Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 255 (5.8.1932)
- Date
- 1932-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 255 DIE NEUE WELT Seit« 3 Vizekonsul in Tel Awiw, Dr. Viktor Grünwald, ist, wie aus Palästina gemeldet wrrd, zum Honorarkonsül der Tschechoslowakei in Tel Awiw ernannt worden. Für eine Sabbatklausel in den Pachtverträgen des Jüdischen Nationalfonds. London, 26. Juli. (J.T. A.) „Das Präsidium des Weltverbandes Schomre Schabbos hat an das demnächst in London zusammentretende "Aktionskomitee der Zionistischen Weltorganisation ein Memorandum gerichtet, in dem das Aktionskomitee aufgefordert wird, zu beschließen, daß in die Verträge, die der Jüdische Nation alfonds mit seinen Siedlern abschließt, ein Passus aufgenommen wird, der den Chillul Schabbos auf dem Boden des Nationalfonds verbietet. Eine ähnliche Anregung hat bereits die Exekutive der Jewish Agency gegeben, und die Forderungen des Mis r a ch i liegen in der gleichen Richtung. Das Haus eines jüdischen Kaufmannes in die JLuft gesprengt. Warschau, 28. Juli. (J.T.A.) Aus Posen wird berichtet: Im Dorfe Kraschewitz hatte ein jüdischer Kaufmann vor einiger Zeit mit dem Bau eines Hauses, in dem auch ein Laden eröffnet werden sollte, begonnen. Der fast fertiggestellte Bau wurde vor einigen Tagen durch eine Dynamit spreng ungso schwer beschädigt» daß er einzustürzen droht. Die Polizei hat vier christliche Krämer des Ortes unter dem Verdacht verhaftet, den Anschlag aus Konkurrenzgründen verübt zu haben. Judenfeindliche Ausschreitungen in Tunis Tunis, 28. Juli. (J. T. A.) Am 25. Juli kam es in Tunis im Anschluß an einen Streit zwischen einem •Araber und einem jüd-isehen Kaufmann zu schweren antisemitischen Ausschreitungen, bei denen elf Juden, unter ihnen der Rabbiner Simon Cohen, verwundet wurden. Der Araber hatte während seiner Auseinandersetzung mit dem jüdischen Kaufmann Freunde herbeigerufen, die den Laden belagerten und eine drohende Haltung einnahmen. Die sich ihnen entgegenstellenden Polizeikräfte wurden überwältigt. Um den jüdischen Kaufmann vor der Menge zu schützen, nahm ahn die Polizei in Haft. Ungeachtet dieser Maßnahme stieg die Erregung der inzwischen auf Tausende angewachsenen Menge der Demonstranten immer mehr. Sie zogen in das jüdische Viertel, wo sie einzelne Juden überfielen und verwundeten, und drangen auch in die Synagoge ein, wo Rabbiner Simon Cohen erheblich verletzt wurde. Schließlich gelang es, die Demonstranten mit Hilfe von Militär auseinanderzutreiben. Gegenwärtig herrscht in der Stadt Ruhe. Militärpatrouillen bewachen das jüdische. Viertel. Jüdische Jugendliche aus dem Sportverein „Makkabi" und dem revisionistischen Jugendbund „B r i t h Trumpeldo'r" haben ein Selbstschutzkorps gebildet, das in ständiger Boreitschaft steht. Schemaya de Majo gestorben. Belgrad, 29. Juli (J. T..A.). Im Alter von 55 Jahren verstarb in Belgrad der Präsident der sephardischen Gemeinde, Rechtsanwalt Sahemaya M.! de Majo, einer der hervorragendsten Führer der jugoslawischen Judenheit. Der Verstorbene war langjähriges Mitglied des Münizi.palausschusses von. Belgrad und Vertreter de<r Hauptstadt im Parlament. Im Hinblick auf seine Verdienste um die Öeififentlichkeit hatte der Munizipal-Ausschuß einstimmig beschleusen, das^ Begräbnis De Majos, das unter militärischen.Ehren und riesiger Beteiligung der jüdischen und nicht jüdischen Bevölkerung' stattfand, auf Kosten der Städt vornehmen zu lassen. An der Bahre hielt Justizminister Boza Maiksimovic' einen tiefempfundenen, Nachruf. De Majo war eine der markantesten Persönlichkeiten von Belgrad, die populärste Figur unter der Judenschaft der jugoslawischen Residenz