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Die neue Welt · 1932-07-22 · Heft 253 (22.7.1932) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 253 (22.7.1932)
Date
1932-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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* Nr. 253 DIE NEUE WELT 1 Pension ,Austria' Vöslau (OLGA KAOISCH) Jftgerntayarttrafte 18 Telephon Nr. f 41 Für Dauer' and Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht im Hause, auch Nachhilfe für öffentl. Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. Erstklassige Verköstigung. Mütterliche Pflege. Mäftlfj« Prtts«! haben, daß sie dieses Land wirklich aufbauen und als Bauern auf ihrer eigenen Scholle leben können." Lord Melchett führte aus: „loh glaube nicht, daß sich jemand über all dae, was in Palästina geleistet worden ist, klar zu werden vermag, solange er selbst nicht im Lande gewesen ist. Ich gebe Ihnen allen den Rat: Gehen Sie nach Palästina, sobald Sie nur können. Es gibt kein Volk in der Welt, das einen so hohen menschlicheu Standard erreicht hat wie das jüdische Volk in Erez Israel. Und dies in einem Jahrzehnt. In Palästina gibt es keine Arbeitslosigkeit. Dde Wirtschaft befindet sich in richtiger Balance. In zehn oder zwanzig Jahren wird Palästina das. eigentliche Zentrum der Judenheit sein. Ah uns ist es, in dem großen Kampf nicht zu erschlaffen und vor Schwierigkeiten nicht zu verzagen. Wir müssen die. uns gebotene. Gelegenheit nicht nur für >uns, sondern für uns e r.e Kinder, für alle Zeiten ausnutzen." Aus der jüdischen Welt Persische'. Juden wollen nach Palästina. Von den 500 persischen Juden, die im Zusammenhang mit Verfolgungen nach Konstantinopel flohen, smd soeben 41 nach Palästina abgereist. In den allernächsten Tagen begeben sich weitere 30 persische Juden nach Palästina. Die notwendigen Zertifikate hat die Jewdsk Agency zur Verfügung gestellt. Seit Annahme des Gesetzes, welches Ausländern verbietet, in den meisten Erwerbszweigen tätig zu sein, durch das türkische Parlament wächst unter den in det Türkei lebenden Auslandsjuden die Neigung;" nach Palästina auszuwandern. Man bestürmt von JKon6tantinopel aus die Jewish Agency, eine größere Zahl von Palästina-Zertifikaten den ausländischen Juden in der Türkei zur Verfügung zu stellen. Für Frankreich gefallen. Tausende im Ausland, hauptsächlich in den osteuropäischen Ländern geborene Juden haben dm Weltkrieg in der französischen Armee gekämpft, viele von ihnen erlitten den Tod auf dem Schlachtfeld. Zu Ehren - dieser Ge«- fallenen wurde in den „Invalides" eine Gedenktafel enthüllt. Zweitausend im Ausland geborene Juden, die im Krieg als Freiwillige in'der f ranzösischen Armee dienten, wohnten dem Enthüllungsakt bei. Der Präsident de r R e p u b 1 i k, L e b r u n, entsandte einen persönlichen Vertreter zur Feier, an der mehrere Generale der französischen Armee und die Militärattaches der ehemals alliierten Länder teilnahmen. Die Gedenktafel trägt die folgende Inschrift: „1914 bis 1918 trafen im Ausland geborene Juden zu Tausenden in die französische Armee ein. Diese von der Vereinigung freiwilliger 1 jüdischer Frontkämpfer in der französischen Armee gestiftete Tafel ist der Erinnerung an ihren Dienst für Frankreich und an diejenigen, die, gefallen sind, ge?_ weiht." 