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Die neue Welt · 1932-08-19 · Heft 257 (19.8.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 257 (19.8.1932)
Date
1932-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I Nr. 257 DIE NEUE WELT Seite 9 Die jüdische Weltkonferenz in Genf (Sonderheridit der „Neuen Well '«) Gen f, am 16. August. Das Bild der Tagung. In einem Augenblick, da das jüdische Volk in allen Ländern der Gallith in ihrer sozialen, physischen, geistigen und seelischen Existenz bedroht wird, ist in Genf die vom American Jewish. Congress einberufene jüdische Weltkonferenz eröffnet worden. Die Konferenz hat sich bekanntlich zwei Aufgaben gestellt: 1. Die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern sowohl in politischer wie ökonomischer Hinsicht zu erörtern und 2. eine Entscheidung bezüglich der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses zu treffen. Diese Genfer Konferenz ist also eine Art Vorkonferenz, die zu entscheiden hat, ob die Zeit der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses gekommen ist und welcher Apparat gegebenenfalls zu seiner Organisierung geschaffen werden «oll. Der Festsaal in der Maison de Faubourg versammelte ungefähr 400 jüdische Persönlichkeiten -— 100 Delegierte aus 20 Ländern und 300 Gäste — zu einer eindrucksvollen Manifestation. Den Vorsitz führte der Ehrenpräsident des American Jewish Congress, Dr. Stephen S. Wise, der später vom gewählten Präsidenten Leo Motzkin, dem traditionellen Vorsitzenden der Zionistenkongresse, abgelöst wurde. Die Informationsabteilung des Völkerbundes war durch einen ihrer Mitglieder vertreten. Zahlreiche Begrüßungsschreiben und Botschaften jüdischer und nichtjüdischer Persönlichkeiten, darunter eine besonders charakteristische des amerikanischen Senators William E. B p r a h, waren eingelangt. Bekanntlich hat das Aktionskomitee den Präsidenten Nahum S o k ol o w gebeten, d-er Konferenz die Grüße der Zionistischen Organisation zu übermitteln. Besonderen Eindruck machte das Erscheinen des Bürgermeisters der jüdischen Stadt Tel-Awiw, Meir Dizengoff. ~ »Die göttliche Vision unserer Führer von Moses bis Hcrzl" Die Begrüßungsansprache im Namen des American Jewish Congress hielt sein Präsident Bernard S. D e u t s c h. „Die inhärente Weisheit unseres Volkes, die göttliche Vision unserer Führer von Moses bis Herzl", erklärte Herr Deutsch, „haben unser Schicksal geleitet und unser Sein erhalten. An einem neuen trüben Tag treten wir zusammen, um miteinander zu beraten, wie unser Leb&isprozcß fortzusetzen sei." Bezüglich des Völkerbunds äußerte sich Herr Deutsch dahin, „daß der Völkerbund für unser Volk besondere Bedeutung habe als Hüter der Minderheitsrechte, als Körperschaft, die Großbritannien das Mandat über Palästina gab." Auf Amerika übergehend, stellte der Redner fest, daß der wachsende Antisemitismus in Europa versucht habe, auch in Amerika Fuß zu fassen, das amerikanische Volk aber werde dieses Krebsgeschwür, das jede Gemeinschaft zerstöre, nicht dulden. Am Schluß seiner Ausführungen betonta Präsident Deutsch: „Wir sind hier als geeintes Volk mit gemeinsamen Interessen versammelt, um den Massen der Juden zu helfen." Nach weiteren Begrüßungsausprachen, so des Vertreters des israel. Gemeindebundes für die Schweiz und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Genf, Armand Brunschwieg und Henry de Toledo, erstatten Dr. Stephen Wise und Dr. Nahum Goldmann ihre Referate über die künftige Organisation des jüdischen Weltkongresses. Dr. Stephen Wise gab zunächst einen historischen Rückblick über die Idee eines jüdischen Weltkongresses, schilderte die Bemühungen des Komitees der Delegation Juive und des American Jewish