und einer der eifrigsten Förderer der isertbisch-jüdiseheii Verbrüderung. ' ' > Die Urteile rabbinischer Gerichte in Ehescheidungsfragen sind für die jugoslawischen Gerichte bindend. Belgrad, 29. Juli (J. T. A.). Das Appellationsgerieht in. Skoplje hat in ernenn Ehescheidungspipzeß das Urteil auf Grund der Entscheidung »eines rabbiriischen Gerichtes gefäljt. In der Begründung' des Ürteiles wird fesagt, daß j ü d i s che g e i s 1Ii* h e G e r i c h t e onipetent sind, in Ehescheidungßfragen für Angehörige der mosaischen- Religion rechtsgültige Beschlüsse au fassen. Wie das Gold durch Arabien rollte Neue Dokumente xur tiesdrfdite der Balfourf Deklaration Von Dr. Nahum S1 u s t s c h Aus dem bisher veröffentlichten Material über die Vorgeschichte . der BalfourrDekIaration läßt sieh ersehen, welch breiten Raum die Frage bezüglich der Zukunft des Nahen Orients, be,zw. 1 Palästinas in d<en diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und England eingenommen hat. Dementsprechend waren auch die kriegerischen Operationen von Bedeutung. Aus dem folgenden Aufsatz; der sich mit dem Memoirehwerk des französischen Generals Brempnt beschäftigt, werden die Absichten klar, die England nooh vor der Konzeption eines jüdischen Nationalheims für Palästina hegte. Colonel Lawrence hat sich bemüht, in seinem Buch jüdische Nomen zu vermeiden, zu gleicher Zeit aber versucht, den militärischen Wert seiner arabischen Freunde zu übertreiben, um Anhänger für seine Lieblingsidee zu gewinnen: Die Schaffung eines panarabischen Imperialismus unter englischer Vorherrschaft. Deswegen findet sich bei ihm auch kein Wort über den zionistischen Gedanken, der ihm und seinen englischen Freunden wie ein Knochen im Hals steckt. Aber sein französischer Kollege und Widerpart, General B rem o ri t, der nicht die gleichen Interessen hatte, sondern das Gegenteil, und der seine Informationen nicht nur aus seinen eigenen Erfahrungen schöpft, sondern auch aus den offiziellen Archiven des französischen Hauptquartiers, gibt uns durch sein Büch die Möglichkeit, ein wenig genauer in die fast unbekannten politischen Verwicklungen zu; blicken, die zur Veröffentlichung der Balf our-Dekla ratio n geführt haben. So erzählt General Bremoht in seiner' Schrift, daß Frankreich und England miteinander ein Abkommen über die türkischen Ostprovinzen bereits am Ende des Jahres 1916 getroffen haben. Es, handelt sich um das bekannt gewordene S y k es - P i c ö t - A b k o mm e h, dessen Punkte u. a. läute«: - 1. Beide Mächte anerkennen r die Selbständigkeit der arabischen Staaten " überhaupt. 2. Pal äs tina wird .'als internationales Gebiet erklärt. 3. England erhält als Schutzzone Mesopotamien bis Osmora, Chonikdm jenseits der syrischen Wüste und Emek Esreel zusammen mit Haifa und Akka. 4. Frankreich beherrscht dje Zone Vom östlichen Kleinasien: Kilikien, das südwestliche Armenien, Cäsarea, . Adana, - Siwas und das . syrische Meeresufer außer Damaskus und Aleppo. 5. In Zentral-Syrien wird eine arabisohe Konförderation geschaffen, welche die Gegend zwischen Chawar, Dir al Siv beim Euphrat. und den syrischen Bergen umfaßt und unter dem Schutz beider Mächte, d. h. Englands und Frankreichs, stehen soll. Kaum aber war der Vertrag abgeschlossen, als England schon zeigte, daß es ihn nicht ernst meine, daß es vielmehr seine Hand auf Palästina und die gesamten arabischen Länder legen wolle. Sykes forderte kurze Zeit später das Recht für England, Palästina zu erobern, und Picot stimmte dem zu, mit. der Bedingung, daß sich französische Truppen daran beteiligen. Inzwischen intrigierten Oberst Lawrence und seine Freunde mit den Scherifs (Husseini und