1 I * Die Juden auf den Philippinen. Im Zusammenhang mit den Kriegs wirren in Shanghai und im übrigen China sind mehrere jüdische Familien aus China nach den Philippinen abgewandert. Manila, die Hauptstadt der Inselgruppe, zählt heute mehr als 400 jüdische Familien. Selbstmordepidemie unter den Juden Salonikis. Die katastrophale Wirtschaftslage der Juden Salonikis hat eine Erscheinung gezeitigt, die bislang unter diesem Teil der Judenheit unbekannt war. Seit einem Jahr mehren sich die Fälle von Selbstmord aus Verzweiflung über wirtschaftliche Notlage unter den Juden Salonikis. In 24 Stunden waren in Saloniki drei Selbstmorde von Juden zu verzeichnen. Die 45jährige Frau Esther Moche Mano trank in Selbstmordabsicht ein großen Quantum reinen Weingeist, ihr Zustand ist sehr ernst. Das Motiv der Tat ist lange Arbeitslosigkeit ihres Mannes. Kurz vorher hatte sich ein Bruder ihres Mannes, der lange arbeitslos war, erhängt. Dann beging der 70jährigo Sabetay Sasson Selbstmord durch Erhängen, nachdem er, ein früher bemittelter Mann, in einem Bettler-Asyl * untergebracht worden war. Schließlich stürzte sich Frau Esther Moise Camhi in Selbstmordabsicht ins Meer, sie konnte aber von Fischern gerettet werden. * Ritualmordlegende im Juli. Während in der Regel Ritualmordlegenden in der Zeit vor dem jüdischen Pessachfeste zu entstehen pflegen, tauchte diesmal Schilling - Goldpfaiidbficle werden kulantest gehandelt. Zuschriften unter „Kategorieangabe" an »Anlage-Bote«, Wien I, Gluckgasse 2 mitten im Juli eine Ritualmordlegende in Pietrok o w, Polen, auf. Unter der von Agitatoren gegen die Juden aufgehetzten Bevölkerung verbreitete sich das Gerücht, daß ein jüdischer Konditor ein christliches Kind vom Markte zu sich nach Hause geschleppt habe und es verborgen hält, um es zu rituellen Zwecken zu schlachten. Bald fanden sich „Augenzeugen", die das alles. gesehen haben wollten. Die in Pietrokow erscheinende antisemitische Zeitung „ABC" brachte die Nachricht unter dem Titel: „Sensationeller Raub eines chistlichen Kindes durch Juden". In der Stadt entstand Unruhe und Panik, nur das energische Einschreiten der Polizei konnte die Menge von Ueberfüllen auf die jüdische Bevölkerung zurückhalten. Die Polizei zwang die Zeitung, eine Richtigstellung gemäß dem wirklichen Tatbestand zu bringen, nämlich, daß das vermißte Kind nach einigen Stunden, ahnungslos mit anderen Kindern auf der Straße spielend, aufgefunden wurde. Chowewe Zion und Theodor Herzl Von Hei'nridi York-Steiner In Palästina wurde die 50-Jahr-Feier der Chowewe Zion-Bewegung festlich begangen. Vielfach wurde sie als Vorgängerin des Herzl-Zionismus überschätzt, hauptsächlich, weil sie vor dem politischen Zionismus eingesetzt hat. Um ihre Bewertung richtig abzugrenzen, hat Heinrich York- Steiner, der die Erfahrungen Herzls mit der Chowewe Zion an der Seite des großen Führers mitmachte, der Festnummer der palästinensischen Zeitung „D o a r Hajo m", die dem Chowewe-Zionismus gewidmet war, den nachfolgenden Artikel zur Verfügung gestellt. Die Arbeit der Chowewe Zion und ihre Führer waren für Theodor Herzl eine Ueberraschung. Erst eine angenehme, die später recht unangenehm wurde, je mehr die alten Führer es versuchten, ihre Stellungen als leitende Persönlichkeiten zu behaupten. Je geringer ihre Mittel waren, je kleiner ihre Konzeptionen, desto heftiger ihr Widerstand, desto stärker ihre Gegnerschaft wider den aufsteigenden Zionismus. Sehr ernst nahm Herzl die Maccabeans in London, wegen der sozialen Stellung ihrer Mitglieder, von Kavalira.i„Jieli mir ait der einzigen schwedischen Weltmarke denen auch einige persönlich sehr bedeutend waren: Zangwill, Gaster, Montefiore, und auch deshalb, weil er in der ersten Zeit ihren Einfluß auf die Massen der Eastend hoch einschätzte. Auch die Bedeutung der Russen und ihren Einfluß auf die großen Massen des Ostens hat er mit seinem genialen politischen Blick sofort erfaßt. Er ist von manchem Führer der Chowewe Zion