Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 256 (12.8.1932)
- Date
- 1932-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 256 blE NEUE WELT Seite \ sehen der Revisionistischen Union und der Zionistischen Exekutive entstehen sollte. Die revisionistische Gruppe verlange Anerkennung als Sonderverband. Einen interessanten Vorschlag brachte Doktor J. Schwarzbarth ein, der die 'Einführung eines Zweijahr-Schekels befürwortete. Tagung des Administrative Committee London, 7. August. (J. T. A.) Unter dem Vorsitz von Direktor Oscar Wassermann (Berlin) wurde am Sonntag, den 7. August, in London die Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency eröffnet. Der Präsident des Zionistischen Aktionskomitees,-Leo Motzkin, legte dem Administrative Committee die dem Aktionskomitee vom Präsidenten Nahum Sokolow, Dr. Brodetzky und Dr. Arlosoroff erstatteten politischen Berichte vor. Die jüdische Wellkonferenz Von Vladimir Jabotinsky * Delegierte des Waad Leumi im Kolonialaint Die sich anläßlich der Aktionskomitcetaguug in London aufhaltenden Mitglieder des Waad Leumi, Elijahu Berliigne und Dr. A. Kazenelson,. hüben in Begleitung Professor Brodetzkys im Kolonialamt vorgesprochen und mit dem Sekretär für Palästina-Angelegenheiten, Parkinson, Forderungen des Waad Leumi an die Regierung, betreffend die Subventionier ung religiöser Einrichtungen der Knesseth Israel sowie Probleme des Erziehungs- und Gesundheitswesens, erörtert. Eine Erklärung des Initiators der Jüdischen Weltkonferenz Dr. Stephen Wise. New York, 7. August. (J. T. A.) Der Ehrenpräsident des American Jewish Congress, Dr. Stephen S. Wise. einer der Hauptinitiatoren der Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses, hat am 7. August die Ueberfahrt nach Europa zur Teilnahme an der Jüdischen Weltkonferenz in Genf angetreten. Vor seiner Abreise übergab Dr. Wise der Jüdischen Telegraphen-Agentur eine Erklärung zur Veröffentlichung, in der er feststellt, daß er die Einberufung eines jüdischen Weltkongresses nicht überstürzen werde, sich aber auch „von der Furchtsamkeit derjenigen, die? in jüdischen Dingen von Angst beherrscht sind", nicht abschrecken lassen -werde. Der Kongreß könne auch nicht ,.auf unbestimmte Zeit verschoben werden, bis gewisse jüdische Gruppen in diesem oder jenem'Lande, denen es nicht paßt, mit einfachen Leuten aus osteuropäischen Ländern zusammenzukommen und zii beraten, sich bereitfinden werden, am Kongreß teilzunehmen". Dr. Wise erklärte, an der bevorstehenden Weltkonferenz dn Genf würden 100 Delegierte aus 21 Ländern teilnehmen. PaIä§tina*Refee des Austro - Palästinensischen Wirtsdiaffcdiensfes _ Wie wir bereits angekündigt haben, veranstaltet der Austro-Palästinensische Wirtschaftsdienst im Frühjahr 1933 eine Gesellschafts- und Studienreise nach Palästina, die den Teilnehmern nicht nur Gelegenheit bieten wird, die Schönheiten des Landes kennenzulernen, sondern auch Einblick in die wirtschaftlichen Leistungen des Landes zu gewinnen. In den allernächsten Tagen werden die genauen Reiseprospekte fertiggestellt sein. Sie können beim Austro-Palästinensischen Wirtschaftsdienst, Wien, IX., Berggasse 16, angefordert werden, wo auch in den Sprechstunden (Montag und Donnerstag von halb 5 bis 6 Uhr) Auskünfte erteilt werden. Eine ganze Reihe jüdischer Institutionen hat ihre Teilnahme an der jüdischen Weltkonferenz abgelehnt. Der Grund: Sie wollen sich nicht an einer Beratung beteiligen, die sich für einen jüdischen Weltkongreß aussprechen könnte, da sie — gegen einen solchen Kongreß a priori seien. Seltsame Logik! Die Initiatoren der Konferenz haben loyal, verantwortlich, vorsichtig gehandelt. Sie wollten einfach verkünden: Wir berufen einen Weltkongreß ein — und es ist leicht möglich, daß ihnen das gelänge. Herzl ist es gelungen. Und zu jener Zeit war es genau so schwer und genau so »gefährlich", einen