seinem Sohn), denen sie goldene Berge versprachen. General Bremont seinerseits erzählt, daß es ihm gelungensei, sich aus dem Netz der Heuchlereicn zu entziehen, das Husseini unter seine Füße gebreitet halbe, „sich zeigend ak Frankophob bei den Engländern und als Anglophob bei den Franzosen". Intrigen wurden von »llen Seiten gesponnen. Frankreich blieb. inzwischen seiner Politik treu. Am 1. März 1917 erhielt die französische Mission von Paris folgende Instruktionen: 1. In Ue/hereinstimmung mit seinen Verbündeten bestätigt Frankreich, daß keine europäische Macht die Vonherrschaft . über die Heiligen Stätten in Arabien einnehmen und überhaupt kein weiteres Territorium auf der anbischen Halbinsel besetzen darf. 2. Frankreich kann seine Anprüche auf Syrien nicht aufgeben und ist an seiner Bevölkerung schon seit langer Zeit. interessiert. Aber Frankreich gedenkt damit nicht, es zu beherrschen und es sich Untertan zu machen, sondern bloß, es darin zu unterstützen, daß es sich entwickle und zu einem entsprechenden Regime reif werde. . ' 3. In den Orten, wo das arabische Element vorherrscht, wie in den Gegenden von Damaskus, Aleppo und Mossul, anerkennt Frankreich die Herrschaft einiger Eroire, die in enger Gemeinschaft mit den Hedschas (Husseini) stehen, aber auch französische Ratgeber und Experten haben sollen.! 4. Was die Gegenden von Ostsyrien und des Meeresufers anlangt, deren Bevölkerung eine gemischte ist, sollen sie unter ein besonderes Regime gestellt und direkt durch offizielle Vertreter Frankreichs verwaltet werden. . 5. Was Jerusalem und Palästina anlangt, wird man einen modus vivendi finden müssen, in dessen Rahmen die Heiligkeit aller Religionen unter der Mitarbeit des Scherifs Husseini garantiert -wird. Aus diesem Dokument kann man drei Dinge schließen: a) Frankreich hat schon damals in bezug auf Syrien die Politik der Nachkriegszeit betrieben; b) die. leitenden Stellen haben noch anfangs des Jahres 1917 den zionistischen Faktor völlig ignoriert; c) hingegen haben sie mit dem Scherif von Mekka so weit gerechnet, daß sie ihm versprachen, die Frage Palästina mit ihm zu beraten. Aber schon damals begannen die englischen Agenten, die wachsende Autorität des Scherifs über alle Araber zu untergraben. Zu Anfang des Jahres 1918 begann Ihn Sa u d, der Wahlhabitenfürst, seine Herrschaft bis zum Hedschas auszubreiten, und wir begegnen vom ersten Augenblick an dem bekannten PhHby (später englischer Vertreter in Trans jordanien, jetzt unter der Maske eines Muselmanen Ratgeber des Iben Saud an der Seite des" späteren Eroberers von Mekka: und Medina. 1 ■'>•.•■'■ In jener Zeit erschien auf der Bildfläche auch der zionistische Faktor, zu dessen Hauptstützen Sykes gehörte. Der englische Vertreter, Captain 4Hogart ' (ein bekannter Orientalist),' wurde bevollmächtigt, den Scherif, Husseini mit den Hauptlinien der Politik der Alliierten bezüglich der muselmanischen Provinzen, und Die Klesmer im osf* jüdischen Leben Ihr Beruf/ ihre Armseligkeit, ihr Einkommen Von Abraham Reisen . , Zu welcher Klasse die Truppe Musikanten zu rechnen, die alle, mitsamt denn Paukisten, zwölf Marin zählten, wußte man im Städtchen nicht. In der Hauptsache Söhne von Arbeitern, zum Teil Söhne vom Badchen, der selbst ein Arbeiter war — konnten sich die Musikanten (Klesmer) ihrer Abstammung nach nicht als Kinder von Stand ausgeben* andererseits auch nicht als Arbeiterkinder. Musik inuchen, ein Instrument spielen darf man, aber eine taugliche Arbeit ist das nicht. Um so weniger, als die Mehrzahl Tage und Wochen und sogar Monate 'beschäftigungslos herumgegangen ist, wenn sie nicht gerade beim „Aeltesten" ihrer Leute saßen oder etwa