sehr derb angefaßt worden, aber er verstand es, auch heftig zurückzuschlagen, was zu manchem individuellen Unrecht führte. Aber auch ihm geschah viel Unrecht. Er hatte, was ja bekannt ist, viel persönliches Leid zu tragen, blieb aber unendlich nachsichtig, wo er wahre Liebe zu Palästina fühlte, was er bald wie durch die geheime Kraft einer Wünschelrute herausbekam. Kaum einer der Führer der Chowewe Zion hat die Bedeutung seiner Ideen sofort erfaßt. Er war den meisten dieser Herren ein gutes Werkzeug für die Ziele ihrer Bestrebungen. Und als sie fühlten, daß hier ein schwerer Hammer geschwungen werde, lehnten sie es ab, Amboß zu sein. Es ist erstaunlich, wie wenig von all diesen Kämpfen in den Tagebüchern Herzls berichtet wird. Für den Druck sind sie ja redigiert worden, aber auch im Original beurteilt Herzl Vorgänge sehr milde, die unser aller schärfste Abwehr hervorriefen, ja seine und unsere Mißachtung verdienten. Aber auch die wertvollen Elemente aus der Zeit der Chowewe Zion, wie die russischen Führer, vermochten nicht, ihre Vergangenheit zu vergessen und die Eierschalen des Chibath Zion abzustreifen. Ohne diese geringe Fähigkeit, die geschichtliche Bedeutung, den praktischen Wert der politischen Bewegung zu verstehen, hätte der unglückselige Uganda- Rummel auf dem 6. Kongreß nicht entstehen können, ein Vorkommnis, von dem Herzl schrieb, daß es mitten durch sein Herz gegangen sei, und das sicher sein frühes Ende beschleunigt hat. Ich wurde ersucht, während des Kongresses in London den Manager, Herrn Hirschau vertreten, der in Basel sein mußte. Als ich knapp nach Beendigung der Kongreßsitzungen in Basel eintraf, sah ich sofort im Gesichte Herzls die Verwüstung, die der unglückliche Vorgang in ihm angerichtet hatte. Ich mußte ihn in Aussee besuchen, wo ich einen schwerkranken Menschen fand, einen zu Tode verwundeten Mann, einen niedergestreckten Riesen. Den Politikern außerhalb des Zionismus war es klar, daß die englische Regierung mit diesem Angebot eines Territoriums an die Zionisten diese Bewegung (und damit die Judenheit) zum ersten Male seit der Zerstörung des Tempels von der passiven Politik zum aktiven politischen Faktor emporgehoben hat. Nebenbei gesagt, Uganda mit den modernen Städten Nairobi und Mombassa hat sich infolge des günstigen Klimas und der herrlichen Lage zu einer der wertvollsten Kolonien in Afrika entwickelt. ' Touristen in Sowjetrußland Humoreske von Tunkeier. Der „I n t o u r i s t" (Reisebüro) in Sowjetrußland macht gute Geschäfte, das einzige Unternehmen, das prosperiert, wächst und dicke Valuta bringt. Von a'llen Enden der Welt kommen Touristen, die Sowjet besuchen. Dieses Jahr hat der „Intourist" den Rekord geschlagen. Die Frequenz ist ungeheuer gestiegen. Die Besucherzahl hat eine kolossale Höhe erreicht. Parüber hat mir ein Sowjetbürger vertrauliche Mitteilungen gemacht: Wir, d. h. die bolschewistische Regierung, sind die klügste und geschickteste aller Länder. Wenn wir etwas machen, dann machen wir es wie sich's gehört, gründlich, mit Kopf und Fuß. Alle Länder brauchen Valuta. Jedes Land sucht bei sich, die Touristik zu entwickeln. Es läßt keine Möglichkeit aus, Touristen aus aller Welt heranzuziehen. Aber was haben, ehrlich gesagt, all die Länder dem Touristen zu bieten? Welche Attraktionen und welche Sehenswürdigkeiten? Wieder einmal ein Berg und wieder einmal ein See und wieder einmal ein altes Kloster oder eine Fontäne oder ein Wasserfall, lauter Sachen, die man schon bis zum Ueberdruß gesehen hat. Wir haben die größten Sehenswürdigkeiten und die größten Attraktionen der Welt geschaffen — den Bolschewismus, den