Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 257 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ft*f jm^M|| MMiMH; a^M^fln fli DIE fHStTB WELT *. 9* Bereit sein— ist alles Von Vladimir Jaboffasky ,Yor 15 Jahren, Ende August 1917» erschden im eng- 1 Jacken Regierungsblatt eine kurze Notiz, betreffs Gründung des jüdischen Regiments. Die kurze Notiz kostete zwei Jahre bitteren Kampfes. Meistens bitteren Kampf irtft den Juden selbst,. Noch 'bitterer: Mit der j ü d i» sehen Jugend. Hätte sie» die jüdische Jugend, sich von allem Anfang zu der Sachte so gestellt, wie es sich gehört, d. h. klar einen Massenwillen ausgedrückt, in einer jüdischen Armee für die Befreiung Palästinas zu dienen, dann hätte die ganze Opposition der Herr Schäften in England (ob Assimilanten, ob andere) nicht die Spür einer Rolle spielen können. Es war eine Zeit, da die Regierung einerseits Soldaten, andererseits freundschaftlicher Mas-senmanifestationen im Hinblick auf die Alliierten bedurfte, und sich, mit den Stimmungen; der jüdischen Notabein nicht abgeben konnte. Im ganzen und großen war deren Opposition für die Führer der Leglonsbewegung die geringste Sorge. Die erste und einzig wichtige Sorge war die Jugend. Der Augeftblick traf sie unvorbereitet; der Gedanke, für ein Land zu kämpfen, klar und einfach wie alle anderen Völker, war ihr fremd ttnd schwer, sich mit ihm vertraut zu machen. j Das sage" ich nicht, um zu kritisieren — zu spät, beut« einen Zustand von anno dazumal unter die Lupe zu nehmen «—, heute ist das nicht mehr als eine historische Wahrheit, aber von einer historischen Wahrheit darf man wohl etwas lernen. Darum ist es nützlich festzustellen, wer eigentlich daran schuld ist, daß das jüdische Volk die Kriegsjahre „verspielt'* hat, wenn schon nicht, Gott sei Dank, ganz und gar, so leider doch zu, guter Hälfte verspieltI Nicht die führenden Persönlichkeiten, die assimilatorischen oder zionistischen; nicht die Zeitungsschreiber; nicht die diversen Oberhäupter, nicht die Rabbiner und nicht die Väter und Mtftter, wahrlich, alle die oben erwähnten Elemente h»ben sich zu jener Zeit als kurzsichtig, engherzig, politisch-unreif erwiesen; die lebendige Jugend besitzt den lebendigen Instinkt, und in einer Zeit großer Entscheidung bedarf sie keines Ratschlags seitens der älteren Leute, um sich in jene Richtung aufzuschwingen, die von ihr die Geschichte fordert. Wozu hinweisender Worte, wenn wirklich eine lebendige Jugend vorhanden ist? Bei ans hat der große Augenblick nur eine kjeine Schar lebendiger Jugencl gefunden. Und diese kleine Schar hat alles getan, was in ihrer Macht war, aber aus wenigen tausend Menschen kann man keine Armee von hunderttausenden Soldaten pachen. Aber die große Mehrheit der jüdischen Jugend ^üer' 'Epoche,« der jungen Männer, die sich melden konnten und 6ich nicht gemeldet haben —, sie ist darin schuldig, daß das jüdische Volk verspielt und versäumt hat solch eine Schicksalsstunde wie die in den Jahren zwischen 1914 und 1918. Das ist* glaube ich, ein seltener Fall in der Geschichte der Völker. Verspielen und versäumen einen wichtigen Moment, ist bei Völkern keine Seltenheit, gewöhnlich aber ist daran nicht ihre Jugend schuldig. Im Gegenteil: Gewöhnlich „reißt sich"' die Jugend zu gewagten Unternehmungen auf, während der ältere Jahrgang sie stört und zurückhält und „Ruhe!" schreit. Bei uns aber war es die Mehrheit der Jugend selbst, die „Ruhe" predigte. ' i * Wenn bei verschiedenen Völkern der Welt die Jugend vom Geist der Bereitschaft zum Kampf durchdrungen ist, mag das wohl gefährlich «und schlecht sein: es kann einen Krieg hervorrufen, aber es ist töricht, solch ein© Zwangsläufigkeit auf uns Juden oder auf unsere jüdische Jugend anzuwenden. Die objektive Lage des jüdischen Volkes macht es. organisch