruhen zu verhindern.. Die Zeitigen erinnern, bei dieser Gelegenheit an die anarchistischen Unruhen im Jahre 1919, bei denen zahlreiche Juden durch Weißgardisten getötet wurden. ■ 1 '■•> . - '" Eine neue antisemitische Zeitung in Kanada Soeben ist in Montreal eine neue antisemitische Zeitung in englischer Sprache „The Commonwealth" erschienen. Die erste Nummer enthält eine Reihe von Artikeln, die sich mit angeblichen jüdischen Verschwörungen nach den Plänen der „Weisen von Z i o n" befassen. Es wird erklärt, dieMachtdieser Körperschaft sei nunmehr durch die Jewish Agency repräsentiert. An die in Ottawa tagende britische Reichskonferenz wird der Appel! gerichtet, vor den Juden und den Ränken der Weisen von Zion auf der Hut zu sein. Ungeachtet dieser Auslassungen behaupte! da9 Blatt, nicht antisemitisch zu sein. Es wird angenommen, daß es von der französischen antisemitischen Gruppe gestützt wird, die InQuebeck mehrere antisemitische Wochenblätter in französischer Sprache, wie „Le Goglu", „Le Miroir" u. a., herausgibt _ *. Antisemitische Ausschreitungen in Tunis Paris, 22. August. (J. T. A.) Aus allen Teilen von Tunis werden ernste judenfeindliche Ausschreitungen gemeldet Kleinere Zwischenfälle sind zu einer täglichen Erscheinung geworden. Zivilbehörden und Polizei haben energische Maßnahmen zur Unterdrückung der Bewegung ergriffen, oft ist es jedoch unmöglich, den Ausbruch der Unruhen, die in vielen Fällen aus ganz geringfügigen Ursachen entstehen, vorauszusehen. In Ariana, einer kleinen Stadt bei Tunis, hat eine große Menge von Arabern unter dem Rufe „Der heilige Krieg ist verkündet" die Juden angegriffen. Diese setzten sich zur Wehr, mehrere wurden im Kampfe verwundet. Aus Tunis in Automobilen herangeführte Polizei machte dem Aufruhr ein Ende. Mehrere Araber, unter ihnen der Sohn des mohammedanischen Ortsvorstehers Caid sowie ein Jude, der an der Verteidigungsaktion teilgenommen hatte, wurden verhaftet. Ariana ist wegen der judenfeindlichen Einstellung seiner arabi&chen Stadtverwaltung berüchtigt Die jüdische Presse hat wiederholt gegen die von den Behörden in Ariana den Juden gegenüber an den Tag gelegte Gehässigkeit protestiert; vor kurzem wurden auf Grund der von jüdischer Seite erhobenen Beschwerden arabische Polizeibeamte in Ariana von den übergeordneten französischen Behörden des Dienstes enthoben« Zu ernsteren Unruhen ist es auch in Sakkiert und Sidi Youssef während des letzten Wochenmarktes gekommen. Beduinen griffen die jüdischen Marktfahrer an und plünderten die jüdischen Läden. Es ist vorläufig noch nicht möglich, weitere Einzelheiten über die Ausschreitungenin Tunis zu erlangen. * Zum, zweiten Male innerhalb verhältnismäßig kurzejr Zeit haben sich.\n der Ortschaft Soukahras judenfein.dliche .iV-usschrieJtnngen,. ereignet... Eine etwa ., fünfhündertköpfige Menge * versuchte, eine jüdische Druckerei zu stürmen und griff, nachdem sie von der Polizei zurückgetrieben worden war, jüdische Läden an. Militär schritt ein und zerstreute die Aufruhrer. Nationalsozialisten in Spanien unerwünscht Die von dem bekannten spanischen Abgeordneten und philosophischen Schriftsteller Don Jose Ortega y Gasset in Madrid herausgegebene republikanische Abendzeitung ,Xuz" veröffentlicht einen gegen die anti semitische Hitler-Bewegung in Deutschland gerichteten Artikel, in dem besonders dagegen protestiert wird, daß deutsche Nationalsozialisten, die