bei einem Musikantenjünger, dessen Vater, Heschel Jakob Maier, eine große Wohnung hatte, wo man neue Stücke einspielte. Dort lehrte man auoh die Jungen, dje Anfänger, die Kunst des Spiejens auf der Fiedel, auf der Klarinette und sogar auf der messingenen Trompete. Ein Mensch, der «cht zum Fach gehörte, pflegte hur selten in jener Zeit die Stube von Hesohel dem Fiedlers Vater zu betreten. Zwar, klangen die Töne, die im Sommer durch die offenen Fenster, im Winter durch die Doppelfenster »ich über, die Gasse verbreiteten, den Vorübergehenden in die Ohren, aber stehen bleiben — ziemte sich nicht. Ein nachbarliches Mädchen war oft geneigt hineinzugehen, weniger der schönen Musik wegen, als um der schönen Musik jünger wegen. Aber das schickte sich fürwahr nicht für ein Mädel— sofort hätte man davon in der ganzen Gasse gewußt, und solch ein Mädchen könnte ins Gerede kommen, daß sie Hochzeit haben werde mit einem Klesmer .. . aber ein schönes Mädchen stellt sich auf einen reicheren jungen Mann , ein als einen Klesmer ... So kannte man also wenig die Musikanten persönlich; wußte nicht genau, zu welcher Klasse Menschen man sie zu zählen habe. Was das Volk anlangt, wußte man, daß sie Juden seien. Das konnte keiner leugnen. Darum schob man ihnen in die Schuhe, daß 6ie, die Jiddisch reden wie alle Jiiden, untereinander eine eigene Sprache sprechen, dje man „Klemmer-Sprache" nennt. . . . Das allein stempelte sie zu freien Menschen, zu „Apikorsim" ... | Dazu noch ihre Noten! Alle wußten, daß Noten — so eine Art Mysterium ist .'. . das hieß, daß sie nicht nur ihre eigene Sprache haben, sondern auch ihr eigenes Mysterium — Noten. ' Wahrlich, der Phasen 6ingt ebenfalls nach Noten, aber es ist ein offenes Geheimnis, daß das nicht dieselben sind . . . Außer ihrer Sprache, die übrigens niemand vernommen hat, hatten sie auch eine andere Art; Gesohäftsgebarung, wenn sie einmal im Jahr untereinander die Einnahmen aufteilten. ... I Bezüglich der Geschäftsgebarung wußte bloß ein Mensch im Städtchen Bescheid,' das war Abraham Ohaim der Maskil, der außer der ' heiligen Sprach« hoch andere Sprachen verstand und ein großer ,;Buchsachverständiger" war. Zu entwirren die verzwickte; Verrechnung,; idie die Musikanten alle Jahre untereinander hatten* -wenn es zu berechnen galt, wieviel auf jeden von der gemeinsamen Summe kommt, die sie das Jahr über verdient haben, für jeden nach seinem Instrument —das war eine der schwersten Aufgaben der Welt . , . Abraham Ohaim der Maskil, hatte ihnen einmal erklärt, daß solch eine Art .Verrechnung schonin die Algebra falle ... aber er werde mit ihnen nicht so weit gehen, sondern hier die „Prozentrechnung" anwenden . Die Schwierigkeit der Verrechnung bestand darin, daß jeder einen Prozentsatz nicht nur ,von der Gesamtsumme bekam, sondern auch von der Summe, die dem nächsthöheren Klesmer zufiel. Heschel, der Primgeiger bekam den größten Prozentsatz. Itzig, der ebenfalls erste Geige spielte, aber keine solche Größe war, bekam schon um paar Prozente weniger, aber ebensoviel wie Beil der Klarinettit und Meir der Flötist ... Und als er zu den „niedrigen" Musikanten kam, zur zweiten Geige., zum Tschinelienschläger und zum Paukisten, zum Bandure-Spieler und zum Trombonisten, war die Rechnung derart verworren, daß Abraham Ohaim, der große Rechenkünstler, in Schweiß geriet und öfters gestehen mußte: „Einen völligen Ausgleich kann ich unter euch, Brüder, nicht erzielen, ganz wird die Rechnung nicht aufgeheu ... es sei denn mit Zuhilfenahme der höheren Mathematik. Euch das zu erklären, hat keinen Sinn, da ihr sowieso niejit sufrieden 6ein werdet *, . f Darum wurde man endlich einig. Abraham Chaim