zionistischen Kongieß mit den Vertretern aller Länder einzuberufen wie heute einen Weltkongreß von Juden an sich, vielleicht noch schwerer. Heute ist solch eine Sache schließlich bloß eine Frage der Propaganda. Wollte man den Gedanken in allen Ländern propagieren und die Wahlen organisieren, würden sich zweifellos daran hunderttausende Juden beteiligen und der Kongreß würde als Weltkongreß gelten, weil doch niemand bemerken würde, oh alle Juden dabei waren oder nur ein „Teil". Die Initiatoren aber wollten korrekt und einwandfrei handeln: zuerst sich mit den bestehenden Institutionen beraten, ihre Meinung hören. Auf solch ein korrektes Vorgehen sollte man doch eine korrekte Antwort geben: zur Konf6renz fahren und seinen Standpunkt entwickeln, ob der Weltkongreß überflüssig oder gefährlich ist. Würde man auf der Konferenz mit Stimmenmehrheit beschließen, daß ein Kongreß stattfinden werde, könnte man in solchem Fall sagen: Wir 'uxlauern eueren Beschluß und können uns leider am Kongreß nicht beteiligen. Aber sich von Haus aus an der Beratung nicht beteiligen? Das klingt etwas sonderbar leichtsinnig und skrupellos. i Früher pflegte man sich in solchen Fällen auf „Assimilation" zu berufen. Sobald Krethi und Plethi ein Assimilant ist, kann er sich natürlich nicht an einer Sache beteiligen, die einen „weltjüdischen" Charakter trägt; da kein Weltjudentum vorhanden sei, könne man auch keine jüdischen Weltinteressen vertreten. Heute ist es aber ein wenig spät, solche Gründe zu benützen. Herr Cyrus Adler zum Beispiel protestiert in seinem Antikongreßschreiben gegen den Verdacht, er sei Assimilant. Und wahrlich — was ist von jenem Bündel assimilatorischer Ideologie übrig geblieben, die im Ableugnen jüdischer Weltintcressen besteht? Wenn die Protestrabbiner seligen Angedenkens gegen Herzl und den ersten Zionistenkongreß donnerten, hatten sie wenigstens etwas zu beschützen: zu jener Zeit bestand tatsächlich bei der ganzen nichtjüdischen Welt (wenigstens bei der liberalen, der anständigen nichtjüdischen Welt) die feste Meinung, daß Judentum nichts mehr sei als eine Religion. Eine jüdische Nationalität sei nicht da und könne nicht vorhanden sein und die jüdischen Interessen seien dieselben wie die aller anderen Bürger. Die Entwicklung besteht'-darin, daß die Welt allmählich den Unterschied zwischen-Juden und Arier zu begreifen verlernt hat — also stört nicht, unterbrecht nicht den Prozeß der Assimilation! Aber heute? Wabrlich lächerlich zu vergleichen! Schon seit 15 Jahren schreibt man ohne Unterlaß in den wichtigsten internationalen Dokumenten von einem „natio- Der große jüdisch« Tonfilm David Golder mit Harry Baur, dem großen jüdischen Charakterdarsteller Neu« und Alleinaufführung HELIOS-KINO 11. Taborstsraße 36 / Telephon R-41-3-50 Halen" Heim für das jüdische Volk. Der Völkerbund und die Regierungen haben offiziell eine Weltorganisation des jüdischen Volkes anerkannt. Eine ganze Reihe von Friedensverträgen garantieren die jüdischen Hechte in den einzelnen Ländern im Namen internationalen Rechtsschutzes. (Zwar Ach und Weh auf die Garantie, aber sie ist theoretisch vorhanden.) Der Antisemitismus hat ebenfalls schon lang internationale For- JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbucher für eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung Hermann TUCHNER, Wien 11, ECKE Taborslraße 52 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — anch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen l Verzeichnisse kostenlos I Für Auskünfte: Tel. R-41-4-20 jneu angenommen. Das jüdische „Joint Foreign Committee" inLondoti beispielsweise macht Vorstellungen bei der rumänischen Regierung wegen der Lage der rumänischen Juden. (Ach und weh, der Nutzen! . . . aber das Prinzip!) Und die Pointe: Wo gibt es, um Gotteshimmelswillen, einen Menschen in der Welt, der glaubt