unmöglich, daß irgend jemand bei uns einen Krieg „wünsche". Und selbst, wenn wir alle insgesamt den Krieg „wünschten", könnte da« auch nicht wirken. Wir Juden können keinen Krieg verursachen, keinen Krieg provozieren. Darum hat der Begriff „Kriegsbereitschaft" bei uns einen anderen Sinnt einen nötigen Sinn, einen nützlichen Sinn, einen heiligen Sinn. Er heißt: „Wenn sich solch ein Unglück ereignet wie ein Krieg, muß unsere Jugend bereit »ein, ihr Leben in solcher Art, in solcher Form hinzugeben, daß es uns unserem nationalen Ziel näher bringe, | Eben diera Ptyohologfce bat bei dem Kreis der Jhigend von 1014 bis 1918 gefehlt. Hätte sie nicht gefehlt, wäre die Geschichte jener Jahre anders verlaufen. Vom März 1915 ab — dem Augenblick, da Trumpeldors »Zion-Mule-Corps" in Aegypten errichtet wurde — wäre eine mächtige legionistisöhe Bewegung in allen alliierten Ländern und in Amerika entstanden. Ein liegen von Forderungen hätte sich über alle englischen Konsulate ergossem Schafft eine jüdische Legion für Palästina und gebt an« die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Die Aiutordtät der zionistischen Vertreter, die damals d&e eisten Verhandlungen mit England führten, wäre hiedurdh sehnfach verstärkt worden. Kitchene» Antipathie gegen „exotische Regimenter" wäre bei einer äahl von Dutzenden Bataillonen besiegt worden. In der faß Beginne der Operationen an der Palästina-; Pommer £94$ froren sahon viele jüdische Batail- >m am PJata gewesen und im entscheidenden Moment (Herbst *W fiäWe ^ieüeioht ein Littel oder gar die '. ■ $T> "; Hälfte der ganzen Allenby-Armee aus jüdischen Soldaten bestanden. Noch wichtiger: Juden hätten den Hauptteil jener Garnison gebildet, die im Laud nach dem Sieg geblieben wäre. ' Und eben all das haben wir verspielt und versäumt — zufolge eines psychologischen ZuStands der jüdischen Jugend in einem bestimmten Abschnitt unserer Geschichte. Zufolge des Ümetands, daß unsere Jugend keine seelische „Kriegsbereitschaft" besaß. Das Einzige, das sie vom „Krieg" wußte, war die Ueberzeugung, daß der Krieg eine schlechte und fürchterliche Sache sei, eine ganz richtige Ueberzeugung, aber auch nutzlos, weil man uns Juden nicht fragt, bevor man einen Krieg beginnt. Daß der Krieg schlecht ist, das ist bei uns eine längst festgelegte Tatsache, schon von den Tagen Josuas her. Wir Juden und besonders die jüdische Jugend bedarf einer Stellungnahme zum. Krieg, die weiter geht als die Einstellung von 2X4 ist 4: Wir benötigen die festgelegte Entscheidung, daß wir, sobald ein Krieg zwischen solchen Faktoren und ringsum solchen Gebieten ausbricht, die unsere nationale Zukunft berühren, bereit sind, Opfer zu bringen und Bedingungen zu stellen. # . Mag sein, daß es heute schon zu spät ist, darüber zu reden, daß eine zweite Gelegeheit nicht mehr kommen wird, daß also nichts da ist, dessentwegen man das gemäßigte Wort „Kriegsbereitschaft" kultivieren müßte. Als vor nicht langer Zeit von diesen Dingen die Rede war, erinnerte mich ein Bekannter lachend an eine, tatarische Anekdote: Im Schlaf träumte ein Tatar von einer Schüssel Eingemachtem, aber er hatte leider keinen Löffel zur Hand. Am nächsten Abend also, vor dem Schlafengehen, nahm er einen Löffel mit ins Bett, aber das Eingemachte wollte sich, im Traum nicht einstellen.. Vielleicht — und vielleicht doch? Prophezeiungen Söll man nicht machen, aber auch keine negativen Pro- Bei verdorbenem Magen, Darmgärungen, üblem. Mundgeschmack, Stirnkopfschmerz, Fieber,. Stuhlverhaltung, Erbrechen oder Durchfall wirkt schon ein Glas natürliches „Franz-Josef^Bitterwasser sicher, schnell' und angenehm. In Apotheken und Drogerden erhältlich. phezeiungen. Wenn ein vernünftiger' Beobachter sich darüber Rechenschaft ablegt, was er für sich von der unmittelbaren Zukunft