Congress. „Diese Konferenz", sagte Stephen Wise, „wie auch ein jüdischer Weltkongreß bergen in sich keinerlei Gefahren für das jüdische Volk. Selbst wenn irgend welche Gefahren damit verknüpft wären, so achten wir unser Volk zu sehr, um nicht zu wissen, daß Israel keine Garantien der Sicherheit sucht, sondern weiß, daß es als ein stolzes Volk den Weg des Mutes und der Voraussicht zu gehen hat. Weder diese Konferenz noch der jüdische Weltkongreß haben rein defensive Zwecke. Wir sind ein lebendes Volk und als solches müssen wir Ausdruck für unseren Willen finden. Es gibt kein Volk auf der Welt, das darauf verzichtet, in öffentlicher Zusammenkunft seine Politik zu bestimmen." Stephen Wise beschäftigte sich dann mit der Lage der europäischen und amerikanischen Judenheit, streifte Deutschland, stellte fest, daß die Konferenz keine zionistische Zusammenkunft sei. Er erklärte hiebei: „Trotzdem glaube ich, daß es angebracht ist, in diesem Moment das Bild Herzls in Erinnerung zu bringen. Er war mehr als der Schöpfer der modernen zionistischen Bewegung, er war die Verkörperung des besten Geistes des jüdischen Volkes. Ohne ihn ' wäre diese Konferenz unmöglich gewesen." Hierauf eröffnete. Stephen Wise offiziell die Kon* ferenz und gab Dr. Nahum G o 1 d m a n n das Wort. Nach Verlesung mehrerer Begrüßungsschreiben zeichnete Dr. Goldmann das Bild derjenigen jüdischen Kreise, die eine Beteiligung an der Konferenz abgelehnt hatten und stellte fest, daß diese Genfei Tagung das Recht habe, im Namen eines großen feiles des jüdischen Volkes zu den Juden der Welt und zu den Völkern der Welt zu sprechen. Dr. Goldmann umriß weiters die A u fgaben dieser Konferenz im Sinne der oben angeführten Programmpunktc: Der Weltkongreß soll die permanente Tribüne d e s j ü d isehen Volkes, seine s t ä u d i g e 1 e g a le und moralische Adresse sein. Bis Dienstag, den 16. August, vormittags sprachen in der Debatte Dr. Mayer Ebner (Rumänien), Dr. Schmorak (Galizicn), der ehemalige Präsident der Jüdischen Gemeinde Berlin Georg Ka r e s k i, dessen Ausführungen über die Lage der Juden in Deutschland infolge ihrer Gediegenheit tiefen Eindruck machten, ferner E f r o i k i n (Paris), Robert Stricker (Wien) und Dr. Emil Margulies (Tschechoslowakei). Robert Strickers Ausführungen gipfelten in der Anschauung, daß nur ein Kongreß auf nationaljüdischer Grundlage prinzipiell und administrativ nutzbringend sein könne. Dieser Tendenz schloß sich Dr. Emil Margulies an und sprach sich für Strickers Vorschlag eines nationalen Kongresses aus. Großen Eindruck machte die Ansprache eines nichtjüdischen Amerikaners, Prof. Hudson von der Harward-Universität (New York), der bei der Friedenskonferenz in Versailles die Minoritätenverträge revidiert hat. Prof. Hudson sprach über das natürliche Lebensrecht der Minderheiten und forderte die Konferenz auf, energisch für die Rechte der Juden einzutreten. Ueber Donnerstag, den den weiteren 18. d. M., Verlauf beendet der sein Tagung, die soll, werden wir noch ausführlich berichten. einen nur mit SWING der einzigen schwedischen Weltmarke Das bulgarische Judentum und seine Forderungen an die jüdische Weltkonferenz Das Zcntralkonsistorium .der Juden Bulgariens hat in einem Memtbrandum^ °das auf der jüdischen Weltkonferenz verlesen werden soll, die Lage der bulgarischen Judenheit zusammenfassend dargestellt und ihre Forderungen an die jüdische Weltkonferenz formuliert. Im ersten Teil des Memorandums wird die augenblickliche Lage der Juden Bulgariens ausführlich dargestellt. Ihre Zahl beträgt etwa 49.000. 