oder zu glauben vorgibt, das Judentum sei nur eine Religion? Welcher „Deutsche mosaischen Glaubens , welcher ^„Franzose israelitischer Konfession" kann euch in die Augen schauen, wenn ihr ihn fragt ob er denn wirklich selbst1 glaubt, daß es keine allgemeine Weltcefahr für die Juden, keine allgemein-jüdischen Interessen gibt? Lächerlich. Die Protestrabbiner waren, scheint's, ernste Menschen, haben, scheint's, gewußt, was sie in Schrecken versetzt! Keine Spur, kein Häufchen Mist ist von all dem übriggeblieben, und dae Antikongreßler wissen das genau so gut wie die Kongreßler. Es gilbt liier keine Positionen zu verteidigen, keine Ideologien zu beschützen, es gibt hier keine Vorurteile, gegen die anzurennen wäre. . ' . '■' . , _ Und was wird es ihnen helfen? Es sind schon 15 Jalire, daß sich das „nichtnationale" Judentum hinter dem nationalen hinschleppt; sich krümmt, sich nebbich zerkocht, den Mund verzieht und alles mit eimer Handbewegung wegmachen will ~ und uns doch auf benritt und Tritt nachgeht. Den letzten Versuch," den nationalen Gedanken zu brechen, haben die Herrschaften in den letzten Monaten vor der Balfour-Deklaration gemacht. Es hat ihnen nicht geholfen und von jenem Moment an. gehört die Welt Vertretung jüdischer Interessen dem nationalen Judentum. Hört nur zu, wie sie reden, die letzten Mohikaner der ausgelaugten Assimilation. In federn Wort macht sich unser Einfluß fühlbar, unsere Phraseologie, die Anerkennung der fatalen Besonderheit des jüdischen Welt-Volkes und seiner Welt-Interessen. Die Assimilation, die früher einen Beigeschmack ehrlichen Enthusiasmus hatte, eine Art begeisterter Neigung, sich mit hohen Kulturen zu vereinigen — heute hat sie jeden Funken von Hingebung und Feuer verloren. Früher war ihr Altar in den Universitäten, beute ist er in der Tanzbar, wo der-Eintritt einen;Zloty kostet oder — bei den Kommunisten, wo der Eintritt noch billiger ist — mau braucht nur Bravo zu klatschen zu den jüdischen Pogromen in Palästina und zu den antijüdischen Gesetzen in Deutschland. Mit solchem geistigen Gepäck kann man keine Führevrolle im Judentum beibehalten, sogar wenn man Geld hat für „Relief (humanitäre Unterstützung) und besonders, wenn das Geld auch nicht mehr vorhanden ist. Ich selbst siehe entfernt von jenen, die die Initiative zum Weltkongreß ergriffen haben, bin mit anderen Sorgen belastet. Ich bin nur ein Synipathiker und kann nicht beurteilen, ob jetzt die passendste Gelegenheit für den Kongreß ist — wenn ich mir. auch schwer Von den kurdischen Juden Bagdad, die Judengemeinde — Zwei Judenheitcn in Irak — Parias — Die kurdische Judenfrage und Palästina Anläßlich der bevorstehenden Aufnahme des , Irak in den Völkerbund teilt der Dozent an der ' /Hebräischen Universität Jerusalem Dr. Walter F i s c h e 1, einer der besten Kenner der orientalischen Judenheit, der die Länder des vorderen und mittleren Orients auf einer Forschungsreise aus eigenen Anschauungen kennengelernt hat, interessante Einzelheiten über die im Irak lebenden kurdischen Juden mit. Auf Grund einer im Jahre 1920 durch die britischen Okkupationsbehörden in Bagdad vorgenommenen Bevölkeruugsschätzung wurde bisher die Gesamtbevölkerung des Irak mit 2,850.000 angenommen. Von dieser Zahl rechnete mau 2,640.000 auf die Mohammedauer (Sunniten und Schiiten je etwa die Hälfte), 88.000 auf die Juden, 79.000 auf die Christen und 43.000 auf andere Religionsgemeinschaften (Jeziden, Maiuläer usw.). Seither dürfte sich die Bevölkerungszahl des Irak im Zusammenhang mit der Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse bedeutend erhöht haben, Nach zuverlässigen Angaben rechnet man heute mit einer jüdischen Bevölkerungszahl von über 100.000. Etwa 70.000 Juden dürften in der Provinz Bagdad, 12.000 in der Provinz Basra und 18.000 in der Provinz Mo&sul leben. Der Irak stellt somit das Land mit der