Spanien besuchen, dort Uniformen und Hakenkreuzabzeichen tragen. , Die Invasion dieser Herolde des Antisemitismus, Antisozialismus und der Xenophobie in die spanische Halbinsel, schreibt das Blatt, wird nachgerade unerträglich. In Spanien sind Besucher aus allen Ländern willkommen, aber es kann ihnen nicht gestattet werden, die Gastfreundschaft zu mißbrauchen. Das Zurschaustellen antisemitischer Embleme ist eine Beleidigung für unsere jüdischen Bürger und für die in unserem Lande lebenden ausländischen Juden sowie für uns alle, für ganz Spanien» Frau für den Unterhalt arbeiten soll. Und plötzlich, ehe man sich's versieht, hat sich in seine zarten Lungen der Todesengel geschlichen, und er muß mit seinen knappen dreißig Jahren von der Welt gehen. Er pflegte zwischen zwei Huetenanfkllen still zu lächeln und zu sagen, «daß der Tod ihn eigentlich nicht irritieren könne. Wenn er auf die Schar der kleinen Kinder blickt, die er der Obhut einer schwachen Frau, seines Weibes, zurückläßt fühlt er, daß Sein geheiligter Name (Gott) — man darf es nicht aussprechen — schuld daran ist ... Ein Vater versündigt sich doch auch gegen ein Kind! Da pflegt ihm der Zweite ins Wort zu fallen, Samuel Goldblatt, ein gottesfürchtiger junger Mann, ein frommer, lernbegieriger, mit langem, dunkelblondem Bart, dessen ausgedörrtes Gesicht wie ein Totenschädel aussieht. Er ist kinderlos. Er unterbricht oft Sauls Rede und mahnt ihn daran, daß man bald, vor Gottes Gericht stehen werde und deswegen nicht sündigen dürfe: „Wir müssen genau überlegen, was wir tun. Meinst du etwa, daß Gott einen Irrtum begebt? Niemals!" Und Saul Pendler verstummt mit verzerrtem Gesicht ob der schweren Zurechtweisung, die ihm Samuel hat zuteil werden lassen ... Und nun der Dritte, Benzion Urstein. Er hat seinerzeit, als er noch gesund war, ein Geschäft geführt, lebensfreudig in die Welt gesehen und sich angeschickt, ein Caasen zu werden, ein ganz besonderer Caasen, Dann aber ist er verstummt und hat nur seiner alten Mutter in die Augen geschaut, dem Gedanken hingegeben, daß sie den Schmerz, ihren Einzigen zu begraben, nicht überstehen werde. Er hat sich an seine kranken zwei Schicksalsgenossen angeschlossen und ihre Klagen mit stummem Weh angehört ... Nur von Zeit zu Zeit hat er mit den Zähnen geknirscht wie in Wut über das, was seine Krankheit ihm angetan. Er hat gehustet und geschwiegen, i * Einmal begegneten sie sich einander in einem Garten, auf dem Berg des Städtchens. „Was hört ©ich, wir fahren ah?" fragte Saul in seiner Art den mit seiner Seele ringenden frommen Samuel, der unter einem Baum saß, ächzte und hustete. (KAber, Saul, hör doch auf", bat der Unglückliche. Und Saul, hoch und dürr wie eine Stange, bohrte seine Augen in das Gesicht seines leidenden Freundes, sich ihn plötzlich als beinernes Skelett vorstellend. Und Grabesschauer rieselte ihm über den Rücken. „Weißt du, Saull" sagte er, ihm in die traurigen Augen blickend, „die Doktoren haben mir Hundsfett verordnet, Fleisch von vierbeinigen Tieren. Ich bin zwar kein frommer Mensch. Aber sterben werde ich und in den Mund werde ich's doch nicht nehmen, so oder so!" Und er machte eine Bewegung mit der Hand, die besagte, daß er schon seit langem resigniert habe. Und Benzion Urstein, der kranke Mensch, der vom Garten zu ihnen hiniiborblickte, stöhnte süllschweigend, hustete lang und schwer., «k> wenn eine zerbrochene