95 Prozent davon sind Sephardim, 5 Prozent aus Polen, Rußland, Rumänien, Oesterreich und Ungarn eingewanderte A se nke nasiin. Ungefähr 45 Prozent der jüdischen Bevölkerung leben in der Hauptstadt Sofia, die eine jüdische Gemeinde von 22.000 Seelen hat. Von größeren Gemeinden sind Philippopcl mit 6000, Rustschuk mit 3500, Widdin, Warna und Dubniza mit etwa je 1500, Jambol und Bazardjik mit je 1300 und Küstendil mit 1000 jüdischen Einwohnern zu nennen. Die bulgarischen Juden befassen sich hauptsächlich mit Handel, außerdem gibt es noch selbständige Handwerker, Arbeiter, Angestellte und Angehörige der freien Berufe unter ihnen, jedoch keine Landwirte. Die in die Verfassung von Tirnowo im Jahre 1878 aufgenommenen Bestimmungen des Berliner Traktats garantieren den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung, die indessen in der Praxis nicht vollständig durchgeführt ist. Im öffentlichen Dienst sind fast keine Juden zu finden. Am politischen Leben des Landes nehmen die Juden lebhaft Anteil, häufig werden jüdische Kandidaten in die Stadt- und Kreisverwaltungen und ins Parlament gewählt. Der Antisemitismus ist in stetigem Anwachsen begriffen. Die Antisemiten sind vor allem in der „Rodna Zastita" (Heimwehr) organisiert. In jüngster Zeit wurde auch nach deutschem Muster eine n a t i o n a 1 s o z i a 1 i s t i s che Partei gegründet. Die Regierung nimmt den antisemitischen Organisationen gegenüber eine dem Judentum günstige Haltung ein. Die 34 jüdischen Gemeinden Bulgariens sind als nationale Minderheit in einer Gesamtorganisation des bulgarischen Judentums zusammengeschlossen. Ihr Hauptorgan ist die für je drei Jahre gewählte R e p r äsentantenverSammlung, zu der alle Gemeindemitglieder ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit das aktive, die Juden bulgarischer Staatsangehörigkeit das passive Wahlrecht besitzen. Die Repräsentantenversammlung wählt ein Exekutivkomitee, das den Namen Zentralkonsistorium der Juden Bulgariens führt. Abteilungen des Konsistorialamtes sind das Oberrabbinat, die Schulinspektion, der Oberste Gerichtshof (Beth Din Hagadol) und die Abteilung für professionelle Bildung der jüdischen Jugend. Das jüdische Schulwesen umfaßt 13 Kindergärten, 22 Elementarschulen und 5 Progymnasien, die HÄUSER¬ VERWALTUNGEN sowie Vermittlung von Kauf, Verkauf und Hypothekenbeschaffung werden übernommen und kulantest durchgeführt. Zuschriften an die„NeueWelt" unter „Verwaltungen" erbeten Besucher des Weltkongresses der Revisionisten treffen sich im Hotel u* Restaurant Guth II, HollandslraRe 14 50 modernst eingerichtete Zimmer / Speisen1 Menüs sowie ä la carte billigst, auch vegetarische Küche von den jüdischen Gemeinden, zu deren Bereich sie gehören, erhalten werden. Das Jahresbudget der jüdischen Schulen schwankt zwischen 50.000 und 55.000 Dollar. Der fakultative Gesamtbeitrag des Staates, der Stadt- und Kreisverwaltungcn zur Erhaltung der jüdischen Schulen macht etwa 20 Prozent des Schulbudgets aus. In Sofia besuchen 50 Prozent der jüdischen schulpflichtigen Kinder die jüdischen Schulen, 30 Prozent die staatlichen Schulen und 20 Prozent die Schulen der ausländischen Missionen. In Philippopel betragen die entsprechenden Prozentsätze 74,3, 4,8 und 21, in Rustschuk 65,8 2,5 und 31,7. Die seit 30 Jahren bestehende obligatorische Sonntagsruhe wirkt sich auf die jüdische Bevölkerung ungünstig aus. Die jüdischen Geschäfte sind zum größten Teil genötigt, am Sabbat offen zu halten, um nicht ihre Existenz zu gefährden. Die hohen jüdischen Feiertage werden Soldaten, Beamten und Schülern jüdischen Glaubens freigegeben. Auch bei Gerichtsverhandlungen werden jüdische Feiertage berücksichtigt. Nach der Volkszählung von 1920 sind 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung erwerbstätig. Dieser.Prozentsatz ist in stetigem Anwachsen begriffen. Der auch in