erwartäulllfatin^ Prophezei ungen, -sondern fl> zwei, „Dringe -?,in die- Waagschale :Z i. Tatsachen *£un^2& ^^ftchfei^ich^edteh. „Politik ist die'" Kunst ^6^'^alric^iniMk^lien^'* Hat' einmal ein großer Staatsmann ^gesagt» Man kann von keinem Staatsmann verlangen, er sei dessen „sicher", was morgen oder über ein Jahisk geschieht. Aber eines kann man von ihm , verlangen^ , die bestehenden Tatsachen zu studieren, die Sachlage, wie sie ist; eingedenk zu sein, welche Resultate*••aus"einer solchen Art 'Sachlage bei früheren Gelegenheiten, sich, ergeben haben. Die „Wahrscheinlichkeit" besteht, daß mehr oder weniger ähnliche Resultate diesmal sich ergeben werden; und für eben diese Wahrscheinlichkeit soll er sich rüsten, sich und den Staat. Die „Sachlage" ist jedermann bekannt. Das ganze Gebiet des „Ostens" befindet sich in einem Zustand von Erregung und Uebergang. Es hat sich dort eine Reihe verschiedener Prozesse verschmolzen. Der Prozeß der „Haskalah" mit der Tendenz, die mittelalterliche Formen des gesellschaftlichen Lebens loszuwerden, den Einfluß des „Olam haba" auf „Olam hase" zu verringern — das spürt man am stärksten in der Türkei und in verschiedenen schwächeren Nuancen überall. Parallel dazu geht der Versuch, just eine regiöse Bewegung aufzufrischen, den Pani Slamismus. Gleichzeitig begegnen wir scharfen nationalisti-' TelflCha|*Fonds«Konfereiiz Mittwoch, den 31. August 1932, großer Saal des Hotel Continental, 10 Uhr vormittags. Tagesordnung: 1. Eröffnungsrede: Vladimir Jabotinsky. 2. Tel-Chaj-Fonds: Rückblick und Ausblick: Gh. Belilowsky. 3. Tätigkeitsberichte a) London: Dr. H. Rosenblum; b) Kontinentalbüro: Dr. O. Rabinowicz. 4. Debatte. 5. Eventualia. 6. Resolutionen. An dieser Konferenz nehmen teil: Die Tel-Chaj-Fonds-Kommissäre aus allen Ländern;; die Delegierten der revisionistischen. Weltkonferenz, deren Anwesenheit obligatorisch ist; Sympathiker und Freunde des Tel-Chaj-Fonds .(bloß als Gaste). Die Vereinigung dar zioniitisdwevlsfonlstisdwn Jugend entbietet Herrn David Nebcnxahl dem Schöpfer des prächtigen jüdischen Jugendheimes, anläßlich seines 90. Oeburtstages die herzlichsten Glückwünsche «c'fiidh Begebungen. Die Grundlage aMer dieser UhuencSnvungen aber ist stets und überall die gleich«: Der Osten will sich der europäischen fibrrschaft ent- •ledigetR Vor allem ist es die Bemühung, England, Frankreich, Italien, Holland aus allen Teilen Asiens und Afrikas zu vertreiben. Man kann in diesem Sinne sagen, daß zwei mächtige Gruppen einander gegenüberstehen: auf der einen Seite der Orient, auf der anderen Seite Europa. So einfach ist das aber nicht. Beide Gruppen sind vorläufig in sich noch uneins. Der Orient ist innerlich, zerrissen von wildem Haß unter den zwei stärksten Elementen, den 20 OMillionen Hindus und den 170 Millionen Muselmanen in Indien. In den Ländern arabischer Zunge gibt es so die tiefe Spaltung zwischen Ibn Saud und Faisal und Abdallah; und Aegypten als Drittem. Auf europäischer Seite geht es auch noch nicht sehe einheitlich zu. Man hat den Eindruck, daß jeder der interessierten Staaten nicht unglücklich wäre, wenn die anderen Staaten aus Asien und Afrika vertrieben wurden. Bis jetzt war es eine Art Gesetz, daß eine solche „Sachlage" immer und überall mit Krieg endete. Nicht gerade ein europäischer Krieg, aber ein Krieg um die Orientländer herum — das ist mehr als wahrscheinlich. Man mag in Zweifel darüber sein, wann und wo er arcun bricht und zwischen wem; welche Länder an ahn» teünehmeh werden, mit wessen Sieg er abschließen wind« Aber daß es nach Pulver riecht, wäre kindisch, zti leugnen. Die Anekdote vom Tataren Ist sicherlich! sehr komisch, aber sie paßt hier durchaus nicht Da« Eingemachte hat er nur im Traum gesehen und es gibt keine, Wahrscheinlichkeit, daß ein Traum sich