größten jüdischen Bevölkerungszahl im vorderen Orient — von Palästina abgesehen —- dar; Bagdad ist die größte Judengemeinde im ganzen Orient überhaupt. Die staatsrechtliche Stellung dieser Juden ist die einer mit allen - Rechten ausgestatteten religio snationalen Minorität. Gleich den anderen Minoritäten im Irak, wie Kurden, Assyrer usw., entsenden auch die Juden ihre Abgeordneten (4) ins Parlament und genießen in kultureller und religiöser Beziehung fast völlige Autonomie. Das Gemeindeverfassungsgesetz (Law of the Jewish Community) gewährt den Juden eigene Gerichtsbarkeit in allen Fragen religionsgesetzlicher, ehe- und vermögensrechtlicher Art und die Möglichkeit autonomer Gestaltung ihres Schulwesens. Zwischen den Juden in Bagdad und Basra einerseits und den Juden in Mossul und; Umgebung anderseits bestehen weitgehende Unterschiede, so daß man geradezu von zwei Judenheitenimlrak, den babylonischen Juden in Bagdad und Basra und den kurdischen Juden in Mossul und dem nordöstlich davon sich hinstreckenden Kurdistau, sprechen kann. Infolge der Urizugänglicbkeit des Gebirgslandes Kurdistan ist von diesen kurdischen Juden bisher nur sehr wenig bekannt geworden. Die 15.000 bis 18.000 Juden dieses Gebietes verteilen sich auf Hunderte von kleinen Dörfern und Städtchen. In einem Dorf leben häufig nicht mehr als 5 bis 10 Familien völlig isoliert und ohne Zusammenhang mit einer anderen Gemeinde. In den meisten Dörfern gibt es keine Synagoge, keine Talmud-Thora, kein Minjan, nur von Zeit zu Zeit kommt ein Schochet, Mohel oder Dajan als eine Art „Wanderrabbi" dahin. Der kurdische Jude ist völlig ungebildet, sein Judentum bestellt meist nur noch aus abergläubischen Vorstellungen. Er wird völlig vom Glauben an Dämone, Schejdira, den bösen Blick usw. beherrscht. Die ältesten unter den kurdischen Juden befassen sich mit Traumdeutung, Talismanen, Goraloth, Amuletten, praktischer Kabbala. In Tracht und Sitten haben sie sich an die Kurden angeglichen, auch die jüdischen Frauen gehen nach kurdischer Art gekleidet, mit einem Turban als Kopfbedeckung, Nasen* wö Qk** ringen, Arm- und Fußbändern und sogar mit tätowiertem Gesicht. Neben den Landessprachen (Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Persisch) sprechen diese Juden — als einzige jüdische Gruppe der Erde — noch, den heute als „Targumsprache" bekannten aramäischen Dialekt, den sie auch „Laschon Hagaluth" nennen. In sozialer Beziehung sind sie im Gegensatz zu den Juden von Bagdad und Basra ausgesprochene Parias. Diese Pariastellung ist soziologisch bedingt durch die noch immer stark betonte Stammesorganisation der Kurden. Der nach Rasse, Sprache und Religion von seiner Umgebung verschiedene und außerhalb ihrer Stammesverbände stehende Jude empfindet sich als geächtet und verachtet. Die kurdischen Juden beschäftigen sich mit Klein- und Althandel und verrichten die schwersten und niedrigsten Arbeiten. Sie sind Lastträger, Färber, Gerber, Weber, üben somit Berufe aus, die schon zur Zeit Benjamin von Tudelas für sie charakteristisch waren. Die Zubereitung von Arrak ist ihr Monopol, auch der Verkauf von Gewürzen, Drogen und Heilkräutern bleibt ihnen überlassen'. Der Jude in seiner verachteten Stellung erscheiut dem Kurden allzuleicht als Blitzableiter, auf den sich sein Zorn entladen kann. Wie gefährdet selbst heute, trotz Irak-Regierung und englischem Mandat, die Lage der als Minorität unter der Minorität der Kurden lebenden Juden ist, erfuhr Dr. Fischel in Rowandus, einem der landschaftlich schönsten Plätze dieser Gebirgsgegend. Als die Nachrichten von den Unruhen in P a 1 ä s t i n a 1929 nach Kurdistau kamen, die natürlich in der arabischen Presse als ein Ueberfall der Juden auf Araber dargestellt wurden, wollten sich auch die Kurden, die sonst in den Arabern ihre Feinde sehen, au den Juden rächenä und es bedurfte der ganzen' An-