Kommunismus. Fürwahr, Mussolini bat auch eine schöne Attraktion für Touristen geschaffen — den Faschismus. Er hat natürlich auch eine große Zahl Touristen. Solch sensationelle Sehenswürdigkeiten vde Mussolini uad Stalin bringt keiner zustande. Mag Emil Ludwig den englischen König, den Kaiser von Abessynien, den Präsidenten der französischen Republik, den Schah von Persien interviewen — er wird keinen Erfolg haben. Seine Interviews mit Mussolini und Stalin dringen durch die Welt und er macht ein Vermögen. Sie verstehen? Sogar die daneben stehenden Menschen machen sich ein Vermögen daraus... Ja, wir und Italien sind heute die stärksten Attraktionen für Touristen. Aber, wir, die Sowjet, sind stärker; denn wir können dem Touristen etwas bieten, was sonst niemand. Wir allein sind imstande, solche Dinge zu schaffen, über die jeder Tourist Mund und Ohren voll Staunen und Bewunderung aufreißt. Es ist kein Wunder, daß uns Amerika ganze Schiffsladungen mit Touristen schickt. Von uns kann man schreiben und erzählen. Nehmen Sie z. B. an, Sie kommen in irgend ein Land und sehen dort, wie ein Bürger dasitzt und zwei Eier ißt. Werden Sie sich deswegen hinstellen und gaffen? Wird es für Sie etwas noch nicht da Gewesenes sein? Bei uns aber, wenn irgend ein Tourist einen Sowjetbürger zwei Eier essen sieht, wird er sich hinstellen und glotzen und gaffen, und wenn er ein Schriftsteller ist, darüber 10 Artikel und 15 Feuilletons schreiben, und wenn er einen Kodak hat, die Szene mit allen Details photographieren, und wenn er ein Volkswirtschaftler ist, über diese zwei Sowjeteier eine große volkswirtschaftlich-politisch-ökonomtische Abhandlung schreiben und Vorträge im Radio und in der Urania halten. Und wenn er bloß ein Amateur-Tourist ist, wird er ein Notizbüchel herausnehmen und mit großer Gewissenhaftigkeit eintragen: „In Kiew auf der Wassilkowskastraße ist ein Sowjetbürger gesessen und hat zwei wirkliche, leibhaftige Eier verzehrt/' Oder nehmen wir z. B. den Fäll, Sie sind ein Tourist und tragen einen Hut, einen anständigen Rock und ganze Schuhe. Wenn Sie in solchem Aufzug beispielsweise nach Berlin, Wien, Stockholm oder Tel- Awiw kommen, wird sich niemand nach Ihnen umsehen. Kommen Sie aber so nach Minsk öder Moskau öder Odessa oder Biro Bidschan, blickt Ihnen die ganze Bevölkerung nach, man deutet mit' Fingern auf Sie, man greift den Stoff ab, man staunt und wird gar nicht müde vor Erstaunen: Ein Mensch, der ganze Schuhe anhat!" Sie verstehen? Für den Touristen Attraktionen bereitstellen und veranlassen, daß der Tourist selbst eine Attraktion ist, das können nur wir allein. Speziell für den Touristen machen wir lange „Hungerschlangen" vor den Lebensmittelgeschäften. Wir zeigen, wie zehn Familien in einer Wohnstube „wohnen". Wir zeigen Millionen Barfüßiger, Verwahrloster. Jede Wette, daß der Tourist das in keinem anderen Land zu sehen bekommt! Wenn, z. B. ein Tourist in die Tschechoslowakei, nach Palästina, nach Finnland, nach Madrid kommt, in ein Lokal hineingeht und ein Glas Milch verlangt, wird man es ihm servieren, er wird' es austrinken, bezahlen und — Schluß. Er wird dem kein Augenmerk schenken. Kommt aber ein Tourist zu uns und geht 'in ein Lokal und man verabreicht ihm ein Glas Milch; wird er starr stehenv bleiben, als würde er Göttweißwäs, sehen, irgend eine Rarität. Und er wird darüber <mit dem Wirt ein ganzes Gespräch führen, mit doa daneben stehenden Gästen und mit der Kellnerin und wird sich nicht genug wundern können über diese Attraktion — ein Glas Milch! Und für. den Fall, daß die Äfeaktion sooft gVöfler'

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