wiederholet. Mit uns war es anders. Nicht Eingemachtes, sondern Sturm und Regen und Donner und Blitz. Und nicht im Traum, sondern in der Wirklichkeit. Und ein Sturm ist ein Ding, das sich wohl wiederholen kann. Wenn man düstere Wolken am Horizont sieht, so äst das überaus wahrscheinlich ... Einen Löffel vorzubereiten, ist ein ganz vernünftiger Gedanke. Ich bestehe nicht darauf, daß es just ein Löffel sein muß, es können auch andere Instrumente sein oder auch gar keine Instrumente, sondern eine bestimmte Psychologie des Bereitsein«. Hauptsache äst — bereit sein. Darin besteht der Sinn der, Feier der ersten jüdischen Legion. "•• Jabbtinsky-Heim m Tel-Ä^V ". Äm 20; Juli wurde in Tel-Awiw der Grundstein für den Bau eines Jabotinsky-Heimes gelegt. Das Haus, da» als Immigrationsheim für einwandernde Betardm dienen soll, wird im Distrikt „Bene-Brak" errichtet. An der Grundsteinlegung beteiligten sich viele Abordnungen; und Organisationen Palästinas. Jüdische Jubilaie Prof. M. Sobernheim — Prof. R. Willstätter Am 13. August vollendete'Legationsrat Professor Dr. Moritz Sobernheim, Berlin, sein 60. Lebensjahn> Damit vollendet sich eine Etappe in einem dem Judentum und der Wissenschaft geweihten Leiben. Prof. Dr.'Sobernheim, der am 13. August 1872 in Berlin geboren wurde, ist über Deutschland hinaus als Orientalist bekannt. Er ist Schriftführer der Vorderasiatisch-Aegyptischen Gesellschaft. Vor allem wandte er sich der semitischen Epigraphik zu, bereiste u. a. als Mitglied der Baalbek-Expedition der preußischen Regierung und im Auftrage des Institut francais d'aroheologie Orientale mehrfach Syrien und Palästina und veröffentlichte im Anschluß daran seine als grundlegend bekannten Arbeiten über die Tripolitaner, Baalbeker, palmyrenischen und samaritanischen Inschriften sowie die Inschriften in Damaskus (Syrien). Außerdem veröffentlichte er die Chronik der „Ibn lyas" in Gemeinschaft mit Prof. Kahle. Seit dem Jahr 1919 wirkt Prof. Sobernheim im Auswärtigen Amt als Legationsrat und Referent für jüdisch-politische Angelegenheiten. Prof Dr. Moritz Sobernheim ist eine zentrale Persönlichkeit im jüdischen Leben Deutschlands und setzt damit die Tradition seiner Familie fort. Prof. Sobernheim ist seit 1924 Präsident' des' Deutsch-Israelitischen Gemeindeburides, der 1872 konstituiert .wurde. Als Präsident der Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Judentums ' hat sich Prof. Sobernheim große Verdienste um die Wissenschaft des Judentums und um die jüdisch-wissenschaftliche Publikation erworben. Prof. Sobernheim ist Vorstandsmitglied des Kolonisationsvereins „ESRA" und Präsidiumsmitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina. Er ist auch Mitbegründer und Vorsitzender der Religiösen Mittelpartei für Frieden und Freiheit in der Gemeinde. Es gibt fast keine jüdische Partei oder Gruppe in Deutschland, die nicht durch Prof; Sobernheim entscheidend gefördert worden ist, * « ' ■ Am 13; August vollendete auch der hervorragende Chemiker Geheimrat Professor Richard Willstätter sein 60. Lebensjahr. Willstätter hat im Jahre 1913 durch die Aufklärung der chemischen Konstitution des Chlorophylls eine epochemachende wissenschaftliche Leistung vollbracht. Für seine Studien über die Pflanzenfarben, die zu den bedeutendsten Arbeiten der moderneu Chemie gehören, wurde Willstätter im Jahre 1915 mit dem Nobel-Preis ausgezeichnet. Professor Willstätter, der Inhaber des Ordens pour le raerite, ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universität Oxford und Inhaber zahlreicher Auszeichnungen wissenschaftlicher Gesellschaften der ganzen Welt ist, gehört der jüdisch-liberalen Richtung an und hat 1930 auf der Weltkonferenz des liberalen Judentums einen Vortrag über den religiösen Liberalismus und die Wissenschaft gehalten.