Bulgarien akut werdenden Frage der Berufsums chic h t u n g wird vom Zentralkonsistorium größtes Augenmerk zugewandt. Das bulgarische Judentum, welches in seiner Gesamtheit auf der Basis des national-religiösen Prinzips organisiert ist, fühlt sich als untrennbarer Bestandteil des ganzen jüdischen Volkes. Von der Genfer Konferenz wird verlangt, daß sie Mittel und Wege zur Beteiligung des ganzen jüdischen Volkes am Aufbau Ercz Isr,ae 1 s, in dem das bulgarische Judentum den Weg zur Erhaltung des jüdischen Volkes und zur Verbesserung seines Schicksals erblickt, finde. In r c 1 i g i ö s - k u 11 u r e 11 e r Hinsicht werde die Konferenz Maßnahmen treffen müssen, um das kulturelle Niveau der Juden in Nördafrikaa Asien und anderen rückständigen Gebieten zu heben und der Assimilation Einhalt zu gebieten.! Von dem geplanten Kongreß wird gefordert,, daß er eine Zueammenfassung der Juden ohne Unterschied ihrer politischen Ueberzeugungen in möglichst großem Umfang darstelle und zu den großen Fragcu der jüdischen Wirklichkeit eine klare präzise Stellung nehme. ■ l 1 Die Legende von Bi'ro»Bidsdian Rückwanderung — Ein zweiter Fünfjahrplan — „Gegen Palästina!" Obwohl das Debakel der jüdischen Kolonisation in Biro-Bidschan aller Welt klargeworden ist, bemühen sich die Initiatoren dieses Planes, das Fehlschlagen aller ihrer Versuche zu vertuschen. Der jiddisch-kommunistische „Emess" erklärt, daß das- Rück wandern zahlreicher russischer und ausländischer Kolonisten auf den Mangel an Wohnungen und auf die Untauglichkcit der Siedler zurückzuführen sei. Bei dieser Gelegenheit wird nicht mehr von einer jüdischen Republik, sondern von einem autonomen jüdischen Gebiet gesprochen. -Es wird die Einberufung einer Konferenz geplant, die die gegenwärtige Lage in Biro-Bidschan prüfen und einen zweiten Fünfjahrplan für die jüdische Arbeit entwerfen soll. Die J. T. A. bringt ihiezu nachstehende Meldungen: Das Leitungsmitglied der Gesellschaft für jüdische Ansiedlung Ozet, Raschkes, hat der Moskauer Ozet- Zentrale telegraphisch mitgeteilt, daß in letzter Zeit 175 in Biro-Bidschan neu angekommene Juden in ihre Heimatstädte zurückgeschickt werden mußten, da sie für die Arbeit in Biro-Bidschan nicht geeignet waren. Raschkes verlangt die Einleitung amtlicher Untersuchungen gegen die Ozet-Abteilungen inSchitomir, Uman, Witebsk und Krementschuk, die ungeeignete jüdische Elemente nach Biro-Bidschan entsandt haben. Die Gesellschaft Ozet bereitet eine große Kundgebung anläßlich des Eintreffens der ersten aus Palästina nach Biro-Bidschan reisenden jüdischen Arbeitergruppe vor. Bei dem Empfang der, aus 60 Personen bestehenden Arbeitergruppe sollen Demonstrationen gegen Palästina und für die jüdische Siedlung in Biro-Bidschan stattfinden. Es ist ein Empfangsabend in Moskau und ein Massenmeeting vorgesehen, auf dem Vertreter der verschiedenen Arbeiterorganisationen dat Wort ergreifen werden. Für Wehrpflichtige aus Polen ' Das Konsulat der Republik Polen in Wien gibt folgendes bekannt: I Gemäß Art. 24 des Gesetzes über die Allgemeine Wehrpflicht und §§ 77 biß 81 der Duröhführungßverordnung zum Gesetze über die allgemeine Wehrpflicht werden alle in der Republik Oesterreich wohnhaften, im Jahre 1914 geborenen polnischen Staatsangehörigen männlichen Geschlechtes aufgefordert, sich in der Zeit vom 1. bis 30. September 1932 im Konsulat (III., Rennweg 1, 1. Stock) persönlich oder schriftlich zwecks Eintragung in die Register der militärpflichtigen Personen zu melden. > Personaldokumer^te und Meld ena oh weise sind ajaitzubrineen, bzw. einzusenden. i , Die Nichterfüllung dieser M«ldeDfUeht wird gemäß Art. 97 des bewglneÄ Ge&fciä!

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